Bedeutung des römisch-deutschen Kaisertums

Karl der Große wird Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt: der Papst setzt Karl, der vor dem Papst kniet, die Reichskrone aufs Haupt; Geistliche und auch Leute aus dem Volk sind bei der Krönung anwesend

Welche Bedeutung die Krönung zum römischen Kaiser hatte

Es fragt sich nun, welche Bedeutung diese Krönung zum römischen Kaiser hatte? Gab sie dem Kaiser einen weltlichen Besitz? Nein! Diese Würde setzte wohl einen Länderbesitz voraus, aber es gab keinen. Durch dieselbe wurde der Kaiser ebenso wenig Herr von Rom. Das blieb der Papst. Aber der Papst hatte dadurch die Pflicht übernommen, dem Kaiser seine Wahl in offizieller Weise anzuzeigen und ihm den Eid der Huld – der Ergebenheit, nicht Vasalleneid zu leisten. Welche Aufgabe und welches Recht hatte nun infolge der Krönung der Kaiser? Der Verteidiger und Schutzherr der Christenheit zu sein, und da auf Petrus und seine rechtmäßigen Nachfolger das wahre Christentum gegründet ist, hat er insbesondere das Recht und die Pflicht, der Verteidiger und Schutzherr der römischen Kirche zu sein. Er soll das ganze Gebiet der katholischen Kirche nach außen schützen gegen die Ungläubigen, seine Macht und seinen Einfluß dahin gebrauchen, daß nach und nach die barbarischen Völker zur gläubigen Annahme des Evangeliums, und dadurch zur wahren Gesittung und Kultur und zur großen Einheit der ganzen Menschheit in Wahrheit und Liebe geführt werden.

Im Innern hatte er die Aufgabe, die Rechte der einzelnen Kirchen, die Witwen und Waisen, sodann die Pilger in seine besondere Obhut zu nehmen und alle seine Untertanen zu verhalten, im Dienst Gottes genau nach ihrem Stande zu leben. Durch dieses Amt erhielt der Kaiser eine höhere Stellung als alle anderen Fürsten, doch ohne daß dadurch ihre Herrscherrechte beeinträchtigt wurden. Sobald aber der Kaiser aus einem Beschützer der Kirche ihr Feind Feind oder Bedrücker wurde, zerstörte er selbst die Kaiserwürde; daher konnte der Papst ihn als Kaiser absetzen; doch schloß diese Absetzung nicht in sich den Verlust des ihm aus einem anderen Titel gehörigen Landes. – eine erhabene Idee liegt in dieser Würde eines christlich-römischen Kaisers! In dieser Verbindung der beiden höchsten Träger der geistlichen und der weltlichen Macht, des Papsttums und des Kaisertums! Hätten die Kaiser diese hehre Aufgabe stets erfaßt und zu verwirklichen gesucht, welch ein Segen wäre dies nicht für die gesamte Menschheit geworden! Wären sie stets die Schutzherren der Kirche gewesen, welche Fortschritte hätte die wahre Religion, Gesittung und Kultur auf dem Erdenrund gemacht, um wie viele näher wäre die Menschheit dem Ziele gekommen, eine Herde unter einem Hirten zu sein? Wie viel hätte an Glanz, Macht und Ansehen der Träger der Kaiserkrone selbst und namentlich auch Deutschland, das deutsche Reich gewonnen. Leider ging es mit dieser Idee wie mit so vielen andern. Statt sich zu ihrer Höhe zu erheben und sie zu verwirklichen, hat menschliche Leidenschaft sie in Parteihader bekämpft und entweiht.

Kaiser Karl empfängt Gesandte und Kaufleute und Händler aus dem Orient; Karl der Große sitzt auf seinem Thron, mit Zepter und Reichsapfel, vor ihm rechts und links sieht man orientalisch gekleidete Menschen

Wohl hatte Karl der Große sie erfaßt und nach allen Seiten hin zu verwirklichen getrachtet. Mit Eifer kämpfte er für die Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden, schützte und förderte es nach innen. In seinem großen Reiche, das von der spanischen Mark jenseits der Pyrenäen bis an die Oder, vom Ozean bis an die Raab, vom Süden Italiens bis an die Eider in Schleswig-Holstein reichte, errichtete er Bistümer und Klöster, Kirchen und Schulen, förderte er Künste und Wissenschaften, gab die weisesten, vom christlichen Geist getragenen Gesetze und sorgte mit Nachdruck für deren Handhabung. Sorgfältig darauf bedacht, den kirchlichen Gesetzen nicht zu nahe zu treten, war er vielmehr bemüht, denselben Geltung zu verschaffen und im Verein mit der Kirchen-Gewalt die Ehre Gottes, das Seelenheil der Gläubigen, wie auch wahre Gesittung und zeitliche Wohlfahrt zu fördern. So war Karl der Große Träger einer großen Idee.

Und Papst Leo III. war es, der uns als der Schöpfer dieser Idee entgegen tritt, der den geeigneten Mann für die Verwirklichung dieser Idee erwählte. Das segensvolle Wirken dieses großen Papstes erstreckte sich noch viel weiter. Sorgfältig war er bemüht, die Einheit der Kirchen im Orient mit der römischen aufrecht zu halten. Um in Spanien den adoptianischen Irrtum zu unterdrücken, sprach er auf einer Synode in Rom das Anathem über den Bischof Felix von Urgel aus, wenn er nicht seine Irrlehre zurücknehme. In England machte Leo seine Einfluß geltend, indem er einer daselbst zusammenberufenen Synode die Weisung zukommen ließ, den Laien unter Androhung der Exkommunikation Eingriffe in das Kirchengut zu verbieten, und die Vorrechte des Erzbischofs von Canterbury über die Kirchen Englands wiederholt bestätigte. In Deutschland hatte er bei seinem zweimaligen Aufenthalt verschiedene Kirchen geweiht, unter andern das berühmte Marienmünster von Aachen am Fest der heiligen Drei Könige 805.

Kaiser Karl hatte Aachen zu seiner Residenz gewählt und das berühmte Münster gebaut. Egenhard berichtet im Leben Karls des Großen: Er baute ein Münster von gar großer Schönheit und schmückte es mit Gold und Silber und mit Fenstern, auch mit Gittern und Türen von gediegenem Erz. Zu dem Bau ließ er die Säulen und den Marmor aus Rom und Ravenna herbei schaffen. Das Münster bildet ein Achteck und besteht noch, nur wurde es durch einen gotischen Anbau vergrößert. Daselbst hinterlegte Karl viele Reliquien, namentlich die vier großen, die alle sieben Jahre unter großer Feierlichkeit der öffentlichen Verehrung ausgesetzt werden. Hier wurde Karl der Große auch begraben. Hier wurden siebenunddreißig deutsch Könige und elf Königinnen feierlich gekrönt. Das Bistum von Salzburg erhob Leo zum Erzbistum und unterordnete demselben die Bischöfe Bayerns und bestimmte nach Karl des Großen Antrag 811 die Drau als Grenze zwischen dem Erzbistum Salzburg und dem Patriarchen Aquileja, welche Grenze bis ins achtzehnte Jahrhundert eingehalten wurde. In Rom selbst hatte er viel zur Restaurierung und zum Schmuck der Kirchen verwendet. –
aus: P. Andreas Hamerle C.Ss.R., Geschichte der Päpste I. Band, 1907, S. 243 – S. 247

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