Zweck der Herabsendung des Heiligen Geistes

Komm heiliger Geist erfülle die Herzen deiner Gläubigen, das ist der Spruch auf der mit Pflanzen geschmückten Bild; in der Mitte ist der Heilige Geist als Taube dargestellt, von sieben Feuerflammen umgeben

Zweite Betrachtung

Der Zweck der Herabsendung des Heiligen Geistes

Gottes Versprechen an die Welt

Die Verheißung im Alten Bund

Der liebe Gott hatte der Welt versprochen, ihr den heiligen Geist zu senden, wie Er auch versprochen, den Messias zu senden. Man sieht nicht genug auf den Zusammenhang dieser beiden Verheißungen, welche doch bei allen Propheten des Alten Bundes vorkommen. Bald ist es Isaias, der im Namen Gottes redet und uns sagt: „Ich werde Meinen Geist über deine Nachkommen ausgießen“ (1); bald hören wir Ezechiel ausrufen: „Ich werde Meinen Geist in euer Inneres legen.“ (2) Dann sagt Joel uns: „Ich werde Meinen Geist ausgießen über alles Fleisch.“ (3) Schließlich verkündet der Vorläufer des Messias allem Volke, daß derjenige, welcher kommen soll, mit Heiligem Geist taufen werde (4).
Unser Herr und Heiland Jesus Christus hat Seiner Kirche den Heiligen Geist feierlich verheißen; um sich hiervon zu überzeugen, genügt es, im Johannes-Evangelium die wundervolle Rede zu lesen, welche der Heiland an Seine Apostel richtete, bevor Er die Welt verließ, um zu Seinem Vater zurückzukehren (5).

Welches war nun der Zweck dieser Sendung?

Warum sollte der Heilige Geist den Menschen verliehen und mitgeteilt werden?

Das ist leicht zu wissen; man braucht sich dazu nur die Worte des göttlichen Heilandes selbst ins Gedächtnis zurück zu rufen.
Jesus Christus nennt den Heiligen Geist einen Geist der Wahrheit. Als Lehrer also wird der Heilige Geist in die Welt kommen. Ohne Zweifel war der Heiland Selbst die „Wahrheit“ (6), das „wahre Licht, so jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt“ (7). Aber „dieses Licht leuchtete in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen“ (8). Die Sünde hatte den Menschen blind gemacht, und so konnte er aus sich selbst das göttliche Licht nicht sehen. Seine Augen waren geschlossen, es bedurfte eines Wunders der unendlichen Barmherzigkeit, um sie zu öffnen. Dieses Wunder ward dem Heiligen vorbehalten.

„Der Geist, den Mein Vater euch senden wird, ist der Geist der Wahrheit: Er wird euch Alles lehren, Er wird Er wird euch Alles erklären, was Ich euch gesagt habe!“ So redete Jesus Christus zu den Menschen, und der Heilige Geist, welcher der Lehrer der Seelen ist, erklärt ihnen den tiefen Sinn dieser „Worte ewigen Lebens“ (9), die da geflossen sind aus dem Munde eines Gottes. Ohne den Heiligen Geist ist das Evangelium ein verschlossenes Buch, sind die Reden Jesu Christi unverständlich.

Der Heilige Geist, sagt der Heiland weiter, wird Zeugnis ablegen für Mich: dadurch wird Er die Welt überzeugen von der Sünde, Er wird sie überzeugen von der Gerechtigkeit und vom Gericht.
Indem der Heilige Geist den Menschen die unumstößliche Wahrheit der Gottheit Jesu Christi aufdeckt, überzeugt Er die Welt von der Sünde, welche die Juden dadurch begingen, daß sie den Messias nicht anerkannten; von der Sünde, welche die Ungläubigen und Gottlosen aller Jahrhunderte unaufhörlich begingen, indem sie sich erhoben gegen so wunderbare und so handgreifliche Beweise für die Gottheit Jesu Christi.

Indem der Heilige Geist die Menschen erleuchtet, überzeugt Er die Welt von der Falschheit ihrer Lehren und ihrer Moral; Er wird sie überzeugen von ihrer Ungerechtigkeit, von ihrer Hartnäckigkeit, das Evangelium von sich zu stoßen, von der Ungerechtigkeit der Urteile, die sie fällt über das Gute und Böse; von der Ungerechtigkeit ihres Verhaltens in Rücksicht auf die Heiligen und die Freunde Gottes. Er wird sie überzeugen von der Gerechtigkeit, der Reinheit und Erhabenheit des Evangeliums: und während Jesus Christus nach Seiner Auffahrt in den Himmel nicht mehr sichtbar auf Erden ist, wird der Heilige Geist die Menschen leiten und sie auf unfehlbare Weise lehren, stets den Gerechten und den Ungerechten, das Wahre und das Falsche, Gutes und Böses zu unterscheiden.

Der Heilige Geist wird die Menschen überzeugen von dem feierlichen Gericht, das verkündet ward, und das die Welt nicht hörte – der Verdammnis des Teufels, des Fürsten dieser Welt – durch die Aufopferung Jesu Christi. Alsdann wird der Mensch seine Befreiung zu würdigen wissen; die Lehre Jesu Christi wird die Welt erobern; die Heiden werden dieselbe mit Dank annehmen; die Götzentempel werden gestürzt, die Märtyrer, alten Irrtümern abschwörend, werden Blut und Leben für Jesus Christus hingeben, und alle Völker werden den Richterspruch anerkennen, der über den Fürsten dieser Welt ergangen ist.

Der Heilige Geist als Tröster

Der liebe Gott sendet den Menschen den Heiligen Geist als Tröster. Dieses Versprechen macht der göttliche Meister Seinen Jüngern, als Er sie tief betrübt sieht wegen Seines baldigen Hinganges: „Ich werde Meinen Vater bitten, und einen andern Tröster wird Er euch geben, auf daß Er immer bei euch bleibe!“
Der Heilige Geist tröstet die gläubigen Seelen; Er flößt jenes so süße Gefühl des Vertrauens und der kindlichen Liebe ein, das den Menschen treibt, den lieben Gott anzureden: „Mein Vater!“ … Der Heilige Geist tröstet die Gerechten, indem Er ihnen die Eitelkeit der Güter und Freuden aufdeckt, deren sie beraubt werden, und die Dauerhaftigkeit der Güter, die da kommen sollen. Er tröstet sie, indem Er in ihrer Seele jene himmlische Süßigkeit der göttlichen Liebe ausgießt, welche nur noch die unaussprechlichen Tröstungen des Dienstes Gottes schätzt.
Endlich ist der Heilige Geist der Welt gesandt als ein übernatürliches Feuer, das dazu bestimmt ist, die Herzen zu entzünden. Jesus Christus hatte gesagt: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und was anders will Ich, als daß es brenne?“ (10) Und nun lehrt uns der hl. Paulus, daß dieses göttliche Feuer in unser Herz ausgegossen ist durch den Heiligen Geist (11). Es ist also der Heilige Geist, der gesandt werden wird, die Kirche zu entzünden, und die Herzen Seiner Kinder mit einer unermeßlichen Liebe zu Jesus Christus zu entflammen.

Anmutung

Wer begreift heute vollkommen all´ die Güter, die er vom Heiligen Geist erwarten kann! O Herr, ich wünschte, daß ich sie begriffe! Ja, ich will und wünsche und bitte Dich mit einem tiefen Gefühl meiner Unwürdigkeit um die Gnade, über Alles hoch zu achten die geistigen Schätze, die der Heilige Geist in meine Seele auszugießen versprochen hat!

Anmerkungen zu: Gottes Versprechen an die Welt

(1) Is. 44,3
(2) Ezech.36,27
(3) Joel 2,28
(4) Vgl. Matth. 3,11 „Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommen wird, ist stärker als ich, Er, dessen Schuhe zu tragen ich nicht würdig bin: Dieser wird euch taufen mit Heiligem Geist und mit Feuer!“
(5) Vgl. Joh. 14,15-17: „Wenn ihr Mich liebet, so haltet Meine Gebote! Und Ich werde den Vater bitten, und einen andern Tröster wird Er euch geben, damit Er bei euch bleibe in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie Ihn nicht sieht und Ihn nicht kennt. Ihr aber werdet Ihn kennen, denn bei euch wird Er bleiben und in euch wird Er sein!“ – 14,25-26: „Dieses habe Ich euch gesagt, da Ich noch bei euch weile. Der Tröster aber, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in Meinem Namen, Der wird euch Alles lehren, und euch Alles in Erinnerung bringen, was Ich euch gesagt habe.“ – 15,26: „Wenn der Tröster kommen wird, den Ich euch senden werde vom Vater, den Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, so wird Er Zeugnis geben von Mir.“ – 16,5-15: „Jetzt gehe Ich hin zu Dem, der Mich gesandt hat, und niemand von euch fragst Mich: Wo gehst Du hin? Sondern weil Ich dies zu euch gesagt habe, hat die Traurigkeit euer Herz erfüllt. Doch ich sage euch die Wahrheit: es ist euch gut, daß Ich weg gehe; denn wenn Ich nicht weg gehe, so wird der Tröster nicht zu euch kommen; wenn Ich aber weg gehe, so werde Ich Ihn zu euch senden. Und wenn Derselbe kommt, so wird Er die Welt überzeugen von der Sünde, von der Gerechtigkeit und von dem Gerichte: von der Sünde, weil sie nicht an Mich geglaubt haben; von der Gerechtigkeit, weil ich zum Vater gehe, und ihr Mich nicht mehr sehen werdet; von dem Gerichte endlich, weil der Fürst dieser Welt schon gerichtet ist. Noch vieles habe Ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener Geist der Wahrheit kommen wird, so wird Er euch die ganze Wahrheit lehren; denn Er wird nicht reden von Sich Selbst: sondern Alles, was Er hört, das wird Er reden, und das zukünftige wird Er euch verkünden. Er wird Mich verherrlichen, denn von dem Meinigen wird Er nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, ist Mein. Darum habe Ich gesagt: von dem Meinigen wird Er nehmen und euch verkündigen!“
(6) Vgl. Joh. 14,6: „Jesus sprach zu ihm (Thomas): „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“
(7) Joh. 1,9:Erat lux vera, quae illuminat omnem hominem venientem in hunc mundum.
(8) Joh. 1,5: Et lux in tenebris lucet, et tenebrae eam non comprehenderunt.
(9) Vgl. Joh. 6,69: „Es antwortete Ihm aber Simon Petrus: Herr, zu wem sollen wir gehen? Worte ewigen Lebens hast Du; und wir haben erkannt und geglaubt, daß Du bist Christus, der Sohn Gottes!“
(10) Luk. 12,49: Ignem veni mittere in terram: et quid volo, nisi ut accendatur?
(11) Röm. 5,5: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

 

Erster Punkt.

Der Heilige Geist ist der Ursprung des Lebens

Es gibt im Menschen ein zweifaches Leben: das eine ist ihm gemeinsam mit den vernunftlosen Tieren; das andere ist übernatürlich, und ist ihm gemein mit den Engeln, mit allen Geistern, die verbunden sind mit Gott, der ihr Mittelpunkt und gleichsam der Ort ist, wo sie weilen, nach dem Ausspruch eines christlichen Philosophen: „Gott ist der Ort der Geister.“ (1)
Dieses übernatürliche Leben, das Leben der Gnade, das gleichsam eine Teilnahme am Leben Gottes ist, hat der Mensch durch die Sünde verloren; wie ein Wandelstern, der seine Bahn verlassen, irrt er einher fern vom Wege, den der Wille seines Schöpfers ihm vorgezeichnet.
Wer wird den Menschen auf diesen Weg zurücklenken? Wer wird bewirken, daß er ein Leben führt, das ihm geziemt, das einzige „Leben“, das diesen Namen verdient, während jedes andere Leben mit Recht ein Tod genannt wird?
Der hl. Paulus zeigt uns in seinem herrlichen Briefe an die Römer den Heiligen Geist, den Geist Gottes, als alleinigen Urheber jenes Lebens, das uns Jesus Christus durch Vergießung Seines Blutes verdient hat (2).
Der Mensch wird auferweckt, er kommt vom Tode zum Leben; in dem Augenblicke, da er in das Taufwasser eingetaucht wird, steigt der Heilige Geist vom Himmel hernieder, um im Menschen Seine Wohnung aufzuschlagen.
Ebenso wie die Sünde und die Begierlichkeit in uns die Ursache des Todes sind, so wird der Heilige Geist der Ursprung und Urheber des Lebens; Er ist die Quelle dieses übernatürlichen, geistigen, göttlichen Lebens, das uns zu Kindern Gottes macht: Er gibt dieses Leben, Er teilt es mit, Er unterhält es, Er bewahrt und vermehrt dasselbe. Derjenige, welcher den Heiligen Geist in seiner Seele auslöscht, löscht eben dadurch den Atem, den Lebensgeist aus: er ist in einen Zustand des Todes versetzt. Daraus muss man den Schluß ziehen, daß der Gläubige den Heiligen Geist sein „Leben“, das „Leben seines Herzens“, das „Leben seiner Seele“ nennen soll.
Als Jesus Christus zu den Juden sagte, indem Er von den Seinigen sprach: „Ich bin gekommen, damit sie Leben haben, und überreichlich haben“ (3), da wollte Er ganz gewiß ihren Geist über dieses leiblich-sinnliche Leben erheben, mit dem leider gar viele Menschen sich begnügen.

Er ist gekommen, um in mir zu wohnen

In dem man aber das Leben empfängt, wird man notwendig ein Sohn dessen, der das Leben gibt; man wird erzeugt, man hat einen Vater. Wenn ich also das Leben vom Heiligen Geiste, vom Geiste Gottes empfange, muss ich zu gleicher Zeit einen Titel, einen Charakter, eine Eigenschaft erhalten, die mich unterscheidet von denen, so dieses Leben nicht haben. Diese Folgerung ist angedeutet worden vom hl. Paulus (4).

Als der große Apostel im Hinblick auf Jene, die durch die Taufe in einem neuen Leben wandeln, ausrief: „Ihr seid besiegelt in dem Heiligen Geiste“ (5), wollte er damit sagen: Indem der liebe Gott den Heiligen Geist in euch ausgoß, hat Er euch gleichsam mit Seinem Charakter und Seinem Siegel bezeichnet, um euch zu unterscheiden, um euch ein innerliches Erkenntnis-Zeichen zu geben, und durch dieses echte und feierliche Erkenntnis-Zeichen die Sicherheit, daß ihr Sein Erbe, Seine Familie seid!

Das Zeichen dieser Annahme an Kindesstatt setzt Gott in den Besitz der wieder geborenen Kreatur, und gibt zugleich dieser Kreatur ein unumstößliches Anrecht auf Gott in der Zeit und in der Ewigkeit.
Welch` eine Würde ist dem Menschen zugestanden! Welcher Ehrentitel! Welch` ein wunderbares Vorrecht! Und dieser Titel, diese Ehre, dieses Vorrecht der göttlichen Adoption, deren Siegel meinem Herzen aufgedrückt ist – wem verdanke ich sie? Wer hat mich so umgebildet? Wer hat mich aus dem Tode zurück gezogen, um durch eine wunderbare Auferstehung mich übergehen zu lassen in das übernatürliche und göttliche Leben der Kinder Gottes? Der Weltapostel lehrt es mich: Der Heilige Geist ist gekommen, um in mir zu wohnen!

Die Auferlegung großer Verpflichtungen

Es ist aber unmöglich, daß eine so wunderbare Wohltat mir nicht auch sehr große Verpflichtungen auferlegte. Bei Aufzählung der Gnaden, welche die Gläubigen von der göttlichen Barmherzigkeit empfangen haben, nennt der hl. Johannes besonders jene Salbung, durch die der Heilige Geist sie bezeichnet hat mit göttlichem Siegel; und sofort fügt Er hinzu: O, meine Kinder, „möge doch die Salbung, so ihr von Ihm empfangen, in euch bleiben!“ (6)
Ist nun diese Salbung nicht ausgelöscht bei sehr vielen Christen? Ist dieses Unglück nicht mir selbst zugestoßen? Das übernatürliche göttliche Leben, das in mir war – ist es nicht verschwunden? Ist es nicht wenigstens sehr geschwächt? Der hl. Paulus warnte die ersten Gläubigen, es nicht auszulöschen. „Hütet euch – schrieb er den Christen in Thessalonich – daß ihr den Heiligen Geist nicht auslöschet!“ (7)
Man löscht den Heiligen Geist aus durch lang fortgesetzte Treulosigkeit, durch Nachlässigkeit in den Beziehungen mit Gott, durch all zu viele Beschäftigung und all zu große Rücksichtnahme auf irdische Dinge, und durch die ungeordneten Wünsche nach den Geschöpfen.
Glücklich der Gläubige, welcher die Gabe Gottes zu schätzen weiß! Diese Gabe ist nichts anderes, als dieses ganz übernatürliche und ganz göttliche Leben, das uns mit Gott vereint, und uns eben dadurch zu Seinen in Gnaden angenommenen Kindern macht.

Anmutung

Ist es mit meinem Leben so bestellt? Befinde ich mich in diesem Zustande? Bin ich bezeichnet mit jenem göttlichen Siegel, welches der Heilige Geist jenen Seelen aufdrückt, die den lieben Gott angehören? Am hochheiligen Pfingstfest höre ich in der Präfation der heiligen Messe den Priester die Worte singen: „Der den versprochenen Heiligen Geist am heutigen Tage auf die Adoptivkinder ausgoß“ -: habe ich nun das Recht, mich zu freuen und auszurufen: Ich bin ein wahres, in Gnaden angenommenes Kind? –
Ganz gewiß werden heute Dankbarkeit und Liebe sich meines Herzens bemächtigen, wenn ich an all` dasjenige denke, was ich dem Heiligen Geist zu verdanken habe. Zugleich aber muss ich ernstlich mein Leben erforschen, um zu sehen, ob der Heilige Geist Urheber und Quelle aller meiner Urteile und aller Handlungen meines Willens ist.

Anmerkungen zu: Der Hl. Geist ist der Ursprung des Lebens

(1) Malebranche (†1715)
(2) Röm. 8,11
(3) Joh. 10,10
(4) Röm. 8,10-17: „Wenn Christus in euch ist, so ist der Lein zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber lebt um der Rechtfertigung willen. Wenn aber der Geist Dessen, der Jesum von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird Der, welcher Jesum Christum von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber beleben wegen Seines euch innewohnenden Geistes. Demnach, Brüder, sind wir nicht dem Fleisch verpflichtet, um nach dem Fleisch zu leben. Denn wenn ihr nach dem Fleische lebt, werdet ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die Werke des Fleisches ertötet, so werdet ihr leben. Denn Alle, welche vom Geist Gottes getrieben werden, die sind Kinder Gottes. Denn ihr habet nicht empfangen den Geist der Knechtschaft wiederum zur Furcht: sondern ihr habt empfangen den Geist der Kindschaft, in dem wir rufen: Abba – Vater! Denn der Geist Selbst gibt Zeugnis unserem Geiste, daß wir Kinder Gottes sind. Wenn aber Kinder, dann auch Erben: Erben Gottes und Miterben Christi, wenn anders wir mitleiden, damit wir auch mit verherrlicht werden.“
(5) Eph. 4,30: Et nolite contristare Spiritum Sanctum Dei, in quo signati estis in diem redemptionis!
(6) 1. Joh. 2,27: Et vos, uncionem quam accepistis ab eo, maneat in vobis.
(7) 1, Thess. 5,19: Spiritum nolite extinguere!

 

Zweiter Punkt

Er ist der Urheber des Handelns

Das Handeln unterstellt Leben; wer tot ist, wirkt nicht mehr: somit ist auch beim übernatürlichen Handeln, dem Wirken in der Ordnung des Heils, in der Ordnung Gottes, das übernatürliche, göttliche Leben vorauszusetzen. Nun gibt es aber ohne den Heiligen Geist kein übernatürliches, kein göttliches Leben mehr, da ja der Urheber dieses Lebens in unserm Innern ausgelöscht ist.
Aber worin besteht denn diese Tätigkeit, deren Urheber der Heilige Geist ist, jene übernatürliche und göttliche Bewegung, die Er der gläubigen Seele eindrückt? Diese Tätigkeit, diese Bewegung hat Gott zu ihrem Gegenstand; Er ist ihr Ziel und Ende. Sie besteht also in Gebet, Anbetung, Danksagung und allen Akten, durch die der menschliche Wille den lieben Gott sucht, erwirbt und bewahrt.
Aus uns selbst und mit unserm eigenen Geist sind wir arm und elend, so schwach und beschränkt, daß es uns unmöglich ist, uns aus dem Bereich der geschaffenen Dinge zu entfernen und bis zu Gott dem Herrn zu erheben. Der Gedanke ans Gebet, der erste und schwächste Wunsch zu beten ist schon eine Gnade, eine Eingebung Gottes: ohne diese Hilfe hätten wir nie den ersten Willens-Entschluss zum Beten.

Er steht unserer Schwachheit bei

O mein Gott, das ist eine demütigenden Wahrheit für uns, aber eine Wahrheit, die klar zu Tage liegt und gar keines Beweises bedarf; es ist eine Glaubens-Wahrheit! Trauriger Zustand, schreckliche Lage einer Seele, die sich selbst überlassen, die allein gelassen ist: „Vae soli – Wehe dem, der allein ist!“ (1) Diese Seele ist leblos, sie ist tot!
Doch siehe da, der Weltapostel tröstet mich, indem er sagt, daß dieses äußerste Elend, diese demütigende Schwäche eine mächtige, wirksame Stütze findet im heiligen Geist: „Der Geist steht unserer Schwachheit bei; denn um was wir beten sollen, wie es sich gebührt, wissen wir nicht; aber der Geist Selbst fürbittet für uns mit unaussprechlichen Seufzern.“ (2)
Der Heilige Geist gibt uns den Gedanken und den Wunsch zu beten ein; Er lehrt uns, was wir zum lieben Gott sagen sollen, wie wir mit ihm reden sollen. Er macht uns beredt vor dem Richterstuhl der göttlichen Barmherzigkeit; Er macht uns fähig, den lieben Gott in unser Herz herab zu ziehen durch unsere Sprache. O göttliche, o wunderbare Beredsamkeit! Nun ist der Heilige Geist aber nicht den gelehrten und geistreichen Menschen versprochen, sondern den Kleinen und Demütigen, allen denen, die ihre Ohnmacht und ihr Elend eingestehen.

Er ergreift unsere Seele

Der Heilige Geist begnügt Sich nicht damit, uns beten zu lehren, wie ein Meister und ein Lehrer, der uns fremd ist, und dessen Vorschriften und Ratschläge kaum verstanden werden. Nein, gewiß nicht! Der Heilige Geist, der in unserm Herzen wie in Seinem Tempel, in Seinem Heiligtum wohnt, ergreift unsere Seele und macht sie dem lieben Gott zugeneigt. Noch mehr: Er vereinigt Sich so mit ihr, daß Er es übernimmt, im Verein mit ihr zu beten, Gott anzubeten und zu loben, oder vielmehr, Er macht, daß unsere Seele betet durch Ihn und mit Ihm. Daraus ergibt sich eine der tröstlichsten Wahrheiten für uns, daß nämlich alle Handlungen, die wir auf übernatürlichem Gebiet verrichten, ebenso gut wie sie unsere eigenen Handlungen sind, zugleich auch Handlungen des Heiligen Geistes sind.

Das ist die wunderbare Lehre, welche der Weltapostel den ersten Gläubigen vortrug, als Er zu ihnen sprach: „Gott sandte den Geist Seines Sohnes in eure Herzen, der da ruft: Abba, Vater!“ (3)
So richtet der Heilige Geist dasselbe Gebet, welches der göttliche Heiland Jesus Christus auf dem Kalvarienberg für die große menschliche Familie an Seinen himmlischen Vater richtete, durch unser Herz, dessen Er Sich bemächtigt, beständig an den himmlischen Vater. O nein, ohne den Heiligen Geist würde nie ein Mensch mit diesem süßen Gefühl des Vertrauens und der Liebe zu Gott sagen können: „Abba, Vater!“
Man muss also erkennen, es gibt keine übernatürliche und göttliche Handlung im Menschen, die nicht durch den Heiligen Geist zu Stande kommt.

Er rührt unsere Seele

Der Heilige Geist klärt die Seele auf über ihren Zustand, über ihre Bedürfnisse. Er belehrt sie über die Größe, die Macht und Güte Gottes. Der Heilige Geist rührt die Seele, regt sie an, erhebt sie zu dem allerhöchsten Gute, das da ist der liebe Gott. Der Heilige Geist erwärmt das Herz durch die göttliche Glut der heiligen Wünsche. Durch diesen unmittelbaren und ganz innerlichen Einfluß auf uns befähigt uns aber der Heilige Geist zum Handeln und veranlaßt Er uns wirklich zu handeln in der übernatürlichen und göttlichen Ordnung.
Hieraus ergibt sich, daß jede gute und verdienstliche Handlung, die Gottes und einer übernatürlichen Belohnung würdig ist, vom Heiligen Geist kommt und Ihm zugeschrieben werden muss. Ohne de Heiligen Geist tue ich also nichts und kann ich nichts tun für den Himmel. Je mehr ich also mit dem Heiligen Geist Freund bin, je mehr mit Ihm vereint ich lebe, desto mehr werde ich auch mit Erfolg arbeiten zur Ehre Gottes und zum Heil meiner Seele.

Anmutung

O komm, komm doch in mich, göttlicher Geist, Geist des Lichtes, der Heiligkeit, der Stärke und der Liebe! Komm und verbinde dich so fest mit meinem Herzen, daß es nie schlägt ohne Dich, daß Du allein der einzige Urgrund seiner Bewegungen bist, auf daß stets der leibe sein Ziel und Ende sei! Amen.

Anmerkungen zu: Er ist der Urheber des Handelns

(1) Ekkles. 4,10
(2) Röm. 8,26
(3) Gal. 4,6

 

Dritter Punkt

Der Heilige Geist ist das Unterpfand des ewigen Lebens

Der hl. Paulus nennt den Heiligen Geist „das Unterpfand unserer Erbschaft“ (1).
Man gebraucht den Ausdruck „Unterpfand“ zur Bezeichnung eines Teiles des Preises, den man zur Erwerbung eines Gegenstandes zu geben verspricht. Dieser Teil des Preises ist das „Unterpfand“, die Versicherung, daß man später das Ganze geben werde. Man gebraucht auch zur Bezeichnung eines Wertgegenstandes, den man Jemanden gibt zur Versicherung eines mündlichen Versprechens, das man macht, daß man dasselbe nach bestimmter Weise halten werde.

Dieser Name ist vom Apostel dem Heiligen Geist beigelegt, weil die inneren Gaben, die uns der Geist Gottes mitteilt, ebenso wie die äußeren Gaben, die Er der Kirche mitteilt, ein Teil und ein Vorgeschmack der ewigen Seligkeit sind, die der liebe Gott Seinen Auserwählten verspricht. Eben darum fügt der hl. Paulus hinzu, daß dieses kostbare und göttliche Unterpfand uns gegeben ist, damit wir dasselbe bewahren bis zur vollkommenen Erlösung des Volkes, welches „die Erbschaft“ Jesu Christi ist – „zum Lobe Seiner Herrlichkeit“ (2).

Die durch Jesus Christus gemachte Erwerbung eines Volkes, welches dazu bestimmt war, Ihn ewig zu loben, beginnt mit der Befreiung dieses Volkes, als es aus der Sklaverei des Teufels überging in die Freiheit der Kinder Gottes. Die auf diese Weise begonnene Erwerbung wird vollendet werden, wenn dereinst im seligen Himmel dasselbe Volk, von allen Arten von Übeln befreit, in den Besitz einer ewigen Glorie gesetzt ist.
In der heiligen Taufe haben wir die Gnade empfangen; diese Gnade gibt uns ein unbestreitbares Recht auf das ewige Leben, welches ist das Erbe Gottes, unseres Vaters; aber zu gleicher Zeit ward uns der Heilige Geist gegeben als Unterpfand dieses Versprechens, als ein Teil dieser herrlichen Belohnung, welche der ganze Preis für unsere Treue sein wird.

Anmutung

O unaussprechliche Güte Gottes! Er hat Sich nicht damit begnügt, mich als Sein Kind anzunehmen, mich zu bezeichnen mit einem göttlichen Siegel, das mich unterscheidet und trennt von den Ungläubigen, den Heiden und allen Kindern des Zornes; mit einem ganz himmlischen Siegel, das mich kenntlich macht als Sein Eigentum, Sein Erbe, als ein Schäflein Seiner Herde, als ein Kind Seiner Familie, ein Glied Seiner Gesellschaft, deren Haupt Er ist -: nachdem Er mich so geweiht und geheiligt, wollte Er noch, um meine Hoffnung zu stärken, um gewissermaßen meinen eigenen Augen mein Heil sicher zu machen, mir den Heiligen Geist geben als Unterpfand für Seine Versprechen, als Pfand für meine künftige Glorie. Und der Heilige Geist kam in mein Herz und will in demselben Seinen Tempel errichten; Er wohnt darin, Er hat darin Seinen beständigen Aufenthalt, bis daß Gott der Herr Sein Versprechen erfüllt hat dadurch, daß Er meine Treue krönt mit unendlicher Ehre, mit einer Glorie, die erhaben ist über Alles, was der Menschengeist Wunderbares zu begreifen im Stande ist.

Er schenkt sich für den Ruhm Christi

Aber es ist wichtig, daß ich weiß, welches das Endziel ist, das der liebe Gott Sich vorgesteckt, als Er mir ein so großes Gut gewährte.
Dieses des großen Gottes würdige Endziel ist die Glorie und der Ruhm Jesu Christi die ganze Ewigkeit hindurch.
Wenn Jesus Christus Sich dem Menschen geschenkt hat, damit der Mensch Gott erkenne und liebe auf eine Weise, die Gottes würdig ist, so wird auch der Heilige Geist Sich den Kindern Gottes schenken im Interesse und für den Ruhm Jesu Christi. Wehe dem Menschen, der diesen Ruhm Jesu Christi nicht will! Jesus Christus ist der herrliche Lohn, der uns im Himmel erwartet. Ihn ewig zu sehen und zu schauen, Ihn zu loben und zu preisen dafür, daß wir durch Ihn Gott den Herrn kennen gelernt haben und Seine Kinder geworden sind: Das ist unsere Bestimmung, wenn wir das Glück haben, unter die Zahl Seiner Auserwählten gerechnet zu werden!
Damit wir zu diesem ersehnenswerten Ziel gelangen, wird uns der Heilige Geist gegeben. Er kommt in unser Herz, um uns abzusondern von der Menge der Verworfenen, und uns heilig und gottgeweiht zu machen; Er kommt, um in uns zu wohnen als ein unfehlbares Unterpfand der Treue, mit welcher uns der liebe Gott dereinst den Tag der Glorie schenkt, den Er uns versprochen.

Anmutung

O, wie liebe ich den Heiligen Geist, wenn ich Ihn in mir betrachte als einen Vorgeschmack des Himmels, als ein göttliches Unterpfand für die Verheißungen Gottes und der ewigen Seligkeit! Ich fühle es, meine Verehrung gegen den Heiligen Geist wird sehr groß werden; ich werde Ihn unaufhörlich anrufen, werde Ihn verehren mit einer großen Lebhaftigkeit von Gefühlen, werde Seine Gnaden bewahren, werde mich bemühen, sie in mir zu mehren durch die gewissenhaftesten Treue bei den geringsten Einsprechungen der Gnade!

Anmerkungen zu: Der Hl. Geist ist das Unterpfand des ewigen Lebens

(1) Eph. 1,14
(2) ebd.

aus: F. X. Coulin, Apostol. Missionar und Ehrendomherr von Marseille, Der Heilige Geist Betrachtungen, 1881, S. 24 – S. 44

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