Vergeblicher Aufruf von Kaiser und Papst 1518

Vergeblicher Aufruf von Kaiser Maximilian I. und Papst gegen die Türkengefahr 1518

Ungeachtet aller Verdrießlichkeit um erlittene Sorge, Mühe und Unkosten blieb der Kaiser ‚ungebrochenen Gemütes und voll der Hoffnung, trotz seiner beinahe 60 Jahre noch zu erlangen, worauf von früher Jugend an sein Herz gestanden: nämlich die Einigung der christlichen Völker unter dem römischen Kaiser deutscher Nation zur Vertreibung der Türken.‘
Seitdem der gewalttätige und kriegstüchtige Sultan Selim I. im Jahre 1512 an die Spitze des osmanischen Reiches getreten, waren ‚die Plane Sultan Mohammeds wieder aufgelebt und bedrohten die ganze Christenheit mit Untergang und Verderben‘.

Um die Herrschaft der See an sich zu reißen gab Selim den Befehl, eine Flotte von 500 Schiffen zu bauen; er eroberte Kurdistan, Mesopotamien, und warf das mächtige Reich der Mamelucken in Ägypten, Syrien und Palästina zu Boden. Am 31. Januar 1517 zog er in Kairo ein. Auch Algier war in türkische Hände gefallen, und schon wurden italienische Hafenstädte von landenden Türken geplündert. In Ungarn war die Türkengefahr größer als je geworden; Krain, Steier, Kärnten und Österreich waren ‚offene Beuten für die grausamen Züge der Ungläubigen‘. Wenn jemals, schrieb darum Maximilian, so sei jetzt ein Türkenzug eine allen christlichen Staaten gemeinsame, unabweisliche Aufgabe.

Die Vertreibung der Türken und die Anwartschaft auf das osmanische Erbe sollten zugleich als Mittel dienen, um die streitenden Ansprüche der christlichen Mächte auszugleichen. Zu diesem Zweck entwarf man auf einem Tage zu Cambrai, der behufs einer Verständigung zwischen dem Kaiser und den Königen von Frankreich und Spanien im Beginn des Jahres 1517 abgehalten wurde, einen förmlichen Teilungsplan des osmanischen Reiches.

In feurigen Briefen munterte Maximilian den Papst Leo X., der bereits Ungarn gegen die Türken unterstützt hatte, zu einem großen Heereszug auf: er selbst habe, versicherte er, schon in einer zeit, als er noch kaum gewußt, was Kriegführen sei, ein sehnliches Verlangen getragen, die Feinde des christlichen Glaubens aus Europa zu vertreiben; jetzt, da er alt geworden und die Kunst zu kriegen gelernt habe, sei es sein innigster Wunsch, diese Kunst zur Erlösung der Christen aus den Händen der Tyrannen zu verwenden. Im März 1517 faßte das in Rom versammelte Lateranische Konzil den Beschluss eines allgemeinen Kreuzzuges, während dessen fünf Jahre lang alle Streitigkeiten zwischen den christlichen Mächten ruhen sollten. Der Papst brachte in einer eigenen Denkschrift einen ausführlichen Kriegsplan in Vorschlag und bestimmte, daß zu den vorläufig auf 800000 Dukaten veranschlagten Kriegskosten die Geistlichkeit von ihren Einnahmen, je nach der Höhe derselben, ein zehntel, ein Viertel oder ein Drittel beisteuern sollte.

Vom Adel erwartete er dafür den zehnten, vom Bürgerstand den zwanzigsten, von den Fürsten einen nach ihrer eigenen Weisheit und Freigebigkeit zu bestimmenden Teil der Einkünfte. Der Kaiser, der französische König und die meisten europäischen Herrscher gaben zustimmende Antworten auf diese Denkschrift. Maximilian beantragte einen dreijährigen Kriegszug: im ersten Jahr sollte man die afrikanischen Besitzungen, im zweiten die europäischen Provinzen des Sultans erobern, im dritten Konstantinopel einnehmen; die kleinasiatischen Länder würden dann von selbst den Siegern anheim fallen.

Hoch erfreut über die ‚wunderbare Einmütigkeit‘ in den Erklärungen der christlichen Mächte, verkündigte Leo X. am 13. März 1518 den Kreuzzug und den fünfjährigen Frieden, und schickte dem Kaiser, als dem geborenen Schutzherrn und Oberanführer der Christenheit gegen den gemeinsamen Glaubensfeind, einen geweihten Waffenschmuck: Helm und Schwert. Auf dem Reichstag in Augsburg sollte der Kardinallegat Cajetan denselben feierlich überreichen.

‚Der Christenheit meister Trost‘, sagte Maximilian ins einem Ausschreiben zu diesem Reichstag, ‚ruht jetzt auf deutscher Nation. Darum erzeigt jetzt euer schuldig Gehorsam und gebt nicht Ursache, daß euch des heiligen Reiches, der deutschen Nation und zuvörderst der heiligen Christenheit Zerstörung und Vertilgung einige Schuld zugemessen werde. Er hoffte zuversichtlich, daß ihm die Stände die Mittel zur Ausführung des großen Kriegsunternehmens bewilligen würden.

Am 1. August 1518 fand die Überreichung des geweihten Waffenschmuckes statt. ‚Du allein‘, redete dabei der Kardinallegat den Kaiser an, ‚führst den Namen eines Schirmherrn und Vogtes der Kirche. Daß du es wirklich seiest, erfordert dringend die Lage der Dinge. Die Augen aller Christen sind hoffend auf dich gerichtet: du werdest deine Hand an das Schwert legen und es ziehen gegen die Feinde des Herrn. Möge deine Hand gestärkt sein und sich heben gegen die Wut und Grausamkeit der Türken!‘ ‚Mit dankbarstem Herzen‘, ließ der Kaiser erwidern, ’nehme er den Waffenschmuck aus den Händen des Legaten an. Für den Apostolischen Stuhl und das Heil der Christenheit Hab und Gut, Blut und Leben hinzugeben, sei seit frühester Jugend sein dringender Wunsch. Besitze er auch jetzt nicht mehr jene blühende Jugend und rüstige Körperkraft, welche das große und heilige Unternehmen erfordere, so werde er, durch diesen Helm des heiligen Geistes und dieses Schwert des Glaubens geschirmt, sich dennoch an demselben beteiligen und mit starkem und unerschrockenem Mut den unabweislich notwendig gewordenen Heereszug gegen die Feinde beginnen.‘ So hatte der Kaiser auch schon dem Papst geschrieben: ‚Ich werde folgen und Gut und Blut gern hingeben. Ich nähere mich schon mit schnellen Schritten dem Greisenalter, aber meine Jahre sollen mich nicht im mindesten säumen lassen. Und wenn ich den so wünschenswerten Tod für Christi Namen finden werde, hoffe ich neu aufzuleben zu ewiger Glorie.‘

Die unbedingte Notwendigkeit des Türkenzuges bewies der Kardinallegat in glänzender Rede vor versammelten Ständen mit klaren und einleuchtenden Gründen. ‚Religion und Menschheit‘, sprach er, ‚wirft sich hilfeflehend den Deutschen zu Füßen. Alles blickt auf Maximilians Adler; nur vom römischen Reich kann der Welt Rettung verschafft werden. Verlaßt ihr sie, so verlaßt ihr euch selbst; denn Deutschland ist vor allen andern ein Grenzland der Türken. Kann auch Italien durch die Flotten derselben eher erreicht werden, so sind doch für euch ihre Landheere viel drohender, und in diesen besteht, wie jedem bekannt, ihre eigentliche Stärke. Ganz Deutschland liegt dem Anstürmen der Türken offen, wenn wir nicht Krain, Kärnten und Steiermark, Kroatien und Ungarn als Bollwerke schützen und retten. Wenn ihr auf diesem Reichstag das Unternehmen nicht zustande bringt, sondern es wieder hinaus schiebt, so wird die ganze Christenheit den Mut verlieren.

Was sollen wir handeln, werden die andern christlichen Fürsten sagen, wenn Deutschland, mit dem doch die Würde des Kaiserreiches verbunden und dem dadurch der Schutz der Kirche übertragen ist, zögert und die Entscheidung von einer Reichsverhandlung zur andern vertagt? Und so wird, was Gott verhüte, euer Zaudern den Untergang herbei führen.‘

Der Kaiser und die polnischen Gesandten unterstützten auf das lebhafteste die Vorschläge des Legaten, die Stände aber lehnten dieselben ab und fanden neben andern Ausflüchten die neue Formel, welche seitdem wiederholt die Verweigerung geforderter Reichshilfe beschönigen musste: sie zählten die Beschwerden der deutschen Nation gegen den römischen Stuhl auf. Die während der Dauer des Reichstages einlaufenden beunruhigenden Nachrichten von Selims Rückkehr nach Konstantinopel und seinen furchtbaren Rüstungen, von einer Landung türkischer Korsaren bei Gaeta, von einem Angriff der Türken gegen Belgrad brachten auf die deutschen Fürsten keine Wirkung hervor: es seien, hieß es, leere Erdichtungen, ausgesprengt zu dem Zweck, um deutsches Geld zu erhalten.

Ein flehentlicher Hilferuf aus dem kaiserlichen Erblanden rührte die Stände ebenso wenig.

‚Die Lande Krain, Steier, Kärnten und Österreich‘, so meldeten die Frankfurter Abgeordneten am 4. September nach Hause, ‚haben die Stände um Hilfe, Rat und Errettung schriftlich mit gar wahrhaftigem und erbärmlichem Bericht angesucht, nämlich, daß der Türke in Kroatien eine lange Zeit ihre Lande verbrannt, verheert und verderbt habe, dermaßen, daß er sie beinahe alle bis auf etliche Grafen bezwungen und unter seinen Tribut gebracht habe. Er hebe an, die zerbrochenen Festen und Schlösser, so er hiervor darin zerbrochen und zerrissen hat, wieder aufzubauen und zu befestigen, dermaßen, daß zu besorgen: wir werden, wo dem nicht zeitig Widerstand getan werde, die Türken in kurzem in Bayern und Schwaben haben. Darauf sind die Kurfürsten, Fürsten und Prälaten denselben tröstliche Antwort zu geben gemeint gewesen; wo es aber zum Ausgeben kommt, hinterhält ein jeder.‘

Das einzige, was die Stände zum Widerstand gegen die Türken ‚leisteten‘, war ein Anerbieten, welches wie ein Hohn auf die geforderte Hilfe aussah: ein jeder, der zur heiligen Kommunion gehe, solle während der nächsten drei Jahre jährlich wenigstens einen Zehntel-Gulden erlegen und die so eingehende Summe solle von den Regierungen bis zu dem einstigen Türkenzug aufbewahrt werden.

Aber selbst bezüglich dieser Bewilligung, erklärten die Fürsten, müssten sie erst mit ihren Untertanen Rücksprache nehmen. Über die eingegangenen Gelder, über die Ernennung von Hauptleuten und Rottmeistern und über anderes zum Türkenzug Notwendige sollte dann auf dem nächsten Reichstag, ‚ad Kalendas Graecas‘, schrieben die Frankfurter Abgeordneten, weiter gehandelt werden. ‚Gott gebe‘, fügten die Abgeordneten hinzu, ‚daß das gut tue!‘

Wenige Jahre später fielen Belgrad und die Insel Rhodos, diese beiden Hauptbollwerke des christlichen Europa, in die Hände der Türken, und so rechtfertigten die Ereignisse vollkommen die von dem Papst und dem Kaiser ausgesprochenen Besorgnisse. Man täuschte sich nicht in der Behauptung, daß ‚in einem Jahrzehnt die türkische Übermacht vor Wien sich lagern werde‘.

Jeder klar Blickende erkannte die immer näher rückende Gefahr; von den Reichsständen aber sah ‚jeder nur so weit, als sein Gebiet reichte‘, und jeder, glaubte ein Beobachter, ‚hätte gern ein Auge verloren, wenn sein Nachbar darüber beide Augen eingebüßt hätte‘. –
aus: Johannes Janssen, Zustände des deutschen Volkes, Bd. 1, Die Revolutionspartei und ihre Erfolge bis zum Wormser Reichstage von 1521, besorgt von Ludwig von Pastor 1915, S. 664 -S. 669

Category: Janssen, Mittelalter

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