Die Darstellung Jesu im Tempel von Jerusalem

Das Martyrium der schmerzhaften Mutter Jesu: Maria sitzt auf einem steinernen Stuhl mit lateinischer Inschrift, ein Schwert ins Herz gestoßen, die Hände über der Brust gekreuzt; auf ihrem Schoß liegt einen Dornenkrone, rechts steht der Lieblingsjünger Johannes mit geneigtem Kopf; rechts gebeugt und weinend eine Frau, die ein Kreuz hält; über ihr steht ein Engel, der mit beiden Händen auf das Kreuz zeigt

Das Leiden Mariä in ihrer Reinigung

Darstellung Jesu im Tempel

Das Erfüllung des dritten Gesetzes in Israel

Dieses Gesetz schrieb vor, daß alle männliche Erstgeburt Gott geweiht und geheiligt werden sollte, doch so, daß sie wieder ausgelöst und zurück gekauft werden konnte. (Locis cit.) Maria sollte auch dieses Gesetz erfüllen, weil dadurch viele und große Geheimnisse vollzogen wurden. Der heilige Thomas von Aquin hebt folgende hervor. (P. III. q. 37. a. 3) „Der Herr hat alle Erstgeburt der Söhne Israels sich vorbehalten, weil er, um das Volk Israels zu befreien, die Erstgeburten Ägyptens vom Menschen bis zum Tier geschlagen, die Erstgeburten der Söhne Israels aber bewahrt hatte. Durch dieses Gesetz wurde auch Christus vorbedeutet, welcher der Erstgeborene unter vielen Brüdern ist.“ ( Röm. 8, 29) Dieser Vorbedeutung sollte nun aber auch die Erfüllung entsprechen, und darum auch Christus, der ewig Erstgeborene des himmlischen Vaters, der wunderbar Erstgeborene unter den Kindern Gottes für die Rettung des Menschen-Geschlechtes Gott geheiligt, und geopfert werden, hier zuerst, und zuletzt am Kreuz, wie er selbst gesagt hat: „Ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt seien.“ (Joh. 18, 19) Maria sollte also hier schon dieses Opfer in ihrem göttlichen Sohn dem himmlischen Vater für jetzt und für die Zukunft, wie ihr göttlicher Sohn sich selbst, darbringen.

„Wie der Sohn Gottes nicht um seiner selbst willen Mensch geworden ist, und der leiblichen Beschneidung sich unterworfen hat, sondern um uns durch die Gnade zu Göttern (das ist, zu Kindern Gottes) zu machen; so wurde er auch unsertwegen dem Herrn dargestellt, damit wir uns selbst Gott darstellen lernten. Und das ist nach seiner Beschneidung geschehen, um zu zeigen, daß Niemand, außer nachdem er in Bezug auf die Laster beschnitten worden, des göttlichen Anblickes würdig sei.“ (S. Thom. 1. c.) Maria sollte also ihr göttliches Kind für uns arme Sünder opfern.

„Christus hat gewollt, daß für ihn die gesetzlichen Opfer dargebracht würden, weil er das wahre Opfer war, und damit so das Bild mit der Wahrheit verbunden würde, und durch die Wahrheit das Bild seine Billigung fände, gegen jene, welche leugnen, daß von Christus im Evangelium der Gott des Gesetzes gepredigt worden sei. Denn es ist unglaublich, wie Origenes sagt (Homil. 14. in Luc.), daß der gute Gott seinen Sohn dem Gesetz des Feindes unterworfen, wenn nicht er es gegeben hätte.“ (S. Thom. 1. c.) Maria sollte also ihr göttliches Kind auch für dessen Feinde opfern.

Im Gesetz war geboten, daß, welche es vermochten, ein Lamm für den Sohn oder für die Tochter und zugleich eine Turteltaube oder eine Taube opferten; welche es aber nicht vermochten, ein Lamm zu opfern, zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben opferten. Der Herr aber, der, da er reich war, unsertwegen arm geworden ist, damit wir durch seine Armut reich würden (2. Kor. 8, 9), hat gewollt, daß für ihn das Opfer der Armen dargebracht würde, wie er auch bei seiner Geburt in Windeln gewickelt, und in die Krippe gelegt worden ist.“ (S. Thom. 1. c.) Maria musste also ihr göttliches Kind, welches der Herr des Himmels und der Erde war, als ein so armes Kind opfern, als wenn für dasselbe nicht einmal ein Lämmlein hätte dargebracht werden können, und mit ihm sich selbst als ein eben so armes Weib darstellen, da sie doch eine Königstochter der Erde, und die Königin des Himmels und der ganzen Welt war.

„Nichts desto weniger entsprachen diese Vögel doch ihrer vorbildlichen Bedeutung; denn die Turteltaube bedeutete, weil sie ein geschwätziger Vogel ist, die Predigt und das Bekenntnis des Glaubens, und, weil sie ein reines Tier ist, die Keuschheit, und weil sie ein einsames Tier ist, die Beschaulichkeit. Die Taube aber ist ein sanftes und einfältiges Tier, welches die Sanftmut und die Einfalt bedeutet; sie ist auch ein geselliges Tier, und bedeutet auch das tätige Leben. Dieses Opfer bedeutete daher die Vollkommenheit Christi und seiner Glieder“ (S. Thom. 1. c.): Die Predigt des Evangeliums, das Glaubensbekenntnis, die Reinheit und Heiligkeit der Sitten in der Losschälung von allem Irdischen, das beschauliche und das tätige Leben. Diese großen Geheimnisse konnte Maria in diesem Opfer schauen und bewundern, aber sie musste darüber schweigen.

„Diese beiden Tiere bedeuteten auch wegen der Gewohnheit, zu girren, die gegenwärtige Trauer der Heiligen; die Turteltaube jedoch bedeutet, weil sie einsam ist, die geheimen Tränen im Gebet, die Taube aber, weil sie gesellig ist, bedeutet die öffentlichen Gebete der Kirche. Von beiden Tieren aber musste ein Paar geopfert werden, um anzudeuten, daß die Heiligkeit nicht bloß in der Seele, sondern auch am Leibe vorhanden sein müsse.“ (Idem. Ibid.) Ist also in dieser Darstellung im Tempel nach der Auslegung des heiligen Thomas nicht der ganze Christus mit seiner Kirche dargestellt? Was hat also Maria mit dieser Opferung ihres göttlichen Kindes Anderes getan, als Christus, den Herrn, mit seinem ganzen Erlösungswerk, mit seiner ganzen Kirche dem himmlischen Vater dargebracht? Alle diese großen Geheimnisse waren damals nur ihr bekannt, aber darüber musste sie schweigen und schweigend alles über sich ergehen lassen, was damit Verdemütigendes, Beschämendes, Bitteres und Schmerzliches verbunden war. Und wie groß war denn dieses Leiden?

Dieses Leiden Mariä war in ihrem Geist und in ihrer prophetischen Voraussicht alles dessen, was kommen sollte, so groß, als das ganze Leiden ihres göttlichen Sohnes, so groß, als das ganze Leiden, das sie selbst mit ihm und seinetwegen zu erdulden haben wird, so groß, als das ganze Leiden seiner Kirche bis ans Ende der Welt, so groß, als das ganze Leiden, welches sie in ihrem langen Leben auf Erden mit der Kirche und wegen der Kirche wird ertragen müssen, so groß, als es die Feinde Christi und seiner Kirche gestalten können, so groß, als es die Sünden der ganzen Welt zu machen vermögen, so groß und so bitter, als es aus dem Untergang so vieler Menschen, welche ungeachtet des Erlösungswerkes ihres göttlichen Sohnes aus eigener Schuld und Bosheit dennoch ewig verloren gehen, für ihr Mutterherz sich ergeben konnte; und in dieses ganze unermeßliche Leiden gab sich Maria in diesem Opfer mit ihrem göttlichen Kinde für ihr ganzes übriges Leben hin, die wunderbare Königin der Märtyrer!

Seht da, geliebte Christen! wie die Leiden der allerseligsten Jungfrau mit dem Geheimnis des Lebens ihres göttlichen Sohnes fortschreiten, zunehmen und wachsen; und wie treu, wie ergeben, wie großmütig, wie standhaft sie sich denselben hingibt. Beachtet und bewundert es aber auch, wie große und wie erstaunliche Geheimnisse unserer Erlösung sich auch mitten in diesen Leiden entwickeln, und was für ein wahrhaft göttliches Werk unsere Erlösung ist, in welchem die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, die Weisheit und Allmacht, vor Allem aber die Liebe Gottes sich, wie nirgends anderswo, äußern. Muss da nicht Jeder mit dem heiligen Augustinus ausrufen: „O ich Elender! wie sehr sollte ich meinen Gott lieben, der mich, als ich verloren war, erlöst hat! Ich war verloren gegangen, und er ist zur Sterblichkeit herab gestiegen, hat die Sterblichkeit angezogen. – Ich war verloren gegangen und weg gegangen; er ist mir nachgegangen, um mich zu erlösen. – So hat er mich zurück geführt aus der Verbannung und aus der Knechtschaft mich losgekauft!“ (De spirit. et anim. c.17.) Soll da nicht Jeder mit dem heiligen Bernardus in aller Wahrheit bekennen können: „Das ist es, was mich mehr rührt, mehr drängt, mehr entzündet, was dich, guter Jesus! Mir über Alles liebenswürdiger macht, der Kelch, den du getrunken hast, das Werk unserer Erlösung. Das ist es, was unsere Hingabe einnehmender anlockt, und gerechter fordert und strenger anzieht, und heftiger entzündet.“ (Serm. 20. super Cant.) Und wenn wir Maria, unsere Mutter, in Allem so liebend und so opfernd mitleiden sehen; müssen da sich nicht auch unsere Kinderherzen gegen sie weit auftun, und die Flammen unserer kindlichen Liebe mächtig auflodern, um uns erkenntlich und dankbar zu erweisen? Wenn Christus, der Herr, sagt: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebornen Sohn hingab“ (Joh. 3, 16); konnte er nicht von Maria ganz das Gleiche sagen? Und hat Maria nicht noch über dies sich selbst mit ihm hingegeben und geopfert?

Unter welchen Leiden aber dies schon in dieser Darstellung ihres göttlichen Kindes im Tempel und in ihrer Reinigung in Bezug auf diese Reinigung selbst, in Bezug auf die geheimnisvolle Bedeutung der Opfer, und in Bezug auf diese Opfer selbst geschehen ist, das haben wir nun gesehen. Die Früchte dieser Leiden will aber Maria, will ihr göttliches Kind an uns sehen, und von uns empfangen. Opfern wir daher in Gehorsam und Demut uns für sie, wie sie sich für uns geopfert haben; leiden wir für sie, wie sie für uns gelitten haben; erfüllen wir auch an uns die Bedeutung ihrer Opfer, daß wir gläubig und werktätig unsere Religion bekennen, daß wir einfältig und sanftmütig in der Armut des Geistes wandeln, daß wir betend und arbeitend unsere Berufspflichten erfüllen, daß wir heilig an Leib und Seele ihre Vollkommenheit anstreben, daß wir wahrhaft Erlöste Christi und würdige Kinder Mariä seien; damit ihre Leiden um unsertwillen sich auch um unsertwillen in Freuden verwandeln, und auch wir uns mit ihnen erfreuen mögen. Amen. –
aus: Georg Patiss SJ, Über die Leiden Mariä der Königin der Märtyrer, 1884, S. 118 – S. 122

Bildquellen

  • Bitschnau Schmerzhafte Mutter Jesu Maria: Bildrechte beim Autor

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