Die eherne Schlange in der Wüste

Die eherne Schlange in der Wüste ein Sinnbild Christi

3. Mai

Fest der Auffindung des heiligen Kreuzes

Sicut Moyses exaltavit serpentum in deserto, ita exaltari oportet filium hominis; ut omnis qui credit in ipsum, non pereat, sed habeat vitam aeternum.
„Wie Moses in der Wüste die Schlange erhöhte, so muß auch der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe.“ (Joh. III., 14,15)

1. Betrachte die eherne Schlange, welche von Moses dort in der Wüste auf einem Pfahl erhöht wurde, um allen, die darauf blickten, zum Heile zu dienen. Sie stellt in bewunderungswürdiger Ähnlichkeit Christus den Herrn dar, der für dich ans Kreuz geheftet wurde.

Denn gleichwie jene aus Erz gebildete Schlange an keinem der Todesfälle, welche durch den Biß der wirklichen Schlangen herbeigeführt worden waren, irgend eine Schuld trug, und dennoch am Kreuz zu hängen verurteilt ward, um für alle zu büßen; so ist das Nämliche bei Christus der Fall. Darum hebt der Apostel zunächst den Vergleich hervor, indem er spricht: Wie Moses die Schlange erhöhte, so muß der Menschensohn erhöht werden; damit du, wenn du ihn am Kreuzstamm erblickst, so nicht meinst, er hänge daselbst in anderer Weise als einst jene Schlange.

Hefte deinen Blick auf deinen Erlöser

Ja er hängt nicht bloß wie jene am Kreuze – ohne Schuld; sondern wider alles Recht und alle Gebühr, und gegen alle Grundsätze der Gerechtigkeit: „Er ist für uns zum Fluche geworden“ (Gal. 3,13); – geworden heißt es, nicht geboren.

Siehst du jene Schlange? Sie schien eine Schlange, aber sie war keine: sie war eine gemachte Schlange, mit Hilfe des Feuers im Ofen eines geschickten Erzgießers gearbeitet; übrigens aber hatte sie weder irgend ein Gift im Leibe, noch war sie dessen auch nur fähig. So war es auch mit Christus: er hatte die Sünde, mit welcher er äußerlich behaftet erschien, weder wirklich an sich, noch war es auch nur möglich, daß er dieselbe an sich trug.Wenn du ihn am Kreuze in der Gestalt eines Sünders, „in der Gestalt des sündigen Fleisches“ (Röm. 8,3) erblickst; so wisse, daß er in der Wirklichkeit dies nicht war: er ließ sich durch des Feuers Kraft dazu gestalten, durch seine heißbrennende Liebe nämlich.

Der wahre Grund, warum er am Kreuz hängt, ist ganz der nämliche wie der, wegen dessen jene feurige Schlange an ihrem Pfahl hing. Diese wurde auf dem Holz emporgerichtet damit die von den Schlangen Gebissenen durch ihren Anblick geheilt würden: und Christus ward ans Kreuz geschlagen, damit durch seinen Anblick jene gesund würden, welche auch von Schlangen, aber von viel schlimmeren, gebissen worden waren, – von unzähligen verderblichen Begierden nämlich, welchen sie nachhingen, und die ihnen den Tod brachten.

Wirf also auch du dich so schnell als möglich auf deine Knie, und hefte deine Blicke auf diesen deinen Erlöser, damit er dich heile: und fühle zugleich die tiefste Beschämung, wenn du sehen mußt, daß um deinetwillen nackt und bloß, dem gemeinsten Verbrecher gleich, auf dem schmachvollen Kreuzholz jener Herr seinen Geist aufgibt, der zur nämlichen Zeit im Himmel lebt und auf einem erhabenen Thron als König der Herrlichkeit sitzt.

Die Erhöhung am Kreuz

2. Erwäge, daß Christus, wenn er auch am Kreuz als Sünder erscheint, der er nicht ist, es sich doch nicht zum Schimpf rechnet, an diesem Kreuz zu hängen. Im Gegenteil, er erachtet sich dadurch erhöht: „Wie Moses die Schlange in der Wüste erhöhte, so muß auch des Menschen Sohn erhöht werden.“

Er konnte seiner Kreuzigung tausend andere Namen geben, um deren Bitterkeit, Grausamkeit und Schmach zu bezeichnen; und doch hieß er sie seine Erhöhung. Dies war der Name, welchen er ihr gewöhnlich gab: „Und ich, wenn ich erhöht sein werde von der Erde, will alle zu mir ziehen (Joh. 12,32): wann ihr den Menschen erhöht haben werdet (Joh. 8,28): der Menschensohn muß erhöht werden.“ (Joh. 12,34)

Für so geehrt erachtete er sich, da er für dich litt!und dies allein schon reicht nicht hin, um dich mit tiefster Beschämung zu erfüllen?
Indessen sollte durch den Ausdruck Erhöhung auch die so weltkundige, öffentliche und allbekannte Todesart angedeutet werden, die Christus zu leiden hatte. Denn so muß die Todesart dessen erscheinen, der vor allem Volk an einem hohen Kreuzpfahl hängend, sein Leben aushaucht.

Diese Todesart aber wurde von ihm vorzüglich aus zwei Gründen gewählt: fürs erste, damit niemand seinen Tod je in Zweifel ziehen könne, um dann wie seinen Tod, so auch seine Auferstehung zu leugnen. Zweitens endlich, damit man daraus ersehe, daß er gleichmäßig für das Heil aller sterbe: „Damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe.“ Der Apostel sagt nicht, dieser oder jener, sondern jeder.

Die Schlange, welche von Moses dort in der Wüste aufgerichtet wurde, ward eben deshalb absichtlich auf einem hohen Stamm aufgestellt, damit das ganze Volk auf gleiche Weise sie sehen, und so jeder auch auf gleiche Weise geheilt werden könnte. Die nämliche Bestimmung nun traf Christus in Betreff seiner selbst: „Christus ist zur Gerechtigkeit jedem, der da glaubt.“ (Röm. 10,4)

Er wollte in der Höhe sterben, um zu zeigen, daß es nicht seine Absicht sei, mehr für das Heil der nahe Stehenden, als der Fernen sein Leben hinzugeben: er gab Frieden denen, die ferne, und Frieden denen, die nahe waren. (Eph. 2,17) Er stand an einem für alle sichtbaren Orte erhöht, damit der, welcher auf Ihn, den gleichen und gemeinsamen Erlöser aller, sein Auge nicht richten wollte, über nichts, als lediglich über sich selbst, zu klagen Ursache habe.

Was tuest also du? Bist du gewohnt, auf ihn deinen Blick zu heften? Die Krankheiten, welche noch deine Seele beschweren, sind unzählbar. Willst du wissen, warum du nie von ihnen ganz frei und vollkommen gesund wirst? Weil du deinen Blick nicht recht auf Jesus heftest, der dir zu Liebe an einem harten Kreuzstamm in höchster Entblößung, in höchster Verachtung, im größten Schmerz hängt.

Ausgestreckt am Kreuz zum Zeichen gesetzt

3. Erwäge, daß die dort in der Wüste, erhöhte Schlange deshalb auf dem Pfahl aufgerichtet wurde, damit sie dem zahlreichen Volk zum Zeichen dastehe: „Mache eine eherne Schlange und stelle sie auf zum Zeichen: alle Verwundeten, welche sie ansehen, sollen leben.“ (Num. 21,8) Und so hängt auch Christus am Kreuz: er ist darauf ausgestreckt zum Zeichen.

Wenn man nun sagt, daß etwas hoch ragend zum Zeichen dastehe, so können diesem Ausdruck drei verschiedene Bedeutungen unterliegen: es kann dies Zeichen zur Fahne oder zum Ziel oder endlich zum Schreckensmal dienen. Alle diese drei Bedeutungen finden sich aber insgesamt in Christus vereint.

I. Christus am Kreuz hängend dient uns gleichsam zur Fahne, „zum Zeichen“, weil er auf demselben erhöht wurde, um das glorreiche Banner des Christentums zu sein. Dieses Zeichen mußten die erhabensten Männer und Frauen, mußten die Fürsten, die Machthaber und die Monarchen aufpflanzen, um dadurch zu bekunden, worin ihre höchste Ehre bestand: ihre Ehre war Christus der Gekreuzigte: „Er steht da zum Zeichen der Völker, ihn werden die Völker verehren.“ (Is. 2,10)

II. Christus am Kreuz hängend dient ferner gleichsam zur Zielscheibe, „zum Zeichen“, weil er eben dazu auf demselben erhöht wurde, damit sich über ihn alle Pfeile entlüden, welche uns gebührt hätten: „Er hat mich wie zum Zielzeichen für den Pfeil gesetzt.“ (Klgl. 3,12)

Mit allem Recht sollte man jetzt freilich voraussetzen, daß nunmehr schon seit langer Zeit diese Pfeile aufgehört hätten, wider jenes Zeichen abgeschossen zu werden; und doch hat dieses Verbrechen kein Ende. Siehe nur, wie groß die Zahl derer ist, welche in wahnsinniger Wut bestrebt sind, den König der Herrlichkeit zu durchbohren. Dies tun heutzutage die Türken, dies die Juden, dies die Heiden, dies die Ketzer, dies so viele falsche Katholiken, welche die Grundsätze ihrer unsinnigen „Ehre“ den Gesetzen voranstellen, welche Christus mit eigenem Mund gab und uns hinterließ, und die uns Selbstbeherrschung, Nachgiebigkeit und Verzeihung gegen unsere Beleidiger zu üben befehlen: als ob diese Gesetze des Herrn ganz nichts bedeutend wären, da sie ja von einem Mann ausgingen, der zuletzt schmachvoll auf einem Hochgerichte starb. Aber die Unseligen! Sie werden am Ende sehen, was es heiße, sich daraus Tod und Verderben geholt zu haben, woraus sie einzig und allein das Leben hoffen und schöpfen sollten.

III. Christus hängt am Kreuz endlich als ein Schreckensmal, „zum Zeichen“, weil er auf demselben erhöht wurde, damit seine wahren Gläubigen sich stündlich seiner bedienen können, um alle Scharen der höllischen Geister zu erschrecken und in die Flucht zu jagen: „Ein Zeichen und Schreckenswunder wird über Ägypten und Äthiopien kommen.“ (Is. 20,3)

Wozu nun dient dir der gekreuzigte Jesu? Zum Banner oder zum Ziele für dein Geschoss? Wenn Letzteres, dann nimm dich in acht, Unseliger! Denn es wird der Tag kommen, an welchem er dann auch für dich zum Male des Schreckens werden wird.

Wie groß ist Christi Liebe

4. Erwäge, wie ausnehmend groß die Liebe war, welche Christus der Herr uns armen Menschen bezeigte, da er sich für uns, wie die Schlange in der Wüste, auf seinem Kreuz erhöhen ließ.

Diese Liebe war so ausnehmend groß, daß wir sie über alles Maß gehend heißen müssen. Vernimm nur, wie er spricht: „Der Menschensohn muss erhöht werden“; und zu welchem Zweck? „Damit ein jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe.“

Sage, was konnte ihm denn daran liegen, wenn wir alle zu Grunde gingen? Hätte ihm vielleicht deshalb etwas an seiner Größe, an seiner Herrlichkeit, an seiner Heiligkeit gefehlt? Er würde gleich selig sein, wie er es jetzt ist. Und doch redet er von unserer Erlösung und von unserem Heile, als ob dieses ihm großen Vorteil brächte.

Hätte er doch wenigstens gesagt, er müsse jetzt für uns alle am Kreuz sterben, damit dann auch wir alle seinetwegen am Kreuz sterben sollten; so würde eine solche Rede nicht so ganz über alle Begriffe scheinen; obwohl sie in der Tat immer höchst wunderbar scheinen müsste, wenn man die unendliche Ungleichheit betrachtet, welche zwischen einem solchen Feldherrn und seinen Soldaten, zwischen einem solchen Hirten und seiner Herde, zwischen einem solchen Hohenpriester und seiner Kirche besteht. Aber sagen, er müsse für uns am Kreuz sterben, damit wir das Leben haben, – dies, ja, übersteigt alle Begriffe; denn dies heißt als allzu liebender Feldherr, als allzu liebender Hirt, Fürst und Hohepriester handeln. Und doch lautet in Wahrheit die Rede Christi so: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit ein jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe.“

Wie bleibst du daher bei der Betrachtung dieser Worte nicht starr vor Staunen?

Die Schlange gibt, um ihren Kopf zu retten, sogleich ihren ganzen Leib den Pfeilen und Stichen preis; und eben deshalb pflegt man zu sagen, daß sie das Bild der Klugheit sei: „Seid klug wie die Schlangen!“ (Matth. 10,16) Aber Christus tat gerade das Gegenteil: um den Leib, die übrige Menschheit, zu retten, gab er das Haupt, das heißt, sich selbst preis. So wahr ist es, daß er in seiner Liebe zu uns nach Grundsätzen verfuhr, die hoch selbst über jener Klugheit stehen, die er uns lehrte.

Was hast du nun für ein Herz, wenn du eine solche Liebe noch nicht zu erwidern weißt? Behalte nur deine Klugheit für dich, wenn du dich schämst, auch mit ihm zugleich auf das Kreuz zu steigen, und dort nackt und entblößt, in tiefster Demut, im vollkommensten Gehorsam, in der größten Abtötung aller deiner unordentlichen Begierden zu sterben.

Dies heißt dann wahrhaft an Christus glauben: denn wenn du sagst, du glaubst, aber dabei ihm nicht nachfolgst; so glaubst du wohl ihm, und glaubst ihn selbst, aber du glaubst nicht an ihn. An ihn glauben heißt, wie der heilige Augustinus sagt, all dein Gut und all dein Glück in ihn allein setzen, und dich nicht schämen, auch offen und überall sein Jünger und Nachfolger zu sein. Und eben dem, der so handelt, hat Christus das ewige Leben hier versprochen: „Damit ein jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe“; es heißt nicht: wer ihn glaubt, oder wer ihm glaubt; sondern: wer an ihn glaubt. Ihn glauben, – dies tun sogar die bösen Geister: „Auch die Teufel glauben und zittern.“ (Jak. 2, 19) – Ihm glauben – ist jenen falschen Gläubigen eigen, welche bloß mit dem Verstande seine Lehre annehmen. An ihn glauben aber – ist allein die Tugend jener wahren Gläubigen, welche auch mit ihrem Willen und Herzen ganz ihm angehören.

Kalvarienberg wurde zu seiner Wüste

5. Erwäge endlich: um den Vergleich zwischen der Erhöhung Christi und der ehernen Schlange, durch welche er so lange Zeit zuvor vorgebildet worden war, zur größtmöglichsten Vollkommenheit zu bringen, scheint nichts weiter mehr zu mangeln, als daß auch Christus, gleich der Schlange, in der Wüste erhöht worden wäre. Wie wir aber sehen, hat Christus zu seiner größeren Schmach es so gefügt, daß diese Erhöhung im Angesicht der Tore einer so volkreichen Stadt, wie Jerusalem war, und noch überdies zur Osterzeit geschah.

Nichtsdestoweniger darfst du nicht glauben, daß er nicht auch mitten unter so vielem Volke seine Wüste gefunden habe.

Ach, nur zu sehr ward ihm der Kalvarienberg zur Wüste, wo er sich verlassen sah von seinen Aposteln, verlassen von den Engeln, verlassen sogar von seinem himmlischen Vater! Hier vernahm er keinen anderen Laut ringsum, als das Zischen gotteslästerlicher Schlangen, welche ihm diese seine Wüste noch viel entsetzlicher machten. Es fehlte ihm hier auch nicht jener brennende Durst, der ihn nach einem geringen Schluck Wassers seufzen machte, ohne daß er denselben je hätte erhalten können.

Wäre wenigstens diese Wüste nunmehr endlich für ihn ganz vorübergegangen! Aber ach! Wie viele lassen ihn dort immerdar an seinem Kreuz hängen, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen.

Übe nicht auch du diese schreckliche Undankbarkeit gegen den, der am Ende nur dir zu Liebe dort verlassen am Kreuz hängt! Glückselig du, wenn du fortwährend mit lebendigem Glauben auf ihn dein Auge richtest! Unselig du, wenn du dich erfrechst, ihm den Rücken zu wenden! –
aus: Paul Segneri S.J., Manna oder Himmelsbrod der Seele, 1853, Bd. II, S. 227 – S. 234

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