Betrachtung über die läßliche Sünde

Aphorismen aus dem Tagebuch des P. Rinn SJ

I. Sünde – Die Sünde ist ein wahres Übel

Ich bin verwundet von Sünden – aber du, o Jesu! noch mehr verwundet von Liebe für mich! Ich werfe mich in den Schoß deiner Erbarmung. Zerstöre, vernichte die Sünden in mir, nicht so fast, weil sie für mich ein Übel, als weil sie gegen dich gerichtet sind. –
Die Sünde ist ein Übel, ein wahres Übel, weil es im Menschen ist und sein Wesen verdirbt; – sie ist das einzige Übel, weil alle andern Übel süß sind, wenn dieses einzige Übel nicht da ist, und weil andererseits alles wahrhaft Gute durch sie weggenommen oder verdorben wird.
Was folgt daraus? Daß man alles Übrige leiden soll, um nur von diesem einzigen Übel befreit zu werden; daß man Alles, auch den Tod leiden soll, als noch einmal sündigen.
Die läßliche Sünde ist ein Aussatz, ein Ausschlag, der unsere Schönheit so entstellt, daß sie uns des vertrauten Umganges mit unserem reinsten, schönsten, makellosen Bräutigam beraubt, wenn sie nicht durch die Arznei der täglichen Buße weg geschnitten wird.

Die am häufigsten im Leben des Menschen vorkommenden läßlichen Sünden sind folgende: Lügen, freventliche Urteile, unbehutsame Worte, Gier beim Essen, Eitelkeit im Reden, Selbstlob, Vorwitz der Augen, Trägheit, Zerstreuung beim Gebet, Vorwitz in Betreff Anderer, Neid, Vernachlässigung der Einsprechungen, und beim Priester Fehler beim Breviergebet und bei der Messe.
Beim Erwachen am Morgen will ich beten: Ach! Daß ich dir doch heute nicht missfalle! –

Warum verschwinden so schnell die göttlichen Tröstungen und Erleuchtungen? Warum bist du so träge und trocken und ohne Geschmack beim gebet? Wegen deiner läßlichen Sünden! Eine offene Balsambüchse verdunstet; „Gefäße, welche nicht bedeckt und oben nicht zugebunden sind, werden unrein.“ Num. 19, 15.
Nur die ein reines Herz haben, verkehren vertraut mit Gott. O selige Reinheit des Herzens; o glückliche Freiheit des Geistes, dich will ich immer mehr besorgen; das sei jetzt mein erstes, mein Hauptgeschäft.
Die Mittel hierzu sind folgende:
Das obige kurze Bittgebet beiM Erwachen, die genaue Erforschung des Gewissens, die Beherrschung der Sinne, der Augen, der Zunge, Wandel in der Gegenwart Gottes, der häufige Gebrauch der Schutzgebetlein! O Gott! Bekräftige, was du in mir bewirkt hast! –

Die läßlichen Sünden verhindern ferner die Frucht der täglichen hl. Kommunion. Wer solltest, wer könntest du schon sein, da du dieses Brot so oft genossen? – „Deshalb sind unter euch viele Kranke und Kraftlose“ 1. Kor. 11, 30.

Ach! Wie viel Gutes wird vielleicht von mir und von der Gesellschaft Jesu wegen der läßlichen Sünden abgewendet, und wie viele Übel durch sie uns zugezogen. Also hüte dich davor mit aller Sorge! So oft du zu irgend einer läßlichen Sünde versucht wirst, denke: Vielleicht hängt von diesem Sieg über die Versuchung meine Vollkommenheit ab; vielleicht wird dir, wenn du einwilligst, die Gnade des Berufes, oder die Beharrlichkeit, oder eine außerordentliche Hilfe, welche dir in schwerer Gefahr Not tut, entzogen, vielleicht vernichtest du durch diese elende Sünde den Segen deiner Arbeiten.

O hl. Schutzengel! zu dir nehme ich in diesen Anliegen meine Zuflucht; ermahne mich immer an diesen Vorsatz. –

Zu allen diesen Strafen für die nicht gebüßten läßlichen Sünden kommt noch die ärgste, das Fegefeuer. Die kleinste Pein desselben ist schmerzlicher, als Alles, was ein Mensch in diesem Leben leiden kann. Also gedenke an diese Wahrheit, wenn Leiden über dich kommt; ja, bitte Gott um Leiden hier, damit du dort nicht leiden musst.
Hier brenne, hier schneide, nur nach dem Tode schone meiner! Je mehr du hier das Feuer der Liebe Gottes in deinem Herzen durch Leiden nährst, desto sicherer wirst du jenem peinvollen Feuer entgehen.

Was man immer sagen mag über die Strafen der Sünde in der Hölle, es reicht nicht aus, um die Unerträglichkeit jener Strafen auszudrücken. Man kann sich bei der Darstellung derselben irren, aber darin irrt man nicht, wenn man sagt: Diese Peinen sind unaussprechlich, übersteigen allen Sinn, seien ununterbrochen und ewig. Das ist Glaubenswahrheit.
Alles, was wir hier leiden können, ist nichts im Vergleich mit der geringsten Strafe der Hölle. Also! also! Also! – Vergiss nicht diese Wahrheit. Hier brenne, hier schneide, hier schone meiner nicht, wenn du meiner nur in der Ewigkeit schonest.

Wenn du dir willst eine Vorstellung machen von der unendlichen Qual, – von Gottes Anschauung auf ewig getrennt zu sein, so denke: welche Angst, Schmerz, Verwirrung, Finsternis, Beklemmung du schon hier fühlst, wenn Gottes besonderer Gnadenbeistand dich auch nur auf eine kurze Zeit allein läßt.
Welche Qual und Pein, wenn du ganz und für immer von ihm getrennt würdest.

Wenn du also nun solche Verlassenheit fühlst, – so erinnere dich an die ewige, halte dich in der Furcht, befleiße dich der Buße, – opfere dich, und sage zu Gott, daß du gerne diesen zeitlichen Schmerz, so lange er will, ertragen wollest, – wenn nur dadurch die ewige Trennung abgewendet wird.

„Legion ist sein Name! Mark. 5, 9. Wo ein Teufel einkehrt, zieht er mehrere mit sich. Eine Leidenschaft, die nicht gebändigt ist, reizt viele andere auf. Eine Sünde führt zu vielen. –
aus: Friedrich Rinn SJ, Die ewigen Wahrheiten der geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola, 1878, 1. Bd., S. 51 – S. 54

Category: Betrachtungen, Rinn

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