Werden Sünder durch Drangsale bekehrt

Von den Ursachen dieser schrecklichen Zeichen

Am zweiten Sonntag im Advent – Teil 2

Werden Sünder durch Drangsale bekehrt?

Es sind dann, meine Andächtigen! auch zu unsern Zeiten die allgemeinen Nöten und Drangsale lauter Zeichen und Wirkungen der göttlichen Barmherzigkeit gegen den Sünder. Aber ach, muss ich noch einmal seufzen, wie geht es zu? Machen wir es nicht durchgehends eben so, wie es die Gottlosen machen werden in jenen betrübten Zeiten bei dem heran nahenden Ende der Welt? Die Frommen und Gottesfürchtigen beten und schreien zum Himmel, sie verdoppeln ihre Buß- und Andachtswerke um Abwendung der über uns verhängten Strafen; aber diejenigen, welche beinahe allein schuld sind an solchen Strafen, wie stellen sich diese an? Wie viel kümmern sie sich darum, bleibt es anfänglich noch bei den bloßen Drohungen, zeigen sich von weitem alle Anstalten zu gefährlichen Krankheiten oder Kriegs- und Hungersnöten, daß sie deswegen zur Buße und Besserung der Sitten ermahnt werden?

O, denken sie mit den ungläubigen Israeliten, als ihnen von den Propheten die Strafen Gottes angekündigt wurden: Es kommt kein Unglück über uns, Schwert und Hunger werden wir nicht sehen, die Propheten reden in den Wind (Jerem. 5, 12. 13.); nein, das hat keine Not, das Übel wird nicht über uns kommen, die Prediger schwätzen etwas daher, es sind leere Drohungen, um die Kinder zu schrecken, dergleichen haben wir mehrmals gehört, und doch ist nach dem Drohen kein Übel gefolgt. Wir fahren fort nach unserm alten Brauch und unsrer bisherigen Gewohnheit zu leben; das Unglück wird uns nicht treffen; andere mag das Unglück treffen; was liegt daran? Es wird uns nichts tun. Bekommen diese nun in der Tat die Zuchtrute zu fühlen, daß sie gewahr werden, es seien keine leeren Drohworte gewesen; was denn? Werden die Sitten dadurch gebessert? Abermals bei den wenigstens; dessen ungeachtet verharren sie in ihrer Hartnäckigkeit, daß sie nicht einmal begreifen wollen, was sie vor Augen sehen.

Die Sünder leugnen, daß die Drangsal die Geißel Gottes ist

Herr, redet der Prophet Jeremias zu Gott, deine Augen sehen auf den Glauben! Du schlägst sie, aber sie fühlen`s nicht; du zermalmest sie, aber sie wollen die Züchtigung nicht annehmen; ihre Stirne ist härter als ein Felsen, und sie wollen sich nicht bekehren. (Jerem. 5, 3) Wie aber, heiliger Prophet! Wie ist das möglich? Sind sie geschlagen worden, ei, so haben sie ja die Streiche gefühlt und empfunden, wie können sie dann keine Reue haben? Ich will es sagen, wie? antwortet der Prophet Jeremias (ebend. V. 12) Sie verleugnen den Herrn und sprechen: er ist`s nicht, der solches tut. Sie fühlen nämlich die Zuchtrute wohl, diese tut ihnen freilich wehe, aber sie leugnen, daß es die Geißel Gottes sei; sie glauben nicht daran daß Gott derjenige sei, von welchem sie gezüchtigt werden, daß Gott derjenige sei, welcher den Krieg, die Krankheiten, die Hungersnot, das Unglück, die Armut ihrer Sünden wegen geschickt habe; sie sprechen: der Herr hat das nicht getan, die Krankheiten entstehen aus der ungesunden Luft, die Fürsten und Herrscher sind Ursache des Kriegs, dieser, jener unbarmherzige Mensch hat das gegenwärtige Unheil in unserm Land angerichtet etc. Auf diese Weise schieben sie alle Schuld auf die Geschöpfe; sie fassen die Rute an, mit welcher sie gezüchtigt werden, aber sie geben nicht Acht auf jene Hand, welche mit dieser Rute auf sie los schlägt.

Warum aber das? Warum wollen sie Gott als den ersten alleinigen Urheber der Nöten und Drangsale nicht erkennen? Darum, damit sie nicht gestehen müssen, daß es Strafen ihrer Sünden und bösen Sitten seien, folglich, damit sie ihre bösen Gebräuche und ihr lasterhaftes Leben nicht zu bereuen und zu besseren gezwungen werden. Du schlägst sie, aber sie fühlen`s nicht; du drückst sie hart, aber sie wollen sich nicht bekehren. Geht es nicht so in der Tat, meine Andächtigen? Welche Änderung der Sitten hat man in den bisherigen betrübten Zeiten in der Welt erfahren? …

Was tun hingegen die Sünder, welche allein durch ihr liederliches, lasterhaftes Leben das Ungewitter erweckt und verursacht haben, daß so viele Gerechte und Unschuldige mit ihnen und zwar am meisten leiden müssen? Ach, diese kehren sich wenig um das Geschrei, diese schlafen wie Jonas mitten in ihrem Sündenwust; diese sieht man eben deswegen wenig in den Kirchen; diese denken nicht daran, daß sie durch wahre Bußfertigkeit den göttlichen Zorn abwenden sollen. Ja, die Einfältigen von ihnen geben eben deswegen aus Verzweiflung das Beten auf; sie fluchen anstatt des Gebetes über die Ruten, mit denen sie gezüchtigt werden; sie suchen noch gefährliche Gesellschaften, sie freuen sich schon darauf, wenn die Lustbarkeit angehen soll in der Fastnachtszeit. Ei, eine schöne Zeit, jetzt daran zu denken; ach, wie vielen müsste man billig in die Ohren rufen: Sünder! Wie, du schläfst noch so fest? Auf mit dir, rufe deinen Gott an, bekehre dich, hilf mir beten und Buße tun; denn Gott hat uns deiner Sünden wegen mit dieser Trübsal heim gesucht! Steh auf, o Unzüchtiger! verlaß die unreine Verbindung, in welcher du bisher mit diesem, mit jener verstrickt warst; ruf deinen Gott an, deine Ehebrüche, deine Schandtaten, deine unzulässigen Liebeleien haben die allgemeine Not über uns gezogen. Steh auf, eitles Weltkind! Und lege den ärgerlichen Putz ab; ein Bußkleid anstatt dessen angelegt! Demütige dich vor deinem Gott, welchen du durch deine Leichtfertigkeit und Hoffart zur Strafe angereizt hast. Steh auf, o Rachgieriger! und versöhne dich mit deinem Feind; bitte Gott um Verzeihung deiner Sünden, dein Hass, dein Groll, deine Zänkereien und Feindseligkeiten sind Ursache an unserm Übel. Steh auf, o Ungerechter! Gib wieder zurück, was du mit Wucher und andern unzulässigen Handlungen an dich gezogen hast; deine Diebereien und ungerechten Händel haben uns in Armut gebracht. Steh auf und ruf deinen Gott an; auf aus eurem Schlaf alle mit einander; büßet eure Sünden, denn Gott wird nicht aufhören zu züchtigen, so lange diejenigen sich ihm nicht ergeben, welche sein Racheschwert ausgezogen haben. Dies allein ist die Absicht des barmherzigen Gottes, wenn er uns mit Widerwärtigkeiten heim sucht, daß wir gebessert werden sollen. Allein was man predigt, sagt und ermahnt, es hilft nichts; …

Jene aber hören das Schreien und Jammern so vieler anderer und kehren sich doch nicht daran, sie fahren fort in ihrem Sündenschlaf, denken nicht einmal an eine wahre Besserung; wehe aber uns, wenn wir sogar durch die Geißelstreiche nicht gebessert werden! Was haben wir denn endlich zu erwarten, als nach der zeitlichen Strafe, welche eine Wirkung der Barmherzigkeit Gottes ist, die ewige Pein in der Hölle, welche eine Wirkung der unversöhnlichen Gerechtigkeit Gottes sein wird?

Nein, o gütigster Gott! so weit laß es nicht kommen; bin ich der Jonas, welcher an dem Sturm schuld ist, siehe, da bin ich, ich erkenne, daß ich die Strafe verdient habe; ich bete demütig an deine Barmherzigkeit und küsse die väterliche Hand, welche mich hier züchtigt, um mich zu bessern. Wohl, o Herr! Ich sage dir Dank dafür, daß du mich auf diese Weise vom Sündenschlaf aufgeweckt hast. Ich will Buße tun, ich will meine Sünden bereuen; jetzt schon fange ich an, dieselben von meinem ganzen Herzen zu verfluchen; mein Leben und alles, was dir bisher daran mißfallen hat, soll mit deiner väterlichen Hilfe und Gnade von nun an geändert und gebessert werden; wende allein ab von so vielen unschuldigen und frommen Seelen in dieser Stadt und diesem Land die verhängte Strafe und Drangsal; von mir aber, der ich diese wohl verdient zu haben reumütig und demütig bekenne, welche ich auch zur Buße und Genugtuung meiner vielen begangenen Sünden willig annehme, die ewige Strafe. Amen. –
aus: Franz Hunolt SJ, Christliche Sittenlehre der evangelischen Wahrheiten, dem christlichen Volk in sonn- und festtäglichen Predigten vorgetragen, Bd. 9, Siebzehnter Teil, 1848, S. 130 – S. 134

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