Segneri SJ Wir sind Kinder der Heiligen

Wir sind Kinder der Heiligen 

Betrachtung zum 20. März

„Wir sind Kinder der Heiligen und erwarten jenes Leben, welches Gott denen geben wird, die ihren Glauben nie von ihm abwenden.“ (Tob. 2, 18)

1. Betrachte, daß das Leben aller Heiligen hier auf Erden nichts Anderes war, als eine beständige Erwartung. „Ihr werdet mich erwarten viele Tage.“ (Os. 3, 2) Jene, die vor der Ankunft Christi lebten, warteten auf die Erfüllung der ihnen gewordenen Verheißungen. Einige sahen diese Verheißungen von ferne, und außer Stande, etwas anderes zu tun, begrüßten sie selbe wenigstens, wie der Apostel (Hebr. 11, 13) sagt: „Sie sind im Glauben gestorben und haben die Verheißungen nicht empfangen, sondern von ferne sie angeblickt und begrüßt“, gleich jenen Pilgern, die das gelobte Land von ferne sehen, und weil ihnen der Eintritt verboten ist, es wenigstens begrüßen. Andere sahen die Verheißungen mehr in der Nähe und begrüßten sie nicht nur, sondern seufzten und verlangten darnach und boten Alles aus, um gewissermaßen die Zeit mit Gewalt näher zu rücken, so feurig waren ihre Gebete, welche sie wie Pfeile beständig zum Himmel sandten.
Aber auch nach der Ankunft Christi ist die Erwartung nicht ganz genommen, weil noch immerhin seine Rückkehr übrig bleibt. „Mein Volk wird auf meine Rückkehr warten.“ (Os. 11, 7) Das erste Mal kam der Herr als Urheber des Glaubens, um uns von der Sünde zu erlösen, durch seine Predigten zu belehren, durch sein Beispiel zu stärken. Jetzt wird er wiederkehren als Vollender des Glaubens zu unserer Verherrlichung. Und wenn demnach die Heiligen des alten Bundes hinblickten auf den Urheber des Glaubens, so schauten die Heiligen im neuen Bund hin auf den Vollender des Glaubens, Jesum Christum. (Hebr. 12, 2)
Siehst du nun, was dein Leben sein muss? Eine Erwartung. „Ihr seid Menschen ähnlich, die auf ihren Herrn warten, wenn er von der Hochzeit zurück kehrt.“ (Luk. 12, 36) Einen Herrn erwarten, wenn er von einem Fest heimkehrt, ist oft sehr lästig; denn es kann sehr lange dauern und unterdessen müssen die Diener zu Hause bleiben, ihren Unterhaltungen entsagen und des Schlages entbehren. Doch was ist zu machen? Der Knecht muss sich nach dem Herrn, nicht der Herr nach dem Knecht richten.

2. Betrachte, warum die Heiligen, die in dieser Weise gewartet haben, heilig genannt werden. Weil sie so zu sagen von allen übrigen Menschenkindern geschieden waren; sie glaubten, mit dieser Welt nichts gemein zu haben, sie seufzten, sie sehnten sich beständig nach dem Himmel und lebten hier stets wie Pilger, die ihrer Heimat zueilen. „Wie viele sind Tage der Jahre deines Lebens?“ (Gen. 47, 8) fragte Pharao den Patriarchen Jakob in Ägypten, und er antwortete: „Die Tage meiner Pilgerschaft sind 130 Jahre“ (siehe, wie er es nicht einmal im Sprachgebrauch mit der Welt halten wollte) „kurz und schlimm, und erreichten nicht die Tage meiner Väter, während deren sie Fremdlinge waren.“ (Ibid. 5, 9)
Siehe, was auch du in deinem Stande tun musst; du musst als Pilger auf Erden leben. „Die so sprechen, geben zu erkennen, daß sie ein Vaterland suchen.“ (Hebr. 11, 14) Ist es nicht eine Schande, daß du dich so sehr an die Dinge dieser Welt hängst, die doch nicht dein ist? „Wir sind Kinder der Heiligen“, d. h. Kinder der Fremdlinge, wie Isaias uns nannte, da er sagte: „Die Kinder der Fremdlinge werden deine Mauern bauen.“ (Is. 60, 10) Es ziemt sich also nicht, daß du so ganz ausartest. Was nützt es dem Fluss, sich seines reinen Ursprungs zu rühmen, wenn er unterdessen vom Schlamm ganz schmutzig ist? Du bist ein Kind von Fremdlingen, die von der Welt ganz losgeschält waren, das Kind gottgeweihter, geistlicher und heiliger Menschen. Auch du musst so beschaffen sein, damit du dem Herrn im Gebet vor seinem Angesicht sagen kannst, daß du wohl im Umgang mit den Menschen in vielen Dingen nach ihrer Art reden, nach ihrer Art dich benehmen müssest, vor ihm aber doch das nicht seiest, sondern ein Fremdling. „Ein Ankömmling bin ich bei dir und ein Fremdling, wie alle meine Väter.“ (Ps. 38, 13)

3. Betrachte, wie in dem angeführten Text unter Kindern der Heiligen offenbar Kinder der Fremdlinge gemeint sind, weil es unmittelbar darauf heißt: „Wir erwarten jenes Leben, welches Gott denen geben wird, die ihren Glauben nie von ihm abwenden.“ Und du glaubst dennoch, dieses so große Gut nicht erwarten zu können? Freilich, du möchtest schon von der Zeit Besitz davon ergreifen, und was tust du deshalb? Du suchest schon hier dasjenige, was für dort oben aufbewahrt ist, nämlich die Freude. Das ist nicht die rechte Regel; denn „die den Herrn fürchten, beobachten seine Gebote“ (die alle aufs Leiden abzielen) „und werden Geduld haben.“ Wie lange? „Bis er sie heimsucht“, sagt der weise Mann. (Eccli. 2, 21)
Übereile dich darum nicht; denn du kannst keinen größeren Irrtum begehen, als jetzt auf die Befriedigung deiner eitlen Gelüste denken zu wollen. Du machst es wie die Schlemmer, die, zu einem königlichen Mahl geladen, die Stunde, die bei großen Herren immer spät ist, nicht erwarten können, sondern zuvor schon den Magen mit gemeinen Speisen füllen und dann nicht mehr wohl im Stande sind, von jenen so geschmackvollen und köstlichen Speisen zu essen, dazu sie geladen waren. Wer aber hat bei solchem Mahl in Wahrheit den besten Genuss? Wer nüchtern gekommen ist.
O wenn du wüßtest, was all dein Zeitvertrieb ist! Nichts Anderes, als eben so viele Diebstähle, durch welche du dir jene unaussprechlichen Freuden raubst, die du zu deiner größten Wonne jenseits genießen würdest. So warte denn, wie dies dem Weisen geziemt, und lege unterdessen die Ersparnisse deines Einkommens, wie man zu sagen pflegt, auf Zinsen, denn „die Erbschaft, zu der man anfänglich sehr eilt,“ (wenn sie nämlich noch nicht reif ist), „wird am Ende des Segens entbehren.“ (Prov. 20, 21) Denn deine und deiner Ahnen Erbschaft ist der Himmel. Warte, bis es Zeit ist, und suche sie unterdessen durch Leiden zu vergrößern.

4. Erwäge, wie sehr der Herr diese Geduld verlangt, da er, wie die Schrift sagt, nur Jenen seine Herrlichkeit zu Teil werden läßt, „die ihren Glauben nie von ihm abwenden“, d. h. die einzig und allein seinen Verheißungen glauben und den Lohn nicht schon zu jener Zeit wollen, wo sie noch hoffen müssen. Jetzt müssen wir bloß im Glauben leben: das will sagen, uns mit dem Glauben trösten, durch den Glauben stärken und aufhelfen und uns begnügen, daß der Glaube jede andere Freude ersetzt. „Ich weiß, wem ich geglaubt habe.“ (2. Tim. 1, 12) Diesen Glauben darfst du nie verlieren, nie, nie, weder im Glück noch im Unglück, sondern sollst immer gleichmütig deine Pilgerschaft fortsetzen.
Unmöglich kann dir im Dienst Gottes immer Alles gleich gut von Statten gehen. „Mein Bund mit dem Tag und mein Bund mit der Nacht“, spricht der Herr (Jer. 33, 20), kann nicht zunichte werden, also daß nicht Tag und Nacht sei zu seiner Zeit.“ Bald wirst du Licht, bald Finsternis haben; bald wirst du getröstet, bald trostlos sein, bald Ehre und bald Verachtung ernten, bald gesund, bald krank sein. Wie es dir immer ergeht, du mußt Gott gleichmäßig dienen, treu und stark sein, und auch in der nacht deine Reise in die Heimat fortsetzen. Wäre jener Pilger nicht sehr verzärtelt, der seinen Weg nur bei Tage wandeln wollte?

5. Betrachte, daß die Herrlichkeit, die dir der Herr verheißt, Leben genannt wird, weil das Leben ein Gut ist, an das der Mensch auf Erden die meiste Anhänglichkeit hat. Wenn du deshalb dein Leben in was immer für einer Art Gott aufopfern musst, z. B. in Bedienung armer Kranker in den Spitälern, in Studien oder anstrengenden Arbeiten zur Ehre Gottes; so darfst du darob nicht erschrecken, weil dir alsbald ein anderes viel besseres Leben zu Teil wird, das über den Sternen deiner wartet. Anders ist das Leben, dessen man sich in der Heimat erfreut, anders jenes, da man auf der Reise zubringt. Dieses ist mühsam, armselig, und in Folge beständiger Beschwerden höchst ermüdend. Doch dem sei wie immer; der Pilger muss, um sein Leben in der Heimat glücklich zubringen zu können, sein Leben mehr als einmal auf den Straßen zu verlieren gefaßt sein. –
aus: Paul Segneri S.J., Manna oder Himmelsbrod der Seele, 1853, Bd. I, S. 220 – S. 224

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