Verschiedene Wirkungen des Heiligen Geistes

Dreizehnte Betrachtung

Die verschiedenen Wirkungen des Heiligen Geistes

Der Heilige Geist – ein anderer Tröster

Als der göttliche Heiland Seinen Aposteln den Heiligen Geist verhieß, gebrauchte Er folgende Ausdrücke, in welchen wir einen schönen Gegenstand zur Betrachtung finden: „Ich werde den Vater bitten, und einen andern Tröster wird Er euch geben!“ (Joh. 14, 16)) Habe ich zunächst den Sinn der Worte „Einen andern Tröster“ recht verstanden? Sie weisen offenbar darauf hin, daß den Aposteln bereits ein Tröster vom himmlischen Vater gegeben worden war. Dieser Tröster nun war Jesus Christus Selbst. Die Verheißung eines neuen Trösters wurde aber gegeben, nachdem der Heiland zu Seinen Jüngern gesagt hatte: „Ich gehe zum Vater -“ (Vers 12)) doch – „Ich werde euch nicht als Waisen hinterlassen!“ (Vers 18) Also weil der göttliche Heiland zu Seinem Vater zurück kehren wird, so will Er die Apostel über Seine Abwesenheit trösten, und verspricht ihnen darum den Heiligen Geist, den Er „einen andern Tröster“ nennt. Dieser wird in Seiner Eigenschaft als Tröster die Jünger des Gottmenschen entschädigen für den Verlust, den sie dadurch erleiden müssen, daß ihnen Seine leibliche Gegenwart entzogen wird. Der Heilige Geist wird nunmehr jenen göttlichen Plan zur Ausführung bringen, gemäß welchem Er die Leitung der Kirche übernehmen und allen Gläubigen den Überfluss jener geistigen Güter mitteilen soll, welche der Sohn Gottes durch Seine Menschwerdung der Welt bringen wollte. Der Heilige Geist wird die Gläubigen auf die Wege Gottes führen, Er wird sie stärken in den Prüfungen des gegenwärtigen Lebens, Er wird ihnen einflößen den Geschmack an Gott, den Geschmack an Jesus Christus den Geschmack am Himmel. Das ist der Zweck Seiner Sendung.

Hier wollen wir den großen heiligen Lehrer Augustinus hören. „Jesus Christus“ – so sagt dieser Kirchenvater – „war für die Apostel ein Fürsprecher und Vermittler durch das Gebet; Er war auch wie ein anregender Sporn für sie, der sie durch mächtige Ermahnungen auf den Weg zum Himmel drängte; endlich hielt Er durch Seine Gegenwart, durch Seine Taten und Reden immerdar den Mut der Apostel aufrecht, da Er die göttliche und immer gar süße Salbung Seiner Gnade in ihre Seele ausgoß. Indem nun der göttliche Meister bei der Ankündigung Seines baldigen Hinscheidens von dieser Erde den Menschen einen andern Tröster verheißt, der vom Himmel kommen, den Gott der Vater senden werde, kündigt Er an, daß der Heilige Geist Alles tun werde, was Er Selbst getan: daß Derselbe unaufhörlich bis zum Ende der Zeiten die Gläubigen leiten, unterstützen und trösten werde, um ihnen in der Erwerbung des Himmels behilflich zu sein, damit sie nicht etwa – wie es in einem Gebet der Kirche heißt – „beim Hingehen durch die zeitlichen Güter – die ewigen Güter verlieren.“

Anmutung

O wie innig wünsche ich, daß der Heilige Geist diese Wirkungen in meiner Seele hervor bringen möchte! Ich hoffe es, o Jesu, auf Grund jener Verheißung, die Du am Vorabend Deines Todes Deinen Aposteln gegeben hast!

Erster Punkt

Der Heilige Geist tröstet die Seelen, indem Er sie bis zu Gott erhebt.

Eine Seele, welche aus dem Leben der Sinne, aus dem rein natürlichen Leben heraus gehen und bis zu Gott empor steigen kann, findet die Quelle aller Güter und aller Tröstungen. Wodurch gelangt aber diese Seele zum lieben Gott und erhebt sich bis zu Ihm hinauf? Man hat es mir längst gesagt: „Durch das Gebet. Haben nicht alle Kinder gelernt, daß das Gebet „die Erhebung der Seele zu Gott“ ist? –
Doch welche ist eine Seele, die fähig ist zu beten, die fähig ist, sich zu erheben und sich dadurch mit Gott zu vereinigen? Das ist jene Seele, deren Lehrer der heilige Geist wird. Ohne den Heiligen Geist, der „unserer Schwachheit zu Hilfe kommt“ (1), „in dem wir rufen ‚Abba – Vater’“ (2), würde die Seele immer auf der Erde sein, den Geschöpfen anhangen, und nicht fähig sein, mit Gott zu reden. Der Heilige Geist ist es, der, wie der Apostel sagt, „für uns bittet mit unaussprechlichen Seufzern“ (3), und in dem Grunde unseres Herzens jene göttliche Tat vollbringt, welche die Heiligen kennen gelernt haben und welche die frommen Seelen in jedem Augenblick in sich selbst erfahren.

Anmutung:

O göttliche Tat, o unendlich süße Wirkung, wie kostbar bist Du mir! O, wie sehne ich mich nach Dir!

Der Heilige Geist – Fürsprecher beim Vater

Wenn wir im Heiligen Geist rufen „Abba – Vater!“, erfüllt uns Derselbe mit Liebe, gibt Er uns das Vertrauen, flößt Er uns heilige Wünsche ein; nun spricht all` dieses beim lieben Gott zu unseren Gunsten: daraus folgt, daß der Heilige Geist, welcher der alleinige und einzige Urheber aller dieser übernatürlichen Bewegungen ist, in Wahrheit unser Fürsprecher beim Vater ist, und daß Er aus dem ewigen Schoß des himmlischen Vaters alle Tröstungen herab sendet, welche geeignet sind, die Härte unserer Verbannung zu lindern.

Doch ich will diese Wirkung des Heiligen Geistes in ihrer ganzen Größe kennen lernen; ein großer Lehrer soll mich über dieselbe unterrichten – der Weltapostel. Nach der Lehre des hl. Paulus, die stets in vollkommenem Einklang mit der Lehre des Heilandes steht, ist zunächst unumstößlich wahr, daß der erste Gedanke, die erste Regung, welche meine Seele bewegt und dieselbe veranlaßt, beten zu wollen, direkt vom Heiligen Geist kommt als eine Gnade, ein ganz und gar unverdientes Geschenk. „Es ist offenbar“ – so schreibt er an die Korinther – „daß ihr ein Brief Christi seid, ausgefertigt von uns, und geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes; nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln des Herzens. Ein solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott: nicht als ob wir tüchtig wären, etwa zu denken durch uns selbst wie aus eigener Kraft; sondern unsere Tüchtigkeit ist aus Gott! (4)

Das ist die erste Wahrheit, die uns unsere schreckliche Armseligkeit zeigt und zugleich die Notwendigkeit der Hilfe, der Unterstützung, die uns seitens des Heiligen Geistes, zu Teil wird.

Die unaussprechlichen Seufzer

An zweiter Stelle ist es nicht weniger gewiß, daß wir aus uns selbst nie mit Gott reden, noch Ihn um irgend Etwas in wirksamer Weise bitten könnten. Wir haben bereits gesehen, daß diese Wahrheit vom göttlichen Heiland klar und deutlich gelehrt wird, wenn Er sagt: „Der Heilige Geist wird Euch in Allem unterweisen.“ (5) Aber diese Wahrheit, welche ein wirksames Gegenmittel gegen den Stolz ist, ist andererseits sehr tröstlich für mich: denn ist es nicht schließlich süß, zu denken, daß, wenn ich mich dem lieben Gott nähern will, der Heilige Geist mich dazu antreibt, mich einladet und mir Mut zuspricht? Ist es nicht auch süß, zu wissen, daß ich nur dem Heiligen Geist die Leitung meines Gebetes zu überlassen habe, da ja nur Er fähig ist, der gelehrigen Seele die Worte zu diktieren, welche dieselbe dem lieben Gott vortragen soll? –

In dem, was der große Apostel mich lehrt, ist aber ein Wort, bei welchem ich länger verweilen muss. Der hl. Paulus sagt: „Der Heilige Geist bittet für uns „mit unaussprechlichen Seufzern“. Welches ist denn wohl der wahre Sinn dieser letzten Worte? Ist nicht das Gebet in Wirklichkeit ein Seufzen, ein an Gott gerichteter Ausruf der Seele, welche Not leidet durch ihr Elend, ihre Schwachheit, ihre Versuchungen, ihre Entfernung von Gott? Dieses Seufzen nennt der Apostel „unaussprechlich“, weil – wie der hl. Augustinus sagt – es „ein himmlisches, ein göttliches Seufzen ist, sowohl in seinem Ursprung, welcher der Heilige Geist ist, als in seinem Ziel, welches der liebe Gott ist.“ Der hl. Anselmus schließt sich dem großen Bischof von Hippo an und fügt hinzu: „Dieses Seufzen der Seele ist verborgen, ungekannt und unbegreiflich wegen der Glorie, welche sein Ziel ist.“ Ja, die Seufzer der Seele, welche das Heil in Gott sucht, sind unaussprechlich, weil der Heilige Geist, der in uns wirkt, Seine Geheimnisse nicht enthüllt. Nur „Jener, der die Herzen erforscht, weiß, was der Geist begehrt.“ (6)

Die Seufzer des Herzens sind auch deshalb unaussprechlich, weil die Kraft, welche ihnen eigen ist, über alle Worte erhaben ist. Nur der liebe Gott ist ihr Zeuge. Dies gereichte dem königlichen Propheten zum Trost, indem er in einem großen Erguss von vertrauen und Liebe ausruft: „Mein Seufzen ist Dir nicht verborgen!“ (7)
Wenn aber Alles, was ich hier lerne, gewiß wahr ist, wer kann dann das Glück beschreiben, den Heiligen Geist in sich zu haben? Gibt es für einen Menschen hienieden wohl ein kostbareres, ein wünschenswerteres Gut, als die Gegenwart des heiligen Geistes in seiner Seele? Ach, was ist schrecklicher, als zu reden, zu leiden, zu seufzen – ohne den Heiligen Geist? Wie viele arme Seelen schreien in ihrem eigenen Innern und seufzen – allein! Allein weinen und seufzen – welch` eine Lage! Welch` einZustand! Ist er einer tiefen Frömmigkeit würdig? –

Anmutung:

O gläubige Seele, sei nimmer allein! Rufe den Heiligen Geist an, Er wird ein wahrer Tröster für dich sein, weil Er dich lehren wird, bis zu Gott empor zu steigen, wo du immerdar die Quelle der unaussprechlichsten Tröstungen finden wirst! –

Anmerkungen zu: Der Heilige Geist tröstet die Seelen

(1) Vgl. Röm. 8, 26: „Der Geist kommt unserer Schwachheit zu Hilfe: denn um was wir beten sollen, wie es sich gebührt, wissen wir nicht; aber der Geist Selbst bittet für uns mit unaussprechlichen Seufzern.“
(2) Vgl. Röm. 8, 15: „Ihr habt nicht empfangen den Geist der Knechtschaft wiederum zur Furcht: sondern ihr habt empfangen den Geist der Kindschaft, in dem wir rufen: ‚Abba – Vater!’“
Anmerkung: Abba – welches im Neuen Testament dreimal vorkommt (Mark. 14, 36; Röm. 8, 15; Gal. 4, 6) – ist ein aramäisches Wort, das so viel heißt als „der Vater“ – „o Vater!“ Es ist eine aus den jüdischen in die christlichen Gebete übergegangene, unumschränktes Vertrauen und willigen Gehorsam bezeichnende Anrede an Gott.
Das hebräische Wort ʼāb „Vater“ bezeichnet nicht nur 1. den leiblichen Vater und den Stammvater, sondern auch 2. den Urheber, den Schöpfer (vgl. Job 38, 28: „Wer ist des Regens Vater!“); – 3. den Wohltäter, Versorger (vgl. Job 29, 16: Vater war ich den Dürftigen2); – 4. den Lehrer (daher dient „Vater“ als ehrende Anrede an Priester und Propheten; vgl. die verschiedenen auch christlichen Lehrern und Priestern beigelegten Namen „Abbas“ . „Abt“ – „Papa“ – „Papst“ – „heiliger Vater“ – „Kirchenvater“ – „Pater“ – „Pope“ usw.); – 5. den Ratgeber (vgl. Gen. 45, 8: „Er [Gott] hat mich zum Vater Pharao`s gemacht“); – endlich 6. den Herr, Besitzer von etwas (vgl. Eigennamen, wie Ab-raham = „Vater der Hoheit“, Ab-salom = „Vater des Friedens“, Ab-ner = „Vater des Lichtes“, Ab-jathar = „Vater des Überflusses“ usw.).
Gewiß, in vielfachem Sinne war im Alten Testament der liebe Gott den Frommen ein „Vater“; doch in noch viel erhabenerem Sinne wird er im Neuen Testament unser „Vater“ genannt, nachdem Sein Eingeborener Sohn Mensch und „unser Bruder“ (Hebr. 2, 17) geworden -: wie inhaltschwer ist das Wort, wenn wir rufen „Abba – Vater!“ – wenn wir beten „Vater unser!“ – (A.d.Ü.)
(3) 2. Kor. 3, 3-5.
(4) Joh. 14, 26.
(5) Vgl. Röm. 8, 27.
(6) Ps. 37, 10.

Zweiter Punkt

Der Heilige Geist wird der gläubigen Seele gegeben als ein sicherer und stets tätiger Führer.

Wenn es wahr ist, wie wir aus der Hl. Schrift ersehen, daß der liebe Gott dem Menschen die himmlischen Geister sendet, die Er zu Seinen Dienern gemacht hat; wenn diese Diener Gottes wie zu einem brennenden, wirksamen Feuer werden (Vgl. Ps. 103, 4), welches die Seele des Menschen stärker und kräftiger in den Kämpfen macht, welches sie aufrecht hält gegenüber der Bosheit der Geister der Finsternis -: wer wird uns dann die Wirkungen des Heiligen Geistes Selbst in einer Seele schildern, welche Ihn besitzt, zu deren Herrn Er Sich gemacht, und die gewillt ist, ganz sich Ihm zu übergeben, als dem unumschränkten Herrn ihres ganzen Daseins? –

Die Tätigkeit der Heiligen Geistes

Der hl. Augustinus nennt den Heiligen Geist gelegentlich „Antreibung“, „Aufmunterung“, „Einladung“,, weil es dem Heiligen Geist, wenn Er über eine Seele herrscht, eigen ist, sie anzuregen, aufzumuntern und anzufeuern, damit diese Seele nie stehen bleibe auf dem Wege, der zur Vollkommenheit führt. Wenn wir träge sind, wenn unser Wille erschlafft, wenn wir zur Untätigkeit versucht werden, so wirkt der Heilige Geist auf uns ein; Er ist der Sporn, der uns stachelt, uns weckt, der uns aufmuntert und antreibt.

Die Tätigkeit des Heiligen Geistes wird uns bekannt aus den Wirkungen, welche sie hervor bringt. Betrachte den Weg, den dieser oder jener bekehrte Sünder, diese oder jene Frau, welche sich entschlossen hat, christlich zu werden, in sechs Monaten durchlaufen hat, nachdem sie zehn oder zwanzig Jahre in der Zerstreuung der Weltlust verloren hatte! Haben diese Seelen nicht den mächtigen Ermahnungen des Heiligen Geistes, dessen Sporn sich fühlbar machte, die Fortschritte zu verdanken, welche sie in so kurzer Zeit gemacht haben? O, wozu wäre doch ein Christ fähig, der auf die inneren Einsprechungen des heiligen Geistes hören wollte!

Zuweilen ist eine träge Seele langsam auf den Wegen Gottes: o möge sie doch ihre Zuflucht zum Heiligen Geist nehmen, möge sie Ihn inständig anrufen! Der Heilige Geist wird kommen, Er wird die Seele mit Gewalt antreiben, Er wird sie zum Guten, zur Glaubenstreue, zum Eifer anregen -: und diese Seele, die lange gleichgültig und fast regungslos war, wird Jene in Erstaunen setzen, welche sie kennen und ihren schnellen Schritt auf dem Wege zur Vollkommenheit sehen. Schaue hin auf die Apostel nach dem Pfingstfest! Welch` eine bewegende Kraft in jenen Seelen, die gestern noch so langsam waren zum Glauben und zum Handeln! Welche Tätigkeit! Welche unzählige Arbeiten! Sollte man in ihnen dieselben Menschen wiedersehen, welche im Garten Gethsemani einschliefen, und welche es nicht wagten, dem Kalvarienberg sich zu nahen? –

Die Vernachlässigung des Heiligen Geistes

Ach, eine große Zahl armer Seelen haben aufgehört zu gehen, zu arbeiten, zu kämpfen; ja vielleicht haben manche nie damit angefangen. Wo ist die Ursache dieses Übels zu suchen? Muss man es nicht dem Umstand zuschreiben, daß sie sich vom heiligen Geist entfernten? Man hört nicht mehr Seine Mahnrufe, man merkt nicht mehr Seine heimliche Anregung, welche man ehedem kannte: Alles ist still in unserm Herzen. Verläßt der Heilige Geist aber gerne eine Seele, nachdem Er sie erfüllt hat? Nein, ganz gewiß nie und nimmer! Der wahre Sachverhalt ist der, daß der Heilige Geist vernachlässigt wurde, daß Seine Ermahnungen zunächst mit Gleichgültigkeit und dann mit Trübsinn aufgenommen wurden; man fand dieselben ungelegen, man hat sie verachtet. Die inneren Anregungen haben die Eigenliebe verletzt, die sich bald mit der Sinnlichkeit verband und unter ihren dichten Dünsten die göttliche Flamme, welche die Seele erleuchtete, auslöschte; der Heilige Geist ward hinaus gewiesen wie ein lästiger, zänkischer Gast, dessen Vorstellungen nicht ertragen werden konnten. Das ist die Geschichte vieler frommen Leute, die ihrem eigenen Geist überlassen sind, und für welche der Heilige Geist nur mehr ein verhaßter Fremdling ist, den man sich wohl fern zu halten versteht. Unglückliche Seelen, aller Querwege eurer angeblichen Frömmigkeit bezeugen die Richtigkeit meiner Behauptung: nein, ihr werdet nicht mehr aufgemuntert, angetrieben, angeregt und geführt vom Heiligen Geist; ihr wollt Ihn nicht mehr; auch sind eure Werke nichts weiter als tote Werke! –

Anmutung

Mein Gott, wenn ich eine dieser Seelen wäre, so würde ich vor Schmerz hinschwinden, da ich hier mein Abbild sähe. Doch nein, o Herr: ich würde einen solchen Schmerz in meiner Seele nicht ertragen, ohne mich der festen Hoffnung hinzugeben, aus diesem Zustand heraus zu kommen. Ich weiß ja, daß der Heilige Geist zurück kommt, wenn man Ihn nur anruft, und das will ich tun! Ich werde jeden Augenblick gen Himmel schreien, und der Himmel wird sich für mich öffnen, und der Heilige Geist wird von Neuem hernieder steigen in mein Herz, das ich Ihm übergeben, Ihm ganz und gar überlassen will, damit Er es gleichsam mit Gewalt auf den Weg der Vollkommenheit dränge, da ich weiß, daß der Herr mich auf diesen Weg ruft!

Dritter Punkt

Der Heilige Geist wird der gläubigen Seele verliehen als Quelle süßer Freude

Es ist ein verderblicher Irrtum, zu glauben, daß, wenn man den guten Weg einschlägt, wenn man aufrichtig das Gute nach dem Geist des Evangeliums üben will, man dann befreit werde von Versuchungen, von Zweifeln, von Ängstlichkeiten, von inneren Strafen, die geeignet sind in der Seele eine große Bitterkeit hervor zu rufen und selbst zu unterhalten. Ach, leider ist der vollkommene Friede, die Freude ohne Beimischung von Traurigkeit, nur für den Himmel bestimmt! Fragen wir den hl. Paulus, was er in seinem Herzen gelitten. Ihn, der so oft von seinen Trübnissen und seinem beständigen Schmerz spricht. „Continuus dolor cordi meo – Beständiger Schmerz ist in meinem Herzen.“ (1) Aber derselbe Apostel nennt Gott „den Tröster der Demütigen, der Kleinen“. (2) nun kennen wir diesen göttlichen Tröster, Jesus Christus hat uns Ihn angekündigt, es ist der Heilige Geist.

Die feierlichen Bittgebete der Kirche

Hören wir die Kirche, wenn sie ihre feierlichen Bittgebete an den heiligen Geist richtet! Sie ruft Ihn an mit flehentlicher Stimme, und nennt Ihn „Vater der Armen“, „Gnadenspender“, „Licht der Herzen“, „allerbesten Tröster“; den „süßen, liebenswürdigen Gast unserer Seele“, „ihr Labsal“, ihre „Ruhe“, ihre „Linderung in den Tränen.“ Du bist es – so sagt die Kirche stets zum Heiligen Geist – Du bist es, der unsere Seelen wäscht, der sie rein macht; Du, das wahre Licht der Herzen, bist es, der die krummen Wege gerade macht, der biegsam macht die Seele, so Dir Widerstand entgegen setzt; Du bist es, der das heilsame Wasser, den erfrischenden Tau auf unsere trockene und dürre Seele ausgießt! (3)
Wenn ich jetzt all` jene kostbaren Worte und jenen großen Ausspruch Jesu Christi „Ich werde euch einen andern Tröster senden“, ins Auge fasse, so muss ich in dieser Sprache der Kirche notwendig die Erklärung des Wortes des göttlichen Heilandes erblicken.

Der hl. Bernhard sagte bei Behandlung dieses Gegenstandes zu seinen Religiosen: „Der Heilige Geist ist für uns das Unterpfand des Heiles, das Licht der Wissenschaft, und die Macht, welche das Leben verleiht. Er macht Alles möglich, was ohne Ihn nicht möglich wäre!“

O wie viele Tränen trocknet der Heilige Geist tagtäglich? Wie viele Schmerzen lindert Er! Wie viele Seelen, die gestern noch trostlos waren, verdanken Ihm heute Ströme reiner Wonne! Der hl. Paulus, der so nachdrücklich von seinen beständigen Prüfungen gesprochen, äußert sich mit derselben Beredsamkeit über die Freude, die der Heilige Geist im Übermaß in seine Seele ergossen. (4) Die Kirche sagt uns auch, daß der Heilige Geist eine geistige Salbung für alle Herzen ist, Er heilt ihre Wunden und macht den Bitterkeiten ein Ende. (5)

Wer kann erzählen von all` den Herzensstürmen, die täglich durch den Heiligen Geist beschwichtigt werden? Ein Lichtstrahl, ein Fünklein jenes göttlichen Feuers, dessen ewiger Herd der Heilige Geist ist, ein Tropfen jenes lebendigen Wassers, dessen göttlicher Behälter Er ist, genügt der betrübten, traurigen, entmutigten, niedergeschlagenen Seele, um sie mutig, energisch und zu Allem fähig zu machen auf dem Gebiet der Heiligkeit! –

Anmutung:

O, wie sind sie zu beklagen, jene armen lieben Seelen, welche den Heiligen Geist nicht kennen, die niemals mit Ihm reden, die allein leben, ohne diesen göttlichen Gast, dessen Gegenwart alle Arten von Gütern verleiht! O, könnten sie doch einmal ihr tiefes Elend begreifen, o mögen sie doch den Heiligen Geist recht kennen lernen! Dann werden sie Ihn anrufen, werden auf Ihn all` ihre Wünsche richten, und bald werden sie die Wahrheit der Verheißung Jesu Christi erfahren: „Mein Vater wird euch einen andern Tröster senden!“ – –

Anmerkungen zu: Der Heilige Geist wird der gläubigen Seele verliehen

(1) Vgl. Röm. 9, 1-2: „Ich sage die Wahrheit in Christo, ich lüge nicht; mein Gewissen gibt mir Zeugnis im Heiligen Geist: daß ich große Trauer und beständigen Schmerz in meinem Herzen trage.“
(2) Vgl. 2. Kor. 7, 6: „Der aber, welcher die Demütigen tröstet, Gott, tröstete uns durch die Ankunft des Titus.
(3) Vgl. die Sequenz „Veni Sancte Spiritus“
(4) Vgl. Röm. 14, 17: „Das Reich Gottes ist nicht Speise und Trank, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen Geist.“ – 2. Kor. 7, 4: „Erfüllt bin ich mit Trost, überschwänglich reich an Freude in all` unserer Trübsal.“ – Phil. 1, 7: „Ich trage euch im Herzen, da ihr sowohl in meinen Banden, als auch in der Verteidigung und Befestigung des Evangeliums insgesamt Mitgenossen meiner Freude seid.“ – Thess. 1, 6: „Ihr seid unsere und Gottes Nachahmer geworden, indem ihr das Wort in großer Drangsal annahmet mit Freude des Heiligen Geistes.“
(5) Vgl. „Veni Sancte Spiritus“.

aus: F. X. Coulin, Apostol. Missionar und Ehrendomherr von Marseille, Der Heilige Geist Betrachtungen, 1881, S. 218 – S. 233

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