Der Stern der Weisen wurde von Allen gesehen

Die heiligen drei Könige (Magier) mit ihren Begleitern sehen den Stern am Himmel, in dem sie das Jesuskind sehen; in dem Bild schaut man in die weite Landschaft

Die Schwierigkeit das wahre Christentum durch eigenes Studium zu finden

Die Belehrung der Magier

Die Weisen allein haben sich den Stern zunutze gemacht

6. Der Stern der Weisen wurde von Allen gesehen, wenn gleich nur Wenige sich ihn zu Nutzen gemacht haben. Die Juden, welche ihn nicht sahen, erhielten durch Vermittlung der Weisen Kenntnis von der Geburt Jesu Christi. So hat der Heiland der Welt schon bei seiner Geburt angezeigt, daß die Lehre seines Glaubens universell, allgemein sein werde. Dasselbe wollte er dadurch anzeigen, daß er im Freien geboren wurde, wie er später auch im Freien starb. Die Grotte von Bethlehem ist Allen zugänglich, und dadurch ein schönes Vorbild der Kirche, die Allen Zutritt zu ihrer Schule gewährt.

Die Offenbarung Bethlehems war indes nicht bloß leicht und kurz, sondern auch allgemein und Allen, die davon Gebrauch machen wollten, zugänglich.

Gott der Schöpfer läßt nach dem schönen Ausdrucke Jesu Christi das materielle Licht, welches alle körperlichen und sichtbaren Wesen beleuchtet, aufgehen sowohl über die Guten, als auch über die Bösen: Solem suum oriri facit super bonos et malos. (Matth.5.) So, sagt der heilige Chrysostomus, hat auch Gott der Erlöser, welcher deshalb in die Welt gekommen ist, um das alte Testament zu beschließen und die ganze Welt zu seiner Erkenntnis und Anbetung zu berufen, kaum daß er geboren war, einen Stern aufgehen lassen, um den Heiden die Pforte der Kirche zu öffnen, und hat, während er die Fremdlinge berief, auch seinen Hausgenossen sich geoffenbart. Das will sagen, Jesus Christus ließ seinen wunderbaren Stern ebenso für die Gelehrten, wie für die Ungelehrten, für die Juden, wie für die Heiden, für die Gerechten, wie für die Sünder aufgehen, damit sie Alle unter seiner Leitung die wahre Sonne der Gerechtigkeit, die geistige und göttliche Sonne, den Messias, den Heiland der Menschen, das einzig wahre Licht, das jeden Menschen, der in diese Welt kommt, in Bezug auf die geistigen, unsichtbaren und göttlichen Dinge erleuchtet, finden und erkennen konnten.

Der Stern wurde von Allen gesehen

Wenn also auch die Weisen die Einzigen waren, welche die Erscheinung des Sternes sich zu Nutzen machten, so waren sie doch nicht die Einzigen, die ihn sahen. Dieser außerordentliche und wunderbare Meteor kreiste in der tieferen Luftregion vor den Augen Aller majestätisch dahin. Die Magier wurden darüber auch innerlich erleuchtet, weil sie, durch diese ungewöhnliche Erscheinung aufmerksam gemacht, zu Gott um das Verständnis flehten. Die Andern aber, die sich damit begnügten, ihn zu beschauen; die den heilsamen Gedanken, welchen dieses Wunder im Innern des Herzens erweckte, es könne der Messias geboren sein, unterdrückten und so der ersten Gnade des Glaubens widerstanden und sie an sich vereitelten, blieben in ihrer Finsternis; und in ihrer Verblendung. Wenn also auch nicht Alle den Stern zu ihrem Heile benützten, so sahen ihn doch Alle; und wenn nicht Alle an seinem göttlichen Lichte Teil nahmen, so lag die Schuld hiervon nicht an dem Sterne, sondern an dem Stolze ihres Geistes und an der Gleichgültigkeit und Kälte ihres Herzens. Gerade so, wie die Sonne für Alle aufgeht und Alle, ausgenommen die Blinden, ihr Licht leicht genießen können, wurde auch der Heiland der Welt, obwohl für Alle geboren, doch nicht von Allen erkannt; wurde von der Kirche aufgenommen, von der Synagoge aber verworfen. Man kann daher sagen, der Stern sei für Alle aufgegangen, aber nicht Alle haben seine Bedeutung verstehen wollen. Er war, wie der heil. Maximus ihn nennt, das große Licht und gleichsam das Auge der Welt; und verwandelte bei seinem Erscheinen in einem Augenblicke den finstern Anblick der geistigen Welt in Licht, gleichwie die aufgehende Sonne die dunkle Seite der körperlichen Welt erleuchtet.

Zwar hat sich der Stern, als die Weisen Judäa näher kamen, verborgen und verdunkelt, aber gerade so ordnete es Gott an, damit die Weisen in Ermanglung jenes himmlischen Wegweisers gezwungen wurden, eine irdische Führung zu suchen; auf daß sie die Juden in Betreff des Messias fragten und so die Botschaft von seiner Geburt durch das ganze Judenland verbreiteten. Wenn also auch die Juden den Anblick des Sternes nicht genossen, so erfuhren sie doch durch die Weisen seine Erscheinung und seine Bedeutung. Was den Weisen gezeigt wurde, wurde den Juden verkündet. Die Einen sahen den Stern mit den Augen des Körpers, die Andern mit den Augen des Geistes. Denn kaum hatten jene hochherzigen Bekenner Jesu Christi Jerusalem betreten, so fingen sie schon an, das Wunder des Sternes und das durch ihn geoffenbarte Geheimnis, nämlich die Geburt des Messias, auch denen zu predigen, die sich nicht darum kümmerten: „Wo ist der König der Juden?“ das ist, wo ist der Messias, der bereits geboren sein muß? Denn wir haben im Orient, von dannen wir kommen, den Stern, welcher seine Geburt anzeigt, gesehen: Ubi est qui natus est rex Judaeorum? vidimus enim stellam ejus in oriente et venimus. Ja, der heil. Petrus Chrysologus findet in diesen Worten mehr, als eine bloße Frage, von Unkundigen gestellt; er findet darin eine Zurechtweisung jener Lehrmeister, die wohl wissen, was sie nicht zu wissen scheinen. Während sie die Juden fragen, rügen sie ihre Gleichgültigkeit; tadeln ihren Stumpfsinn; enthüllen ihre Bosheit; verurteilen öffentlich vor aller Welt ihre Hartnäckigkeit und ihre Treulosigkeit, da sie es nicht der Mühe wert finden, ihrem wahren Herrn entgegen zu gehen.

Überdies gab die Botschaft der Weisen von der Erscheinung des Sternes und von der Geburt des Messias den Weisen Israels Gelegenheit, die heilige Schrift um Rat zu fragen; in ihr die klare und deutliche Bezeichnung des Ortes, an dem der Messias geboren werden sollte, zu finden; mit den Magiern über den Gegenstand ihrer Nachfrage umständlich zu reden. Es wäre demnach, sagt der heil. Leo, etwas Leichtes, Natürliches, Billiges gewesen, daß die jüdischen Weisen die hochwichtige Nachricht, die ihnen die Fremdlinge gebracht, zuerst sich selbst zu Nutzen machten und zuerst selber das glaubten, worüber sie Andere mit Gewissheit belehrten.

Alle diese Umstände sollten also die Juden aufrütteln aus dem Schlafe ihrer Gleichgültigkeit in Bezug auf den ihnen verheißenen Erlöser und sie antreiben, mit Eifer ihm entgegenzugehen. Sie wußten ja von den Magiern, daß er geboren war, Natus est; und vom Propheten Michäas, den sie hierüber eigens gefragt hatten, wußten sie auch den Ort seiner Geburt, Bethlehem in Juda: In Bethlehem Judae: sic enim skriptum est per prophetam.

Christus offenbarte sich den Juden und den Heiden

Noch mehr; wie der heil. Evangelist Lukas erzählt, so haben die Hirten, als sie von der Grotte Bethlehems zurückkehrten, voll heiligen Jubels Gott gepriesen und ihm gedankt für die Gnade, daß er ihnen durch Engel die Geburt des Weltheilandes geoffenbart und sie als die Ersten berufen hatte, ihn zu begrüßen; sie haben Allen, zu denen sie kamen, erzählt, was sie von den Engeln gehört und mit eigenen Augen gesehen hatten, so daß Alle in jener ganzen Gegend sich verwunderten: Et reversi sunt pastores glorificantes et laudantes Deum in omnibus quae audierant et viderant. Et omnes qui audierunt, mirati sunt, et de his quae dicta erant a pastoribus ad illos. (Luc. 2.) Merkwürdig! ruft Euthymius aus. Die Juden, welche durch so viele Nachrichten aufmerksam gemacht, durch so viele Belehrungen unterrichtet, durch so viele Zeugen vergewissert waren, wollten dennoch nicht glauben, wollten nicht die wenigen Schritte von Jerusalem nach Bethlehem machen, um den Messias zu sehen und zu begrüßen, während die heidnischen Magier aus weiter Ferne gekommen waren, um ihn anzubeten. Derselbe Schrifterklärer bemerkt mit dem heil. Chrysostomus hierzu noch den Umstand, daß Jesus Christus mit Maria und Joseph in der Grotte zu Bethlehem noch bis zum Tage der Reinigung der seligsten Jungfrau geblieben sei, so daß die Juden Zeit genug hatten, nach Bethlehem zu kommen, wenn sie nicht freiwillig ihre Augen verschlossen und so vielen Zeugnissen und Wundern zum Trotze ihr Herz verhärtet hätten. Sie konnten sich also nicht damit entschuldigen: Wir haben nicht gewußt, wann und wo der Heiland geboren wurde, um ihn zu erkennen und ihm zu huldigen. Sie sind unentschuldbar, die Vorsehung Gottes aber ist vollkommen gerechtfertigt. Die Botschaft der Magier und das Zeugnis der Hirten waren also für die Juden eine ihnen von der göttlichen Barmherzigkeit gegebene wahre und neue Offenbarung; eine Offenbarung, welche ganz klar und bestimmt, gewiß und Allen leicht zugänglich war; die sich in kurzer Zeit allgemein verbreitete, und von der Alle, welche wollten, Nutzen ziehen konnten.

So wurden die Juden und die Heiden auf verschiedene Weise und durch verschiedene Mittel, zur selben Zeit, von demselben Gotte, mit demselben Lichte erleuchtet, um dasselbe Geheimnis zu erkennen; wurden von derselben Gnade gerufen, um es gläubig zu verehren. Und weil das ganze Menschengeschlecht in der heiligen Schrift immer mit den beiden Bezeichnungen Jude und Heide umfaßt wird, so hat Jesus Christus, der sich auf verschiedene Art und Weise den heidnischen Magiern und den jüdischen Gesetzeslehrern offenbarte, schon bei seiner Geburt gezeigt, daß er gekommen sei, um alle Menschen zu erleuchten, und daß die Erkenntnis seines Glaubens nicht bloß leicht und schnell, sondern auch Allen zugänglich und universell sein sollte.

Christus wollte im Freien geboren werden

Dasselbe wollte der neugeborne Heiland auch durch den Ort seiner Geburt anzeigen. Der heil. Apostel Paulus findet in dem Umstande, welchen die Evangelisten anführen, daß der Heiland der Welt vor die Stadt hinausgeführt wurde, um außerhalb der Tore gekreuzigt zu werden, Eduxerunt eum, ut crucifigerent, ein großes Geheimnis. Jesus Christus wollte nämlich deshalb außerhalb der Stadttore und im Freien sterben, um dadurch anzuzeigen, daß die Wirkungen seines Todes nicht auf den Umkreis einer einzigen Stadt oder eines einzigen Volkes beschränkt sein sollten. Die Juden, die den Heiland vor die Stadt hinausführten, rissen dadurch selbst jene unglückselige Scheidewand nieder, welche zwischen ihnen und den Heiden bestand; halfen, ohne es zu wissen, die Ratschlüsse der göttlichen Barmherzigkeit erfüllen, welche aus allen Völkern Ein Volk bilden wollte: Propter quod Jesus, ut sanctificaret populum, extra portam passus est. Und der heil. Leo fügt bei der Erklärung dieser Worte des heil. Paulus mit würdevoller Beredsamkeit hinzu: O wie herrlich ist dieses Geheimnis Jesu Christi, da er außerhalb der bewohnten Stadt stirbt! Für ein solches Opfer war ein anderes Heiligtum notwendig als der Tempel, dessen vorbildlicher Dienst bereits beendet war; ein anderer Ort als Jerusalem, das zur Strafe des Gottesmordes in Bälde zerstört und vernichtet werden sollte. Für das welterlösende Opfer, das für alle Zeiten, für alle Orte, für alle Menschen dargebracht werden sollte, geziemte sich nicht ein abgesonderter Ort. Weil das Kreuz Jesu Christi nicht der Altar eines besonderen Tempels, sondern der allgemeine Altar der Welt war, so musste es an einem öffentlichen Orte den Augen Aller ausgesetzt sein.

Aus demselben Grunde nun, weshalb Jesus Christus im Freien sterben wollte, wollte er auch im Freien geboren werden, um nämlich Alle mit seinem Lichte zu erleuchten, gleichwie er gestorben ist, um Alle durch sein Blut zu erlösen und zu heiligen. So tat er selbst, sagt der heil. Chrysostomus, beim Beginn seines Lebens das, was er zuletzt den Aposteln auftrug: „Lehret alle Völker“; denn die Geheimnisse seiner Geburt sind ein wahres Vorbild und eine herrliche Prophetie jener Geheimnisse, die nach seinem Tode in Erfüllung gehen sollten.

Versetzen wir uns im Geiste an den Ort seiner Geburt, was sehen wir? Eine weite Flur in der Nähe von Bethlehem. Das Feld bedeutet aber nach der Auslegung Jesu Christi selbst die Welt: Ager est mundus (Matth. 13) In Mitte dieses Feldes sehen wir eine arme, einsame Hütte, ohne Tor, ohne Umzäunung, ohne Schutzmauer, ohne Wache, von allen Seiten offen, so daß man, ohne auf irgend ein Hindernis zu stoßen, überall eintreten kann. Es ist also die Grotte von Bethlehem nicht bloß der wahre Tempel Gottes, in welchem ihn Alle anbeten können, sondern auch die Schule seiner Weisheit, die Allen offen steht, in der ihn Alle erkennen können. Ist sie hierdurch nicht ein schönes Vorbild der Kirche, welche, in der Welt gegründet, Allen offen steht; zu welcher man aus allen vier Weltgegenden ungehindert herbeieilen kann?

Über dieser Hütte funkelt mit geheimnisvollem Lichte ein Stern, der sich Niemanden verfinstert, der sich Niemanden verbirgt; der, wie die Sonne, in den weitesten Kreisen gesehen, von Allen betrachtet werden kann. Auch hierin sehen wir das treueste Vorbild der Belehrung durch den wahren Glauben, welcher allzeit hell und klar und majestätisch über dem wahren Bethlehem, über der Kirche, strahlt und mittelst der Prediger seine Strahlen bis an die äußersten Teile der Erde sendet. Denn es gibt kein Volk, dem es verwehrt ist, seines Lichtes sich zu erfreuen: Non est qui se abscendat a calore ejus (Psalm 18).

Und damit dieser herrliche Vorzug der göttlichen Belehrung, nämlich die Universalität und die allgemeine Zugänglichkeit in Bethlehem nicht bloß vorgebildet, sondern auch praktisch dargestellt wurde, so finden wir in derselben Hütte neben den gelehrten und weisen Magiern die Unwissenden und ungebildeten Hirten. Die Einen, wie die Andern, werden durch verschiedene Mittel derselben Offenbarung teilhaftig; glauben und bekennen dieselbe Wahrheit, daß Jesus Christus Gott und Mensch und der Heiland der Menschen ist. –
aus: Joachim Ventura, Exgeneral der Theatiner, Die Schönheiten des Glaubens oder: Das Glück, an Jesum Christum zu glauben und der wahren Kirche anzugehören, Fünfter Band, Zweiter Teil, 1855, S. 41 – S. 48

Bildquellen

  • Hattler Heilige Drei Koenige: Bildrechte beim Autor

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