Der Heilige Geist teilt den Geist Jesu mit

Zehnte Betrachtung

Die Sendung des heiligen Geistes: Verherrlichung Jesu Christi

Der Aufgabe des Heiligen Geistes

Die Verherrlichung Jesu Christi

Die Sendung des Heiligen Geistes hat zum Gegenstand die Verherrlichung Jesu Christi. Jesus Christus wird verherrlicht werden, wenn der Heilige Geist Sein Reich, welches die Kirche ist, begründen wird. Alsdann wird der Name Jesus auf der ganzen Welt durch die Predigt des Evangeliums bekannt werden, und der Heilige Geist Selbst wird die Glieder dieses Leibes, dessen Haupt Jesus ist, dadurch bilden, daß Er den Seelen ein neues Leben gibt. Alle Wirkungen der Heiligkeit und alle Werke der Gnade in den Gerechten kommen vom Heiligen Geist als dem „Geist Jesu“, und dieser Geist teilt sich unbedingt nur Jesu und Seinen Gliedern mit; nur auf Seine Verdienste hin wird er gegeben zur Verwirklichung Seiner Absichten und zur geheimnisvollen Bildung Seines mystischen Leibes, welcher die Kirche ist.

All` diese Wahrheiten sind enthalten in den bewunderungswürdigen Worten des göttlichen Heilandes: „Er (der Geist der Wahrheit) wird Mich verherrlichen, denn von dem Meinigen wird er nehmen und euch verkünden!“ (1)Was also der Heilige Geist den Menschen bringt, was Er ihnen schon gegeben hat, das ist von Jesus Christus, von der Wesenheit Seiner Seele, Seiner Gedanken, Seiner Gefühle, Seines Herzens: Das ist offenbar der Geist Jesu Christi.

Jesus Christus sendet Seinen Geist

Unser Herr und Heiland Jesus Christus entzog durch Seine Auffahrt in den Himmel den Menschen den Anblick und den Genuss Seiner heiligen Menschheit, Seines anbetungswürdigen Leibes. Am Pfingstfest sendet Er ihnen Seinen Geist. Gewiß hatte Er ihnen mit tiefer Weisheit gesagt: „Es ist gut für euch, daß Ich weggehe!“ (2) Und sagten nicht die Apostel in ihrer ersten Predigt: „Nachdem Er durch die Rechte Gottes erhöht ist und die Verheißung des Heiligen Geistes empfangen hat, so hat Er Diesen ausgegossen“ (3) ? –
Ohne Zweifel wollte also Jesus Christus den Seinigen Seinen Geist geben. Ebenso gewiß aber kann man ohne diesen Geist Jesu Christi kein lebendiges Glied Seines mystischen Leibes sein, und muss man darum von Ihm getrennt leben.

Hemme den Saft eines Baumes, so daß er sich einem Ast nicht mehr mitteilen kann: dieser Ast stirb ab, man muss ihn abschneiden; er ist dürres Holz, das für`s Feuer bestimmt ist. Nun hat Jesus Christus gesagt: „Ich bin der Weinstock, ihr die Reben. Wie der Rebzweig keine Frucht bringen kann von sich selbst, wenn er nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in Mir bleibet: ohne Mich könnt ihr nichts tun.“ (4) Wer demnach den göttlichen Saft, welchen man „Den Geist Jesu Christi“ nennt, nicht empfängt, wer nicht mehr teilnimmt an diesem Geiste, der ist ein toter, dürrer Zweig, der nun mehr gut ist für`s Feuer.

Was bedeutet: den Geist Jesu Christi haben

Was hat man aber unter den Worten: „den Geist Jesu Christi haben“ zu verstehen?

… Tagtäglich gebraucht man folgende Redensarten: Dieser hat den französischen, jener Andere hat italienischen Geist. Man sagt auch: Religiöser Sinn, weltlicher Sinn, Zeitgeist; der Geist der Franziskaner, der Dominikaner, der Jesuiten; jedes Jahrhundert. Jedes Volk hat seinen eigentümlichen Geist; ebenso verhält es sich mit allen bürgerlichen und religiösen Vereinen und Genossenschaften.

So hat auch die katholische Kirche ihren eigenen Geist, ihren eigentümlichen Geist, und dieser Geist ist der Geist Jesu Christi. Und wie ein Jeder den Geist seines Standes, seiner Stellung, des Berufsgeschäftes, das er ausübt, haben muss; wie es empörend sein würde, den Edelmann mit dem Geist des Handwerkers zu sehen, den Fürsten mit dem Geiste eines Bedienten, die herrschaftliche Dame mit dem Geist eines ihrer Diener: so kann man schon beurteilen, welchen Widerwillen dem lieben Gott und Jesu Christo der Christ einflößt, der heidnischen Sinn, oder – was dasselbe ist – weltlichen Sinn hat.

Mein Stand, mein Beruf besteht darin, Christ, Katholik, ein Kind Gottes und der Kirche, ein Glied jenes Leibes zu sein, dessen Haupt Jesus Christus Selbst ist. Nun ist der Geist des Christentums, der Geist der Kirche, der Braut Jesu Christi – der Geist Jesu Christi Selbst. Dieser Geist ist allen Auserwählten gemein; er verbindet sie untereinander, um aus ihnen nur einen einzigen Leib zu machen, der das Leben, die Bewegung, die Wärme von Jesus Christus, seinem anbetungswürdigen Haupt, empfängt.

Anmutung

Ich muss begreifen, von welcher Wichtigkeit es ist, zu wissen, ob der Geist Jesu Christi in mir ist. Wenn er nicht in mir ist, so ist der Heilige Geist nicht gekommen, mich heimzusuchen; die Zeit bis jetzt habe ich verloren, und die Betrachtungen über den Heiligen Geist haben noch nicht die Wirkung gehabt, welche der liebe Gott erwartete.

Heute aber will ich mit ängstlicher Aufmerksamkeit diesen so wichtigen Gegenstand betrachten; ich will mich durchdringen von dieser großen Wahrheit, die der Heilige Geist mich gerne lehren will und deren Verständnis Er mir vermitteln wird. Ich werde sie verkosten, werde mit ihr meine Seele durchdringen, und zweifelsohne werde ich mit Kraft und mit Mut Vorsätze fassen, die der Anfang eines ganz neuen Lebens für mich sind! –

Anmerkungen zu: Die Aufgabe des Heiligen Geistes

(1) Joh. 16, 14.
(2) Joh. 16, 7.
(3) Act. 2, 33
(4) Joh. 15, 4. 5.

Erster Punkt

Notwendigkeit des Geistes Jesu Christi

Die göttliche Kunst unserer Vereinigung mit Gott

Der göttliche Heiland sagte einst zu Seinen Jüngern: „Ihr werdet erkennen, daß Ich in Meinem Vater bin, und ihr in Mir, und Ich in euch.“ (1)

Mit diesen Worten lehrt uns Jesus Christus die göttliche Kunst unserer Vereinigung mit Gott. Ebenso wie der Sohn Gottes in Seinem Vater ist, indem Er mit Ihm dieselbe Natur hat, so will Er, daß wir in Ihm seine, wobei Er uns Seinerseits das Versprechen gibt, durch ein gleiches Leben und durch einen gleichen Geist in uns zu sein.

Die Apostel hatten Ihn recht verstanden, sie, welche kühn von Jesus Christus sagten: „Er hat von Seinem Geist uns gegeben.“ (2) Wahrlich, Nichts mehr darf mich in Erstaunen setzen nach den Worten: „Aus Seiner Fülle haben wir Alle empfangen!“ (3) So besteht das Ende der Fleischwerdung des Wortes in der Mitteilung des Geistes Jesu Christi, mit welcher der Mensch am Pfingstfest beglückt ward.

Der Christ wird nach dem Geist Jesu Christi leben

Der Christ wird also nicht mehr nach seinem eigenen Geiste leben, nach dem Geiste des Menschen, sondern nach jenem Geist, den er empfängt in den heiligen Sakramenten, nach dem Geiste Jesu Christi, der durch die Ausgießung des Heiligen Geistes in seine Seele ihm gegeben ward.

Wie könnte ich den geringsten Zweifel über diese Wahrheit in mir aufkommen lassen? Ist es nicht sicher, daß ich durch eine neue Erschaffung, welche durch die heilige Taufe bewerkstelligt wurde, ein Kind Gottes geworden sein muss, wenn ich gerettet werden will? Nun nennt Jesus Christus Selbst die Taufe eine Wiedergeburt im Heiligen Geist, und der hl. Paulus schreibt in seinem Brief an die Gläubigen in Ephesus: „Wir sind geschaffen in Christo Jesu!“ (4) Siehe da, Jesus Christus ist das Geburtsland der Auserwählten; von Ihm ziehen sie den Lebenssaft, sie nähren sich von Seinem Wesen!

Diese Worte enthalten eine große Lehre.

Zunächst ist der vom königlichen Propheten gebrauchte Ausdruck nichts anderes als die Auseinandersetzung der Lehre, welche soeben dargelegt wurde. Die Luft einatmen heißt die äußere Luft in seine Brust einziehen. Derjenige, welcher nicht mehr atmet, hat aufgehört zu leben; die äußere Luft wird nicht mehr aufgenommen in das Innere, noch wieder nach Außen zurück gesendet: das organische Leben hat ein Ende.

David meint aber noch etwas Anderes, als dieses ganz materielle Leben; vor Allem sehnte er sich nach dem übernatürlichen Leben, dem Leben des Herzens. In der Inbrunst seines Gebetes ruft er aus:
„Ich öffne meinen Mund und atme ein – den Geist!“

Das geistige Leben ist uns gegeben zum Handeln

Nachdem wir aber das Leben empfangen haben, müssen wir auch wirken. Das geistige Leben ist uns gegeben zum Handeln, d. h. zur Arbeit, die der liebe Gott dereinst im Himmel belohnen muss. Nun gibt es aber ohne den Geist Jesu Christi keine übernatürliche Bewegung in uns. Der hl. Paulus hat es gesagt: Das Gesetz des Geistes des Lebens ist in Jesus Christus.“ (5) Das ist in solchem Grade wahr, daß die erste Tätigkeit, durch die wir uns zu Gott erheben, das Gebet, nur möglich ist durch den Geist Jesu Christi, der uns mitgeteilt worden.

Ein Kind Gottes ohne den Geist Jesu Christi zu sein ist nicht möglich

Es ist also ganz gewiß: man kann unmöglich ein Kind Gottes sein, das Leben in sich haben und den ersten Schritt auf dem Wege des Heiles tun – ohne den Geist Jesu Christi! Der hl. Paulus sagt: „Alle, welche vom Geist Gottes getrieben werden, sind Kinder Gottes“ (6); und an einer andern Stelle: „Weil ihr Söhne seid, sandte Gott den Geist Seines Sohnes in eure Herzen!“ (7) –

Kann wohl schlagender und deutlicher beweisen, daß es notwendig ist, den Geist Jesu Christi zu besitzen, um ein Kind Gottes zu sein? –

Wen wird es jetzt noch wundern, wenn er den Apostel vor der ganzen Welt erklären hört: „Ich lebe, nicht mehr ich, nein – Christus lebt in mir“ ? (8)

Diese Sprache soll die Sprache aller Christen sein. Und Das ist keine Übertreibung, denn der hl. Paulus wandte sich weder an Priester, noch an Ordensleute, als er folgende so entschiedenen und tiefen Worten in dem gebieterischsten Tone nieder schrieb: „So sollt ihr gesinnt, wie auch Christus Jesus gesinnt war!“ (9) Heißt das nicht die Gedanken, die Gefühle, die Wünsche, das Herz Jesu Christi haben? Heißt es nicht Einen und denselben Geist mit Ihm haben? –

Der laue und weltliche Christ ist tot

In der Lehre des hl. Paulus gibt es jedoch noch einen stärkeren Beweisgrund. „Wenn Jemand Christi Geist nicht hat“ – sagt er – „Der ist nicht Sein!“ (10) Welch ein Donnerschlag! Der laue und weltliche Christ, welcher durch ihn nicht aufgerüttelt wird, der schläft nicht, nein – der ist tot! …

Dies ist eine von jenen Wahrheiten, welche ich alle Tage meines Lebens betrachten sollte: Wenn ich nicht den Geist Jesu Christi habe, so bin ich nicht von Ihm, gehöre Ihm nicht an, bin nicht mit Ihm vereint, kann ich dem lieben Gott nicht gefallen, habe ich aufgehört, ein Kind Gottes und Erbe Seines Reiches zu sein! –

Als einstens die Apostel von ihren Missionsreisen zurück gekehrt waren, sah Jesus sie an und sprach: „Ihr wisset nicht, von welchem Geist ihr seid!“ (11) Ein schrecklicher Vorwurf! Ist er nicht auch an mich gerichtet? Weiß ich gut, von welchem Geist ich bin, d. h. was für ein Geist mich belebt? Ist es der Geist des „Fleisches und Blutes“ – wie der Lieblingsjünger sich ausdrückt -, oder der Geist Jesu Christi? „Was aus dem Fleisch geboren ist“ – sagt der Heiland – „das ist Fleisch, und was geboren ist aus dem Geist, ist Geist!“ (12)

Anmutung

Sind nun meine Werke geistlich? Sind meine Gedanken und meine Gefühle, meine Befürchtungen und meine Wünsche, meine Freuden und meine Hoffnungen Früchte des Heiligen Geistes, Früchte, die Jesu Christi würdig sind, sind sie von der Natur jener Früchte, die Er Selbst gebracht? Dann weiß ich, wem ich angehöre, weil ich weiß, von welchem Geist ich bin.
Glücklich die Seele, die mit Jesus Christus sagen kann: „Der Geist des Herrn ruht auf mir!“ (13) Kann ich diese Sprache führen? –

Anmerkungen zu: Notwendigkeit des Geistes Jesu Christi

(1) Joh. 14, 20.
(2) 1. Joh. 4, 13: Daran erkennen wir, daß wir in Ihm bleiben und Er in uns, daß Er von Seinem Geist uns gegeben hat.“
(3) Joh. 1, 16.
(4) Eph. 2, 10: „Denn Sein Werk sind wir, geschaffen in Christo Jesu in guten Werken, welche Gott voraus bereitet hat, daß wir in ihnen wandeln.“
(5) Vgl. Röm. 8, 2: „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu hat mich befreit von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“
(6) Röm. 8, 14.
(7) Gal. 4, 6.
(8) Gal. 2, 20.
(9) Phil. 2,5.
(10) Röm. 8,9.
(11) Luk. 9, 55.
(12) Joh. 3, 5-6.
(13) Luk. 4, 18.

 

Zweiter Punkt

Die Natur des Geistes Jesu Christi

Opferwilligkeit und Selbstverleugnung

Der Geist Jesu Christi ist keineswegs irgend etwas Unbestimmtes und Undeutliches, so daß Jedermann das Recht hätte, auszulegen oder zu erklären nach den Rücksichten der Annehmlichkeit und Bequemlichkeit, die seine Eigenliebe ihm eingibt, und nach den mehr oder weniger billigen Wünschen seines Herzens. Wenn es sich um eine Theorie ohne Anwendung auf die Praxis handelte, könnte der Geist Jesu Christi die Bewunderung der Menschen erregen, ohne sie zu stören in den Genüssen, welche sie beständig suchen mitten in der Welt, die der göttliche Heiland beständig verwünschte, so lange Er auf Erden lebte.

Aber im Gegenteil, nichts ist bestimmter und im Evangelium klarer entschieden als der Geist Jesu Christi; und für jeden, der nachdenken will, ist es einleuchtend, daß man in einem Wort all` dasjenige zusammen fassen kann, was den Geist ausmacht, der von Jesus Christus in die Seele Seiner Jünger übergeht.

Wenn ich alle Aussprüche des göttlichen Heilandes betrachte, die Ihn Selbst betreffen, und mit denselben alle Handlungen vergleiche, welche die Geschichte des sterblichen Lebens des Gottessohnes ausmachen, so wird es ein Leichtes für mich sein, Alles, was ich gesehen und gehört, in einen Ausdruck zusammen zu fassen. Dieses Wort, das Alles umfaßt, heißt „Opferwilligkeit“.

Wenn ich die Wörter „Selbstverleugnung“, „Opfer“, „Entäußerung“, „Entsagung“ ausspreche, drücke ich immer denselben Gedanken aus, verkünde ich die nämliche Wahrheit -: es ist „Opferwilligkeit“!

Müssen nun hier noch all` die vielen Beweise für diese große Wahrheit angeführt werden, daß der Geist Jesu Christi ein Geist der Opferwilligkeit und Entsagung ist? Doch ich brauche nur das Evangelium aufzuschlagen, und ich werde sicher auf jeder Seite dieses göttlichen Buches den klarsten Beweis für diese Behauptung finden.

Jesus Christus opferte sich für das Heil der Menschen

Kaum ist Jesus geboren, und schon kommen die Gesandten des Himmels, um der Welt zu verkünden, daß dieses kleine Kind, so ihr geschenkt worden, auf die Erde kommt für Gott und für die Menschen. (1) Jesus kommt für Seinen Vater, und Sein Leben wird ein beständiges Opfer sein, das Ihn in dem höchsten Himmel verherrlichen wird. Er kommt für die Menschen, Er wird geopfert werden für ihr Heil, Er wird sich überliefern und hingeben, um sie vom schmachvollen Joch der Sünde und von der Gefangenschaft der Hölle zu befreien.

Doch ich will aus dem Munde Jesu Christi Selbst wissen, was Seinen Geist ausmacht; Er selbst soll es mich lehren. Ich höre Ihn sprechen: „Für sie heilige Ich Mich Selbst, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit!“ (2) Das heißt so viel als: Für sie opfere Ich Mich, gebe Ich Mich hin, weihe Ich Mich Selbst als eine heilige Hostie -: Das ist das Ziel und Ende der Sendung des Gottessohnes, in Rücksicht auf die Menschen betrachtet.

Jesus Christus hat sich nicht Selbst zu Gefallen gelebt

Wenn ich diese göttliche Sendung in Bezug auf Gott betrachte, so finde ich immer denselben Gedanken einer gänzlichen Aufopferung, einer vollkommenen und völligen Selbstverleugnung. „Ich bin nicht vom Himmel herab gestiegen, um Meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der Mich gesandt hat.“ (3) „Ich suche nicht Meine Ehre“ (4), sondern die Ehre dessen, der Mich gesandt hat. „Was Ihm wohlgefällig ist, tue Ich allezeit!“ (5)
Doch ich will auch den hl. Paulus hören, diesen ungewöhnlichen Menschen, den der Heilige Geist Jesum so gut kennen gelehrt hat. In seinem erhabenen Brief an die Römer ruft er aus: „Christus hat Sich nicht Selbst zu Gefallen gelebt, sondern wie geschrieben steht: die Schmähungen derer, die Dich schmähen, fielen auf Mich!“ (6) –

Siehe, da hat der Heiland allen Seinen Jüngern Seine ganze Seele, Sein ganzes Herz geoffenbart. Nein, Jesus Christus ist nicht gekommen, um Seine Ehre zu suchen, sondern die Ehre Seines Vaters; Jesus Christus ist nicht gekommen, Seinen Willen zu tun, sondern den Willen Seines Vaters. Jesus Christus hat nicht Sich Selbst zu Gefallen gelebt, Er hatte nicht an Sich Selbst Sein Wohlgefallen, sondern Er gefiel Sich nur in der Erfüllung der Befehle Seines Vaters in Betreff des Heiles der Menschen, für welche Sein sterbliches Leben ein langes und schmerzliches Opfer war, das gekrönt ward durch einen blutigen Tod am Kreuzesholz. Um dieses Opfer zu vollbringen, hat Er sich erniedrigt, vernichtet; Er ward gehorsam bis zum Tode, und bis zum schimpflichen Tode, dem Tode der großen Verbrecher, für welche der Kreuzestod gewöhnlich vorbehalten blieb.

Habe ich die Natur des Geistes Jesu Christi verstanden

Habe ich nun den Geist Jesu Christi, Seine Natur, Sein Wesen, Seine Werke verstanden? Es ist nur Opfer, nur Entsagung! Auch wenn der göttliche Meister Menschen zu Sich ruft, die dazu bestimmt sind, Seine Jünger zu werden, wird Er ihnen die Notwendigkeit der Entsagung, der Selbstverleugnung, die Notwendigkeit der Aufopferung ihrer selbst für die Ehre Gottes und das Heil ihrer Mitbrüder als erste Bedingung zum Heile setzen.
Er hatte die Natur des Geistes Jesu Christi wohl verstanden – der Apostel, welcher zu den ersten Gläubigen sprach: „Ich beschwöre euch, Brüder, um der Erbarmungen Gottes willen, daß ihr eure Leiber als ein lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darbringet!“ (7) Auch sagt er von sich selbst: „Allen bin ich Alles geworden, um Alle zu retten“ (8); und ferner: „Allen lebe ich in Allem zu Gefallen, und suche nicht, was mir, sondern was den Vielen nützt, damit sie selig werden!“ (9)

Der Geist Jesu Christi ist der Geist der gänzlichen Hingabe

Ich kann also nunmehr zu einem richtigen Schluß kommen, wenn ich untersuche, ob ich den Geist Jesu Christi habe. Da dieser Geist nichts Anderes ist, als der Geist der Entsagung, des Opfers, der gänzlichen Hingebung meiner Selbst für die Ehre und den Willen Gottes, zum Besten des Heiles meiner Brüder, so weiß ich, daß ich auf eine mehr oder minder vollkommene Weise den Geist Jesu Christi besitze, je nach dem Grade der Vollkommenheit, welchen der Heilige Geist mir mitgeteilt in der Liebe zur Entsagung, der Hingebung und der Opfer. Hier ist keine Täuschung zu befürchten, und wenn ich zu jener Tugendstufe gelange, welche mir erlaubt zu sagen: „Ich tue allezeit, was meinem Vater gefällt“ (10), so werde ich hinzufügen dürfen mit dem hl. Paulus: „Ich bin ein Nachfolger Jesu Christi“ (11); „ich lebe, nicht mehr ich, nein – Christus lebt in mir!“ (12)

Wo ist heutzutage der Geist Jesu Christi

ist also heutzutage der Geist Jesu Christi? Empfangen all` diejenigen den Heiligen Geist, welche die hohen Feste der Kirche feiern, welche an den heiligen Geheimnissen Teil nehmen? Die Apostel waren voll vom Heiligen Geist am großen Pfingsttage, welcher sie umschuf zu neuen Geschöpfen; und wenn der heilige Schriftsteller sagt: „Sie wurden alle erfüllt vom Heiligen Geist“ (13), so will er mich damit belehren, daß dieser Geist der Geist ihres göttlichen Meisters war. Als Er Sich ihrer Seele bemächtigt hatte, da erkannte die ganze Welt sofort die Herrschaft des Kreuzes an.

Anmutung

O, wie viel Gutes tun die Seelen, welche den Geist Jesu Christi haben! Wer weiß, was ich selbst tun würde, wenn ich, nach Ablegung meines eigenen Geistes, mich ohne Vorbehalt dem Geist Gottes überließe! O mein Gott, komm, sprich mit mir, handle als Herr und Gebieter, nimm Alles hin! …

Anmerkungen zu: Die Natur des Geistes Jesu Christi

(1) Vgl. Luk. 2, 13-14: „Und plötzlich kam zu dem Engel eine Menge der himmlischen Heerschar, welche Gott lobten und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe, und auf Erden Friede den Menschen, die guten Willens sind!“
(2) Joh. 17, 19.
(3) Joh. 6, 38.
(4) Joh. 8, 50
(5) Joh. 8, 29.
(6) Röm. 15, 3.
(7) Röm. 12, 1.
(8) 1. Kor. 9, 22.
(9) 1. Kor. 10, 32-33
(10) Joh. 8, 29.
(11) 1. Kor. 4, 16.
(12) Gal. 2, 20.
(13) Act. 2, 4.

Dritter Punkt

Die Wirkungen des Geistes Jesu Christi

Verleugnung meines eigenen Geistes

Der hl. Paulus schreibt an die Galater: „Wandelt im Geiste!“ (1) „Wenn wir im Geiste leben, wollen wir auch im Geiste wandeln!“ (2) Mit diesen Worten wollte er sie belehren, daß sie notwendiger Weise durch ihre Werke die Natur und die Eigenschaften jenes Geistes zeigen müssten, welchen sie in der heiligen Taufe empfangen hatten.

Da nach den Worten Jesu Christi Selbst der Baum aus seiner Frucht erkannt wird (3), so müssen wir offenbar aus unseren Werken den Geist beurteilen, der uns belebt; jedes andere Mittel könnte uns in Irrtum führen.

Als Jesus Christus darüber redete, daß man notwendig Seinen Geist annehmen müsse, um das ewige Leben zu erhalten, sprach Er: „Wenn Jemand Mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst!“ (4) Und da der Geist Jesu Christi ein Geist des Opfers und der Entsagung ist, so ist es offenbar, daß ich, um mich mit dem Heiligen Geist zu bekleiden, gezwungen bin, mit der Ablegung meiner selbst, mit der Verleugnung meines eigenen Geistes, mit der Verzichtleistung auf meine böse Natur den Anfang zu machen.

Ich muss also dem lieben Gott Alles opfern, was in mir dem Geist Jesu Christi entgegen gesetzt ist. Wenn ich mich nun selbst gut kenne, so werde ich leicht zugestehen, daß mein ganzes Wesen im Gegensatz zu jenem „heiligen, unschuldigen, unbefleckten, vom Geist der Sünder abgesonderten und über die Himmel erhabenen“ Geiste steht. (5)

Mein eigener Geist besteht im Egoismus

Mein eigener Geist besteht im Egoismus, in der Liebe zu mir selbst. Diese Liebe hat alle meine Fähigkeiten, mein ganzes Sein zu ihrem Gegenstand. Ich liebe meinen Verstand, ich liebe mein Herz, ich liebe meine Sinne, meine Organe, meinen Leib. Von hier aus verzweigen sich in der unordentlichen Selbstliebe drei große Abteilungen, welche man als Hauptäste eines Baumes betrachten kann, der nur Früchte des Todes bringt: die Liebe zum Ruhm, die Liebe zu Geld und Gut und die Liebe zu Vergnügungen. Die Entsagung, welche Jesus Christus zur wesentlichen Bedingung des christlichen Lebens gemacht hat, besteht also darin, daß ich dem lieben Gott diese drei Zweige meiner durch die Sünde verdorbenen Natur opfere.

Die Liebe zu Demütigungen, Armut und Leiden

Daraus folgt, daß ich die Stufe, zu welcher der Geist Jesu Christi in meiner Seele erhoben ist, aus dem Grade der Liebe erkenne, welchen ich zu Demütigungen, zu Armut und Leiden habe.
Alle Geistigkeit, die nicht auf dieser Grundlage ruht, ist eine falsche und trügerische Geistigkeit. Satan hat die Gestalt eines Lichtengels angenommen.

Mit dieser Entsagung wird man stets gewahr, daß man sich selbst mehr vergißt und einen lebhaften Eifer für die Interessen Gottes bekommt. Das erfuhr die hl. Theresia, welche in Wahrheit sagen konnte: „Um Dich, mein Gott, bin ich bekümmert, nicht um mich!“ …

So war der Charakter der Apostel nach der Herabkunft des Heiligen Geistes. Ganz ihrer selbst beraubt, d. h. von allem Stolz, allem Ehrgeiz, aller Habsucht, aller Sinnlichkeit frei, konnten sie in Wahrheit sagen: „Nichts für mich, Herr, weder Arbeitslohn, noch Reichtum, weder Ehre, noch Vergnügen: Alles haben wir verlassen für – Dich allein!“ So rief das Heer der Apostel. Der göttliche Meister hatte sie so gelehrt während Seines ganzen Lebens und in allen Umständen Seines Leidens.

Die Vollkommenheit des Geistes Jesu Christi

Was sagte der göttliche Heiland, um Seine Jünger zu diesem neuen Leben umzuschaffen? „Ihr werdet bei allen verhaßt werden um Meines Namens willen!“ (6) Das sollen ihre Tröstungen sein! – „Sie werden euch geißeln!“ (7) Das soll die Ehre für sie sein! – „Nehmet nichts mit euch auf den weg, weder Brot noch Geld noch zwei Stöcke!“ (8) Das sind ihre Schätze! – In dieser Weise werden die Apostel sich selbst und die Neigungen der bösen Natur vergessen.

Ganz gewiß ist hier dasjenige, was man Vollkommenheit nennt, und diese Vollkommenheit des Geistes Jesu Christi findet man auch heutzutage noch in einer großen Zahl von Seelen. Man sieht die Seelen, welche sich ganz und gar berauben und in der Stille des Klosters Jesu Christo das vollkommene Opfer all` jener Güter und Vorteile bringen, welche die Weltleute mit unermüdlicher Tätigkeit suchen.

Wenn ich aber auch nicht verpflichtet bin, diese erhabene Vollkommenheit zu üben, so ist mir doch nicht weniger die Verpflichtung auferlegt, mich mit dem Geist Jesu Christi zu bekleiden nach meinem Beruf, meinem Stand und überhaupt nach dem Maße der Gnaden, welche ich vom Himmel erhalten habe. Es gibt keinen doppelten Geist in der Kirche Jesu Christi; nur der Geist ihres göttlichen Gemahls kann in ihr sein: jeder andere Geist ist ihr fremd und zum Abscheu.

Ich bin bekümmert nur um Jesu Christi und Seine Ehre

Ich muss also mit einem Grade von Wahrheit, der meinem Stande angemessen ist, sagen können, was die hl. Theresia, diese erhabene Jungfrau, dieser Apostel der letzten Jahrhunderte, zu sagen pflegte: „Herr, nicht um mich bin ich bekümmert, nur um Dich und Deine Ehre!“ – Nun werde ich aber diese Sprache nur dann führen können, wenn ich bis zu einem gewissen Grade mich von mir selbst und von meinen natürlichen Neigungen los gesagt, also wenn ich mir einen gewissen Grad von Demut, von Armut, von Abtötung der Sinne erworben habe. Bis zu welchem Punkt der Vollkommenheit soll ich mich aber nach dem Willen Gottes erheben? Mein Gewissen und ein guter Führer sollen Antwort hierauf geben. Doch die Frage ist schon gelöst: Da ist nämlich nicht der Geist Jesu Christi, wo nur Selbstliebe, Liebe zu Ehre, zu Reichtum und Vergnügungen herrscht; die Frage ist schon gelöst: wer nämlich den Geist Jesu Christi nicht hat, ist nicht von Ihm! …

Anmutung

O, wie wertvoll ist die Verehrung des Heiligen Geistes! Wie viele Erleuchtungen wird sie meiner Seele bringen! Welche Stärke, welche Tatkraft wird sie meinem Willen mitteilen! Ich finde mich ganz geändert, in ein neues Geschöpf umgewandelt! Nein, keine Eigenliebe, keine Liebe zu mir selbst mehr! Alles will ich opfern, Alles will ich hingeben! Der Geist Jesu Christi hat Sich meiner bemächtigt: ich fühle es; es ist wahr! O Gott, sei immerdar gelobt und gepriesen! –

Anmerkungen zu: Die Wirkungen des Geistes Jesu Christi

(1) Gal. 5, 16.
(2) V. 25: Si spiritu vivimus, spiritu et ambulemus!
(3) Vgl. Luk. 6, 43-44: „Es ist kein guter Baum, der schlechte Früchte bringt, und kein schlechter Baum, der gute Früchte bringt. Denn jeder Baum wird an seiner Frucht erkannt; denn nicht an Disteln sammelt man Feigen, noch liest man von dem Dornstrauch eine Traube.“
(4) Matth. 16, 27.
(5) Hebr. 7, 26.
(6) Vgl. Matth. 10, 22.
(7) Vgl. Matth. 40, 17.
(8) Vgl. Mark. 6, 8-9.

aus: F. X. Coulin, Apostol. Missionar und Ehrendomherr von Marseille, Der Heilige Geist Betrachtungen, 1881, S. 160 – S. 181

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