Glaubensabfall im sechszehnten Jahrhundert

Der Papst trägt das Kreuz Christi, von seinen Feinden mit Steinen beworfen, von Christus glorreich empfangen; es zeigt das Leiden der Päpste und zugleich der Kirche

Das 16. Jahrhundert für die Päpste

Das Zeitalter des Abfalls von der Kirche –  Teil 2 Der Glaubensabfall

Wir können uns mit demselben nicht beschäftigen, ohne unseren Blick auf seine Ursachen und seine Folgen hinzurichten. Unwillkürlich fragt man sich: Wie war es doch möglich, daß ein abtrünniger Mönch ein solches Unheil in der Christenheit, eine wahre Revolution anrichten konnte? Wir finden verschiedene Ursachen, die zusammen wirken, daß Luthers Tat einen so entsetzlich traurigen Erfolg hatte.

Die Ursachen des Glaubensabfalls

Diese lagen teils in Luthers Lehren, teils in den Verhältnissen der Zeit.

1. Die Lehren, die Luther als neues Evangelium der Welt verkündete, waren für den Menschen sehr bequem. Bekannt ist, was man von Melanchthon, dem Hauptgenossen Luthers, erzählt. Eines Tages stellte die alte Mutter Melanchthons an diesen die Aufforderung, ihr zu sagen, an welche Religion sie sich halten solle, ob an die Religion ihrer Väter oder an die neue Religion. Da gab ihr dieser zur Antwort: „Mutter, in der neuen Religion ist es leichter zu leben, in der alten besser zu sterben.“ Die Mutter blieb katholisch und starb im alten Glauben. Was Luther lehrte, ist der verdorbenen Natur auf den Leib geschnitten. Christus hat uns die Lehre gebracht und die Kraft verdient, die Hoffart, die Genusssucht, den Eigennutz zu bekämpfen. Die katholische Kirche stellt unaufhörlich die Aufforderung zu diesem Kampf an uns. Dagegen remonstriert in uns der alte Adam und diesem kam Luther entgegen. Die katholische Kirche verlangt im Namen des Heilandes demütige Unterwerfung unter ihre Autorität. Von dieser Autorität machte Luther den Menschen frei, indem er erklärte, man habe sich allein an die Bibel zu halten. Da man aus der Bibel herauslesen kann, was man will, ist der Mensch sei eigener Herr, er schneidet sich die Religion aus dem Evangelium heraus, wie sie ihm gut dünkt. Dem Hochmut nahm somit Luther den Zügel weg. Die katholische Kirche lehrt im Namen Jesu, der Mensch müsse seine bösen Neigungen bekämpfen, seine Sinnlichkeit der Vernunft und Stimme des Gewissens unterordnen, derselben durch Fasten, Wachen und Beten widerstehen; wenn er sich aber habe überwinden lassen, müsse er seine Sünden bekennen und Buße wirken. Luther lehrte, der Mensch kann nicht seine verdorbenen Triebe überwinden, er braucht dies auch nicht zu tun, braucht weder zu fasten noch zu beichten, er braucht nur zu glauben, daß Gott ihm verzeihe. Durch dies Vertrauen sind alle Sünden sogleich nachgelassen. Ist eine solche Lehre nicht sehr bequem? Der Mensch braucht überhaupt keine guten Werke zu tun; nur empfahl Luther als gutes Werk den Herren das geistliche Gut einzusacken. Mit der Lehre von der evangelischen Freiheit, die er absichtlich zweideutig vortrug, verlockte er viele, der neuen Lehre zu huldigen, um sich in Berufung aufs Evangelium den Abgaben zu entziehen.

Daß ein solches „Evangelium“ freudigen Anklang und begeisterte Aufnahme finden konnte, ist wohl leicht erklärlich, zumal, wenn wir die Verhältnisse der Zeit in Erwägung ziehen.

Die religiösen Ursachen

2. Die enthielten verschiedene Ursachen, die den Abfall mächtig zu fördern geeignet waren. Die Ursachen lagen auf dem religiösen, auf dem politischen wie auf dem sozialen Gebiet: auf all diesen Gebieten entfachte Luther eine wahre Revolution, aber keine Reformation oder Verbesserung der Sitten.

a) Die religiösen Ursachen haben wir bereits angedeutet.

Es war vorerst der Niedergang des päpstlichen Ansehens aus den letzten zwei Jahrhunderten. Eine weitere Ursache waren die Unordnungen im Klerus und im Ordensstand, die trotz der verschiedenen Reformversuche an vielen Orten keine durchgreifende Besserung fanden und die Verwilderung des Volkes zur Folge hatten, wie hinwiederum die Verkommenheit des Volkes den Klerus und den Ordensstand unheilvoll beeinflußte. Um jedoch gerecht zu sein, muss man anerkennen, daß es auch um diese Zeit viele ausgezeichnete Bischöfe und Prälaten gab, die selbst von strengen Kritikern der damaligen Zeit Lob und Anerkennung gefunden. Ebenso gab es viele gut disziplinierte Ordenshäuser. Da viele ohne Beruf in den Priester- und Ordensstand traten und nur durch die äußeren Bande, mehr gezwungen als freiwillig, in ihrem Beruf gehalten wurden, bedurfte es bloß eines äußeren Anstoßes, um das Priester- oder Ordenskleid weg zu werfen. Übrigens trat der Gräuel der Verwüstung erst später ein, nachdem Luther bereits mehrere Jahre gegen Zölibat und Klostergelübde gewütet hatte. Da er den Zölibat als unmöglich, die Mönchsgelübde als Sünde erklärt, die Erstürmung der Klöster und die Vertreibung der Mönche und Nonnen nicht bloß gebilligt, sondern dazu aufgefordert hatte, durfte man sich nicht wundern, wenn schwache Priester und Ordensleute Verräter an ihren Pflichten wurden und scharenweise abfielen, während sie unter ruhigen Verhältnissen sich in Ordnung gehalten oder sich gebessert hätten. Die vorhandenen Übelstände boten den damaligen Literaten und Humanisten willkommenen Anlass, alles Heilige in den Kot zu ziehen. Selbst sittlich verdorben und ungläubig, spielten sie sich als Sittenrichter auf und beschimpften ohne Unterschied Papst und Bischöfe, den Weltklerus wie den Ordensstand. Die in Aufschwung kommende Buchdrucker-Kunst bot ihnen das Mittel, in unzähligen Herzen die Achtung für die Religion und ihre Träger zu untergraben. In die Fußstapfen dieser Männer trat Luther und suchte sie durch seine alles Maß übersteigenden Beschimpfungen und Unflätigkeiten zu überbieten. Eine Unzahl von Broschüren bearbeitete die Massen.

Politische und soziale Missverhältnisse

b) Eine ausschlaggebende Ursache des großen Abfalls von der Kirche lag auf politischem Boden. Die weltlichen Fürsten waren unablässig bemüht, ihre Macht und Unabhängigkeit auf Kosten des Kaisers und des Reiches auszudehnen. Zu diesem Zweck übten sie selbst Reichsverrat, indem sie sich in Bündnisse einließen: mit Franzosen, Schweden, Dänen, Holländern, Engländern, Schweizern und Türken. Der Kaiser wurde dadurch so geschwächt, daß er oft nicht einmal die Friedensbrecher mehr bestrafen konnte. Die Städte suchten gleichfalls immer unabhängiger vom Reich zu werden. Allen diesen, Fürsten wie Städten, waren diese Unruhen und Verwirrungen im Reich willkommen; denn da konnten sie hoffen, vom Kaiser unabhängig zu werden.

c) Auch an sozialen Missverhältnissen fehlte es nicht, die eine tiefe Gärung hervor riefen und den religiösen Abfall begünstigten. Infolge des ungeheuren Zuflusses von Edelmetall aus den neu entdeckten Ländern war ein bedeutendes Sinken des Geldwertes und dadurch Verarmung eines großen Teiles der Bevölkerung eingetreten. Der Wucher, Preissteigerung und Monopole nahmen überhand. Auf Kosten der Arbeit und der Landwirtschaft hob sich der Handel. Mit der Pflege der heidnischen Literatur kam auch die heidnische Rechtsanschauung von der unumschränkten Fürstengewalt zur Geltung. Infolge der Einführung der Feuerwaffen hatte der Ritterstand seine Bedeutung verloren. Die Reichsritter und der niedere Adel waren verarmt, daher zu Fehde und Umsturz geneigt. Derlei Leute hatten nichts zu verlieren. So fand Luthers Auftreten einen günstigen Boden. Die Fürsten und reichsunmittelbaren Städte trachteten nach immer größerer Unabhängigkeit von Kaiser und Reich. Die unter geistlicher Herrschaft stehenden Städte hofften durch den religiösen Umsturz von derselben frei zu werden. Beim Auftreten gegen das kirchliche Lehramt hatte Luther die glaubenslosen Literaten und Humanisten für sich, bei seinem Schmähen gegen Zölibat und Ordensgelübde waren zölibatsmüde Geistliche und Ordensleute willfährige Genossen, bei seinem Anstürmen gegen das Kirchenregiment und die religiösen Stände wurden Fürsten, Städte und Adelige gut evangelisch, weil und solange es nach Luthers eigenem Geständnis goldenes Kirchengut zu rauben gab. Luthers Grundsatz: „Sündige wacker, nur glaube noch wackerer“, war geeignet, ein ganzes Heer in sein Lager zu ziehen. Früher hieß es: „Glaube und sündige nicht“, jetzt hieß es: „Lebe wie du willst, nur suche dich in die Verdienste Christi durch den bloßen Glauben einzuwickeln.“ Wahrhaft, ein leichtes „Evangelium“. Es fand darum auch schnelle Verbreitung. Bald war der größte Teil von Deutschland für dasselbe gewonnen. Es breitete sich im raschen Verlauf über Schweden, Dänemark, Norwegen, über die Niederlande und über einen großen Teil der Schweiz aus. Die Irrlehre fand Eingang in Frankreich wie in die österreichischen Staaten und Ungarn.England wurde von der Kirche los gerissen durch den Ehebrecher Heinrich VIII., ebenso fiel Schottland ab. Es schien, als ob das „fromme“Wort Luthers in Erfüllung gehen sollte: „Lebend bin ich, Papst, deine Pest, und tot werde ich dein Tod sein“. Doch Gott der Herr, welcher in seinen unerforschlichen Ratschlüssen den beklagenswerten Abfall zugelassen, sprach: Bis hierher und nicht weiter. Es konnten wohl hunderttausende, ja Millionen der Kirche entrissen werden, aber die Kirche selbst und das Papsttum konnte nicht vernichtet werden. Beide erhoben sich wie ein Phönix aus der Asche.

Die Folgen des neuen Evangeliums

Großsprecherisch nahm Luther das Wort „Reform“ in den Mund. Der wahre Reformator beginnt bei sich selbst. Hätte er da begonnen, würde es ihm und der Welt zum Segen gereicht haben, doch sich selbst zu reformieren, war seine Sache nicht. Daher fehlte ihm auch der Beruf zu einem Reformator. Erasmus von Rotterdam, einige Zeit sein Gönner, schreibt: „Das lehrt mich doch der gesunde Menschenverstand, daß ein Mann nicht aufrichtig die Sache Gottes treiben kann, der so großen Aufruhr in der Welt erregt und an Schmähworten und Spottreden seine Freude hat und sich daran nicht sättigen kann. Eine Anmaßung, wie wir sie größer noch bei keinem gesehen, kann unmöglich ohne Torheit sein und mit dem apostolischen Geist stimmt ein solch ausgelassenes Wesen nicht überein.“ Wie Luther selbst, ein schlechter Ordensmann, von Stufe zu Stufe immer tiefer sank, so mussten sich auch an seinem Werk die Züge des Urhebers offenbaren. Wie er sich selbst gegen die Autorität der Kirche erhob, erhoben sich andere gegen ihn, so daß er schon im Jahre 1521 klagte: „Schier sind so viele Sekten und Glauben als Köpfe“. Wie er selbst in Wort und Leben ungezügelt war, wurden auch seine Schüler. Er klagte selbst, daß unter seiner Lehre die Leute mit sieben Teufeln besessen seien, während sie früher nur mit einem besessen waren. Mit der sittlichen Verwilderung ging die geistige Verrohung Hand in Hand. Die Schulen zerfielen, die Universitäten wiesen einen traurigen Niedergang auf, so daß Erasmus schreiben konnte: „Wo das Luthertum herrscht, gehen die Wissenschaften zu Grunde“. Daß Deutschland politisch und religiös zerrissen und ihm Wunden geschlagen wurden, an denen es jetzt noch nach vier Jahrhunderten blutet, daß die Söhne desselben Volkes sich mit Feuer und Schwert bekämpften, daß die Bauernkriege zahllose Burgen, Flecken, Dörfer, Kirchen und Klöster einäscherten, hunderttausende Opfer hinwürgten, andere dem Elend preisgaben, daß protestantische Fürsten Verräter an Kaiser und Reich wurden und die Feinde ins Land riefen, welche dann wie Vandalen hausten und Deutschland zu einer Wüste machten, das sind die Folgen, die wir Luther und seiner Tätigkeit zu verdanken haben. –
aus: Andreas Hamerle C.Ss.R., Geschichte der Päpste, III. Band, 1907, S. 528 – S. 531

Fortsetzung: Innere Erneuerung nach dem Glaubensabfall

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