Was der schlechte Wille ist

Frohe Botschaft – Ein Büchlein vom guten Willen

1. Teil: Was der schlechte Wille ist

Frohe Botschaft

Am ersten Tag des Kirchenjahres, wenn wieder die Gedanken sich der nahenden heiligen Nacht zuwenden und die Adventglocken schon eine Vorahnung weihnachtlicher Seligkeit ins Christengemüt hinein läuten wollen, da verliest die Kirche auf allen Altären des Erdenrunds das Evangelium vom jüngsten Gericht. Wir hatten für diesen Tag uns wohl etwas ganz anderes erwartet, etwas Liebliches, Kinderseliges, Silbernklingendes, und nun diese fernher kommenden Tubatöne des Weltgerichts! So sollten wir denn gleich am Eingang der Weihnachtszeit mit allem Nachdruck daran erinnert werden, daß das fleischgewordene Wort Gottes auf ein Echo wartet: auf eine Antwort und Verantwortung der Menschheit. Die Seligkeit, die uns der Heiland der Welt gebracht, all diese irdische und himmlische Weihnachtsseligkeit soll nicht nur im Nehmen, sondern auch im Geben bestehen. Gott ist in die Welt gekommen, nicht nur um zu schenken, sondern auch um zu fordern.

Aber freilich auch in seinen Forderungen spiegelt sich jenes Wesen Gottes wider, dessen Reichtum und Fülle der Mensch niemals mit einer einzigen Auffassung erfassen, niemals mit einem einzigen Begriff begreifen kann und das, jener geheimnisvollen Wolke im Alten Bund gleich, für den menschlichen Blick immer ein Zweifaches, sich scheinbar Widersprechendes ist: Heiligkeit und Dunkel zugleich, furchtbarer Ernst und ergreifende Güte, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Auch das, was der menschgewordene Gott von uns verlangt, ist ein Gebot der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zugleich, etwas Großes und doch so bescheiden, ist schwer und leicht zugleich, ein Vielfaches und doch nur ein Einziges. Ein Großes und Vielfaches und Schweres: denn wir sollen ja so mancherlei Gebote Gottes und der Kirche halten, sollen zahlreiche Pflichten erfüllen und sollen mannigfachste Tugenden üben. Und doch ist`s auch wieder nur ein Einziges, was Gott von uns heischt, und alles andere lässt er in diesem enthalten sein und nimmt alles andere mit diesem als empfangen an. Dieses notwendige Eine aber heißt: Guter Wille. Da Christus als die sichtbar gewordene Heiligkeit und Güte Gottes diese Welt betritt, da fordert er von denen, die nun von allen Enden der Erde nach Bethlehem herbei pilgern, nur eines: guten Willen. Oder hört ihr nicht das Evangelium, das in der ersten aller Christmetten die Engel von Bethlehem als die Diakone der göttlichen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit verkünden: ‚Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!‘ (Luk. 2, 14)

Was der schlechte Wille ist

Es gehört zur Tragik dieser Erde, daß in einer verhängnisvollen Sprachen-Verwirrung gerade die schönsten Worte der christlichen Zunge am meisten missverstanden und missbraucht werden. Es gibt eine geistige Falschmünzerei, die gerade die höchsten Werte des Lebens nachäfft und gerade die erhabensten Namen zur Verführung der armen Menschheit ausnützt. Wie das herrliche Wort Freiheit und das göttliche Wort Liebe, so wird auch jenes Engelswort aus der heiligen Nacht, das Wort „guter Wille“ auf so manches angewandt, was diesen Namen und die mit ihm verbundenen Seligpreisungen nimmermehr verdient. Wie oft entschuldigt doch die leichtsinnige Welt ihre leichtsinnigen Kinder mit der Redensart: „…aber sie haben doch guten Willen!“ Und so ist es denn für das Christenleben wohl eine Notwendigkeit, zu wissen, was der echte gute Wille ist.

Am leichtesten und leuchtendsten nehmen wir das Wesen des guten Willens wahr auf dem dunklen Hintergrund seines Gegensatzes, des schlechten Willens. Dieser schlechte Wille ist eine der seltsamsten Erscheinungen des menschlichen Seelenlebens. Wir wundern und ärgern uns wohl, wenn wir ihn an andern sehen; aber siehe, eines Tages vielleicht ist es uns, als stünden wir selber in seinem Bann. Doch gibt es Stunden, ja selbst Tage und Wochen, wo der Mensch das Böse geradezu will. Da fühlt er sich nicht nur vom Bösen abgezogen, da wird er nicht etwa vom Bösen überwältigt trotz innerem Widerstreben, sondern freiwillig gibt er sich dem Bösen hin, nicht wie einer, der im Feld gekämpft, vielleicht zu wenig tapfer gekämpft hatte und dann besiegt und gefangen wurde, sondern wie einer, der freiwillig, ja böswillig zum Feind überging. Wohl weiß oder fühlt er, daß er auf falschem Weg geht; aber er widerstrebt der erkannten Wahrheit und verhärtet vorsätzlich in Unbußfertigkeit. Und wenn man ihm droht mit der Gerechtigkeit Gottes, dann tut er diese Drohung ab mit dem Lächeln vermessenen Leichtsinns oder mit der finsteren Miene der Verzweiflung. Und weist unwillig zurück alle Mahnungen eines guten Freundes wie auch alle Einflüsterungen seines guten Engels. Ist es nicht unbegreiflich: der Mensch, das Kind des himmlischen Vaters, erschaffen vom ewig Guten und bestimmt nur für das Gute, er will das Böse! „Sünde gegen den Heiligen Geist“ nannte Gottes Sohn diesen seltsamen Seelenzustand, diesen schlimmsten Missbrauch der menschlichen Willensfreiheit.

Wie kommt ein solcher Wille in die menschliche Seele? Ist er von selbst in und aus der Seele entstanden? Ist er eine Folge, die schlimmste Folge der Ur- und Erbsünde? Oder ist es eine dämonische Hand, die die zitternde Magnetnadel des menschlichen Willens ergreift, um sie von ihrem ewigen Pol abzuziehen und dem entgegen gesetzten Pol, der ewigen Finsternis, zuzulenken? „Da“, so heißt es in der Schrift (Luk. 22, 3) von einem, der bösen Willens war, „da fuhr Satan in Judas, der Iskariot hieß.“ Doch was immer auch das Wesen und innerste Geheimnis des bösen Willens sein mag – in einer Seele, in der ein böser Wille regiert, da herrscht die Macht der Finsternis, da sind Gottes Sterne erloschen und es ist dort Nacht geworden. „Es war aber Nacht“ (Joh. 13, 30), heißt es in der Schrift vielsagend von der Tat des Judas. Aber wahrlich, das war keine geweihte Nacht. Die unheilige Nacht des bösen Willens ist der dunkelste Gegensatz zur sternenklaren, heiligen Nacht der Gnade.

Ein solcher Mensch ist weit von jeder wahren Weihnacht entfernt, und wer weiß, ob er je noch eine solche erleben wird.

Doch es gibt noch ein anderes Gegenteil des guten Willens, und obgleich es nicht so dämonisch ist wie der ausgesprochene böse Wille, so ist es doch auch eine Sünde und vielleicht vieler Seelen Untergang.

Gar mancher Mensch will zwar nicht das Böse, will aber auch nicht das Gute, er will eigentlich gar nichts. Er lässt sich einfach – ein Schilfrohr, das vom Winde bewegt wird (Luk. 7, 24) – vom dunklen Drang seiner guten oder schlechten Anlagen, vom Windhauch seiner guten oder schlechten Stimmungen, vom Einfluss seiner guten oder schlechten Umgebung führen, wohin diese ihn eben führen wollen, einmal zum Guten und einmal zum Schlechten. Und – was noch schlimmer ist und so recht nicht nur einen schwachen, sondern wirklich einen schlechten Willen verrät – wenn er dabei in Sünde und Schmach und Schmutz gerät, so ist er darüber nicht sehr unglücklich, und wenn er zufällig einmal eine gute Tat getan, dann ist er darüber auch nicht sonderlich beglückt. Des Bösen schämt er sich nicht und nach dem Guten sehnt er sich nicht. Weder weint er mit Petrus über seine Sünden noch freut er sich mit Paulus „im Herrn“. Gewiss, nicht nur Böses-wollen sondern auch dieses Gar-nichts-wollen ist ein schlechter Wille. Es ist ein schlechter Wille in einem etwas farbloseren Gewand, aber es ist doch auch ein schlechter Wille. Nicht das Licht lieben, heißt eben doch die Finsternis lieben. Und darum sagt ja auch die Stimme des Ewigen zum menschlichen Willen: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich“ (Luk. 11, 23). Und in der Geheimen Offenbarung ruft Gottes Stimme einem solchen nichts sagenden, nichts wollenden Willen zu: „Ach, daß du kalt wärest oder warm, aber weil du lau bist, will ich dich ausspeien aus meinem Mund“ (Apok. 3, 15 u. 16).

Wo ein Mensch beherrscht ist von der tödlichen Starre dieser Gleichgültigkeit, wo ein Mensch das Gute ganz ebenso will und nicht will wie das Böse, wo keine Scham brennt auf der Stirn und keine Sehnsucht glüht im Herzen, wo kein Adventgebet zum Himmel steigt, da senkt auch keine Weihnacht sich herab. Verstehen wir jetzt, warum die Kirche, die Mutter der Menschen, ihre Kinder immer wieder anleitet zu beten: „Ab omni mala voluntate libera nos Domine! Von allem schlechten Willen erlöse uns, o Herr!“

Aber nun ahnen, ja wissen wir auch schon, was der gute Wille ist. Wenn der schlechte Wille die Freude am Bösen, ist, dann ist der gute Wille eine heilige Freude am Guten; ist der schlechte Wille ein Hass gegen das Gute oder doch eine völlige Gleichgültigkeit gegen das Gute, so ist der gute Wille eine heilige Sehnsucht nach dem Guten. –
aus: Abt Bonifaz Wöhrmüller OSB, Frohe Botschaft, 1929, S. 5 – S. 10

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