Die formelle und die materielle Sünde

Das Bild zeigt die Sünde und ihre Folgen: Gottvater, ein Engel mit dem Flammenschwert zu Eva gewandt, ein anderer Engel mit einem Zweig zu Maria gewandt

Das Wesen der Sünde

Über die formelle und die materielle Sünde

Wir kennen vorzugsweise zwei Unterscheidungen im Wesen der Sünde, formelle und materielle Sünden. Die Bedeutung dieses Unterschiedes wird später schärfer hervor treten.

Die formelle Sünde

Untersuchen wir zunächst, was man unter einer formellen Sünde versteht. Es ist das eine Sünde, begangen mit voller Erkenntnis dessen, was wir tun und mit der vollen Zustimmung des Willens, so daß die Sündhaftigkeit des Ungehorsams sich also in dem Grade steigert, als der Mensch das Gesetz, sowie den Gesetzgeber kennt.

So waren die Engel von Gott erschaffen mit voller Erkenntnis und umleuchtet von dem vollen Lichte Seiner Gegenwart. Diejenigen, welche in Folge ihrer Auflehnung gegen Gott ihre Vollkommenheit einbüßten, hatten sich dadurch eine Schuld vor Gott zugezogen, eine Schuld, welche im Verhältnis zu ihrer Erkenntnis stand. So tragen Alle, welche das Gesetz deutlich erkennen und des ungeachtet dasselbe verletzen, die Makel der Schuld an ſich; wie der hl. Petrus durch die Verleugnung seines göttlichen Meisters und Judas durch den Verrat desselben tief verschuldet wurden. Beide erscheinen als Schuldige im Verhältnis zu ihrer Erleuchtung. Jene, welche trotz der Erkenntnis des Naturgesetzes dieses verletzen, sind schuldig, weil dieses Gesetz ihrem Gewissen eingeschrieben ist; jene, welche trotz der Erkenntnis des christlichen Glaubens das christliche Gesetz übertreten, erscheinen im Verhältnis zu ihrer Erleuchtung schuldiger und als die Schuldigsten unter Allen gelten diejenigen, welche des vollen Lichtes des katholischen Glaubens sich zu erfreuen haben und gleichwohl die Gesetze Jesu Christi schnöde verletzen. Ihr seid um so mehr schuldig, je größeres Licht ihr empfangen habt. In demselben Grade, in welchem ihr eine vollere Erkenntnis besitzet, erscheint auch eure Schuld größer in den Augen Gottes.

Die materielle Sünde

Solche Sünden also nennen wir, wenn sie mit voller Erkenntnis und voller Einwilligung vollzogen wurden, formelle Sünden. Was versteht man nun unter materiellen Sünden? Es sind dieselben Handlungen, nur daß die genügende Erkenntnis und die erforderliche Absicht fehlte. Zwei Menschen können ein und dieselbe Tat vollbringen und gleichwohl erscheint der Eine vor Gott schuldig, der Andere unschuldig. Glaube ich z. B. in der Dunkelheit einen Baum zu fällen, töte aber mit meiner Axt einen Menschen, so wird mir Niemand des Mordes zeihen. Freilich habe ich in der Dunkelheit Blut vergossen, aber es ist unabsichtlich geschehen und, wäre der durch mich getötete Mensch mein Vater gewesen, ich würde keinen Vatermord begangen haben. Im materiellen Sinne ist allerdings die durch mich vollzogene Handlung ein Mord, ein Vatermord, aber von einer eigentlichen Sündhaftigkeit kann so lange keine Rede sein, als ich nicht weiß, was ich tue und als ich die von mir gesetzte Tat nicht beabsichtigte. Unser göttlicher Heiland betete für die größte, jemals auf Erden begangene Sünde, mit den Worten: „Vater, verzeihe ihnen; sie wissen nicht, was sie tun“. In Seinem göttlichen Mitleiden betete Er für die Kreuziger und der Apostel bemerkt, indem er von Ihm spricht: „Welchen von den Fürsten dieser Welt Niemand kannte; denn wenn sie Ihn erkannt hätten, würden sie den Herrn der Glorie nicht gekreuzigt haben.“ Das heißt: Unter der Menge wußte vielleicht die größere Zahl nicht, was sie tat und jenes göttliche Gebet des Mitleidens offenbart ein Gesetz des zärtlichsten Erbarmen Gottes mit den Unwissenden.
Diejenigen übrigens, welche wissen oder wissen können, sind schuldig, denn es liegt uns die Verantwortlichkeit nicht allein für Alles ob, was wir wissen, sondern auch für dasjenige, was wir wissen könnten und deshalb wissen sollten.

Besiegliche und unbesiegliche Unwissenheit

Das ist es, was man mit dem Ausdruck: besiegliche und unbesiegliche Unwissenheit bezeichnet. Die Unwissenheit läßt, wenn sie eine unbesiegliche ist, keine Schuld aufkommen; denn in diesem Falle sehen wir uns eben außer Stande, sie zu beseitigen. Wenn wir es nicht besser wissen können, dann will Gott, obwohl wir eine materielle Sünde begangen haben, sie uns nicht so anrechnen, als wenn es eine formelle Sünde wäre. Aber es gibt noch eine andere Art der Unwissenheit, welche die besiegliche heißt, weil sie gehoben werden könnte, wenn wir nur aufrichtig wollten: Gott hat uns die Mittel, um zu einer genügenden Kenntnis zu gelangen, verliehen. Wenden wir nun diese Grundsätze näher an.

1) Im Orient gibt es verschiedene kirchliche Gemeinschaften, welche einst mit der katholischen Kirche in enger Verbindung standen, aber schon vor geraumer Zeit von ihr sich getrennt haben. Unter diesen Gemeinschaften fielen einige von dem katholischen Glauben ab in Folge der Leugnung der Geheimnisse der allerheiligsten Dreifaltigkeit und der Menschwerdung. Millionen von Menschen sind während der verschiedenen Jahrhunderte in diesem Zustand der Trennung von der Mutterkirche geboren. Sie haben niemals die volle Wahrheit erkannt, niemals befanden sie sich in der Einheit der Kirche. Sie glauben, daß Gott Sich Selbst in der Christenheit geoffenbart habe; die ihnen von Kindheit an beigebrachten Lehren halten sie eben für jene Offenbarung. Sie glauben, Gott besitze auf Erden eine Kirche und die Kirche, welcher sie angehören, sei jene Kirche Gottes. Die Ungebildeten sowie Jene, welche nicht die Fähigkeit besitzen, es besser zu wissen, leben, wie wir mit vollem Grunde annehmen dürfen, im guten Glauben; scheiden sie aus dieser Welt, so hoffen wir, Gott werde in Seiner Barmherzigkeit sie nicht gleich denjenigen behandeln, welchen die zur Erkenntnis der vollen Wahrheit erforderliche Erleuchtung zu Teil geworden ist.

2) Blicken wir hin auf unsere eigenen Heimat. Es gewährt mir einen süßen Trost, eine unaussprechliche Freude – ich wiederhole es immer wieder und um so lauter, je älter ich werde, – zu wissen, daß eine sehr beträchtliche Anzahl unserer Landsleute, welche in den letzten drei Jahrhunderten außer der Einheit des Glaubens geboren wurden, gleichwohl mit der ganzen Innigkeit ihres Herzens im guten Glauben für wahr halten, Gott habe Sich Selbst in Jesu Christo geoffenbart und die ihnen von frühester Kindheit an beigebrachten Lehren seien eben Seine Offenbarung; Er habe auf Erden eine Kirche gestiftet und die Kirche, welche sie in ihrem Glaubensbekenntnis die heilige, katholische Kirche nennen, sei jene, in welcher sie selbst getauft, erzogen und unterrichtet wurden. Es ist mein Trost, die Überzeugung hegen zu dürfen, daß sehr Viele von diesen Personen sich im guten Glauben befinden und daß Gott wohl bekannt mit den Vorurteilen, welche sie mit der Muttermilch eingesogen, mit den Vorurteilen einer mangelhaften und unglücklichen Erziehung, mit der Macht und dem Einfluß der Eltern und Lehrer, mit dem öffentlichen Ansehen, der öffentlichen Meinung und dem öffentlichen Gesetz, in Seiner Barmherzigkeit Sich ihrer erbarmen werde. Weiß Er doch, wie alle diese Momente nur zu sehr geeignet sind, in ihren Herzen den Glauben zu wecken, daß sie die rechte Bahn eingeschlagen, daß sie den Einen wahren Glauben besitzen und Mitglieder derjenigen Kirche seien, in welcher man allein sein Heil erreichen kann. Wir freuen uns, diese der Liebe unsers himmlischen Vaters empfehlen zu dürfen, weil, obwohl materiell bezüglich mancher Lehren im Irrtum und im Widerspruch mit Seiner Wahrheit und mit Seinem Willen, sie dieses doch nicht wissen und Viele es nicht wissen können. Deshalb wird Gott solches auch nicht von ihnen fordern. –
aus: Heinrich Eduard Kardinal Manning, Die Sünde und ihre Folgen, 1876, S. 10 – S. 14

Category: Betrachtungen, Manning
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