Erasmus von Rotterdam und seine Theologie

Die jüngeren Humanisten

Erasmus von Rotterdam

und seine Stellung zur Kirche

Grundverschieden von dem älteren Humanismus war die Schule der jüngeren Humanisten: ihr wesentlichster Gründer und ihr höchstes Vorbild war Erasmus von Rotterdam

Die theologischen Ansichten von Erasmus

Wiederherstellung der „wahren Theologie“

Als die eigentliche Absicht aller seiner Arbeiten bezeichnete Erasmus: er wolle dem Studium der klassischen Bildung, den schönen Wissenschaften aus allen Kräften aufzuhelfen suchen und denselben durch Verbindung mit den theologischen Studien ein christliches Ansehen verschaffen; er wolle für die Ausbreitung der „Philosophie Christi“, für die Wiederherstellung der „wahren Theologie“ tätig sein und sich hierzu als Beihilfe der humanistischen Studien bedienen. Die von ihm bezweckte Umgestaltung der Theologie sollte sich aber nicht allein auf die Form der Sprache und des Lehrvortrags, sondern auch auf deren Geist und Inhalt erstrecken; humanistische Rhetorik sollte an die Stelle der spekulativen Untersuchungen und an Stelle der fest begrenzten dogmatischen Lehrverfassung eine dehnbare und vieldeutige gesetzt werden. „Will man“, schrieb er, „Frieden und Eintracht, die Summe unserer Religion, erreichen, so muss man möglichst wenige dogmatische Bestimmungen treffen und in vielen Dingen einem jeden sein freies selbst eigenes Urteil erlauben.“

Vieldeutige Theologie

Der von ihm als Ideal gepriesenen dehnbaren und vieldeutigen Theologie diente er in seinen Schriften und Briefen zunächst durch eine so vieldeutige, in verschiedenen Zeiten verschiedene, nach Absicht und persönlichem Bedürfnis in allen Farben schillernde Sprache, daß die positivsten und die negativsten Geister, Katholiken, Häretiker und Rationalisten sich auf bestimmte Aussprüche von ihm berufen können. Mit vollem Recht sagte Luther über seine „Wankelworte“: „Wenn man meint, er habe viel gesagt, so hat er nichts gesagt; denn alle seine Schriften kann man ziehen und deuten wie und wohin man will.“ Er beschäftigte sich mit theologischen Fragen mehr im eigenen Dienst als im Dienst der Wahrheit, der Religion und der Kirche. Dem Mangel an festen unerschütterlichen Überzeugungen entsprach sein Mangel an Mut. Sein Grundsatz war: „Ich sorge für meine Ruhe und halte mich, so viel es angeht, neutral.“ Er gestand ein, daß er „aus Artigkeit und des Disputierens wegen“ wohl auch „in verstellter und erdichteter Weise“ rede, und glaubte, „die gemischte und unerfahrene Menge des Volkes könne nur dadurch in den Schranken ihrer Pflicht erhalten werden, daß sie zuweilen durch einen frommen Betrug getäuscht werde.“

Zweifel an festgestellten Lehrsätzen

Hoch und teuer versicherte er, daß er sich niemals von der katholischen Kirche trennen wolle, aber er stellte lange vor Luther den hierarchischen Organismus der Kirche, die göttliche Einsetzung des Primates in Zweifel und sprach sich über mehrere Dogmen zweideutig und unrichtig aus.

„Wer in den Geist deiner Schriften eindringt“, schrieb ihm Graf Alberto Pio von Carpi, „ohne sich von dem schönen Stil und der Wortfülle blenden zu lassen (wie es denn Leute gibt, welche über der zierlichen Schale den Kern vergessen) der ärgert sich darüber, wenn er oftmals sehen muss, wie schon seit langer Zeit festgestellte Lehrsätze von dir in Zweifel gezogen werden, den heiligen Sakramenten ihr Ansehen genommen, der Ehre des römischen Stuhles zu nahe getreten wird; wenn er bemerkt, mit wie wenig Achtung du von heiligen Zeremonien redest, wie du die Mönche verfolgst und ihre Orden verspottest.“ „Du hast laut gesagt: in alten Zeiten sei die Papstgewalt weder anerkannt noch ausgeübt worden, die Bischöfe hätten keinen höheren Rang als andere Geistliche gehabt; die Ehe sei nicht unter die eigentlichen Sakramente gezählt worden. Wie unbedachtsam war es von dir, den Ehestand auf Kosten des Zölibats anzupreisen, die kirchliche Liturgie und die Andachtsübungen zu tadeln, mit aller Verachtung von Menschensatzungen zu reden, und dergleichen! Hast du nicht dadurch bei schwachen und leichtfertigen Menschen den Gedanken erregt, alle diese Dinge seien ohne Wert und haben keine Kraft? Haben sie nicht durch solche leichtsinnige Äußerungen dieses alles verachten gelernt?“ Melanchthon bezeichnet ihn als den ersten und eigentlichen Urheber des späteren Abendmahlstreites. Ist dies auch sicher eine falsche Anschuldigung, so kann doch die Tatsache nicht geleugnet werden, daß mehrere der nächsten Freunde des Erasmus, wie Wolfgang Fabricius Capito, Konrad Pellicanus und andere, später als Anhänger Zwinglis auftraten und daß Zwingli selbst zu seinen persönlichen Verehrern gehörte.

Revision von definierten Lehrsätzen

Erasmus schlug allen Ernstes eine „Revision“ der bereits von der Kirche definierten Lehrsätze vor.

Er wollte insbesondere in den Verhandlungen, Streitigkeiten und Lehrentscheidungen der christologischen Periode den ersten Schritt zu „einem immer tieferen Verfall“ der Kirche erkennen. Die Kirche, meinte er, habe seitdem ihre „alte evangelische Einfachheit“ verloren; die Theologie sei von einer spitzfindigen Philosophie abhängig geworden; und diese sei später in die scholastische Wissenschaft ausgeartet, welche das eigentliche Verderben der christlichen Lehre und des christlichen Lebens herbeigeführt habe. Mit einer Erbitterung sondergleichen zog er während seines ganzen literarischen Wirkens gegen die Scholastik und ihre spekulative Behandlung theologischer Lehren zu Felde und gab ihre Vertreter dem Spotte und der Verachtung preis. Seit der Herrschaft der Scholastik , erklärte er, habe sich über das ganze Abendland ein Judaismus und Pharisäismus gelagert, der das „wahre Christentum und die wahre Theologie“ unterdrückt und in „Mönchsheiligkeit“ und wesenlosen Zeremoniendienst verkehrt habe.

Verhöhnung der Kirche durch Erasmus von Rotterdam

Die Verachtung des Mittelalters als einer Zeit der „Finsternis und der geistigen Knechtschaft“, der „Sophistik“ in der Wissenschaft, der „äußeren Werkheiligkeit“ im Leben ging von Erasmus und seiner Schule aus und von dieser auf die späteren sogenannten Reformatoren über.

Lange Zeit deckte Erasmus mit seinem wissenschaftlichen Ansehen alle Spottreden und Verleumdungen gegen die mittelalterliche Bildung, gegen den Einfluß der Kirche und die Überlieferung der christlichen Schulen.

Am eingreifendsten hat in dieser Beziehung sein zuerst im Jahre 1509 erschienenes, binnen wenigen Monaten in sieben Ausgaben verbreitetes „Lob der Narrheit“ gewirkt. Er führt darin die verkörperte Torheit redend ein; diese rühmt ihre Verdienste um die Menschheit und lobt an den einzelnen Ständen, welche sie der Reihe nach mustert, gerade das, was an denselben als Verkehrtheit zu rügen ist. Wenn der Graf von Carpi ihm vorwarf, daß aus dem in dieser Satire ausgestreuten schädlichen Samen die verderblichsten Früchte hervor gegangen seine, bezog sich der Vorwurf nicht auf den ernsten Tadel gegen die auf kirchlichem Gebiet unter dem Ordens- und Weltklerus vorhandenen Übelstände, gegen die Anhäufung der kirchlichen Benefizien, gegen die Krieg führenden Prälaten, gegen abergläubische Ausartungen in den kirchlichen Übungen, sondern darauf, daß Erasmus gegen die Sache selbst, die von den Missbräuchen verunstaltet wurde, zu Felde zog. Dabei atmete seine Sprache nicht aufrichtige Trauer, wie die eines Sebastian Brant oder eines Geiler von Kaisersberg, sondern Hohn und Spott; sie verfiel durch leichtfertige Vermischung des Heiligen mit dem Gemeinen in Ausgelassenheit, selbst in Blasphemie.

Das „Lob der Narrheit“ von Erasmus

Das „Lob der Narrheit“ ist gleichsam der Prolog zu dem großen theologischen Trauerspiel des 16. Jahrhunderts.

Die Volksandacht erscheint in dem Buch als grundverderbt, das ganze Ordensleben als eine Entartung des Christentums, die Scholastik als eine Entartung der biblischen Theologie; gegen die Päpste schleuderte Erasmus so leidenschaftliche Angriffe, daß den späteren Feinden derselben wenig Neues mehr zur Beschuldigung übrig blieb. (1) Kein Schriftsteller früherer Zeit hat auf deutschem Boden die Ehrfurcht vor dem päpstlichen Stuhle so tief untergraben wie Erasmus, keiner vor ihm die Heilige Schrift zu so possenhaften Anführungen mißbraucht.

(1) So sagt er unter anderem von den Päpsten: „Was etwa zu tun ist, das überlassen sie dem hl. Petrus und Paulus; das Ansehen und den Genuß von ihrem Amt behalten sie aber für sich. Sie meinen Christo vollkommen Genüge geleistet zu haben, wenn sie sich durch ihren mystischen, fast theatralischen Ornat, durch ihre Zeremonien, durch den Titel Euer Seligkeit, Euer Heiligkeit und durch Segnen und Fluchen als echte Bischöfe erwiesen haben. Wunder tun ist altväterisch und nicht mehr Mode, und würde sich auch für die jetzigen Zeiten gar nicht schicken; das Volk belehren ist zu beschwerlich, die Heilige Schrift erklären ist Schulfuchserei. Beten? – ja, wenn man sonst nichts zu tun hätte.“ Den Päpsten bleibe nichts als die angemasste Gewalt, in Acht zu erklären, zu fluchen und jenen schrecklichen Bannstrahl zu schleudern, „womit sie auf einen einzigen Wink die Seelen der Sterblichen noch unter die Hölle hinunter zu stürzen vermögen.“ Moriae Enconium, in der Leipziger Handausgabe S. 378-379

Erasmus seine Forderung nach freier Schriftforschung

Dennoch aber behauptete er, daß er „die höchste Ehrfurcht“ hege vor der Bibel als „Quelle des christlichen Glaubens“, und daß die Theologie, wenn sie gesunden wolle, „wieder auf die Heilige Schrift zurück geführt werden müsse“. Alles Volk müsse die Bibel in die Hand bekommen. „Ich wünsche“, sagte er im Jahre 1516 in einer Ermahnungs-Schrift zu seiner Ausgabe des Neuen Testamentes, „daß alle Weiber die Evangelien und die Briefe Pauli lesen, daß dieselben in alle Sprachen übersetzt und von Schotten und Irländern, Türken und Sarazenen gelesen würden, daß die Bauern daraus hinter dem Pfluge, die Weber hinter dem Webstuhl singen, die Wanderer die Länge des Weges mit biblischen Erzählungen verkürzen möchten“. Die Schrift zu lesen, sei die erste Stufe, um sie zu verstehen, und „gesetzt auch, daß viele darüber lachen sollten, werden doch auch einige dafür gewonnen werden“. Es sei unbillig, „daß die Glaubenslehren bloß an diejenigen verwiesen sein sollten, welche der große Haufe jetzt Theologen und Mönche nenne, unter denen aber, obgleich sie nur den kleinsten Teil des christlichen Volkes bildeten, sehr viele den Namen nicht verdienten“. Die freie Schriftforschung, wie sie von den „böhmischen Brüdern“ unter Verwerfung der kirchlichen Autorität geübt wurde, fand schon im Jahre 1511 seinen Beifall. Als ihm die Brüder eines ihrer verschiedenen, auf neue Auslegung der Heiligen Schrift gegründeten Glaubensbekenntnisses überreichten, beglückwünschte er sie wegen ihrer genauen Kenntnis der Wahrheit. Was er „in ihrem Buch gelesen“, schrieb er, „billige er völlig; von dem Übrigen vermute er eine gleiche Richtigkeit“. Ein öffentliches zustimmendes Zeugnis jedoch, welches die Brüder gewünscht hatten, wollte er nicht erteilen. „Denn bei ihren Feinden würde es ihnen ohnehin nichts nützen, seine eigenen Schriften aber würden dann verketzert und zum Schaden der geläuterten Religion durch päpstliche Macht den Leuten aus den Händen gerissen werden. Es sei darum besser, daß er kein Zeugnis ausstelle und seine Kraft und sein Ansehen für das allgemeine Beste ungeschmälert erhalte.“

Seine eigene Schriftauslegung

Seine eigene Schriftauslegung war eine durchweg rationalistische. Er verlangte eine geistige oder, wie er sich ausdrückte, allegorische Auffassung der biblischen Berichte. Diese Allegorie war aber von jener, von den Kirchenvätern oft mit Vorliebe gepflegten gläubigen mystischen, welche den einfachen Wortsinn stets als göttlich und heilig anerkannte, weit entfernt; sie wollte die Schrift nicht nach dem Wortverstand, sondern nach den Wahrheiten und den Ideen, die hinter den Erzählungen verborgen seien, auslegen, also mit ihr in ähnlicher Weise verfahren, wie man bei der Erklärung der mythologischen Sagen verfuhr.

„Wenn du“, schreibt er in seinem „Handbuch eines Streiters Christi“, „ohne Allegorie liesest, daß das Bild Adams von Ton gemacht und ihm eine Seele eingehaucht sei, daß Eva aus seiner Rippe genommen, daß ihnen verboten worden sei, vom Apfelbaum zu essen, ferner daß die Schlange der Verführer gewesen, daß Gott spazieren gegangen sei, daß die Schuldbewußten sich verborgen hätten, daß ein Engel mit flammendem Schwert an den Eingang des Paradieses gestellt sei, daß die Vertriebenen nicht zurück kehren könnten: wenn du, sage ich, dieses alles nur von der Oberfläche ansiehst, so sehe ich nicht ein, daß du mehr getan hast, als wenn du das irdene Bild des Prometheus besängest, wie er dem Himmel das Feuer entzogen, dem Bild gegeben und dadurch den Staub belebt habe. Ja vielleicht bringt es größeren Nutzen, die poetischen Fabeln der Heiden mit Allegorie zu lesen, als die Erzählungen der Heiligen Schrift, wenn du nur an der Schale hängen bleibst. Was ist für ein Unterschied zwischen den Büchern der Könige und der Richter und der Geschichte des Livius, wenn du nicht auf die Allegorie Rücksicht nimmst? Denn in Livius befinden sich viele Dinge, welche welche die Sitten verbessern; in jenen ist manches Anstößige, zum Beispiel die Ränke Davids, der Ehebruch, der durch einen Meuchelmord erkauft war, die verderbliche Liebe Simsons und dergleichen.“

Fast alle Bücher des Alten Testamentes seien häufig anstößig, „entweder durch die scheinbar absurde Geschichte“ oder durch die „Dunkelheit“ der Rätsel. Auch im Neuen Testament fänden sich manche Dunkelheiten. „Dort, wo Jesus den Untergang der Stadt Jerusalem, das Ende der Welt und die Verfolgungen der Apostel voraussagt, wechselt und mischt er seine Reden so untereinander, daß es mir scheint, er habe nicht allein den Aposteln, sondern auch uns dunkel sein wollen. Manche Stellen sind meiner Meinung nach unerklärlich, zum Beispiel die von der nie verzeihbaren Sünde wider den Heiligen Geist.“ Anderes lasse sich bildlich erklären. Unter dem Feuer, von dem in der Heiligen Schrift die Rede, werde „der Zorn und die Strafe Gottes verstanden“. „Es gibt keine andere Flamme, in welcher jener Reiche im Evangelium gepeinigt wird, und keine andern Strafen der Hölle, über welche die Dichter so vieles geschrieben haben, als die unaufhörliche, das fortwährende Sündigen begleitende Seelenangst.“

Behauptung von Erasmus, auch bei den Heiden gebe es Heilige

In seinen Anmerkungen zum Neuen Testament erkühne sich Erasmus, sagte Doktor Johann Eck mit Recht, „den Heiligen Geist, den Lehrmeister der Apostel, zurechtzuweisen.“ „Du sagst“, schrieb ihm Eck, „die Evangelisten hätten sich geirrt. Kein Christ wird je einen Irrtum der Evangelisten annehmen. Es sei ferne, derartiges auch nur zu vermuten von den Schülern des Heiligen Geistes und Jesu unseres Erlösers, von den Stützen unseres Glaubens, von Männern, welche nicht durch menschliche Weisheit unterrichtet wurden. Wenn hier das Ansehen der Heiligen Schrift wankend gemacht wird, welcher andere Teil wird ohne Verdacht des Irrtums sein?“.

Daß die Verfasser der heiligen Bücher im allgemeinen „vom göttlichen Geist getrieben worden und göttlicher Eingebung folgten“, leugnete Erasmus nicht, aber er nahm auch eine Art Eingebung an bei den großen Heiden, welche weise Lehren verkündeten und deshalb würdig seien, den Heiligen der christlichen Kirche an die Seite gestellt zu werden…

Seine Vorstellung von „christlicher Erziehung“

Konnten aber schon die Heiden heilig werden, zu welchem Zweck dann die so schwere christliche Aszese, zu welchem Zweck die Befolgung der evangelischen Räte, das Ordenswesen der Kirche, zu welchem Zweck Fasten Wallfahrten und andere Andachtsübungen? Christus, der vollendete Tugendlehrer und der erhabenste Weise, welcher die Tugend in aller Reinheit dargestellt, habe das Fasten, meinte Erasmus, nicht geboten, vielmehr sich selbst über diese und andere Zeremonien gänzlich hinweg gesetzt; das Fasten sei eine menschliche Erfindung, sogar eine Tyrannei.

Die „Philosophie Christi“, für deren Ausbreitung er tätig sein wollte, war im wesentlichen nur die Philosophie eines anständigen, vor der Welt so viel als möglich untadelhaften Menschen…

In seinen „Vertraulichen Gesprächen“, die er noch im Alter wiederholt unter Händen hatte und als ein Hauptwerk für die „christliche Erziehung“ ansah, läuft diese Erziehung in der Hauptsache auf den Erwerb einer feinen Geistesbildung, auf Befolgung der Ratschläge des gesunden Menschenverstandes, auf Anwendung aller Mittel menschlicher Klugheit hinaus. Erasmus redet und lehrt in den „Gesprächen“, sagte Luther, „viel gottlos Ding, unter fremden erdichteten Namen und Personen vorsätzlich die Kirche und den christlichen Glauben anzufechten“. Die „Gespräche“ waren vorzugsweise für die Jugend bestimmt und enthielten dennoch die giftigsten Spöttereien auf die Mönche und das Klosterleben, auf Fasten, Wallfahrten und dergleichen, ja selbst eine Darstellung unzüchtiger Dinge. Faunische Lüsternheit konnte Erasmus sogar in einigen Anmerkungen zur Heiligen Schrift nicht ganz unterdrücken.

Über die Verachtung des Todes

Seine Meinung war: Die menschliche Klugheit regelt das Leben und sieht dem Tode, weil sie ihm nicht entrinnen kann, mit philosophischer Ergebung entgegen. In einer Abhandlung: „Über die Verachtung des Todes“, in welcher er einen Vater über den Verlust seines zwanzigjährigen Sohnes zu trösten sucht, führt er verschiedene Stellen heidnischer Dichter über die Flüchtigkeit und das Elend des Lebens an, unter diesen auch den bekannten Ausspruch: „Am besten ist es, nicht geboren zu werden, das nächst beste, so schnell wie möglich aus dem Leben zu verschwinden.“ „Wer sollte nicht“, fügt er hinzu, „diesen Ausspruch mit dem vollsten Recht billigen?“ „Der Weise muss alles mit frischem Nut tragen; die Trauer nützt dem Toten nichts und schadet dem Lebenden.“ Erst am Ende der Abhandlung stellt er eine angeblich christliche Betrachtung des Todes an, die er mit den Worten einleitet: „Nachdem ich mich bisher der Mittel bedient, die ich bei jedem Heiden anwenden konnte, will ich jetzt in der Kürze erörtern, was die Frömmigkeit, was der christliche Glaube von uns verlangt.“ Als christlich und fromm sollen dann die Sätze gelten: „Wenn auch der Tod noch so elend wäre, so müßten wir uns ihn doch gefallen lassen, weil wir ihm auf keinem Wege ausweichen können.“ „Wenn er auch den Menschen gänzlich vernichtete, so müsste man ihn doch mit Gleichmut ertragen, weil er den Mühseligkeiten des Lebens ein Ende macht.“ „Wenn er die einen ätherischen Ursprung besitzende Seele aus dem groben Zucht- und Arbeitshaus des Körpers erlöst, so ist denen Glück zu wünschen, welche aus dem Leben geschieden und zu jener glücklichen Freiheit zurück gekehrt sind.“ Von Christus, dem Spender des ewigen Lebens, und von der auf ihn gegründeten Hoffnung ist in der Abhandlung keine Rede.

Eine neue Erscheinung – Kultus eines „Genies“

Eine solche „neue Bildung“, „christliche Philosophie“ und „wahre theologische Wissenschaft“ verbreitet derjenige Humanist, welcher lange Zeit hindurch als die erste geistige Größe des Abendlandes anerkannt wurde und gleichsam den persönlichen Mittelpunkt des literarischen Europas bildete. Seine Schriften wurden mit beispiellosem Enthusiasmus aufgekauft und auf das eifrigste gelesen und verschlungen. Er selbst erzählt, daß man ihn als „einen Fürsten der Wissenschaft“, als „siegreichen Vorkämpfer der wahren Theologie“, als „Stern und Zierde Deutschlands“ begrüßt habe….

Konrad Mutian, selbst ein hoch gefeiertes Haupt der humanistischen Partei, schrieb entzückt: „Erasmus übersteigt das Maß menschlicher Begabung. Er ist göttlich, und religiös und fromm zu verehren wie ein göttliches Wesen.“ Der Kultus des Genius, welcher mit Erasmus getrieben wurde, war eine ganz neue Erscheinung in Deutschland: unter den kleineren Geistern der jüngeren Humanisten artete er naturgemäß aus in eine wahre Krankheit gegenseitiger Lobhudelei. Erasmus beförderte diese Krankheit durch ganz übertriebene Lobsprüche, die er besonders dann verschwendete, wenn er den Belobten für eigene Zwecke als Sprachrohr oder als Lobtrompete verwenden wollte.

Der nächste Einfluß, welchen Erasmus auf die jüngere Schule der Humanisten ausübte, bestand darin, daß er sie durch sein Vorgehen mit Verachtung gegen die kirchliche Wissenschaft des Mittelalters und mit einer einseitigen Begeisterung für das klassische Altertum erfüllte. Nicht mit Unrecht hat man ihm vorgeworfen, daß er das Studium der Philosophie in Verruf gebracht und, statt ernster, wissenschaftlicher und spekulativer Untersuchung, Rhetorik, geistreiches Gerede und allerlei Künste des Stils als erste Erfordernisse hoher Bildung angepriesen habe.

„Es ist außerordentlich leicht“, schrieb Wimpfeling, „der für die alten Poeten begeisterten Jugend die scholastische Wissenschaft als Sophistik und Barbarei hinzustellen; diese Jugend ist froh, das verachtet zu sehen, dessen Aneignung ihr große Mühe macht, dagegen gelobt zu hören, was ihr leicht und unterhaltend ist.“ –
aus: Johannes Janssen, Zustände des deutschen Volkes, Bd. 2, Die Revolutionspartei und ihre Erfolge bis zum Wormser Reichstage von 1521, besorgt von Ludwig von Pastor 1915, S. 16 – S. 29

Verwandte Beiträge

Buch mit Kruzifix
Ablassgebete zum kostbaren Blut Jesu
Heiliger Rumoldus Bischof und Märtyrer
Menü