Die Sehnsucht nach dem Guten

Frohe Botschaft – Ein Büchlein vom guten Willen

2. Teil: Der gute Wille – die Sehnsucht nach dem Guten

Sehnsucht nach dem Guten, Heimweh nach Reinheit, Wahrhaftigkeit, Güte und Frömmigkeit, Hunger und Durst nach Gott und Gottes Gerechtigkeit – das ist wenigstens der Anfang eines guten Willens. Da der verlorene Sohn, in Lumpen auf der Erde sitzend und die Schweine hütend, auf einmal einen Ekel fühlte vor seinem bisherigen Leben und ein Verlangen nach dem Vater und dem Vaterhaus, – oder, da den Sünder Zachäus auf einmal eine seltsame Rührung und eine gewaltige Sehnsucht überkam, doch auch gut und edel zu sein wie jener himmlisch reine Jesus, da der Zöllner ob seiner Sünden so beschämt war, daß er nicht wagte, die Augen zum Himmel zu erheben -, siehe, das war die erste Regung eines guten Willens. Oder, da der junge Augustinus, noch in den Fesseln seiner Leidenschaften liegend, sich einst unter freiem Himmel zu Boden warf und unter Tränen seine eigene Willensschwäche verklagte: „Wie lange noch? Warum erst morgen und immer wieder morgen?“, da war das trotz aller Ohnmacht doch schon der erwachende gute Wille, ein guter Wille, der dann später so Herrliches im Reich Gottes vollbringen sollte. Und wir selber, wenn wir je eine heilige Unzufriedenheit mit unsern Erbärmlichkeiten fühlen, wenn wir unglücklich sind über unser Fallen und Immer-wieder-fallen, wenn wir uns freuen über eine kleine gute Tat, die uns geglückt, dann ist auch in uns wenigstens des guten willens Anfang.

Es ist das freilich noch nicht viel, aber es ist doch etwas, was der große Gott beachtet. Ja, es ist ein Schauspiel für Gott und seine Engel, wenn irgendeine Menschenseele, nachdem sie lange in tiefem Staub gelegen, auf einmal das Haupt erhebt, nach dem reineren Licht sich sehnt und ihre Flügel, ihre Engelsflügel endlich zu regen beginnt. Die Sehnsucht nach dem Guten ist das wahre Adventgebet, ist das wahre Engelamt der Menschenseele im Advent dieses Erdenlebens. Möchte doch die Stimme dieses Adventgebetes, der Ton dieser Adventglocke keinen Augenblick in unserer Seele verstummen, sondern, lauter und mächtiger als unsere irdischen Interessen und Wünsche, das ganze Himmelsgewölbe unserer Seele erfüllen!

Doch freilich die Sehnsucht nach dem Guten genügt für sich allein noch nicht. Der gute Wille fängt mit dieser Sehnsucht an, er darf aber nicht mit ihr auch schon wieder aufhören. Er muss und wird noch einen Schritt weitergehen. Er wird die Flügel nicht nur ein wenig lockern und regen, sondern sie auch ausbreiten zu wirklichem, wenn auch noch so bescheidenem Flug. Die bloße Sehnsucht spricht: „Ich möchte“; der gute Wille aber, wie schon sein Name verrät, sagt mehr, er sagt: „Ich will.“ Die Sehnsucht stammelt wie ein Schlaftrunkener: „Ich möchte wohl aufstehen, ich möchte wohl das Rechte tun – wenn es nur leichter wäre; ich möchte gern reiner, gültiger, wahrhaftiger werden, möchte mich losreißen von dieser Leidenschaft und jener Gewohnheit – aber ach, das Opfer ist gar zu groß!“

Und so sinkt denn manche heilige Sehnsucht wieder zurück in jenen Schlummer, der nicht nur der Bruder des Todes, sondern der Tod selber ist. Der gute Wille dagegen schlägt nicht nur sehnsüchtig die Augen auf sondern sucht sich auch tatsächlich aufzurichten aus dem Elend der großen und kleinen Sünden. Er spricht sein „Ich will“ ohne Einschränkung und Abschwächung, ohne „aber“ und „wenn nur nicht“. Er spricht vielmehr: „Ich will das Gute, auch wenn es schwer ist, ja, ich will es, selbst wenn es zu schwer sein sollte für mich.“ Allerdings, er spricht dieses sein unbedingtes „Ich will“ nicht mit Pomp und Prahlerei, nicht mit übergroßer Zuversicht, vielleicht nicht einmal mit sehr großem Mut; er spricht es vielleicht sogar wie ein Schwerkranker nur mit kaum vernehmbarem Flüstern, gerade, daß Gott es noch hört, so verzagt und kleinlaut, aber immerhin, er spricht es, spricht es aus mit aufrichtigem Herzen und im Vertrauen auf Gottes allmächtige Gnade. So hat Petrus nach seinem Sündenfall, errötend zwar und beschämt aber doch ernst und ehrlich und unbedingt auf des Meisters Frage, ob er ihn liebe, geantwortet: „Ja, Herr, du weißt es, ich liebe dich!“ (Joh. 21, 15). So hat der sündige Zöllner mit einem kraftvollen „Ich will“ von seiner Vergangenheit sich losgesagt: „Sieh, die Hälfte von meinem Hab und Gut will ich den Armen schenken und, was ich erpresst, will ich wiedergeben vierfach“ (Luk. 19, 8).

Wir alle haben bei unserer Taufe schon durch den Mund unseres Paten zum ersten Mal jenes heilige „Ich will“ gesprochen; es war in unserem Leben das erste Wort des guten Willens. Und bei der ersten heiligen Kommunion und bei unserer Firmung haben wir es feierlich wiederholt, dieses Gelübde: „Ich will“, und wieder war es der gute Wille, der da aus uns geredet. Doch heute, ist da dieses Wort des guten Willens vielleicht längst verstummt und vergessen? Will nicht mancher, an dieser oder jener Leidenschaft hängend, trotz bestem Willen – nein, wir dürfen nur sagen – trotz aller Sehnsucht jenes so kleine und doch, ach, so schwere „Ich will“ nicht über die Lippen dringen? Indes, koste es was immer, es muss doch gesprochen werden; denn von diesem einen Wörtlein des guten Willens hängt Leben und Tod ab. Solange wir dieses eine Wörtlein nicht sagen mögen, sind wir alle unerlöst und gleichen jenem Unglücklichen im Evangelium, der beherrscht war von einem stummen Geist (Mk. 9, 17), und müssen fürchten, daß Gottes Zorn uns einmal zurufe wie dem Herzens verhärteten Jerusalem: „Wie oft wollte ich… aber du hast nicht gewollt!“ (Matth. 23, 37).

Sobald wir aber jenes entscheidende Wort gesprochen, dann ist der Bann gebrochen und unsere Seele gehört zu den Glücklichen, die eines guten Willens sind. –
aus: Abt Bonifaz Wöhrmüller OSB, Frohe Botschaft, 1929, S. 10 – S. 13

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