Welche Schmach Jesus erdulden musste

Jesus mit dem Rohr in der Hand sitzt auf einem Holz, ein römischer Soldat kniet vor ihm auf der linken Seite, auf der rechten ist Judas zu sehen der Teufel auf seinem Buckel

 

Acht Betrachtungen über das Leiden Jesu Christi

Sechste Betrachtung: Welche Schmach Jesus erdulden musste

Leiden und Sterben Christi: Christus hängt am Kreuz, halbnackt und mit der Dornenkrone gekrönt, seine Mutter Maria und der Lieblingsjünger Johannes sitzen unter dem Kreuz, während Magdalena das Kreuz umfaßt und weint

Die größte Schmach ward Jesu bei seinem Tod zugefügt. Da verließen Ihn seine geliebten Jünger – der eine verriet Ihn, der Andere verleugnete Ihn: Dann verließen Ihn alle seine Jünger und flohen. (Mark. 14,50) Hierauf ward der Heiland dem Pilatus sogar als ein Missetäter vorgestellt, der den Kreuzestod verdient hätte: Wenn dieser kein Missetäter wäre, so würde man Ihn dir nicht überliefert haben. (Joh. 18,30) Und der König Herodes verlachte den Herrn sogar als einen Narren: Da verlachte Ihn Herodes mit seinen Kriegsleuten, verspottete Ihn und zog Ihm ein weißes Kleid an. (Luk. 23,11)

Darauf wurde Jesus Christus dem Barabbas, einem Räuber und Mörder, nachgesetzt; denn als Pilatus die Juden fragte, welchen sie vom Tode befreit haben wollten, antworteten sie: Nicht diesen, sondern den Barabbas. (Joh. 18,40) Man geißelte Jesus gleich einem Sklaven, da diese Strafe nur für solche bestimmt war: Da ließ Pilatus Jesus nehmen und geißeln. (ebd., 19,1) Man verachtete Ihn als einen Spottkönig; denn, nachdem man Ihn zum Hohn mit Dornen gekrönt, begrüßte man Ihn als einen König und spie Ihm hierauf ins Gesicht: Sie verspotteten Ihn und sagten: Sei gegrüßt, Du König der Juden! Und sie spieen Ihn an. (Matth. 27,29) Darauf ward Er verurteilt, zwischen zwei Verbrechern zu sterben, wie Isaias das schon vorher verkündigt hatte: Er ist unter die Übeltäter gerechnet worden. (Is. 53,12)

Endlich starb Jesus am Kreuz, das heißt, Er starb des schmachvollsten Todes, der damals einen Verbrecher treffen konnte. Wer bei den Juden am Kreuz starb (5. Buch Mose 21,33), der galt als ein von Gott und von den Menschen Verfluchter, weshalb der heilige Paulus schreibt: Er ist zum Fluch für uns geworden; denn es steht geschrieben: Verflucht ist Jeder, der am Kreuz hängt. (Gal. 3,13) Unser Heiland, sagt der Apostel, entsagte dem glänzenden und angenehmen Leben, das Er auf Erden hätte genießen können, und wählte ein Leben voll Trübsal und einen so schmachvollen Tod: Für die Ihm vorgelegte Freude erduldete Er das Kreuz und achtete nicht die Schmach. (Hebr. 12,2)
Auf diese Weise ging bei Jesus die Prophezeiung des Propheten Jeremias in Erfüllung, daß der Herr mit Schmach gesättigt leben und sterben werde: Er wird gesättigt werden mit Schmach (Klagel. 3,30), weshalb ein heiliger Bernhard ausruft: O Du Niedrigster und Erhabenster, Du Schmach der Menschen und Du Herrlichkeit der Engel, wie ist es nur möglich, daß der Erhabenste von Allen der Verächtlichste unter Allen geworden (De pass. D.); und der Heilige schließt: das Alles hat die Liebe getan, welche Jesus zu uns getragen hat. (In Cant. Serm. 64)

Anmutungen und Bitten.

O mein Jesus! Mache, daß ich selig werde, und lasse nicht zu, daß, nachdem Du mich unter so großen Peinen und mit so großer Liebe erlöst hast, ich dennoch mich selbst ins Verderben stürze und jene Liebe, die Du zu mir getragen, in der Hölle ewig hasse und verfluche! Freilich habe ich diese Hölle schon oft verdient; denn ach, nachdem Du doch nicht mehr tun konntest, um mich zur Liebe zu bewegen, hätte ich nicht mehr tun können, als ich getan, um Dich zu zwingen, daß Du mich strafest. Aber nachdem Du schon so lange in deiner Güte mich erwartet hast, und noch immer verlangst, daß ich Dich liebe, so will ich Dich von heute an aus ganzem Herzen lieben, ohne allen Rückhalt. Gib mir Kraft, meinen Vorsatz in Ausführung zu bringen. Und Du, o Mutter meines Gottes, allerseligste Jungfrau Maria, stehe mir bei durch deine Fürbitte! –
aus: Alphons Maria von Liguori, Das bittere Leiden und Sterben unseres Herrn Jesu Christi, Ein Gebets- und Betrachtungsbuch für die heilige Fastenzeit, 1892, S. 541 – S. 543

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