Nichts geschieht ohne Gottes Zulassung

Nichts geschieht ohne Gottes Zulassung

Der Weg zum inneren Frieden

Von der Ergebung in die Fügungen der göttlichen Vorsehung

Erstes Kapitel

Von der liebevollen Leitung der Menschen durch die göttliche Vorsehung, und vom Glück derjenigen, welche sich dieser göttlichen Vorsehung ganz anheim stellen.

Nichts geschieht ohne Gottes Anordnung oder Zulassung

Nichts in der Welt geschieht ohne Gottes Anordnung oder Zulassung. „Nichts“, sagt der hl. Augustinus, „geschieht im Laufe unseres Lebens durch Zufall; Gott greift überall ein.“ Schon durch den Mund des Propheten Isaias sagt er: „Ich bin der Herr, und es ist kein anderer; der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe, der ich Frieden gebe und das Übel schaffe.“ (Is. 45, 6,7) „Kommt ein Unglück, das nicht der Herr gesandt?“ fragt Amos (Am. 3,6) „Glück und Unglück“, fügt Sirach bei, „Leben und Tod, Armut und Reichtum kommen von Gott.“ (Ekkl. 11,14)

Kann Gott mir Übles wollen?

Nun wirst du mir vielleicht erwidern, dieses gelte wohl von Tod und Krankheit, von Kälte und Hitze und von allen Ereignissen, welche in der willenlosen Natur ihren Ursprung nehmen, nicht aber von dem, was von dem freien Willen des Menschen abhängt. Denn, wirst du sagen, wenn jemand Übles von mir redet oder mir mein Vermögen raubt oder mich verfolgt und mißhandelt, wie kann ich denn hierin den Willen Gottes sehen, da doch Gott eine solche Handlungsweise verbietet? Folglich, so ist dein Schluss, kann ich solche Vorfälle nur dem Willen und der Unwissenheit oder Bosheit eines Menschen zuschreiben. Allein Gott selbst spricht sich über diesen Punkt klar und deutlich aus, und auf sein eigenes heiliges Wort hin müssen wir glauben, daß auch bei dem, was der Willkür des Menschen überlassen scheint, doch nichts ohne göttliche Zulassung geschieht; denn die Juden, welche die Gefangenschaft lieber einer andern Ursache als der Fügung Gottes zuschreiben wollten, mahnt der Prophet Jeremias: „Wer darf sagen, daß etwas geschehe ohne des Herrn Befehl, und daß nicht Böses wie Gutes komme aus dem Munde des Allerhöchsten?“ (Klagel. 3, 37, 42)
Deshalb, wenn man uns um unsern guten Namen bringt, wenn man uns unser Vermögen raubt, wenn man uns mißhandelt oder auf sonst eine Art beleidigt, so müssen wir alles dem Willen Gottes zuschreiben. Gottes Hand ist es, die uns heimsucht; alles ist das Werk seiner Vorsehung.

Was bei jeder bösen Handlung eines Menschen zu unterschieden ist

Aber, wendest du von neuem ein, alle diese Handlungen sind ja sündhaft; wie kann denn Gott sie wollen? Wie kann er Anteil daran nehmen? Gott, seinem Wesen nach die Heiligkeit selbst, kann doch mit der Sünde nichts gemein haben. Hierauf antworte ich: Bei jeder bösen Handlung eines Menschen muss man zwei Dinge wohl unterscheiden, nämlich:

1. die Handlung selbst oder die äußerliche Bewegung,

2. die Verirrung des Willens, der von dem göttlichen Gesetze abweicht.

Schlägt oder verleumdet dich jemand, so musst du einerseits die Bewegung des Armes oder der Zunge und andererseits die böse Absicht, welche dieser Bewegung zu Grunde liegt, unterscheiden. Die Bewegung an sich ist nicht sündhaft, und so kann Gott ihr Urheber sein. Dies ist er ja auch wirklich; denn kein Geschöpf hat Leben und Bewegung aus sich selbst, sondern alle erhalten diese von Gott, der in ihnen und durch sie wirkt. Die böse Absicht hingegen ist ganz Sache des menschlichen Willens, und sie allein macht die Sünde aus. An dieser nimmt Gott keinen Anteil; er läßt sie aber zu, um dem freien Willen des Menschen keine Gewalt anzutun.

Gott wirkt bei der äußeren Bewegung mit

Gott beteiligt sich demnach an den schlechten Handlungen der Menschen nur insofern, als er bei der äußern Bewegung mitwirkt; der bösen Absicht, die der Tat zu Grunde liegt und die ganz Sache unseres Willens ist, bleibt er durchaus fremd. Du hast deine Ehre, dein Vermögen eingebüßt. Gott will, daß du diese Güter verlierst; aber er nimmt nicht den geringsten Anteil an der Sünde des Verleumders oder des Diebes, die sie dir rauben. Ein Richter verurteilt einen Verbrecher gerechterweise zum Tode; nun trifft es sich aber, daß der Scharfrichter ein persönlicher Feind des Verurteilten ist, und so vollzieht er den Ausspruch des Richters nicht aus Pflicht, sondern aus Haß und Rachsucht. Offenbar hat der Richter keinen Anteil an der Sünde des Scharfrichters, die nicht in seiner Absicht lag; er wollte nur Gerechtigkeit geübt sehen. Ebenso beteiligt sich Gott an der bösen Absicht des Verleumders oder Diebes durchaus nicht, sondern diese böse Absicht ist die persönliche Sache des Menschen. Wie schon gesagt, will Gott dich verdemütigen und dich deiner zeitlichen Güter berauben, um dich dadurch zu bessern und tugendhafter zu machen; allein diese Absicht Gottes, welche seiner unendlichen Güte so sehr entspricht, und die er auch durch tausend andere Mittel zur Ausführung bringen könnte, hat nichts mit der Sünde des Menschen, dessen er sich als Werkzeug bedient, gemein. Auch ist es in der Tat nicht die Sünde, welche dich demütigt oder in Armut und Elend stürzt, sondern der Verlust deiner Ehre und deines Vermögens; denn die Sünde selbst schadet nur dem, der sie begeht. So müssen wir stets unterscheiden, was Gott durch den Menschen wirkt, und was der böse Wille des Menschen hinzufügt.

Der hl. Gregorius gibt ein Beispiel

Der hl. Gregorius zeigt uns dieselbe Wahrheit an einem andern Beispiele. Ein Arzt hat Blutegel verordnet; diese Tiere wollen nur ihren Durst stillen und den Kranken womöglich alles Blut bis auf den letzten Tropfen aussaugen: der Arzt will aber nur das unreine Blut entfernen und den Kranken dadurch heilen. Die Blutegel sind nur sein Werkzeug, und deren Blutgier hat also gar nichts mit den Absichten des Arztes gemein. Gott bedient sich der Menschen, wie der Arzt der Blutegel. Der Kranke macht sich keine Sorgen über die unersättliche Gier dieser Tiere; er betrachtet sie nicht als seine Feinde; er sucht im Gegenteil seinen Ekel vor ihrem widerlichen Anblick zu besiegen; ja, er tut selbst alles, damit sie recht anbeißen und ruhig fort saugen; denn er weiß wohl, daß sie es nicht länger tun werden, als der Arzt es will und für nützlich hält. Ebenso sollen auch wir nicht auf die Leidenschaften derjenigen achten, denen Gott Macht wider uns gegeben hat; wir sollen nicht an ihren bösen Absichten denken und in unserem Herzen keine Abneigung gegen sie aufkommen lassen; denn wir wissen ja, daß, so feindselig auch ihre persönlichen Absichten sein mögen, sie doch stets nur Mittel sind, deren sich ein allgütiger, allweiser und allmächtiger Gott zu unserem Heile bedient, und denen er nicht mehr Gewalt über uns gibt, als für uns nützlich und heilsam ist. Unser eigener Vorteil sollte uns demnach antreiben, uns eher ihrer Macht freiwillig auszusetzen, als uns derselben zu entziehen; denn es ist ja nicht ihre eigene Macht, sondern die des Herrn. Keines von allen Geschöpfen ohne Ausnahme kann uns etwas anhaben, wenn ihm nicht von oben Gewalt wider uns gegeben ist.

Die Geschichte des frommen Job

Alle wahrhaft von Gott erleuchteten Seelen waren von dieser Glaubenswahrheit fest überzeugt; die Geschichte des frommen Job gibt uns ein schönes Beispiel davon. Job hat alle seine Kinder verloren, er ist um den Besitz seines ganzen Reichtums gekommen; von dem höchsten Gipfel irdischen Glücks ist er in den tiefsten Abgrund menschlichen Elends hinab gesunken, und was spricht er? – „Der Herr hat es gegeben; der Herr hat es genommen. Wie es dem Herrn gefallen hat, also ist es geschehen; der Name des Herrn sei gebenedeit!“ (Job 1, 21) „Siehe“, sagt der hl. Augustinus, „wie dieser fromme Mann das große Geheimnis der Vorsehung verstanden hat. Er sagt nicht: Der Herr hat es gegeben; der Herr hat es genommen. Wie es dem Herrn gefallen hat, und nicht wie es dem Teufel gefallen hat, also ist es geschehen.“ – Nicht weniger treffend ist das Beispiel des ägyptischen Joseph. Seine Brüder haben ihn aus Hass und Neid verkauft, und doch schreibt er alles der göttlichen Vorsehung zu. „Gott hat mich“, sagt er, „nach Ägypten gesandt, daß ihr erhalten werdet auf Erden und Speise habet, um leben zu können… Nicht durch euren Verrat bin ich hierher gesandt worden, sondern durch Gottes Willen.“ (1. Mos. 45, 5. 7. 8.) – David, von Semei verfolgt und beschimpft, sieht gleichfalls die Hand der Vorsehung in dem empörenden Betragen seines aufrührerischen Untertanen; zweimal hält er die Entrüstung seiner treuen Diener, die ihn rächen wollen, mit den Worten zurück: „Lasset ihn fluchen; denn der Herr hat ihm befohlen, daß er David fluche. Lasset ihn fluchen nach dem Befehl des Herrn!“ –

Das Beispiel Jesus Christus

Und Jesus Christus selbst, der Heilige der Heiligen, unser Heiland und Erlöser, der vom Himmel herabstieg, um durch sein Wort und Beispiel uns zu lehren, sagt er nicht zu Petrus, der ihn in unbesonnenem Eifer abhalten will, sein Leiden zu beginnen und sich den Händen seiner Feinde zu überliefern: „Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir der Vater bereitet hat?“ (Joh. 18, 11) So schreibt Jesus die Schmach und Schmerzen seines bitteren Leidens nicht denen zu, welche die unmittelbaren Urheber desselben waren, nicht den Juden, die ihn verklagten, nicht dem Judas, der ihn verriet, nicht dem Pilatus, der ihn verurteilte, nicht den Henkern, die ihn unter den fürchterlichsten Misshandlungen zum Tode schleppten, nicht den Teufeln, die diese Unglücklichen zu dem entsetzlichsten Gottesmorde aufhetzten, sondern er sieht in allem nur Gott, und zwar nicht als strengen Richter, sondern als liebenden Vater.

Unser Schicksal müssen wir Gott zuschreiben

Daher müssen wir unsere Verluste, unsere Schicksale, unsere Leiden und Verdemütigungen nicht den bösen Geistern oder den Menschen zuschreiben, sondern Gott, ihrem wahren Urheber. Wir dürfen deshalb nicht sagen: „Dieser oder jener ist an meinem Unglück, an meinem Verderben schuld.“ Nein, unsere Leiden sind nicht das Werk eines Menschen; sie sind Gottes Werk, und dieses gereicht uns zur größten Beruhigung; denn alles, was Gott, unser allgütiger Vater, tut, das ist voll unendlicher Weisheit und dient den heiligsten und erhabensten Zwecken.

Alle seine Werke, sagen die heiligen Väter, sind mit Berücksichtigung der Umstände so vollkommen, daß sie nicht vollkommener, und so gut, daß sie nicht besser sein könnten. Darum müssen wir auch, wie der hl. Basilius es empfiehlt, uns recht von dem Gedanken durchdringen lassen, daß wir das Werk eines guten Meisters, der mit unendlich weiser Vorsehung allezeit für uns als für seine Geschöpfe besorgt ist. Unter seiner liebevollen Obhut stößt uns nicht nur nichts zu, was gegen seinen Willen wäre oder uns schaden könnte, sondern es ist auch alles, was über uns kommt, so gut, daß es sich gar nicht besser denken ließe. „Groß sind die Werke des Herrn und ausgesucht nach seinem ganzen Wohlgefallen.“ (Ps. 110, 2) Am wunderbarsten zeigt sich seine Weisheit in der vollkommenen Angemessenheit aller seiner Mittel zu dem Zwecke, dem sie dienen. Und wie seine Weisheit von seiner Liebe nicht getrennt sein kann, so schickt er uns auch nichts zu, was zu hart oder verletzend für uns wäre. „Allmächtiger Herrscher“, ruft der Weise aus, „Du richtest mit Sanftmut und regierest uns mit großer Nachsicht.“ (Weish. 12, 18) Unendlich ist seine Macht; nichts kann ihr widerstehen, und doch läßt er uns nicht die unumschränkte Gewalt seiner Allmacht fühlen, sondern behandelt uns mit unendlicher Milde. Er nimmt auf die natürliche Beschaffenheit, die Anlagen, die Eigentümlichkeiten jedes Einzelnen Rücksicht und weist jedem die Stelle an, wo er sein Heil am besten wirken kann. Ja, wir dürfen sagen, daß er uns Achtung und Ehrerbietung beweist, weil er in uns seine lebendigen Ebenbilder anerkennt, denen er nicht wie Sklaven in gebieterischem Tone befehlen, sondern mit Schonung und aller erdenklichen Rücksicht begegnen will. Sieht er sich genötigt, uns zu unserem eigenen Besten mit Krankheit, Trübsal oder Leiden heimzusuchen, so macht er es wie ein guter Arzt, der mit dem Messer heilen muss; ein solcher sucht nicht mehr Schmerzen zu verursachen als zur Heilung unumgänglich nötig sind; mit der schonendsten Vorsicht verbindet er unsere Wunden, und so viel als immer möglich versüßt er uns die bittere Arznei.

Gott prüft uns nur zu unserem Heil

Mit einem Worte: Gott prüft uns nur, wenn es zur Erreichung der edelsten und heiligsten Zwecke, zu seiner Ehre, zu unserem Heile und zu unserer Vervollkommnung notwendig ist. Was er aber uns zuschickt, das ist stets unsern Kräften, Fähigkeiten und Bedürfnissen gerade so angemessen wie der Handschuh der Hand, die ihn trägt, oder wie die Scheide dem Degen, der darin verborgen ist; sonach muss alles zu unserer Vervollkommnung beitragen, wenn wir nur den Absichten der Vorsehung entsprechen wollen.

Darum dürfen wir bei den Trübsalen, die manchmal über uns hereinbrechen, nicht ungeduldig werden. Wie er dem Weltenmeer Schranken setzt, so daß die Wogenmasse, die ganze Länder zu vernichten droht, an dem beweglichen Sandkorn des Gestades sich brechen muss, so gibt es auch keine Leiden, keine Versuchungen, denen Gott nicht Maß und Ziel gesetzt hätte, damit sie uns zum Heile, statt zum Verderben dienen. In der Tat sind die Trübsale ein wesentlicher Teil der uns dargebotenen Heilsmittel. „Silber und Gold wird im Feuer geprüft, Gottes Lieblinge aber im Ofen der Demütigung.“ (Ekkl. 2, 5) Es ist notwendig, daß wir Versuchungen haben, und wenn wir uns weigerten, sie anzunehmen, so wären wir unsere eigenen Feinde. Wir sind in Gottes Hand, was der Marmorblock unter der Hand des Künstlers ist. Um eine schöne Statue zu schaffen, muss der Bildhauer den Meißel an den Marmorblock setzen: er muss ihn behauen und glätten, daß die Splitter weithin fliegen. Gott will aus uns sein Ebenbild machen; darum müssen wir stillhalten und uns seiner Meisterhand überlassen. Jeder seiner Streiche ist vollkommen kunstgerecht und führt unsere Heiligung näher herbei. „Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung“ (1. Thess. 4, 3), sagt der hl. Paulus. Sie ist der einzige Beweggrund bei allem, was Gott über uns verfügt. O, was würde er nicht zu seiner Ehre und zu unserem Heile in uns wirken, wenn wir ihn nur machen ließen! –
aus: P. von Lehen S.J., Der Weg zum innern Frieden, 1896, Kap. 1, S. 1- S. 9

Category: Betrachtungen, von Lehen
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