Das büßende und betende Deutschland 1915

Das büßende und betende Deutschland im Jahre 1915

Ob für Deutschland auch genug gebetet wird? Ob für die Sünden, die in Deutschland geschehen, auch gebüßt und gesühnt wird?

Die Weihe Deutschlands an das heiligste Herz Jesu

In schwerster Kriegszeit forderten die Bischöfe zur Weihe Deutschlands an das heiligste Herz Jesu auf. In dem erschütternden Ton der alttestamentlichen Propheten verlangten sie Buße und Sühne für das, was das deutsche Volk gesündigt:

„Welch schmachvolle, wegwerfende Behandlung, Entwertung, Verhöhnung hatte die Religion sich öffentlich gefallen lassen müssen, – nein, haben wir uns gefallen lassen in unserer Schwäche und Feigheit! Das ist unsere Schuld, unsere größte Schuld!
Mit tiefster Beschämung müssen wir es bekennen; wir haben es geschehen lassen, daß Laster, die am Mark eines Volkes zehren, auch in unser Volk eingeschleppt, daß auch bei uns die Ehe entweiht und um ihren Kindersegen gebracht wurde. Unsere Schuld, unsere große Schuld.
Unheimliche Kräfte arbeiten auch bei uns auf eine Trennung von Staat und Kirche hin, auf möglichste Ausschaltung christlichen Geistes und christlicher Grundsätze aus der Jugenderziehung, aus dem öffentlichen und sozialen Lebens. Unsere Schuld, unsere größte Schuld!
Auch in unser Vaterland ist eine ihrem ganzen Wesen nach unchristliche, undeutsche und ungesunde Überkultur bedenklich eingedrungen mit ihrem äußeren Firnis und ihrer inneren Fäulnis, mit ihrer rohen Geldsucht und ehrlosem Nachäffen einer fremdländischen verseuchten Literatur und Kunst und auch der schändlichsten Auswüchse der Frauenmode.
Das ist unseres Volkes und daher auch unsere große und größte Schuld. Sie fordert Buße und Sühne. Langjährige Schuld sühnt nicht kurze Reue. Wahre Reue tilgt die Schuld, aber nicht auch jede Strafe. Eines ganzen Volkes Schuld sühnt auch nur des ganzen Volkes Buße und gründliche Umkehr.“

Wo sind Sühne, Buß- und Gebetsgeist geblieben?

Am zweiten Sonntag des Kriegsjahres 1915 war die Weihe in allen Kirchen Deutschlands mit überwältigender Teilnahme des Volkes begangen worden. Sollte alles umsonst gewesen sein? Jedenfalls sind wir trotz der fünffachen Übermacht unserer Feinde vor dem schrecklichsten Unglück bewahrt geblieben. Unser Land ist trotz des Zusammenbruches nicht zu einer Wüste geworden wie große Gebiete von Frankreich, Russland und Italien.
Aber wo sind Sühne und Bußgeist und Gebetsgeist geblieben? Hätte nicht Deutschland Grund genug, zu büßen und zu sühnen auch für das, was gegen Gott und seine Gebote nicht bloß im Drang der Leidenschaft und unter dem Druck der Not gesündigt wird, sondern besonders für das, was in kalter Überlegung von deutschen Irrlehrern am deutschen Volke, ja an der ganzen zivilisierten Menschheit gefrevelt worden ist?

Deutsche Irrlehrer und ihre dunkle Macht

In der Autonomie Kants ertönt so deutlich wie auf Erden kaum je zuvor das Non serviam, ich mag einen andern, ich mag auch Gott nicht dienen, und das andere Wort des Bösen: „Ihr werdet sein wie Gott.“ „Gott ist nicht ein Wesen außer mir, sondern bloß ein Gedanke in mir. Gott ist die moralisch-praktische , sich selbst setzende Vernunft.“ Durch diese seine „Letzten Gedanken“ enthüllt der berühmte Königsberger Denker seine geheimsten Gedanken und das Endergebnis seiner Weltweisheit, das nicht wenige zur bewußten, kalten Gottesleugnung führen musste.
Als feststehende Dogmen gehen grundstürzende Irrlehren unter Berufung auf Kant in die Welt. Auch in den Kreisen gebildeter Katholiken wirkt seine „Als-ob-Philosophie“ in ihren Auswirkungen wie ätzendes Gift für Glauben und übernatürliche Lebensauffassung.
Deutsche sind es gewesen, die den Sozialismus organisierten und ihn im Marxismus wissenschaftlich begründeten, bis er sich mit satanischer Bosheit im Bolschewismus auswirkte. „Arbeitet wie der Teufel, als gälte es, die Welt zu erobern. Ihr werdet sie erobern, wenn ihr sie erobern wollt!“ Betörte deutsche Arbeiter, an die Bebel in Frankfurt am Main diese Worte richtete, haben sie unter der Führung jüdischer Gottesleugner nur zu gut befolgt, auch verführte katholische Arbeiter.
Ein und dieselbe dunkle Macht ist es, die hinter dem Kantianismus und Sozialismus steht, ist dieser doch „stolz darauf, von Kant und Hegel abzustammen“. An diese dunkle Macht erinnert ein „Gebet an Satan“, das die „Sozialistischen Monatshefte“ glaubten bringen zu dürfen:

Dir, Satan, Lob und Preis!
Ob du in Himmeln lichterhöht hausest,
Ob du in dunkeln Tiefen, in der Hölle grausest.

Erziehung zu Gottes- und Christushass

Gottesleugnung und Gotteshass, Christusleugnung und Christushass, an deutschen Universitäten großgezogen arbeiten zielbewußter denn je. Nachdem man sich schon lange an der akademischen Jugend damit versucht hat, sollen die Kinder der Volksschule nachfolgen. Mit kühler Berechnung wird der ganze Dekalog niedergebrochen. Das aufrechte Verbrechertum redet in den Worten und Grundsätzen Nietzsches. Der Geist des Kapitalismus feiert seine Orgien nicht bloß bei Kapitalisten. Gedankenlos laufen auch Katholiken, selbst Gebildete, aus wirtschaftlichen, nationalen oder Standesrücksichten trotz der Warnung der Bischöfe hinter Führern her, deren völkische Grundsätze in direktem Gegensatz zur Lehre Christi und seiner Kirche stehen. Wie viele lassen sich durch Versprechungen sozialistischer und kommunistischer Agitatoren einfangen!

Auch in katholischen Kreisen ist weithin eine vergängliche Diesseitskultur das große Idol geworden. Für die übernatürlichen Ideale, die Christus der Welt gebracht, die im Jenseits liegen und die unvergänglich sind, fehlt nicht wenigen Blick und Sinn. Das tritt in ihrer Lebensauffassung, in ihren Lebensgrundsätzen und in ihrer Lebensführung deutlich genug hervor. Gott und sein Gebot ist ihnen dafür nicht maßgebend. Mit all dem verbindet sich jetzt die schreckliche wirtschaftliche Not mit der furchtbaren Gottesgeißel der Arbeitslosigkeit.

Was heute nottut

Germania poenitens et devota,

das ist es, was heute vor allem not tut, ein „büßendes Deutschland“, das in das Herz des Erlösers seine Sühne hineinlegt, damit dieses den Zorn der göttlichen Gerechtigkeit versöhne, ein „betendes Deutschland“, das sein Flehen dem mildreichen Herzen des Heilandes anvertraut, damit dieses helfe, wo menschliche Hilfe ohnmächtig ist.

Was ein großes Volk frevelt, muss von diesem Volk durch Gebet und Bußen auch gesühnt werden. Wenn Büßen und Beten des einzelnen wenig gilt, so wird es mächtig, wenn viele zusammenstehen, und allmächtig, wenn es ins göttliche Herz hineingelegt wird. So müsste das ganze Deutschland ein Herz-Jesu-Dom werden, in dem ständig für die Sünden des deutschen Volkes das Sühnegebet aufsteigt. Germania poenitens et devota, das war es, was uns fehlte!

Große Aufgabe für das „büßende und betende Deutschland

„Germania docet – Deutschland Lehrmeister“ der katholischen Welt, das Wort des Mailänder Kardinals hat uns einst stolz gemacht und ist oft, vielleicht zu oft wiederholt worden. Wahr ist dieses Lob, wenn es sich um großzügiges Organisieren handelt. Aber ist es auch wahr und wahr geblieben, wenn man auf den inneren übernatürlichen Geist hinschaut, der unsere großen Organisationen beleben soll?

Ob der Erfolg alle äußere Arbeit und alle aufgewandte Mühe auch immer gelohnt hat? Ob man auch immer die richtigen Wege gefunden? Hat Gottes Segen nie gefehlt? Hat Büßen und Beten, woran nun einmal Gottes Hilfe gebunden ist, mit dem äußeren Schaffen gleichen Schritt gehalten?
Als die Juden aus dem Zweistromland heimkehrten, wohin sie der nationale Zusammenbruch verschlagen hatte, begannen sie den Wiederaufbau ihres Tempels. Zu gleicher Zeit trugen sie das Schwert zur Abwehr und Handwerkszeug zum Tempelbau. Beides ist den Katholiken in Deutschland nötig. Die Abwehr besorgen unsere großen Organisationen, unsere großen Tagungen und unsere weitverbreitete Presse. Doch mit der Abwehr allein baut man noch keine übernatürlichen Tempel aus unsterblichen Menschenseelen.

Dämme müssen notwendig errichtet und in ihrer Festigkeit erhalten werden, die der Flut des Kulturbolschewismus, des nationalistischen, sozialistischen, kommunistischen Unglaubens standhalten. Aber das abgedämmte und geschützte Land muss Kulturland werden, übernatürliches Kulturland, in dem unter dem Wehen des Heiligen Geistes die Herrlichkeiten göttlicher Gnade erblühen. Auch hier liegt eine große Aufgabe für das „büßende und betende Deutschland“.

Herz-Jesu-Dom über Deutschland

Einst war das deutsche Volk das erste der ganzen Christenheit, nicht bloß der äußern Machtstellung nach, sondern was viel mehr gilt, an übernatürlicher Innerlichkeit, an Gebetsgnaden und treuester Hingabe an Jesus Christus, seinen Heiland und Erlöser. Damit hatte es wie von selbst den Weg zum Heilands-Herzen gefunden. Es war in der Zeit, bevor die Reformation über unser Land hereinbrach, seine Glaubenseinheit zerriß und seine Weltmachtstellung für immer vernichtete.

Heute steht das deutsche Volk längst nicht mehr an der Spitze aller Nationen, zumal nicht an übernatürlicher Innerlichkeit, und darum auch nicht mehr an hingebender Verehrung des heiligsten Herzens. Ob der deutsche Protestantismus nicht auch dem deutschen Katholizismus geschadet hat? Ob er dem katholischen Empfinden durch die ständige Rücksicht, die man zu nehmen gezwungen ist, der übernatürlichen, kindlichen Glaubensinnigkeit und der das ganze Leben beherrschenden übernatürlichen Auffassung nicht auch schwere Wunden geschlagen hat? Wenn über unserem Deutschland sich der Herz-Jesu-Dom wölbte, worin die deutschen Katholiken Gebet und Sühne opfern, wie viel könnte da zurückgewonnen werden für uns selbst, aber auch für unsere im Glauben getrennten Brüder!

Durch den Weltkrieg ist Deutschland militärisch, politisch und wirtschaftlich vernichtet, sein Ansehen in den Augen der Welt schwer geschädigt. Mit der deutschen Armut ist jetzt über alle Völker die Weltkrisis hereingebrochen.

Zurück zu den übernatürlichen Gütern

Die höchsten Güter aber, die übernatürlichen, denen allein wahrer, unvergänglicher Wert zukommt, kann niemand dem deutschen Volk rauben. Wie von selbst richten sich die Blicke unserer Zeit auf das, was Christus der Welt gebracht hat und was allein von ewigem Wert ist. Tröstlich ist daher der Zug zu religiöser Innerlichkeit, der heute bei aller wirtschaftlichen Not doch manche Kreise unseres Volkes geht.

Das Herz des Herrn ist mächtig und weise und erbarmungsvoll genug, noch alles zum besten unseres deutschen Volkes zu lenken. Miserebitur secundum multitudinem miserationum suarum…bonus est Dominus sperantibus in eum, animae quaerenti illum, so betete die Kirche im Introitus der alten Herz-Jesu-Messe. „Er wird sich erbarmen nach der Größe seiner Erbarmungen, gut ist der Herr denen, die auf ihn vertrauen, und der Seele, die ihn sucht.“

Wie gern wollte das Heilandsherz in seiner Liebe, in seiner Weisheit und in seiner Allmacht dem deutschen Volk, wie einst in Zeiten höchster Glaubensnot und schwerer politischer und Wirtschaftsnot, zur Zeit des hl. Canisius, wiederum Helfer sein! Der Herr verlangt zuvor ein in Demut büßendes Deutschland und ein mit Vertrauen betendes Deutschland:

Germania poenitens et devota.

Gebet für Deutschland

Gütigster Herr und Heiland, Jesus Christus, in der großen Not und Bedrängnis unseres Volkes nehmen wir voll Vertrauen unsere Zuflucht zu deinem liebreichsten Herzen. Wir bitten dich inständig, du wollest dich gnädig erbarmen über so viele, die in Not und Sorge sind um Arbeit und das tägliche Brot. Gib Ruhe und Frieden unserem armen Vaterlande.
O Herr, du hast gesagt: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch zugegeben werden“, darum flehen wir zu dir, bekehre die Sünder, die den Zorn der göttlichen Gerechtigkeit herausfordern, belebe den Eifer der Lauen und Gleichgültigen, die im Weltsinn versunken, der übernatürlichen Güter vergessen, führe zur Einheit des Glaubens, die durch Irrglauben getrennt sind, erleuchte die Ungläubigen, die dich nicht kennen, damit wir alle eins seien in deiner Liebe.
O Urquell der Barmherzigkeit, heiligstes Herz des Herrn, deine Allmacht und Weisheit kann uns helfen, deine Güte und Freigebigkeit will uns helfen, der Reichtum deiner ewigen, unendlichen Liebe möge huldreich unsere Untreue vergessen und uns Hilfe senden in unserer Armut und Not.
O Maria, Königin des Friedens, reinste Jungfrau und liebreichste Mutter des Herrn, sei du unsere Mittlerin bei deinem lieben Sohne, erbitte Gnade und Erbarmen für unser Volk und Land.
Und ihr heiligen Apostel Deutschlands, hl. Bonifatus und hl. Petrus Canisius, vereinigt euer Flehen am Throne Gottes mit unseren demütigen Bitten, auf daß der Herr sich unser erbarmen und die Gnadenschätze seines heiligsten Herzens uns schenken möge. Amen. –
aus: Karl Richstätter S.J. Das Herz des Welterlösers in seiner dogmatischen, liturgischen, historischen und aszetischen Bedeutung, 1932, S. 116 – S. 128

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