Sich bei Leiden dem Willen Gottes ergeben

Von der Ergebung in die Fügungen der göttlichen Vorsehung

Der Weg zum inneren Frieden

Sich bei allen Leiden dem Willen Gottes ergeben sein

Unsere Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes muss sich auf alle natürlichen Fehler des Leibes und der Seele erstrecken.

VII. Unsere Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes muss sich auf alle natürlichen Fehler des Leibes und der Seele erstrecken. So dürfen wir uns zum Beispiel weder betrüben noch beklagen, ja es nicht einmal bedauern, daß wir kein so gutes Gedächtnis, keinen so durchdringenden Verstand, kein so gebildetes und gediegenes Urteil haben als andere; denn dieses hieße sich darüber beklagen, daß Gott uns nur wenig gegeben hat. Haben wir denn dasjenige verdient, was er uns verliehen? Ist nicht das, was wir besitzen, ein freies Geschenk seiner Gnade und Barmherzigkeit, für welches wir ihm den größten Dank schuldig sind? Woher haben wir es überhaupt verdient, daß er uns ins Dasein rief? – Allein wir sollen es nicht nur nicht bedauern, daß wir nur wenig haben, sondern auch nicht mehr wünschen, als Gott uns gegeben hat. Was Gott für genug erachtet, das ist auch auch wirklich genug für uns. Wie der Arbeiter, je nach der Arbeit, ein entsprechendes Werkzeug nimmt, so erteilt auch Gott uns nach den Absichten, die er mit uns hat, die verschiedenen Geistesanlagen. Der gute Gebrauch dessen, was wir von ihm erhalten haben, das ist für uns das wichtigste. Bedenken wir auch noch, wie es für manche ein wahres Glück ist, bloß mittelmäßige Talente zu besitzen. Mit dem wenigen, das Gott ihnen verliehen, retten sie ihre Seele: hätte der Schöpfer sie mehr begünstigt, so wären sie verloren gegangen; denn große Geistesgaben erzeugen oft Stolz und Eitelkeit und werden dadurch vielen zum Anlasse ihres Verderbens.
„Du hast nicht so viel Verstand als ein anderer“, sagt der Pater du Sault, „folglich bist du nicht so gelehrt und nicht so tüchtig in deinem Beruf; das betrübt und grämt dich, und im stillen gibst du dich eitlen Wünschen hin: O, wenn ich nur hätte, was dieser oder jener hat; wenn ich nur wüßte, was er weiß; wenn ich nur wäre, was er ist! – Ach, mein lieber Freund, du weißt nicht, was du verlangst! Mit den geringen Anlagen, die Gott dir gegeben hat, wirst du den Himmel gewinnen; hättest du mehr, so würdest du dich in die Hölle stürzen. Darauf hat Gott Rücksicht genommen, als er deinen Leib und deine Seele bildete und als er dich so, wie du bist, und nicht anders erschuf. Füge dich also mit vollkommener Ergebung in den Willen deines himmlischen Vaters, der dich so zärtlich und so innig liebt und der selbst alles zu deinem größten Heil so angeordnet hat. Sage ihm, wie sehr du wünschest, in allem seinem göttlichen Willen gleichförmig zu werden, und sprich in Vereinigung mit seinem göttlichen Sohn von ganzem Herzen:

Ja, mein Vater, ja , mein Herr und Gott, weil es Dir wohlgefällig ist, daß ich arm und verdemütigt sei, so verlange ich nicht anders zu sein, als wie Du mich haben willst; das ist das vollkommenste für mich; mein Wille hat seinen Ruhepunkt erreicht, wenn er sich in dem Deinigen geeinigt!“

Auch bei allen körperlichen Leiden dem Willen Gottes ergeben sein

VIII. Ebenso müssen wir uns auch bei allen körperlichen Leiden dem Willen des Herrn ergeben. Gott schickt uns diese oder jene Krankheit; er schickt sie uns zu dieser oder jener Zeit; er läßt sie so und so lange dauern; er verknüpft sie mit diesen oder jenen Umständen: in allen diesen Punkten müssen wir vollkommen mit der göttlichen Anordnung übereinstimmen, ohne irgend welche Änderung herbeizuwünschen, aber auch ohne die vernünftigen Mittel zu unserer Heilung zu vernachlässigen; denn Gott selbst will, daß wir dieselben gebrauchen. Wenn unsere Natur ungeduldig werden und sich empören will, so müssen wir diese Regungen unterdrücken und uns selbst sagen: Wie, ich elendes Geschöpf wage es, mich gegen meinen Hern und Schöpfe zu empören und seinen stets gerechten und anbetungswürdigen Anordnungen zu widerstreben? –

Der hl. Bonaventura erzählt uns, daß ein Ordensbruder des hl. Franz von Assisi während einer ungemein schmerzlichen Krankheit des Heiligen in aller Einfalt zu ihm sagt: „Lieber Vater, bitte doch Gott, er möge ein wenig milder mit dir verfahren; denn seine Hand scheint mir gar zu schwer auf dir zu liegen.“ Als der Heilige diese Worte hörte, seufzte er laut und sprach: „Wenn ich nicht wüßte, daß du dieses aus Einfalt gesagt, ohne etwas Böses dabei zu denken, so möchte ich dich nie mehr vor mir sehen, weil du so verwegen warst, an dem Strafgericht des Herrn über mich etwas auszusetzen.“ Dann warf er sich trotz seiner Schwäche und seiner heftigen Schmerzen von seinem ärmlichen Lager mit Gewalt auf die bloße Erde und küßte den Boden seiner Zelle, indem er ausrief: „O mein Gott, ich danke Dir für alle Schmerzen, die Du mir sendest; ich bitte Dich inständig, mir noch hundertmal mehr zu schicken, wenn Du es für gut findest; ich werde voll Freude sein, wenn Du mich schlägst, ohne meiner auch nur in etwa zu schonen; denn die Erfüllung Deines heiligen Willens ist der größte Trost, der mir zu teil werden kann.“

In demselben Sinne sagt auch der hl. Ephrem: „Die ungebildetsten Menschen wissen, was ihre Lasttiere zu tragen imstande sind, und legen ihnen nichts über ihre Kräfte auf, um sie nicht zu überladen; der Töpfer weiß, wie lange sein Thron im Ofen bleiben muss, bis er zum Gebrauch geeignet ist: wäre es somit nicht die größte Torheit, wenn wir behaupten wollten, Gott, die Liebe und Weisheit selbst, lege uns zu schwere Bürden auf und prüfe uns zu lange in dem Feuer der Trübsal? Seien wir deswegen ganz unbesorgt: unser Leib wird nicht länger und nicht stärker gebrannt werden, als es notwendig ist.“

Jedes Leiden kann von zwei Seiten betrachtet werden

Damit aber ängstliche Seelen nicht die vollkommenen Gesinnungen der Heiligen mit dem, wozu alle verpflichtet sind, verwechseln und sich darüber Skrupel machen, so bemerken wir hier nur folgendes. Jedes Leiden, von welcher Art es auch sei, kann von zwei Seiten betrachtet werden: erstens als eine Wirkung des Willens oder der Zulassung Gottes, und zweitens als ein Übel für uns und für unsern Nächsten. Von dem ersten Standpunkt aus sind wir verpflichtet, uns in den Willen Gottes zu ergeben, das heißt, für gut zu finden, daß Gott dieses Leiden schickt oder zuläßt. Wer dieses nicht tut, widersetzt sich der göttlichen Vorsehung, die alles mit unendlicher Weisheit leitet und fügt. Insofern wir aber das Leiden als ein Übel für uns oder für unsern Nächsten betrachten, sind wir nicht verpflichtet, es zu wollen. Gott befiehlt, daß wir uns seinem Willen unterwerfen, der das Leiden zuläßt; aber er gebietet uns nicht, daß wir das Leiden selbst wollen oder wünschen; oft will er sogar, daß wir alles tun, was in unsern Kräften steht, um es abzuwenden. So will er z.B., daß wir alle vernünftigen Mittel zu unserer Wiedergenesung gebrauchen, wenn er uns eine Krankheit schickt. Und wenn wir das Leiden nicht von uns abhalten können, so ist es uns nicht verboten, uns darüber zu betrüben; ja manchmal dürfen wir uns selbst den Tod wünschen, um von unsern Schmerzen befreit zu werden, wenn wir nur dabei nicht ungeduldig werden und nicht murren; denn die christliche Ergebung soll und muß stets unsern Kummer und unsere Tränen beherrschen und mäßigen. Solange als diese Ergebung die Oberhand hat, ist es keine Sünde, wenn man zu sterben wünscht, sei es nun, um den Trübsalen dieses Lebens zu entgehen, oder um, wie Elias und andere Heilige, die Unterdrückung der Diener Gottes und die Verfolgungen der heiligen Kirche nicht länger mitanzusehen, oder um von seinen geistigen Gebrechen, der Quelle so vieler Fehler, befreit zu werden, oder endlich, um desto früher die Anschauung Gottes zu genießen. –
aus: P. von Lehen S.J., Der Weg zum innern Frieden 1896, Kap. 2, S. 32 – S. 36

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