War Christus Urheber seines Leidens

An einer grauen dunklen Mauerwand hängt ein Kruzifix: Jesus Christus hängt am Kreuz in erschütternder Weise

War Christus Urheber seines Leidens und Sterbens?

Um die Ursachen des Leidens und des Todes Jesu Christi zu ermitteln, erörtert der heilige Lehrer folgende sechs Fragen: Ob Christus, der Herr, selbst die Ursache seines Todes gewesen, oder ob ihm derselbe von Andern angetan worden sei; warum sich der göttliche Erlöser dem Leiden und dem Tod unterzogen; ob ihn auch der himmlische Vater zu diesem blutigen Opfer hingegeben habe; ob es angemessen war, daß er von Seiten der Heiden und von Seiten der Juden das Leiden und den Tod erduldete; ob ihn seine Mörder erkannt; und was für eine Sünde sie begangen haben. Auf diese Fragen antwortet nun der heilige Lehrer, und eine einfachere und ausführliche Erwägung dessen, was er sagt, wird uns seine Antworten klar machen.

Der Herr hätte sein Leiden und Sterben auf vielerlei Weise verhindern können. Er konnte bewirken, daß seine Feinde ihn nicht zu töten vermochten, und auch, daß sie ihn nicht töten wollten, wie dies aus andern Tatsachen einleuchtet. Als ihn seine Mitbürger zu Nazareth töten wollten, bewirkte er, daß sie ihn nicht töten konnten; denn das heilige Evangelium sagt: „Sie standen auf und stießen ihn zur Stadt hinaus, und führten ihn auf die Anhöhe des Berges, auf welchem ihre Stadt gebaut war, um ihn hinab zu stürzen. Er aber schritt mitten durch sie hin, und ging hinweg“ (Luk. 4, 29 u. 30). Als die Hohenpriester und Pharisäer ihre Diener in den Tempel zu Jerusalem, wo der Herr lehrte, mit dem Auftrag gesendet hatten, ihn gefangen zu nehmen, und zu ihnen zu führen; bewirkte der Herr, daß sie ihn nicht ergreifen wollten, wie sie es selbst gestanden. Denn das heilige Evangelium erzählt: „Einige von ihnen wollten ihn ergreifen, aber Niemand legte Hand an ihn. Es kamen nun die Diener zu den Hohenpriestern und Pharisäern, und diese sprachen zu ihnen: Warum habt ihr ihn nicht hergebracht? Die Diener antworteten: Niemals hat ein Mensch so geredet, wie dieser Mensch.“ (Joh. 7, 44-49) Der Herr hätte sich vor seinen Feinden verbergen und durch die Flucht sich dem Tode entziehen können, wie er damals getan hat, als die Juden ihn in dem Tempel steinigen wollten, wie geschrieben steht: „Da hoben sie Steine auf, um auf ihn zu werfen; Jesus aber verbarg sich und ging aus dem Tempel hinaus.“ (Ibid., 8, 59) Er konnte seinen Feinden jede Gewalt und Kraft entziehen, sie lahm legen, sie töten, sie vernichten. Einen Beweis dessen gab er ihnen noch unmittelbar vor seiner Gefangennehmung auf dem Ölberg; denn das heilige Evangelium sagt: „Als er nun zu ihnen sprach: Ich bin es; da wichen sie zurück und fielen zu Boden.“ (Ibid., 18, 6) Sie lagen ohnmächtig zu seinen Füßen und konnten sich überzeugen, daß sie gegen seinen Willen über ihn keine Gewalt hätten. Endlich hatte die Seele Christi wegen ihrer Vereinigung mit der Gottheit in der Einheit der Person des Wortes Gottes, wie der heilige Augustinus sagt (De Trinit. Libr. IV. c. 13), die Macht, ihren Leib gegen jede Verletzung zu verwahren. Da nun der göttliche Heiland von dem Allen keinen Gebrauch machte, sondern der Bosheit seiner Feinde freien Lauf ließ, und seine Menschheit allen Leiden und dem Tod preisgab; so wird von ihm mit aller Wahrheit gesagt, daß er freiwillig in das Leiden und in den Tod gegangen sei, daß er sein Leben freiwillig hingegeben habe, nach seinen eigenen Worten: „Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand nimmt es von mir, sondern ich gebe es von mir selbst hin; ich habe Macht, es hinzugeben und es wieder zu nehmen.“ (Joh. 10, 17 u. 18) Christus, der Herr, war darum wohl die indirekte, aber nicht die direkte Ursache seines Leidens und Sterbens.

Aber ergibt sich daraus nicht die Folgerung, daß Christus, der Herr, selbst die eigentliche, erste und wirksamste Ursache seines Leidens und seines Todes gewesen sei, und so sich selbst das Leben genommen habe; da er seinen Tod verhindern konnte, und ihn nicht verhindert hat? Durchaus nicht; denn was man Andere tun läßt, das hat man deshalb noch nicht selbst getan, wenn man keine Pflicht hat, es zu verhindern; sonst müsste man, weil ohne die Zulassung Gottes keine Sünde geschehen kan, alle Sünden Gott zuschreiben. Mit den angeführten Worten aber sagt der Herr weder, daß er sich selbst das Leben nehmen, noch auch, daß es ihm Andere nehmen werden, oder gegen seinen Willen nehmen können. Denn Jemanden Etwas nehmen, heißt so viel, als es ihm gegen seinen Willen nehmen, was weder Christus selbst getan hat, noch Andere in Bezug auf sein Leben getan haben, oder tun konnten. Weil er sich aber sein Leben nehmen ließ, und Andere es ihm darum nehmen konnten, und auch wirklich nahmen; darum sagte er, daß er sein Leben hingeben werde. Daher schreibt der heilige Augustinus: „Die Seele des Mittlers hat das Fleisch nicht wider ihren Willen verlassen; sondern weil sie es gewollt, wann sie es gewollt, wie sie es gewollt; denn es war der Mensch mit dem Wort Gottes zur Einheit verbunden, und deshalb sagte er: „Ich habe Macht, es wieder zu nehmen; Niemand nimmt es von mir, sondern ich gebe es hin, und nehme es wieder.“ (De Trinit. IV. c. 13) Christus hat also sein Leben freiwillig hingegeben, aber es nicht sich selbst genommen.

Das heilige Evangelium sagt aber: „Jesus rief abermals mit lauter Stimme, und gab den Geist auf.“ (Matth. 27, 50) Dieses laute Rufen bedeutet doch, daß der Herr noch große Lebenskraft besaß; und wenn er unmittelbar darauf seinen Geist aufgab, bedeutet dies nicht, daß er zuletzt doch selbst seinem Leben ein Ende gemacht habe, und daher eigentlich nicht von Andern getötet worden sei? Allerdings hat Christus, der Herr, seine Lebenskraft bis zu jenem Zeitpunkt erhalten, wo das ihm zugemessene Leidensmaß voll war; aber er hat sich dadurch nicht selbst getötet. Denn er hat durch dieses Wunder nur sein Leben gegen die tötenden Ursachen bis dahin, und nachher nicht mehr geschützt, sondern sofort ihrer Zerstörungskraft den natürlichen Lauf gelassen; und daher ist seinem Leben nicht von ihm, sondern von denselben ein Ende gemacht worden. Er hat damit eben in dem letzten Augenblick noch bewiesen, daß er freiwillig starb; denn wie er den Tod bis dahin zurück gehalten hat, so hätte er ihn auch noch länger zurück halten, und für immer von sich abhalten können. Daher sagt der heilige Evangelist auch nicht: Er starb; sondern: „Er gab den Geist auf“; über welche Worte der heilige Ambrosius die Bemerkung macht: „Was aufgegeben wird, ist freiwillig; was verloren wird, ist gezwungen.“ (in Luk. 23) Es schreibt auch der heilige Chrysostomus über jene Worte des heiligen Johannes: „Er neigte sein Haupt und gab den Geist auf“ (Joh. 19, 30); auf ähnliche Weise: „Er neigte das Haupt und gab den Geist auf; um zu zeigen, daß er nicht gezwungen, sondern freiwillig starb. Wie lange er gewollt, hat er lebet; und als er gewollt hat, ist er gestorben.“ (Homil. 84) Die Aufrechthaltung des Hauptes bis zum Tode war ein neues Wunder, und hatte den gleichen Zweck, wie das Rufen mit lauter Stimme; der Herr wollte in Wort und Tat beweisen, daß er für uns freiwillig gestorben sei.

Obwohl also Christus, der Herr, das Leiden und den Tod von Seite seiner Feinde gewaltsamer Weise erduldet hat, war und blieb es doch durchaus sein freier Wille, sich diese Gewalt antun zu lassen; er hat freiwillig für us gelitten und ist freiwillig für uns gestorben.
Wenn aber auch Christus, der Herr, sein Leben freiwillig hingegeben hat, so verminderte oder veränderte dies an der Schuld derjenigen, die ihn gekreuzigt und getötet haben nichts; denn ihre Bosheit und ihre Tat blieb dieselbe. –
aus: Georg Patiss SJ, Das Leiden unsers Herrn Jesu Christi nach der Lehre des heiligen Thomas von Aquin, 1883, S. 170; S. 175 – S. 178; S. 182 – S. 183

siehe Fortsetzung: Die unwürdige Kommunion ein Blutschuld

sowie: Blutschuld durch Verführung zu fremden Sünden

Bildquellen

Beiträge von P. Georg Patiß zur Passion Christi

Im Tod sich dem Willen Gottes unterwerfen
Das Loretokirchlein in Burgau Schwaben
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