Fest der Erhöhung des heiligen Kreuzes

Das Kreuz wurde wieder zurück erobert und nun mit Freuden aufgestellt; der Bischof steht neben dem Kreuz und erhebt die rechte Hand; ein Jüngling umfaß den Kreuzesstamm und küßt ihn; weitere Frauen und Männer stehen oder knien dabei

Das Fest der Erhöhung des heiligen Kreuzes

(14. September)

Der Gnadenzug zu Christus

Et ego, si exaltatus fuero a terra, omnia traham ad me ipsum.
„Und ich, wenn ich erhöht sein werde von der Erde, will Alles zu mir ziehen“ (Joh. XII. 32)

Alles zu Mir ziehen

Erwäge: es ist ein sehr häufiger Brauch in der heiligen Schrift, daß der Ausdruck Alles angewendet wird, wo man alle Menschen verstanden wissen will. So liest man an einer Stelle: „Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen“ (Joh. 6,37), das heißt: jeder Mensch, den der Vater mir gibt; und anderswo: „Die Schrift hat Alles unter die Sünde verschlossen“ (Gal. 3,22); und wieder: „Du hast ihm die Macht über alles Fleisch gegeben, damit er Allem, was du ihm gegeben hast, das ewige Leben gebe“ (Joh. 17,2); – als wäre der Mensch gleichsam ein kleines All.
Wenn du daher die Worte des Herrn vernimmst: „Und ich, wenn ich erhöht sein werde von der Erde, will Alles zu mir ziehen“, so wisse, daß er hier durch den Ausdruck Alles eigentlich nicht die Vorbilder des alten Bundes oder die Weissagungen, die Wunder und Zeichen oder die Elemente, welche bei seinem Tod erschüttert wurden, bezeichnen wollte, wie einige Heilige in ihrer Auslegung meinten, die sie übrigens in sehr gelehrter Weise zu begründen suchten; noch auch bloß alle verschiedenen Gattungen der Menschen, als da sind die Juden, die Griechen, die Römer und andere; sondern er wollte darunter wirklich alle Menschen im Ganzen und Einzelnen verstanden wissen. Dieses geht klar aus der griechischen Urschrift hervor, in welcher man ausdrücklich liest: „Ich will Alle zu mir ziehen.“ (Joh. 12,32)

Wie aber wird es je zur Wahrheit, daß Christus, als er am Kreuz starb, wirklich alle Menschen, und zwar, wie gesagt, im Einzelnen genommen, zu sich gezogen habe? Dies ist es, was du gegenwärtig genauer zu verstehen suchen musst, um jene wichtigen Folgerungen dir zu bilden, welche zweifelsohne zum großen Nutzen deiner Seele sich daraus entnehmen lassen.

Bitte also den Herrn, daß er sich würdige, dir seine Gnade zu verleihen, damit du es recht verstehst.

Erwäge, wie ganz wahr der Herr gesprochen, als er sagte, daß er durch seinen Tod (…) alle Menschen, im Einzelnen genommen, zu sich ziehen würde.

Denn nachdem der Teufel der Herrschaft, welche er einst über die Menschen besaß, entkleidet und Christus damit ausgerüstet war (wie wir in der vorher gehenden Betrachtung nachgewiesen haben); so entstand daraus die notwendige Folge, daß alle Menschen einzeln genommen Christus dem Herrn angehören mussten, – wenn nicht der Tat nach (wegen der hartnäckigen Widersetzlichkeit, welche Viele von ihnen sich zu Schulden kommen ließen), so doch wenigstens dem Recht nach.

Dies ist die Lösung des oben vorgebrachten Bedenkens. Nichts desto weniger scheint es schwer begreiflich, wie Christus mit so unbedingten Worten sich rühmen konnte, daß er alle Menschen zu sich ziehen werde, während er doch wußte, daß so viele, obgleich aus ihrem eigenen Willen, sich sträuben würden, zu ihm zu gehen, und folglich von ihm wohl gestraft, aber nicht angezogen werden würden.

Alle Menschen teilen sich in zwei große Scharen

Überlege jedoch aufmerksam die Sache, und du wirst dich überzeugen, daß Christus im strengsten Sinn die Wahrheit gesprochen habe.
Alle Menschen teilen sich, wie bekannt, in zwei große Scharen: die Einen sind Anhänger Jesu Christi, die Anderen sind es nicht. Es gibt keine Mitte zwischen ihnen.

Von seinen Anhängern nun sprach Christus zweifelsohne die Wahrheit, wenn er sagte, daß er kraft seines Todes eben alle zu sich ziehen werde, weil er sie kraft seines Todes eben alle zu seinen Schülern und Jüngern machen sollte.

Und er sprach nicht minder die Wahrheit, wenn er von denen redete, welche ihm nicht anhingen; denn kraft desselben Todes am Kreuz musste er sich wenigstens Alle unterworfen machen am Tage des Gerichts, indem er sie zwingt, bebend zu seinen Füßen zu kommen, nichts als seine Schüler und Jünger (denn solcher Ehre wären sie niemals würdig), sondern wie Verbrecher, die von Henkersknechten herbeigeschleppt werden: „Denn Alle werden wir stehen vor dem Richterstuhl Jesu Christi“, – Alle, das heißt nicht bloß alle Gattungen von Menschen, sondern alle im Einzelnen genommen. „Denn es steht geschrieben: so wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen.“ (Röm. 14,10 u.11)

Es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß er, wenn er so handelt, die Einen durch Liebe, die Anderen aber durch Gewalt zu sich zieht. Aber was liegt daran? Es erweist sich dessen ungeachtet als vollkommen wahr, daß er sie Alle zu sich zieht: „Zu Dir wird alles Fleisch kommen.“ (Ps. 64,3)

Aber ach! Wie unendlich verschieden sind diese beiden Arten zu ziehen!
Dir sei dies eine geeignete Gelegenheit, um recht in dein Inneres einzugehen und zu betrachten, ob es gut für dich sei, dich fern von Jesus Christus zu halten.

Zu seinen Füßen musst du notwendiger Weise einmal kommen: entweder aus Liebe, wie du gehört hast, oder durch Gewalt: entweder als Jünger oder als Missetäter. Hier gibt es keinen Mittelweg. Und du wolltest dich lieber als Verbrecher dahin schleppen lassen, denn als Jünger selbst dahin eilen? O welch schlimmer Entschluss! Sage vielmehr immer zu Gott, du wollest lieber sterben, als dich je der Gefahr aussetzen, daß du auf so entsetzliche Weise zu ihm geschleppt werdest: „Raffe mit den Sündern nicht zugleich mich hin, und vertilge mich nicht mit denen, welche Böses tun.“ (Ps. 27,3) Raffe mich nicht hin, indem du mich zum Gericht rufst; und vertilge mich nicht, indem du mich endlich bei dem letzten Gericht verdammst.

Erwäge: nachdem du die oben gegebene Erklärung wohl verstanden, dürfte es dir vielleicht scheinen, daß Christus in einem viel richtigeren Sinn Jene zu sich ziehe, welche nach seinem Tod ihm ihre Anhänglichkeit versagen; als die Anderen, welche ihm vollkommen ergeben sind. Denn diese letzteren werden nicht gezogen, sondern sie gehen selbst, wie sich jeder überzeugt, der die Sache genauer betrachtet: gezogen werden nur Jene, welche herzu geschleppt werden müssen, wie dies bei den Bösen am letzten Gerichtstag der Fall ist.

Aber auch hierin täuschst du dich. Denn obgleich in Wahrheit beide gezogen werden, so kann man doch mit mehr Recht sagen, daß Jene, welche aus Liebe gehen, gezogen werden, obschon in ganz edler Weise, – als Diejenigen, welche durch Gewalt getrieben kommen. Und der Grund ist, weil die Guten, welche aus Liebe gehen, dem Antrieb folgen, der unter allen, die das Herz bewegen, der mächtigste ist: sie folgen nämlich ihrem eigenen Willen: „Jeden zieht seine eigene Lust.“ (Virg. Ecl. II. v. 65)
Du musst also bedenken, daß die Menschen nicht wie unvernünftige Tiere gezogen werden, sondern auf eine Art und Weise, die ihrem Wesen angemessen ist, das heißt, so wie es sich für freie Geschöpfe geziemt. Wo daher Gott sagt: „Mit den Banden des Adam werde ich sie ziehen“; findet sich bei Einigen die Lesart: „Mit den Banden der Menschen werde ich sie ziehen“; das heißt, mit jenen Banden, mit welchen ich Abraham, Isaak und Jakob zu mir gezogen habe; immer nämlich „mit den Ketten der Liebe“. (Os. 11,4)

Drei Mittel von wirksamer Kraft

Die Mittel nun, durch welche dieses geschieht, sind zweifelsohne verschiedenartig und vielfach; aber sie lassen sich doch am Ende alle auf drei zurückführen: auf die Macht der Überzeugung, auf die Macht der Wohltaten, und auf die Macht der Gefühlsneigung.

Und aller dieser drei Mittel, welche in der Tat eine sehr wirksame Kraft besitzen, bediente sich in wunderbarer Weise Christus der Herr am Kreuz, um eine so große Anzahl von Menschen an sich zu ziehen; während er sie zugleich mit dem inneren Einfluß jener Gnade erwärmte, welche er allein zu geben vermag.

1. Die Macht der Überzeugung

Die erste Art, die Menschen zu ziehen ist die Macht der Überzeugung, und diese ist eine doppelte: die eine beruht auf dem Wort, die andere aber auf den Werken. Wer mit dem lebendigen Wort zu überzeugen versteht, der zieht sogleich mit einer gewissen sanften Gewalt Tausende von Menschen zu sich. Noch mehr aber bringt dies zu Stande, wer auch mit den Werken zu überzeugen weiß, die gleichsam eine für Alle leicht verständliche Sprache bilden: „Rede mit allem Gebieten“ (Tit. 2,1)

2. Die Macht der Wohltaten

Die zweite Art besteht in der Macht der Wohltaten; und diese teilen sich wieder in zwei Gattungen: die einen sind solche, welche schon gegeben worden sind; die anderen aber solche welche erst gegeben werden sollen. Sind die Wohltaten schon erteilt, so werden die Menschen durch die Dankbarkeit angezogen; haben sie die Wohltaten aber erst zu gewärtigen, so lassen sie sich noch mehr durch die Sorge für ihren eigenen Nutzen herbei ziehen: „Wer Geschenke gibt, nimmt die Seele Derer, welche dieselben empfangen, mit sich fort.“ (Prov. 22,9)

3. Die Macht der Gefühlsneigung

Die dritte Art endlich besteht in der Gefühlsneigung; und auch diese ist zweifach. Die eine Gattung entwickelt sich in Folge der natürlichen Ähnlichkeit, da jedes Wesen zu dem ihm gleichen Wesen sich hingezogen fühlt: „Jeder Mensch gesellt sich zu seines Gleichen.“ (Ekkl. 13,20); und diese Gattung ist schwächer. Die andere Gattung aber ist stärker und beruht auf einer gewissen natürlichen, dem innersten Wesen entsprechenden Zusammengehörigkeit, wie wir sie zum Beispiel im Reich der leblosen Natur zwischen dem Strohhalm und dem Harz, zwischen dem Eisen und dem Magnet, zwischen dem Feuer und dem oberen Luftkreis, zwischen allen Dingen im Verhältnis zu ihrem Mittelpunkt finden, dem sie sicher von selbst mit mächtigerem Drang zueilen, als man sie anders wohin mit Stricken und Seilen ziehen könnte: „Sie gingen in die Tiefe hinab wie ein Stein.“ (Exod. 15,5)

Verschiedene Anziehungsarten

Willst du nun genauer erkennen, wie Jesus Christus vom Kreuz aus so viele Jünger zu sich gezogen, ja sie wahrhaft zu sich gezogen hat; so durchgehe nur die verschiedenen Anziehungsarten, die wir eben erklärt haben.

I. Er hat zu sich gezogen durch die Macht der Überzeugung.

Denn zu dem lebendigen Wort, durch welches er zuerst viele seiner Zuhörer gleichsam so zu bezaubern wußte, daß sie sich von seinem Mund kaum loszureißen vermochten: „Herr! Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (Joh. 6,69) – fügte er auch noch das Beispiel, indem er nackt und bloß auf einem Kreuzpfahl in Mitte zweier Räuber starb, mit solcher Demut, mit solcher Geduld, mit solcher Ruhe, mit solcher Ergebenheit, daß er am Ende sogar das Herz seiner Henker zur Liebe gegen sich umwendete, da wir wissen, daß sie mit ganz anderer Gesinnung vom Kalvarienberg herab stiegen, als sie hinauf gestiegen waren: „Sie schlugen an ihre Brust und kehrten zurück.“ (Luk. 23,48)

II. Er hat die Menschen zu sich gezogen durch die Macht der Wohltaten, und zwar der schon erwiesenen sowohl als der zu erwartenden.

Durch die schon erwiesenen, indem er sie aus der Knechtschaft der Hölle erlöst hat: „Ich werde sie versammeln, weil ich sie erlöst habe.“ (Zach. 10,8) Durch die zu erwartenden, indem er ihnen die Tore des Himmels geöffnet hat: „Ein gutes Geschenk werde ich euch geben; verlaßt nur mein Gesetz nicht.“ (Prov. 4,2)

III. Er hat die Menschen endlich zu sich gezogen durch die Macht der Gefühlsneigung.

Denn am Kreuz gab sich Christus wahrhaft als Gott und Mensch zu erkennen, indem er als Mensch den Tod erduldete, als Gott aber ihn überwand. Darum hat er als Mensch die Menschen durch die schwächere Gattung der natürlichen Neigung an sich gezogen, durch jene nämlich, welche aus der Ähnlichkeit des Wesens hervor geht; als Gott aber hat er die Menschen vermöge jener viel stärkeren Gattung der natürlichen Neigung an sich gezogen, welche die Dinge alle geradezu ihrem Mittelpunkt zudrängt. Denn wenn die Herzen der Menschen keinen anderen Mittelpunkt haben als Gott allein, wie sollte es möglich sein, daß sie ihn erkennen und doch seiner nicht achten?

Wenn nun jede von diesen drei edlen Arten, die Menschen anzuziehen, einzeln und für sich allein schon so mächtig sich zeigte; so überlasse ich es dir selbst zu beurteilen, welche Wirkung sie alle vereint hervor bringen müssen. Christus aber hat sie alle mit einander angewendet und wendet sie gegenwärtig noch an, – zum Heil Aller, welche mit gläubigem Auge festen Blickes ihn auf dem Kreuz betrachten.

Dieses vorausgesetzt nun, – hat er nicht vollkommen wahr gesprochen, als er sagte: „Und ich, wenn ich erhöht sein werde von der Erde, will Alles zu mir ziehen“?

Was müsste es also bedeuten, wenn es ihm noch mit keiner von diesen drei Arten bisher gelungen wäre, dich zu sich zu ziehen? Folgst du seinen Worten nicht, so folge seinem Beispiel: folgst du seinem Beispiel nicht, so folge seinen Wohltaten, denen sowohl, welche er dir schon erwiesen hat, als auch denen, welche er in Zukunft dir erweisen will. Folgst du auch seinen Wohltaten nicht, so folge doch wenigstens jenem mächtigen Naturtrieb, der allein schon Kraft genug haben sollte, um dich zu ihm hinzuführen, nicht bloß weil er als Mensch dir ähnlich geworden ist, sondern mehr noch, weil du in ihm allein, als deinem Mittelpunkt, Ruhe finden wirst: „Dieses habe ich zu euch gesprochen, damit ihr in mir Frieden habet; in der Welt werdet ihr Bedrängnis haben.“ (Joh. 16,33) –
aus: Paul Segneri SJ, Manna oder Himmelsbrod der Seele, III. Band, 1853, S. 519 – S. 526

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