Erbsünde und persönliche Sünde

Das Bild zeigt die Sünde und ihre Folgen: Gottvater, ein Engel mit dem Flammenschwert zu Eva gewandt, ein anderer Engel mit einem Zweig zu Maria gewandt

Das Wesen der Sünde

Unterscheidung Erbsünde und persönliche Sünde

Das ist also die erste Unterscheidung der Sünde, die Unterscheidung in formelle und materielle Sünden. Ich muss nun einer andern, nämlich der zwischen der Erb- und der persönlichen Sünde Erwähnung tun.

Die Erbsünde

Was versteht man unter Erbsünde? Es ist die durch das Haupt des Menschengeschlechtes vollzogene Übertretung des Gesetzes, wodurch alle Menschen, die das Licht der Welt erblicken, vor Gott Sünder sind und in einem Zustande des Mangels geboren werden. Die Übertretung des Gesetzes durch unsern Stammvater ist unsere Sünde, da Gott mit der Erschaffung des ersten Menschen auch das Menschengeschlecht erschuf. In jenem Menschen war das ganze Menschengeschlecht eingeschlossen; dasselbe verdankt seinen Ursprung dem Einen Haupt, welches der Erbe aller Segnungen des Reiches Gottes sowohl zu seinem eigenen, als auch zu unserm Wohle war. Hätte Adam, der Träger unsers Erbteiles, die Probe bestanden, wir würden von ihm das Reich Gottes empfangen haben: aber er fiel und in Folge dieses Falles ward das ganze Menschengeschlecht enterbt. Wohl kann man heut zu Tage bisweilen die Frage vernehmen: Gibt es etwas Törichteres, als zu glauben, das Menschengeschlecht sei gefallen, weil Adam von einem Apfel gegessen? Eine solche Frage erlaubt sich der anmaßende Dünkel der Weltkinder. Wie, sollten vielleicht die Wege Gottes einer Rechtfertigung bedürfen? Gott erschuf den Adam, setzte ihn in das Paradies, in die Mitte eines herrlichen Lustgartens und verlieh ihm die Herrschaft über alle Bäume jenes Gartens mit Ausnahme eines Einzigen. Die Freigebigkeit Gottes bekundete sich also in großartiger Weise. Er sagte nicht etwa: „Von der Frucht jenes Einen Baumes darfst du essen, aber von den zehn tausend anderen fruchttragenden Bäumen ist es dir nicht gestattet, zu essen und an welchem Tage du immer von ihnen essen wirst, sollst du des Todes sein.“ Gott verlieh dem Adam nicht mit menschlicher Engherzigkeit die Erlaubnis, nur von dem Einen Baume zu essen und verbot ihm nicht den Genuss von den zehntausend anderen Bäumen. Nein! Er gewährte ihm vielmehr den freien und vollen Genuss von jenen zehntausend Bäumen und verbot ihm nur, zu essen von dem Einen Baume. Kann es etwas Vernünſtigeres geben, als dieses Verbot? Würdet ihr nicht ein Gleiches tun, wenn ihr den Gehorsam eines Menschen auf die Probe stellen wolltet ?-
Würdet ihr nicht in derselben Weise verfahren haben ? Verfahren nicht heut zu Tage noch diejenigen ebenso, welche ihre Ländereien aus purer Freigebigkeit Anderen gegen die Entrichtung einer Rente, die kaum des Namens wert ist, überlassen? Wie, und die Welt entblödet sich nicht, eine so freche und anmaßende Sprache zu führen? Wird nicht der Gutsherr, welcher sein Besitztum einem Anderen überträgt und sich mit einer bloßen schriftlichen Anerkennung seines Eigentums begnügt, von allen Menschen als ein hochedler, freigebiger und liebenswürdiger Charakter geehrt? Er handelt wie ein Freund, ohne Rücksicht auf sein eigenes Interesse, wenn er einem Andern den Genuss seines Besitztums und die hierdurch verursachte Annehmlichkeit überläßt und zwar einzig und allein auf die bloße Anerkennung hin, daß das Besitztum ihm verbleibe. Er wahrte sich damit nur sein gutes Recht. Und was tat der allmächtige Gott, als er jenes Verbot erteilte? Er wahrte Sich Seine Rechte als Oberherr; Er wahrte Sich Seine Rechte über den Gehorsam des Menschen, welchen Er erschaffen und offenbarte dadurch zugleich, daß Ihm über den Garten sowohl, als über den Menschen, welchem er die freie Benutzung des Gartens überlassen, die Herrschaft zukomme.

Er stellte ihn auf die Probe: es handelte sich um die Prüfung seiner Treue. Noch mehr! Diese Prüfung erscheint als eine so leichte, wie sie leichter gar nicht erdacht werden kann. Hätte Gott verboten, von allen Bäumen des Paradieses mit Ausnahme eines Einzigen essen, so würde Adam bei jedem Gang durch den Garten versucht worden sein. Jeder Baum, welchen er anblickte, würde ihm eine neue Versuchung bereitet haben; die Versuchung hätte ihn verfolgt und gequält auf allen Schritten und Tritten. So verfuhr aber Gott nicht mit ihm: Er verbot den Genuss von Einem und nur von Einem Baume, so daß der Mensch vollkommene Freiheit besaß, hierhin und dorthin zu gehen und von allen Bäumen des Gartens mit alleiniger Ausnahme des Einen Baumes zu essen. Wo war also da die Versuchung?

Wie auf Seiten Gottes sich eine wahrhaft großartige Freigebigkeit äußerte, so gab es auf Seiten des Menschen die Freiheit der Übertretung. Es mag diese freilich einen Mangel bezeichnen, aber ich kann hierin nichts erblicken, was nur irgend wie der göttlichen Weisheit und Güte, der göttlichen Oberherrschaft und Barmherzigkeit widerspräche. Ich sehe nichts, was auch nur in etwa die Anmaßung der Welt entschuldigen könnte. Das Verbot Gottes war leicht; gleichwohl verletzte Adam dasselbe ohne jegliche innere Versuchung. Er empfing den Genuss seiner Vollkommenheit, sowie die Verheißung des ewigen Lebens und des Reiches Gottes gegen die Entrichtung einer höchst unbedeutenden Rente, gegen eine bloße Anerkennung der Oberherrschaft seines Schöpfers und selbst hierzu wollte sich Adam nicht verstehen.

Was war die Folge? Der Mensch besaß, wie Gott ihn erschaffen, drei Vollkommenheiten. Er war zunächst vollkommen seinem Leibe und seiner Seele nach; ferner erfreute er sich des Besitzes des in seinem Herzen thronenden hl. Geistes, wodurch die Seele geordnet und geheiligt und das Heer der Leidenschaften in vollkommener Botmäßigkeit unter Vernunft und Willen gehalten wurde: er war endlich noch mit einem andern, aus einer höheren Vollkommenheit entspringenden Vorzug ausgestattet, nämlich der Unsterblichkeit seines Leibes und der vollkommenen Unversehrtheit seiner Seele. So sehen wir ihn also geschmückt mit drei Vollkommenheiten; einer natürlichen Vollkommenheit nämlich des Leibes und der Seele, einer übernatürlichen Vollkommenheit in Folge der Innewohnung des hl. Geistes und einer außernatürlichen Vollkommenheit, nämlich der Unsterblichkeit. Aller dieser Vorzüge ging er verlustig durch den einen Akt des Ungehorsams. Da er sündigte, wich der Geist Gottes von ihm; die Seele starb dahin, weil getrennt von Gott; die Unsterblichkeit büßte er ein und in gleicher Weise die Unversehrtheit oder die Harmonie der Seele. Die Leidenschaften erhoben nunmehr ihr übermütiges Haupt, der Wille wurde geschwächt, der Verstand verdunkelt und die Natur des Menschen ihrer übernatürlichen Vollkommenheit, sowie aller Wirkungen derselben beraubt. Das ist der Sinn der Worte: „An welchem Tage du immer davon essen wirst, sollst du des Todes sterben.“ Es war ein geistiger und ein zeitlicher Tod, dem ein ewiger Tod würde gefolgt sein, hätte Adam keine Buße getan.

Wir sehen also die Bedeutung der Erbsünde in uns. Sie besteht darin, daß wir in Folge unserer Abstammung von Adam jener drei Vollkommenheiten beraubt sind, welche wir in ihm wegen seines Ungehorsams verloren haben. Wir sind geboren worden, ohne den uns erst bei der Taufe, unsrer zweiten Geburt, zu Teil gewordenen Geist Gottes. Bei unserer ersten Geburt ist das vom Fleisch Geborene Fleisch. Von Adam erbten wir drei Wunden, die Unwissenheit des Verstandes, die Schwäche des Willens und den Ungestüm der Leidenschaften. Das ist der Zustand, in welchem wir das Licht der Welt erblickten; deshalb erscheinen wir vor Gott geistig tot. Ich finde hierin, wie ich schon zuvor bemerkte, nur göttliche Weisheit: und die Weisheit wird gerechtfertigt von ihren Kindern.

Die persönliche Sünde

Wir gelangen endlich zur persönlichen Sünde. Um das Wesen derselben zu verstehen, müssen wir uns der gleich anfänglich näher erklärten Grundsätze erinnern. Die aktuelle oder die persönliche Sünde bezeichnet den bewußten Widerspruch eines Geschöpfes gegen den erkannten Willen seines Schöpfers, einen Widerspruch, welcher das Licht des Verstandes, die Zustimmung des Willens, die Erkenntnis desjenigen, was wir tun wollen, in sich schließt. Die wesentliche Bosheit der Sünde beruht im Willen und es läßt sich bei einer jeden, von einem Christen begangenen persönlichen Sünde eine dreifache Bosheit unterscheiden. Zunächst begegnet uns hier eine Bosheit gegen Gott den Vater, welcher den Menschen nach Seinem Bilde und Gleichnis erschuf, auf daß Er der Gegenstand seiner Liebe sein sollte, daß er Ihn erkenne und liebe, Ihm diene und Ihn verehre, Ihm gleichförmig werde und mit Ihm alle Ewigkeit hindurch herrsche. Der Christ, welcher sündigt gegen Gott, sündigt gegen seinen Erschaffer und verehrt das Geschöpf mehr, als den Schöpfer: er verehrt die Welt, ihre Vergnügungen und sich selbst. Die Selbstverehrung setzt er an die Stelle der Gottesverehrung und macht sich dadurch einer unendlichen Beleidigung Gottes schuldig. Ich sage „einer unendlichen Beleidigung“, weil, obwohl er selbst endlich ist, die Person, gegen welche die Beleidigung sich richtet, der unendliche Gott ist. Wir treffen hier ferner eine Bosheit gegen unsern Herrn Jesum Christum, den Erlöser der Welt. Der Apostel nennt jeden schweren Sünder einen Feind des Kreuzes Christi, indem er sagt: „Diejenigen, welche solche Dinge vollbringen, sind, wie ich euch schon oft bemerkt habe und wie ihr es jetzt mit tränenvollem Auge wiederhole, Feinde des Kreuzes Christi.“ (Phil. 3, 18) Und weshalb? Weil Jesus Christus am Kreuz für alle jene Sünden litt, welche solche Menschen begehen. Der Sünder heftet Ihn von neuem ans Kreuz. Die Nägel und der Hammer waren nur die sinnlichen Werkzeuge der Kreuzigung: die eigentliche sittliche Ursache der Kreuzigung des Gottessohnes war aber die Sünde, welche wir, ihr und ich, begangen haben. Wenn wir nun solche Sünden wiederholen, so erneuern wir mit Überlegung die Ursachen, welche Ihn an’s Kreuz geheftet. Mit Recht schreibt daher der Apostel: „Wenn diejenigen, welche das Gesetz des Moses verachtet hatten, verurteilt wurden, um wie viel mehr verdient derjenige härtere Strafen, welcher den Sohn Gottes mit Füßen getreten, welcher Ihn offen beschämt und das Blut des Bundes, durch welches er geheiligt wurde, unrein erachtet und welcher dieses aus Verhöhnung des Geistes der Gnade getan hat?“ (Hebr. 10, 29) Der Christ, welcher mit Überlegung eine Sünde begeht, verwundet unsern göttlichen Heiland; er öffnet Seine hl. fünf Wunden und macht sie von neuem bluten. Mit kaltem, undankbaren Herzen erneuert er die unaussprechlichen Leiden, so die Todesangst im Gethsemane hervor riefen und bewirkt, daß Er noch einmal Seinen Blutschweiß vergießt. Noch mehr.

Bosheit gegen den Heiligen Geist

Jede Sünde eines Christen birgt auch eine Bosheit gegen den hl. Geist in sich. Eine jede Sünde, welche man begeht, wird gegen das Licht und die Gnade des hl. Geistes im Gewissen begangen. In dieser Beziehung unterscheiden wir drei Grade. Wir können den hl. Geist betrüben, wir können Ihm Widerstand bereiten und Ihn völlig auslöschen. Unser göttlicher Heiland hat gesagt: „Eine jede Sünde und jede Lästerung soll dem Menschen vergeben werden mit Ausnahme der Lästerung des hl. Geistes; und wenn Jemand ein Wort gegen den Menschensohn sagen wird, so soll er Verzeihung erlangen: wer aber immer gegen den hl. Geist spricht, der soll nimmer Verzeihung finden, weder in dieser noch in der andern Welt.“ (Matth. 12, 31) Ein Mensch kann also gegen Jesum Christum sprechen; ja er ist im Stande, seinen Herrn zu verspotten: aber der hl. Geist, welcher ihn der Sünde überführt, vermag ihn auch zur Reue zurück zu führen, ihn zu Gott wieder zu bekehren und auf diese Weise die Seele zu retten. Derjenige hingegen, welcher den hl. Geist lästert, den Geist der Buße, den Geist des Nachlasses, verwirft das ganze Gnadenwerk, und deshalb ist die Sünde, welche niemals Verzeihung finden kann, die Sünde der Unbußfertigkeit. Eine jede, von den Menschen bereute Sünde, wird vergeben werden; aber die Sünde, welche nicht bereut wird, soll nie Verzeihung erlangen weder in dieser, noch in der zukünftigen Welt. –
aus: Heinrich Eduard Kardinal Manning, Die Sünde und ihre Folgen, 1876, S. 14 – S. 22

Category: Betrachtungen, Manning
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