Das Leben durch den Heiligen Geist

Achte Betrachtung

Leben durch den Heiligen Geist

Der Hl. Paulus über weltliches und geistliches Leben

Der hl. Apostel Paulus enthüllt uns in seinem wunderbaren Brief an die Römer die erhabensten Geheimnisse jenes geistlichen Lebens, welches der Heilige Geist der Seele der Gerechten mitteilt, und das sich wesentlich vom weltlichen Leben unterscheidet. Hören wir den Lehrer der Völker:
„Brüder“, – so schreibt er – „wir sind nicht dem Fleische verpflichtet, um nach dem Fleische zu leben. Denn wenn ihr nach dem Fleische lebt, werdet ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die Werke des Fleisches des Fleisches ertötet, werdet ihr leben!“ (1)
Und in seinem Brief an die Galater sagt er: „Das Fleisch begehrt gegen den Geist, der Geist aber gegen das Fleisch: denn diese widerstreben einander, daß ihr nicht das tut, was ihr etwa wollt.“ (2) „Diejenigen, welche Christo angehören, haben ihr Fleisch gekreuzigt mit den Leidenschaften und Begierden. Wenn wir im Geiste leben, wollen wir auch im Geiste wandeln!“ –
Diese Lehrsätze sind so klar, daß es beinahe überflüssig ist, sie noch auszulegen.
Nach der Lehre des Apostels ist es offenbar, daß unsere durch die Sünde entartete Natur ihre Zuneigung den geschaffenen Dingen zuwendet und ihre Glückseligkeit in dem Genuss der sinnlichen Güter sucht. Selbst nachdem wir durch die heilige Taufe wieder geboren sind, haben wir beständig gegen die Begierlichkeit und gegen die Leidenschaften zu kämpfen, da dieselben dem geist Gottes entgegen gesetzt sind.

Der schreckliche Zweikampf

So gibt es im Menschen zwei entgegen gesetzte Kräfte, die ihn zum Handeln veranlassen, und die all` seine Gemütsbewegungen in Tätigkeit bringen: die eine, welche ihn nach dem Himmel trägt, die andere, die ihn der Erde zugeneigt macht. Der Geist, welcher die Quelle der Reinheit und Unschuld ist, reißt ihn los von der Liebe zu den Geschöpfen und erhebt ihn zu seinem Schöpfer, indem er ihm reine und heilige Begierden und heilsame Gedanken einflößt; das Fleisch andererseits bindet ihn an die geschaffenen Güter, an die sinnlichen Dinge, und macht ihn zu ihrem Sklaven. Es flößt ihm nur niedrige und irdische Gedanken, unerlaubte und unordentliche Begierden ein, weil es durch seine eigene Natur ganz verdorben ist.

Dieser gefährliche Kampf dauert das ganze Leben hindurch. Man kann ihn nur durch die Gnade des Heilandes aushalten, da sie allein die notwendige Kraft verleiht, daß der Geist Sieger bleibt.
Der Weltapostel ruft aus: „Ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meiner Vernunft widerstreitet und mich gefangen gibt an das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich unseliger Mensch: wer wird mich erlösen aus dem Leibe dieses Todes? Die Gnade Gottes, durch Jesum Christum unsern Herrn!“ (3)
Glücklich die Seelen, welche diesen schrecklichen Zweikampf – wie die Kirche ihn nennt – kennen! Glücklich der Christ, dessen Herz der Schauplatz dieses harten Kampfes ist! Dies ist ein Beweis, daß der Geist Gottes in ihm ist, denn, sagt der hl. Augustinus, der Geist begehrt gegen das Fleisch in denjenigen, welche gut sind; da die Bösen diesen Geist verloren haben, hat die Begierlichkeit des Fleisches keinen Gegner mehr: dies ist der schreckliche Zustand, in welchem viele Christen leben, welche nicht mehr kämpfen, weil sie in Allem den bösen Begierden ihrer armen Natur folgen. Sie leben ruhig, d. h. ohne zu kämpfen; ihr Friede und ihre Ruhe sind nichts anderes als das Unterpfand der Hölle.

Der Entschluss für ein geistliches Leben

Was mich angeht, der ich mich heiligen will, so will ich auch diesen Kampf und nehme ihn an! Der Heilige Geist ist gekommen, Er hat mich versehen mit den Waffen, die notwendig sind, um gegen den Feind zu ziehen und seine Angriffe zu bestehen -: Hier bin ich, siehe, ich bin bereit! –
Der Heilige Geist also wird das Fleisch bekämpfen, und wenn das Fleisch mich angreift, so werde ich mich an ihm rächen, indem ich es ertöte, indem ich es kreuzige. Ich werde handeln wie der hl. Paulus, der „seinen Leib züchtigte und ihn in Dienstbarkeit brachte“. (4)

Der hl. Anselmus sagt bei Behandlung dieses Gegenstandes: „Die Begierlichkeit will mir nicht erlauben, das Gute zu tun, das ich gerne tun möchte; ich werde sie daran hindern, das Böse zu tun, welches sie will. Im Übrigen mag sie schreien, sie mag sich aufregen, ich habe keine Furcht, weil ich dem nicht zustimme, was sie wünscht!“
Der Entschluss ist also gefaßt, mein Leben wird ein geistliches Leben sein! O, wie gerne komme ich auf jenes Wort des hl. Paulus zurück: „Der Geist begehrt gegen das Fleisch!“ O kostbare Begierlichkeit! Ich werde sie anregen, sie hervorrufen, sie stets lebendiger machen, damit sie eine unumschränkte Herrschaft gewinne, und so der Geist das Fleisch gänzlich unterwerfe. Dieses bringt in den gerechten Seelen die Gegenwart des Geistes Gottes hervor.

Anmutung

Nein, ich bin nicht dem Fleische verpflichtet; es ist mein grimmigster Feind: all` seine Anstrengungen zielen darauf hin, mich zu verdammen für eine Ewigkeit. Es muss gehorchen dem Gesetz des Geistes, und ich werde seine unverschämten Empörungen zu züchtigen und zu strafen wissen! Dem Geist bin ich verpflichtet; ihm verdanke ich alle Güter der Gnade, er will mich zum Besitz eines unendlichen Gutes führen. Ich liebe ihn, ich gebe mich ihm hin; ich werde ein Leben des Geistes leben, indem ich stets das Wort des hl. Paulus mir gegenwärtig halte: „Alle, welche vom Geiste Gottes getrieben werden, die sind Kinder Gottes!“ (5)

Anmerkungen zu: Der Heilige Paulus über weltliches und geistliches Leben

(1) Röm. 8,12-13
(2) Gal. 5,16-17
(3) Röm. 7,23-25
(4) 1. Kor. 9,27: Castigo corpus meum, et in servitutem redigo, ne forte, cum aliis praedicaverim, ipse reprobus efficiar.
(5) Röm. 8, 14: Quicumque enim Spiritu Dei aguntur, ii sunt filii Dei.

 

Erster Punkt

Worin das geistliche Leben besteht

Befolgen wir stets die bewunderungswürdige Lehre des hl. Paulus: „Die, welche nach dem Fleische sind, sinnen auf das, was des Fleisches ist; die aber, welche nach dem Geiste sind, sinnen auf das, was des Geistes ist!“ (1)
Diese Worte müssen wir begreiflich machen, daß es sich bei der ganzen Lehre, welche ich jetzt betrachte, nicht um irgend welche spekulative Wahrheiten handelt, die man leicht als Lehre zulassen kann, während man sie in der Anwendung vergißt. Es handelt sich im Gegenteil um sehr bestimmte Dinge, welche auf meinen ganzen Wandel Bezug haben, und die den größten Einfluß auf alle Handlungen meines Lebens bis in ihre kleinsten Einzelheiten haben müssen.

Das Leben des Fleisches

Das Leben des Fleisches besteht nach den großen Lehrern, die den hl. Paulus erklärt haben, darin, daß man sich vor allem mit den Dingen der Erde beschäftigt, sie vorzugsweise liebt, ihnen mit leidenschaftlichem Ungestüm nachgeht, sich beständig mit ihnen nährt, und daß man seine Glückseligkeit in die Genüsse setzt, welche sie verschaffen. „Die fleischlich gesinnten Menschen, sagt ein gelehrter Erklärer des großen Apostels, suchen mit leidenschaftlichem Ungestüm die Güter dieser Welt, sie klatschen in die Hände, wenn sie dieselben sehen, sie umarmen sie mit Entzücken!“ –
Die Dinge des Fleisches, von denen der Apostel spricht, sind alle sichtbaren Gegenstände, die dem Fleische, d. h. der durch die Sünde verderbten Natur, angenehm sind.
Nach dieser Definition des „fleischlichen Menschen“, der nicht vom Geiste lebt und eben darum nicht unter die Kinder Gottes gezählt werden dürfte, verstehe ich, was man von der bei weitem größten Zahl der Christen denken muss, welche ich unter den Augen habe, besonders diejenigen, welche die großen Städte bewohnen. Entweder hat der hl. Paulus gelogen, oder – diese armen Christen sind keine Kinder Gottes mehr! –

Der geistliche Mensch

Es ist für mich aber von der äußersten Wichtigkeit, zu wissen, ob ich persönlich nichts zu befürchten habe. Darum muss ich ernstlich den Charakter des geistlichen Menschen untersuchen, welcher dem fleischlichen Menschen entgegen gesetzt ist.
Der geistliche Mensch ist derjenige, der nach dem wahren Reichtum strebt, nach den Gütern der Gnade, dem Besitz Gottes. Seine Gedanken sind im Himmel, seine Wünsche sind für den Himmel, sein Ehrgeiz findet keine anderen Grenzen als den Himmel.
Der geistliche Mensch weiß, daß er durch das Fleisch nach den Dingen der Zeit hingedrängt, und von seinem Ziel und Ende abgekehrt wird, welches der ewige Besitz Gottes ist. Somit fürchtet er das Fleisch, er scheut dessen Gelüste, verabscheut seine Ansprüche. Durch den Geist Gottes, der ihm mitgeteilt ward, will er herrschen über jenen Teil seines Wesens, der geschaffen ist, um zu gehorchen, und der das Joch nicht ertragen kann, das abzuwerfen er beständig bemüht ist.
Der geistliche Mensch möchte gewissermaßen aus seinem Leibe herausgehen und ihn nicht mehr fühlen; er betrachtet ihn als einen Sklaven, als ein unbändiges Tier, dessen wildes Wesen eine Gefahr für ihn ist. Er sagt sich selbst: „Mein Leib ist nicht mein Ich, ebenso wenig, wie jenes Gerät, als jenes Kleid mein Ich ist.“ Er weiß, daß eben dieser Leib nur ein Haus aus Erdenstaub ist, das der Zerstörung anheim fallen soll.
Der geistliche Mensch ist überzeugt, daß alles Sichtbare nur ein Scheinbild ist, eine Gestalt, ein Dunst, der bald verschwinden wird; daß es nur eitler Schein ist, und daß Sein und Wirklichkeit der Geist, Gott und die nach dem Bilde und Gleichnis Gottes geschaffene Seele sind. Er begreift, daß der Leib dereinst nur darum verherrlicht wird, weil er, so viel er es vermochte, die Eigenschaften des Geistes annahm, und daß er dann ein geistlicher Leib genannt werden wird.
Bei dieser Überzeugung bemüht sich der Gläubige, seinen Leib, so viel in seinen Kräften steht, geistig zu machen nach dem Beispiel der Heiligen, welche auf eine so erstaunliche Weise die Forderungen ihrer Sinne einschränkten.

Der Leib für den geistlichen Menschen

Der geistliche Mensch weiß recht wohl, daß der Leib für ihn eine wertvolle, sehr nützliche Maschine ist, ohne welche er hienieden nichts vermag, nicht einmal zu leiden zur Ehre Jesu Christi. Er will darum dieses Werkzeug gut erhalten, und er muss es; aber er erforscht sorgfältig, was er ihm notwendig gewähren, und was er ihm versagen muss, um Empörung und Aufruhr bei ihm zu verhindern. Er geht sehr schlau zu Werke, er handelt mit kluger Berechnung, wie man es den hassenswerten Personen gegenüber tut, die man nötig hat, und mit denen man behutsam umgeht, um nicht alles in einem Augenblick zu verlieren.
Diesem Grundsatz gemäß zieht der geistliche Mensch die Tugend der Weisheit zu Rate, um zu wissen, was er diesem Leibe gewähren muss, dessen Wünsche unersättlich sind. Die Nahrung, den Schlaf, die Vergnügen mißt er ihm spärlich zu. Er gibt ihm Wohnung, bedeckt ihn mit Kleidern; aber ein heiliger Geiz und eine weise Strenge führen den Vorsitz bei dieser Verteilung, da das entgegen gesetzte Verhalten ganz einfach Sinnlichkeit wäre!

Die Sinne

O, wie die Augen sich beklagen werden! Höre nicht auf sie, versage ihnen viele Dinge! Das Gehör soll nur Gott und Seine Lehre und die Seufzer und das Klagen des Armen vernehmen; es wird auf tausend sündhafte oder gefährliche Freuden verzichten müssen! Der Geruch wird geheiligt werden, wenn er darauf beschränkt wird, seine Dienste zu leisten bei Unterscheidung der Reinheit der Luft, oder bei Beurteilung, ob die Dinge, deren wir uns bedienen müssen, wahrhaft gesund sind. Was den Geschmack angeht, kann man sagen, daß seine Forderungen einen solchen Charakter angenommen haben, daß viele Christen als seine Sklaven leben. O, welche Strenge wendet der geistliche Mensch gegen ihn an! Er fragt die gesunde Vernunft, um zu unterscheiden, was der Gesundheit schädlich oder nützlich ist, und dann ist er unbarmherzig gegen seinen Leib.
Ach, wie werden diese einzelnen Punkte das Mitleid der Weltmenschen erregen! Sie werden darin nichts sehen, als eine Tollheit; ich bedaure sie aufrichtig und – schweige.

Heutzutage lehrt man die Kinder die so leichte Kunst der weltlichen Genüsse. Industrie und Künste sind nur zu oft strafbar vor Gott, sind häufig gar treulose Erfindungen; und sehr viele Mütter, die sich Christinnen nennen, lehren die junge Tochter keinen andern Gott haben, als ihr Fleisch! …

Anmutung

O mein Gott, ich kann nicht zweifeln an der Wahrheit dieser Grundsätze; ich finde sie befolgt von allen Heiligen, und wenn ich mich bei ihrer Annahme täuschte, so würde ich mich täuschen mit den Gerechten aller Jahrhunderte, mit dem hl. Paulus, dem Lehrer der Völker; ich würde mich täuschen – mit Jesus Christus!
O, ich begreife das Wort des Apostels und werde es oft betrachten: „Das Sinnen des Fleisches ist der Tod; das Sinnen des Geistes aber Leben und Friede!“ (2)

Anmerkungen zu: Worin das geistliche Leben besteht

(1) Röm. 8,5
(2) Röm. 8,6

 

Zweiter Punkt

Notwendigkeit des geistlichen Lebens

Der Weltapostel entwickelt seine wunderbare Lehre über das geistliche Leben und wendet sich mit folgenden Worten an alle Jünger Jesu Christi: „Die in dem Fleische sind, können Gott nicht gefallen. Ihr aber seid nicht im Fleische, sondern im Geiste, wenn anders der Geist Gottes in euch wohnt. Wenn aber Jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht Sein!“ (1)
Hier muss ich vor allem bemerken, wie entschieden der Ton ist, den der hl. Paulus anschlägt, wie ausdrücklich und unbedingt die Entscheidung ist, welche er gibt, da er keine Ausnahme zuläßt und eben dadurch jede Erklärung verwirft, vermittelst deren man sich bemühen möchte, die Kraft seines Ausspruches abzuschwächen oder zu entkräften.

Welche Gott nicht gefallen können

Welches ist also diese Entscheidung, welche alle Trugschlüsse, die eine falsche Frömmigkeit, eine weltliche Frömmigkeit vorbringt, nicht abzuschwächen im Stande sind? Sie lautet also: „diejenigen, welche nach dem Fleische leben, können Gott nicht gefallen!“ (2)
Gott ist ein unendlich reiner Geist, und eben darum verwünscht und verabscheut Er vermöge Seiner vollkommenen Heiligkeit die unreinen Begierden und die verabscheuungswürdigen Werke des Fleisches. Diejenigen also, welche sich in ihr rein natürliches Dasein einschließen, und die der Heilige Geist nicht neu gestaltet; diejenigen, welche nicht ein übernatürliches Leben führen, das Leben des Geistes -: sie können dem lieben Gott nicht gefallen. Die Tugenden, welche die sich selbst überlassene Vernunft üben läßt, erheben sich nie bis zu Gott und können Ihm nicht angenehm genug sein, um eine ewige Belohnung zu verdienen.

Anmutung

O Gott, ich will Dir gefallen! Reiße aus meinem Herzen diese verderbliche Liebe zu den sichtbaren Dingen! – Diese Liebe tötet die Seele während dieses Lebens, und wird für dieselbe der Grund zum ewigen Tode. Diese Liebe wird Gott der Herr immer hassen, weil sie immer Seiner unendlichen Reinheit entgegen gesetzt ist.

Die wahren Jünger Christi

Der hl. Paulus fügt hinzu: „Ihr aber, ihr lebet nach dem Geiste!“ Mit diesen Worten meint der Weltapostel die Christen, die wahren Jünger Jesu Christi. Diese folgen nicht den irdischen Begierden und lassen sich nicht stören durch die Vorteile und die Vergnügen, welche das gegenwärtige Leben bietet. Sie sind wieder geboren durch den Heiligen Geist, sind geistliche Menschen geworden, und ihre Liebe geht auf die übernatürlichen Dingen.
„Wir werden geistliche Menschen genannt“ – sagt der große Papst Leo, „wenn die Lüste des Fleisches nicht in unserm Herzen herrschen, und man von uns sagen kann, daß wir das Fleisch verlassen haben, wenn wir nicht mehr seinem Willen folgen.“
Beachte jedoch die Einschränkung, welche der hl. Paulus dem eben Gesagten plötzlich hinzu fügt: „Wenn anders der Geist Gottes in euch wohnt!“
Was bedeuten diese Worte anders, als daß die Wiedergeburt durch die Taufe nicht mehr genügt, wenn wir, zu den Jahren der Vernunft gelangt, das Unglück haben, den Versprechen untreu zu werden, welche wir in Rücksicht auf Gott und Sein heiliges Gesetz gemacht haben, um zu leben nach den Grundsätzen der Welt und nach den wunderbaren Lüsten unseres Herzens? –
Man befände sich somit in einem schrecklichen Irrtum, wenn man sagen wollte: Ich bin getauft, darum bin ich gerettet! – Diese Behauptung ist der Gipfel der Torheit und das Zeichen eines schrecklich verirrten Menschen.

Der Geist Christi

Dasjenige, was der hl. Paulus nach den so eben angeführten Worten hinzufügt, setzt seine göttliche Lehre in das klarste Licht: „Wenn Jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht Sein!“
Durch diesen Geist, sagt der hl. Augustinus, muss man den Heiligen Geist Selbst verstehen oder, was dasselbe ist, den Geist der Gnade und Liebe, den Er ausgießt in unsere Herzen.
Um Gott zu gefallen, muss man Jesu Christo angehören; um Jesu Christo anzugehören, muss man Seinen Geist haben: Das sind unwiderlegbare Sätze. Somit ist das Leben des Geistes, das Leben des geistlichen Menschen nichts anderes, als das von Seinen Jüngern nachgebildete, nachgeahmte, wiederholte Leben Jesu Christi. Um also zu wissen, ob ich Jesu Christo angehöre, brauche ich nur auf folgende Frage zu antworteten: Sind meine Gedanken, meine Wünsche, meine Sprache und meine Werke eine Nachahmung der Gedanken, der Wünsche, der Reden und Werke Jesu Christi, oder sind sie eine Nachahmung des Lebens der Weltmenschen? –
Wenn somit Jemand die äußeren Merkmale des Christen an sich trägt, die Versammlungen der Gläubigen besucht, gute und lobenswerte Werke verrichtet, so ist dieses noch kein hinreichender Grund, zu glauben, daß derselbe ein lebendiges Glied des mystischen Leibes sei, dessen Haupt Jesus Christus ist; der einzige Beweggrund, der mich veranlassen kann, dieses Glück zu hoffen, ist die Gegenwart des Geistes Jesu Christi in mir.

Die Notwendigkeit eines geistlichen Lebens

Schließlich fügt der Apostel noch hinzu: „Der Geist lebt um der Rechtfertigung willen.“ (3) Damit will er sagen: Der Heilige Geist, welcher Selbst das wesenhafte und eingeschaffene Leben ist, ist die Ursache unseres geistlichen Lebens; Er teilt uns dieses göttliche Leben mit, indem Er bewirkt, daß wir in der Gnade, in der Reinheit, in der Liebe leben. So sagt der hl. Chrysostomus, der hl. Ambrosius und der hl. Augustinus bei Erklärung der Worte des hl. Paulus.
Wer wird nunmehr die Notwendigkeit dieses geistlichen Lebens bezweifeln? Wer wird es noch wagen, dieses Geistesleben als einen Zustand der Vollkommenheit anzusehen, nach welchem zweifelsohne die Priester und die Ordensleute streben müssen, der aber nicht den einfachen Gläubigen anbefohlen sei? Wie? Ein geistlicher Mensch sein, sich bemühen, es zu werden, alle Tage hieran arbeiten – ist das nur ein evangelischer Rat? Ist es jedem freigestellt, das zu befolgen, und ist Niemand dazu angehalten? Ein verhängnisvoller Irrtum, welcher eine große Zahl von Christen in das Leben der Sinne, in das weltliche Leben stürzt, ein trauriger Vorläufer des ewigen Todes!

Anmutung

Ach, heute begreife ich, was der Heilige Geist mit mir will! Ich begreife,, was Er mit mir zu tun vorhat, wenn ich Ihm mein Herz öffne, wenn ich Ihm meine Seele übergebe. Er wird einen geistlichen Menschen aus mir machen; Er wird mich über meine niedrige und verdorbene Natur erheben! Er wird mich durch Jesus Christus bis zu Gott empor steigen lassen, wird mich auf der Erde zu seinem Kinde machen, um mich später im Himmel zum Erben Seiner Glorie zu machen.

Anmerkungen zu: Notwendigkeit des geistlichen Lebens

(1) Röm. 8, 8-9
(2) Röm. 8,8
(3) Röm. 8,10: Si autem Christus in vobis est, corpus quidem mortuus est propter peccatum; spiritus vero vivit propter justificationem.

 

Dritter Punkt

Die Vorzüge des geistlichen Lebens

Die Fehler und Mängel des fleischlichen Menschen

Der Heilige Geist stellt in der hl. Schrift dem geistlichen Menschen stets den sinnlichen Menschen entgegen. Diese sind wie zwei Gegner, die sich beständig einander gegenüber stehen. Die Fehler und Mängel des Letzteren geben uns Aufschluss über die Eigentümlichkeiten und Vorzüge des Ersteren.

„Der sinnliche Mensch – sagt der hl. Paulus – nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist.“ (1) Leider braucht man sich nur umzuschauen, um diesen schrecklichen Urteilsspruch bestätigt zu finden. Zu einer großen Zahl von Christen kannst du reden über Gott, über Jesus Christus, über das Evangelium, über Himmel und Hölle: du wirst sie eben so kalt lassen, wie sie waren, bevor sie dich gehört hatten. Sie leiden an einer Art Stumpfsinn, der nur erwacht beim Klang des Geldes, oder bei Freudenrufen weltlicher Vergnügen.

Der geistliche Mensch begreift die göttlichen Dinge

Der geistliche Mensch aber begreift die göttlichen Dinge. Ja, ganz gewiß, er begreift und durchdringt sie; der hl. Paulus versichert uns, derselbe „beurteile Alles“ (2), d.h. er sieht die Wahrheit der erhabensten Geheimnisse ein, welche Jesus Christus offenbart und die Kirche lehrt, und während die Vernunft des sinnlichen Menschen sie nicht begreifen kann, wird der geistliche Mensch getroffen von den Lichtstrahlen und der Klarheit, welche dieselben umgeben.
Der Weltapostel erhebt den geistlichen Menschen noch weit höher; ich höre ihn ausrufen: „Der Geist erforscht Alles, auch die Tiefen der Gottheit“ (3), d. h. die unerforschlichsten Geheimnisse Gottes und die Dinge, welche über die Vernunft am weitesten erhaben sind. Nun ist uns dieser Geist gegeben, wir haben ihn empfangen, der geistliche Mensch besitzt ihn. Er deckt dasjenige auf, was für den sinnlichen Menschen „in tiefen Finsternissen begraben liegt, und bringt den Schatten des Todes ans Tageslicht.“ (4)
Ist es nicht der geistliche Mensch, welcher auf den wenigen Blättern des Evangeliums all` jene Schätze heiliger Wissenschaft gefunden, welche wir die Werke des hl. Augustinus, des hl. Basilius, des hl. Johannes Chrysostomus und des hl. Bernhard nennen? Hat nicht eine einzige Linie, ein Wort dieses göttlichen Buches genügt, um wundervolle Abhandlungen zu veranlassen? Und doch ist diese ergiebige Quelle noch lange nicht erschöpft: die Heiligen und die frommen Seelen aller Jahrhunderte entdecken noch unberechenbare Schätze in derselben.
Ist es nicht der geistliche Mensch, der eindringt in die Seelen, der die Herzen erforscht, der die Gewissen kennt und ihre Geheimnisse an`s helle Tageslicht zieht? O, wie wünsche ich, daß mein Seelenführer ein geistlicher Mensch sei! Er wird an mir das Wort der Schrift bewahrheiten, indem er „die Tiefen aus der Finsternis aufdeckt“, indem er Gottes Licht da verbreitet, wo ehemals der verderbliche „Todesschatten“ herrschte.

Der geistliche Mensch kennt den Preis der Gnaden

Der geistliche Mensch kennt den Preis der Gnaden, er weiß die Wohltaten Gottes zu schätzen, was ein großes Glück ist. Ich kann daran nicht zweifeln, nachdem Jesus Christus Selbst ausgerufen: „Wenn du die Gabe Gottes kenntest!“ (5) Wer kennt sie, diese wunderbare Gabe, die eines ewigen Dankes wert ist? Der geistliche Mensch, der den Heiligen Geist empfangen, und der ein geistliches Leben führt. Der hl. Paulus sagt: „Wir haben nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir wissen, was uns von Gott verliehen worden“ (6), d. h. damit wir jene himmlische Weisheit besitzen, vermöge deren wir die unaussprechlichen Güter erkennen, die der liebe Gott vor aller Zeit bereitet hatte, und die Er nun während dieses Lebens in reichem Maße uns mitzuteilen beginnt, bevor Er uns mit ihrer Fülle bereichert, wenn wir im Besitz der ewigen Glorie sind.
Der geistliche Mensch, welcher nur mehr das Leben des Geistes lebt, ist ein gelehriges Werkzeug in den Händen der göttlichen Weisheit; sie macht aus ihm, was sie will, einen Augustinus, einen Franz von Assisi, eine Theresia; der hl. Paulus nennt ihn einen Menschen, „der vom Geist getrieben wird“ (7). Welch ein wunderbarer Ausdruck! Ebenso wie die Seele den Leib in Bewegung setzt, seine Bewegungen bestimmt, ihn von einem Orte zum andern versetzt, so wird der Heilige Geist gewissermaßen die Seele des Gerechten, welcher durch Ihn lebt, und treibt ihn so, wohin Er will, und wird der unumschränkte Herr all` seiner Bewegungen; alle seine Schritte, alle seine Entschlüsse müssen dem Geist Gottes zugeschrieben werden, der in ihm ist. Was sollte ihm da zu schwierig sein?

Anmutungen

O, daß ich doch sagen könnte mit dem hl. Paulus: „Wir haben den Geist Jesu Christi!“ (8) Doch leider habe ich noch viel zu arbeiten, um in mir den sinnlichen Menschen zu vernichten, den ewigen Feind des geistlichen Lebens, zu welchem Jesus mir das Beispiel gegeben und die Grundsätze auseinander gesetzt hat!

Zwei Klassen von Christen

Wieviele arme Seelen gilt heutzutage der Vorwurf des hl. Paulus: „Ich kann nicht zu euch reden als zu Geistigen, sondern als zu Fleischlichen. Ist es nicht offenbar, daß ihr noch fleischlich seid und wandelt nach Menschenart?“ (9) –
Die Christen zerfallen in zwei große Klassen: Die einen sind weltlich, sinnlich, fleischlich; sie sind den unvernünftigen Tieren gleich, welche nur nach den Sinnen leben: ihre Person ist ihr alles, ihr Leib ist ihr Gott. Die anderen sind geistliche Menschen, die sich nur damit beschäftigen, die gaben des Heiligen Geistes und das Leben der Gnade in sich zu vervollkommnen.
Beim Schluß dieser Betrachtung, die vielleicht die wichtigste von allen ist, und auf welche wir im Laufe des Jahres öfters zurück kommen wollen, um uns wieder aus unserer Trägheit auf den Wegen Gottes aufzuwecken, will ich mir jene schönen Worte des Apostels wieder ins Gedächtnis rufen: „Was ein Mensch säet, das wird er auch ernten: denn wer säet in sein Fleisch, wird auch von dem Fleisch Verderben ernten; wer aber säet in den Geist, der wird von dem Geist ewiges Leben ernten.“ (10)

Anmerkungen zu: Die Vorzüge des geistlichen Lebens

Wieviele arme Seelen gilt heutzutage der Vorwurf des hl. Paulus: „Ich kann nicht zu euch reden als zu Geistigen, sondern als zu Fleischlichen. Ist es nicht offenbar, daß ihr noch fleischlich seid und wandelt nach Menschenart?“ (9) –
Die Christen zerfallen in zwei große Klassen: Die einen sind weltlich, sinnlich, fleischlich; sie sind den unvernünftigen Tieren gleich, welche nur nach den Sinnen leben: ihre Person ist ihr alles, ihr Leib ist ihr Gott. Die anderen sind geistliche Menschen, die sich nur damit beschäftigen, die gaben des Heiligen Geistes und das Leben der Gnade in sich zu vervollkommnen.
Beim Schluß dieser Betrachtung, die vielleicht die wichtigste von allen ist, und auf welche wir im Laufe des Jahres öfters zurück kommen wollen, um uns wieder aus unserer Trägheit auf den Wegen Gottes aufzuwecken, will ich mir jene schönen Worte des Apostels wieder ins Gedächtnis rufen: „Was ein Mensch säet, das wird er auch ernten: denn wer säet in sein Fleisch, wird auch von dem Fleisch Verderben ernten; wer aber säet in den Geist, der wird von dem Geist ewiges Leben ernten.“ (10) –
aus: F. X. Coulin, Apostol. Missionar und Ehrendomherr von Marseille, Der Heilige Geist Betrachtungen, 1881, S. 121 – S. 140

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