Der Spruch über die Auserwählten

Die heiligste Dreifaltigkeit, Gott Vater, Heiliger Geist als Taube und Christus auf dem Thron, umgeben von Engeln und von Heiligen, Seinen Auserwählten aus allen Ständen

Das Letzte Gericht

Das Gericht: Der Spruch über die Auserwählten

23. November

Tunc dicet Rex his qui a desxtris ejus sunt: venite, benedicti Patris mei, possidete paratum vobis regnum a constitutione mundi.
„Dann wird der König zu Denen, welcher zu seiner Rechten sind, sprechen: Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters! Nehmet das Reich in Besitz, das euch seit der Grundlegung der Welt bereitet ist.“ (Matth. XXV. 34)

Einladungsruf

Erwäge: wer sagt: Kommet! deutet damit zwei Dinge an: woher Jemand kommt, und wohin Jemand kommt. Beides will nun sich auch der göttliche Erlöser ausgedrückt wissen, wann er beim Schluß des Weltgerichtes, zu den Auserwählten sich wendend, ihnen allen den Spruch der ewigen Seligkeit verkünden und das freudenvolle „Kommet!“ zurufen wird.

„Kommet!“ das heißt, kommet von der Arbeit zur Ruhe, von der Armut zum Reichtum, von den Tränen zum Jubel, von dem Kampf zur Krone, die ihr durch euren Sieg euch verdient habt. O welch jubelvolles Kommet! „Sie gingen und gingen, und weinten, ausstreuend ihren Samen; aber sie werden kommen, ja kommen mit Frohlocken, tragend ihre Garben.“ (Ps. 125,6)

Und lasse dich nicht irre machen durch den Gedanken, daß dieses „Kommet!“ ein Einladungsruf sei, der Allen gemeinsam gilt; denn jeder Rangkreis der Heiligen wird denselben sehr gut nach seinen besonderen Verhältnissen und nach seinen eigentümlichen Verdiensten zu verstehen wissen, als wäre der Ruf eigens an ihn ergangen. Kommet, ihr Propheten, die ihr für mich in Acht und Verbannung gelebt: kommet, ihr Patriarchen, die ihr für mich als Pilger in fremdem Lande geweilt; kommet, ihr Apostel, die ihr um meinetwillen von der Welt verstoßen wurdet, als wäret ihr deren Schmach und Schande gewesen: kommet, ihr Märtyrer, die der Unglaube hingemordet um meines Namens willen: kommet, ihr verachteten Mönche: kommet, ihr Jungfrauen, die ihr mir die schöne Blume eurer Keuschheit geweiht: – und so alle übrigen.

Und weil die Heiligen nichts sehnlicher verlangten, als immer gleich treuen Dienern bei ihrem König zu sein; so wird derselbe auch deshalb ihnen zurufen: „Kommet!“

Bisher waren Einige mit ihm nur vereint gewesen durch die Gnade, Andere durch die Gnade und den Besitz der Herrlichkeit zugleich; sehr Wenige endlich durch die Gnade und den Besitz der vollen Herrlichkeit, das heißt durch den Besitz der Herrlichkeit der Seele und des Leibes, der schon mit der Seele vereint ist: „In meinem Fleische werde ich Gott meinen Heiland schauen.“ (Job 19,26) Und darum wird er sprechen: „Kommet!“ denn so, der Seele und dem Leibe nach verklärt, hat Christus unter so zahllos Vielen früher nur äußerst Wenige zu sich gerufen.

O wie sehr ersehnten die Heiligen während ihres ganzen Lebens dieses große Wort: „Kommet!“ Siehe – nun hören sie es!

Wer aber an jenem Tage im Gefolge Jesu Christi sein will, – weißt du, wie er sich dies zu verdienen hat? Dadurch, daß er ihm auch jetzt schon nachfolgt: „Wenn Jemand nach mir kommen will, so verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Matth. 16,24) Wenn Jemand nach mir kommen will – zur Herrlichkeit; so folge er mir nach – zur Erniedrigung.

Scheint es dir recht, daß man im Gefolge Christi sein will, wann er in sein Reich einzieht, ohne bei der Eroberung desselben in seinem Gefolge gestritten zu haben? „Wer siegt, dem will ich gewähren, mit mir auf meinem Thron zu sitzen.“ (Apok. 3,21)

Segnungen über die Auserwählten

Erwäge dann: unter so vielen Namen, welche die Gründe der Verherrlichung oder des Jubels der Auserwählten zu bezeichnen geeignet wären, und mit welchen Christus der Herr in diesem feierlichen Augenblick dieselben ansprechen könnte, – wird er einzig den Namen: „Gesegnete meines Vaters“ wählen: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters!“ weil der mit diesem Namen bezeichnete Grund alle übrigen in sich schließt.

Unser Sprechen ist nicht Schaffen. Und darum, wenn wir Jemand segnen, so haben wir dabei die Absicht, entweder das Gute, das er an sich hat, zu loben, oder es ihm zu wünschen.

Dies gilt aber nicht von dem Sprechen Gottes: sein Sprechen ist Schaffen: „Er sprach und es ward.“ (Ps. 32,9) Darum wenn Er uns segnet, gießt er das Gute, gießt er seine Gnade, gießt er himmlische Gaben, gießt er höhere Eigenschaften, gießt er alle Kraft und Tugend in uns ein.

Es will also Christus, daß die Seligen in jener großen Weltversammlung alle wissen, daß jedes Glück und jedes Gute, das sie haben, ihnen von dem Vater kommt; und darum ruft er ihnen zu: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters!“

Und sie – o wie jubelnd werden sie dann alle mit einstimmigem Ruf in die Worte ausbrechen: Gepriesen sei dieser Vater! „Gepriesen sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns gesegnet hat mit allem geistigen Segen in himmlischen Gütern durch Christus!“ (Eph. 1,3)

Die Segnungen, welche der Vater über die Auserwählten vom Himmel sendete, waren von der verschiedensten Art: „Und er segnete einen Jeden mit eigenen Segnungen.“ (Gen. 49,28)

Alle aber standen doch mit dieser letzten Segnung des großen Gerichtstages im innigsten Bezug: einer Segnung, welche mit Recht die immerwährende oder ewige heißen muss: „Mit immerwährender Segnung segne uns der ewige Vater. Amen.“ (Brev. Rom. Noct. I. Bnd. I) Und für diese insbesondere werden ihm dann alle Seligen unendlichen Dank sagen müssen.

Bemerke indessen: Christus könnte an jenem Tage mit vollstem Recht zu den Auserwählten sprechen: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, die der Vater durch mich gesegnet hat.“ Denn jeder Segen, der über sie kam, wurde ihnen vom Vater „durch Christus“, als Mittler, gespendet, der alle diese Segnungen für Jeden von ihnen verdient hatte.

Aber es ist nicht nötig, daß er dieses eigens besitzt. Indem er ihnen, wie bemerkt, die ewige Segnung bringt, auf welche alle übrigen als auf ihr gemeinsames Ziel sich bezogen, zeigt er an jenem Tage vollkommen klar, daß von ihm auch die anderen alle abhingen.

O selig du, wenn du diesen Segen dir verdienen kannst! Aber um ihn zu verdienen, bezeige deinem so großen Vater im Himmel alle Ehrfurcht und Unterwürfigkeit, welche du ihm schuldig bist: „Siehe, so wird der Mensch gesegnet werden, der den Herrn fürchtet“ (Ps. 127,4; nicht bloß: der Mensch wird gesegnet werden; sondern: so wird er gesegnet werden.

Denn derselbe Gott-Vater hat auch andere Segnungen, mit welchen er die minder gehorsamen Kinder für irgend ein gutes Werk belohnt, das sie bisweilen verrichten; aber diese sind keineswegs jene Segnung, von welcher hier der Erlöser spricht: sie sind fleischliche Segnungen, entsprechend der verdorbenen Herzens-Neigung jener Kinder; aber sie sind keine geistigen Segnungen; sie sind Segnungen „vom Fett der Erde“ (Gen. 27, 28), nicht aber „vom Tau des Himmels“. (Ebd.)

Denke dir daher, wie sehr die Auserwählten an jenem großen Tage Gott dem Vater für jene Segnungen danken werden, welche allein sie liebten: „Er hat uns gesegnet mit allem geistigen Segen in himmlischen Gütern.“ Und o wie sehr haben sie Ursache hierzu“ Denn aller geistige Segen in himmlischen Gütern ist – Alles, was der Himmel Gutes hat.

Der Himmel im Besitz der Seligen

Erwäge ferner: eben den Himmel gibt der Herr an jenem Tage den Auserwählten zum Besitz, da er zu ihnen spricht: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters! Nehmet das Reich in Besitz, das euch seit der Grundlegung der Welt bereitet ist.“

Es hätte Christus bei dieser Gelegenheit andere Ausdrücke wählen können, wie zum Beispiel: gehet ein in das Reich, empfanget das Reich, genießet das Reich; aber er wollte sagen: „Nehmet in Besitz das Reich“; und dies aus zwei Gründen. Erstens um dadurch die Ruhe und Sicherheit anzudeuten, mit der die Seligen sich dieses Reiches durch alle Ewigkeit erfreuen sollen; und zweitens um das Eigentumsrecht, das sie darauf erhalten, zu bezeichnen. Dies liegt im Begriff des Besitzes.

In Besitz haben wir jene Güter, welche uns zu eigen gehören, und die wir nicht bloß entlehnt, gemietet, gepachtet, oder im Verwahre haben. In Besitz haben wir ferner jene Güter, auf welche uns nicht bloß der Rechtsanspruch zusteht, wie dies bei solchen der Fall ist, welche uns irgendwie entrissen oder vorenthalten sind; sondern welche wir wirklich in unserer Gewalt haben, wie der König das Land, über welches er gebietet.

In solcher Weise nun werden die Seligen die himmlische Herrlichkeit inne haben. Und darum spricht Christus zu ihnen: „Nehmet in Besitz das Reich!“ „Wer siegt, wird dieses besitzen.“ (Apoc. 21,7)

Willst du aber wissen, warum Christus der Herr, da er doch jene Seligkeit mit so vielen anderen Namen bezeichnen, und sie zum Beispiel, Lohn, Siegeskranz, Preis, höchste Freude heißen konnte, ihr dennoch an jenem Tage gerade den Namen Reich geben wollte; so geschah dies deshalb, weil kein anderer Name besser als dieser geeignet ist, nicht bloß die wesentliche und innere Wonne auszudrücken, welche die Seligen im Besitz Gottes genießen werden, sondern auch die Größe, die Herrlichkeit, die hohe Würde, von welcher sie äußerlich umgeben sind, indem sie über die Verdammten herrschen.

Und bei diesem Namen Reich – o wie sehr werden da alle Verdammten zugleich vor verzweifelter Wut knirschen! Welche Qual für sie, sehen zu müssen, daß jetzt durch alle Ewigkeit jene Armen, jene Verachteten über ihren Häuptern herrschen werden, welche sie vordem nicht einmal eines Blickes würdigten! „Die Heiligen des höchsten Gottes werden das Reich übernehmen.“ (Dan. 7,18)

Die Brüder des frommen Joseph konnten es nicht ertragen, daß der unschuldige Knabe auch nur im Traum sich einbildete, daß er je über sie herrschen werde: „Wirst du etwa unser König sein, oder werden wir deiner Botmäßigkeit unterworfen werden?“ (Gen. 37,8) Stelle dir also selbst vor, was die Verdammten werden tun müssen, wenn sie an jenem Tag, und zwar in viel höherer Weise, nicht einen Bruder, sondern Fremde, sondern Widersacher und Gegner, sondern Solche über sich herrschen sehen, die sie einst mit so großer Geringschätzung behandelten! „Hat nicht Gott die Armen in dieser Welt auserwählt zu Erben des Reiches, welches er Denen verheißen hat, die ihn lieben?“ (Jak. 2,5)

Jetzt wirst du auch verstehen, aus welchem Grunde Christus der Herr es bis zu jenem Tage verschiebt, zu seinen Auserwählten zu sagen: „Nehmet in Besitz das Reich, das euch bereitet ist.“ Denn erst an jenem Tag wird den Seligen das Glück zu Teil werden, daß sie zugleich mit Christus alle ihre Verfolger vollkommen zu ihren Füßen haben werden: „Das Gericht wird sitzen, damit die Macht genommen werde“, dem Luzifer nämlich und seinen Gesellen; „und die Größe des Reiches, die über alle Himmel geht, dem Volke der Heiligen des höchsten Gottes gegeben werde.“ (Dan. 7,27)

Was sagst du nun? Daß du dich um das Reich nicht kümmerst? Du bist dann verdammt. Denn an jenem Tage wird aller Mittelzustand und alles Schwanken zu Ende sein: entweder rechts oder links, Süd oder Nord – Himmel oder Hölle!

Die größte Freude bei den Seligen

Erwäge zum Schluß: was an jenem Tage bei den Seligen die Freude vollends auf das höchste Maß treiben wird, muss der Gedanke sein, daß das Reich, von welchem der Erlöser spricht, eigens für sie bereitet ist.

Denn haben die Seligen das so unaussprechlich große Gut erlangt, so möchte vielleicht noch immer irgend eine Sorge, oder irgend ein, wenn auch unbedeutender Argwohn in ihnen zurückbleiben, daß sie es einmal wieder verlieren könnten, falls dasselbe, obgleich von ihnen besessen, doch eigentlich nicht für sie gemacht wäre. Aber wenn sie vernehmen, daß dieses Reich nicht bloß ihnen gehört, sondern auch eigens für sie bereitet ist, – welches Bedenken könnten sie dann je noch haben?

Und dies wird wohl der richtige Grund sein, weshalb der Herr zu ihnen sagt: „Nehmet in Besitz das Reich, das euch seit der Grundlegung der Welt bereitet ist“; nicht heißt, das Reich, sondern: das Reich, das euch bereitet ist.

Jedoch ist dies nicht der einzige Grund. Es wird Christus auch deshalb so reden, damit die Auserwählten um so mehr die große Liebe erkennen, welche der Vater zu ihnen trägt, da er in dem nämlichen Augenblick, als er das Weltall zu bilden beschloß, auch darauf bedacht war, für sie eine so herrliche Königswohnung, wie der Ort der ewigen Freude ist, zu bereiten: „Er hat ihnen eine Stadt zubereitet“ (Hebr. 11,16); – und sie zu einer solchen Höhe der Gnade, der Herrlichkeit und der Würde vorherbestimmte, wie jene ist, von der sie alle an dem großen Tag der Vergeltung Besitz nehmen werden.

Wenn du dir die herrlichen Lobpreisungen, welche sie dafür zu dem Vater empor richten werden, im Geist vorstellen kannst; so tue es nur, – sei aber versichert, daß du sie niemals in ihrer Größe auffassen kannst.

Unterdessen vergiß nicht zu bemerken, daß es nicht heißt, das Reich sei den Auserwählten seit der Grundlegung der Welt gegeben, sondern bereitet worden; gleichwie man den Preis für die Wettläufer, den Siegeskranz für die Kämpfer, und den Lohn für Die bereitet, welche sich schwerer Arbeit unterziehen. Denn diese Bereitung des Reiches hebt keineswegs die Pflicht auf, daß sie sich dasselbe wahrhaft durch ihre Verdienste und guten Werke gewinnen müssen: „Gott hat es Denen bereitet, die ihn lieben.“ (1. Kor. 2,9) Es wurde ihnen das Reich seit Grundlegung der Welt bereitet, aber nach der Grundlegung der Welt wurde es von ihnen verdient! –
aus: Paul Segneri S.J., Manna oder Himmelsbrod der Seele, 1853, Bd. IV, S. 400 – S. 407

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