Die älteren Humanisten und ihre Stellung zur Kirche

Der deutsche Humanismus

Die älteren Humanisten und ihre Stellung zur Kirche

Der jüngere deutsche Humanismus, in Wesen und Wirksamkeit grundverschieden von dem älteren, war der Urheber einer folgenschweren Revolution auf geistigem Gebiet.

Die älteren Humanisten

Die älteren Humanisten hatten das klassische Altertum von dem Standpunkt der absoluten Wahrheit des Christentums aufgefaßt und dasselbe in den Dienst des Glaubens gestellt. Sie suchten in den Werken der Alten die tief religiösen Grundgedanken, die Nachklänge der Uroffenbarung auf, waren aber entschiedene Gegner und Bekämpfer heidnischer Weltanschauung und Lebensrichtung. Sie wollten das Altertum wissenschaftlich ergründen und erklärten die Aneignung formaler klassischer Bildung für eine unerläßliche Eigenschaft „gelehrter Schulung“, für eine herrliche „Gymnastik des selbständigen Urteiles“, für ein vorzügliches Mittel zur Schärfung des wissenschaftlichen Geistes in der Auffassung und Darstellung der Wahrheit. Die tiefere Erkenntnis des antiken Geisteslebens sollte „das Verständnis der heiligen Schriften erleichtern und zur Erfrischung und Pflege der philosophischen und theologischen Disziplinen verwendet werden.“ In diesem Sinne hatten Nikolaus von Cues und sein Schüler Rudolf Agricola unausgesetzt für die Aufnahme der klassischen Literatur sich bemüht, Alexander Hegius die Klassiker zum Mittelpunkt des Jugendunterrichtes erhoben, Jakob Wimpfeling seine in der Weltgeschichte Epoche machenden pädagogischen Werke abgefaßt. „Nicht das Studium des heidnischen Altertums an sich“, sagte letzterer, „ist der christlichen Bildung gefährlich, sondern nur die falsche Auffassung und Behandlung desselben… Die rechte Behandlung des Altertums kann dagegen dem christlichen Leben und der christlichen Wissenschaft die ersprießlichsten Dienste leisten; haben doch auch die Kirchenväter aus den profanen Studien den größten Nutzen gezogen, sich derselben als Beihilfe zur Erklärung der heiligen Schriften bedient und darum diese Studien stets hoch geachtet und empfohlen:“ Gregor von Nazianz habe, sagte er, die Widersacher der klassischen Studien geradezu als die Feinde aller Wissenschaft bezeichnet und Papst Gregor der Große eingehend nachgewiesen, daß das klassische Studium eine nützliche Vorbereitung und ein unentbehrliches Hilfsmittel für das Verständnis der göttlichen Wissenschaften sei.

Theologen für das Studium des Altertums

Aus demselben Grunde erwiesen sich auch die hervorragenden Theologen des 15. Jahrhunderts, ein Heynlin von Stein, Gregor Reisch, Geiler von Kaisersberg, Gabriel Biel, Johannes Trithemius, als freudige Teilnehmer und Förderer der christlich-humanistischen Bestrebungen. „Mit gutem Gewissen“, erklärte Trithemius, „können wir das Studium der alten Autoren einem jeden empfehlen, der sie nicht aus weltlicher Gesinnung, bloß zur geistigen Tändelei, sondern zur ernsten Ausbildung seiner Geisteskräfte benutzt und aus ihnen, nach dem Vorbild der Kirchenväter, gereifte Früchte zum Besten der christlichen Wissenschaften sich aneignen will. Wir betrachten ihr Studium sogar als notwendig für diese Wissenschaften.“

Die Qualität des Lateins

Alle diese Theologen, für Deutschland Hauptvertreter damaliger Scholastik, waren Gegner jener „unfruchtbaren und schädlichen Wortklaubereien und Spitzfindigkeiten“, welche seit dem 14 Jahrhundert eine Entartung der christlichen Wissenschaft herbei geführt hatten und vielfach noch in der theologischen Literatur und auf den Kathedern herrschten. Sie eiferten auch gegen das in den theologischen Schriften und Vorlesungen vorwaltende barbarische Latein: dieses Latein, sagte Geiler von Kaisersberg, sei „roh und kraftlos, eine elende Sprachmengerei, weder lateinisch noch deutsch, sondern beides und keines von beiden“. „Bedarf es denn“, fragte Wimpfeling, „unerquicklicher Streitigkeiten auch über die geringfügigsten Dinge, um ein gründlicher und orthodoxer Lehrer der Theologie zu sein? Bedarf es dazu einer geschraubten und wahrhaft abstoßenden Sprache? Haben etwa die Kirchenväter und die großen Theologen der früheren Jahrhunderte solche Streitigkeiten geführt, sich in die spitzfindigsten Unterscheidungen verloren und so barbarisch gesprochen?“

Verteidigung der scholastischen Theologie

An die großen Theologen des 12. und 13. Jahrhunderts knüpften die Männer des reformatorischen Fortschrittes im 15. Jahrhundert ihre Bestrebungen an; sie erhoben insbesondere den hl. Thoams von Aquin, „den Engel der Schule, wieder auf den Leuchter“. Außer den humanistisch- philologischen Studien wollten sie auch die neu erstehenden naturwissenschaftlichen und physikalischen Studien mit den theologischen verbinden, vor allem aber die herkömmliche Theologie der Schule durch Vertiefung in die Theologie der Bibel und der Kirchenväter verjüngen. Sie empfahlen den Theologen auf das eindringlichste die biblischen und die patristischen Studien, entsagten dabei aber keineswegs der scholastischen Lehrmethode. Diese Lehrmethode sollte von den Auswüchsen eines toten Formelwesens befreit werden, aber ungeschwächt fort bestehen in der Schärfe ihrer logischen und dogmatischen Begriffs-Bestimmungen.

In diesen Bemühungen gingen die älteren Humanisten, welche selbst eine tüchtige scholastische Bildung empfangen hatten und den Wert derselben nicht allein für die Theologie, sondern überhaupt für die Schulung des Geistes zu schätzen wußten, mit den Theologen Hand in Hand. Wimpfeling verfaßte im Jahre 1510 zur „Verteidigung der scholastischen Theologie“ eine eigene Schrift, welche man als ein Programm des ganzen oberrheinischen Humanisten-Kreises betrachten kann. Wie Wimpfeling, so eiferten auch seine humanistischen Gesinnungs-Genossen gegen ein einseitiges Hervorheben des klassischen Altertums und gegen die unterschätzung der großartigen philosophischen und theologischen Leistungen der besseren Zeiten des Mittelalters. Sie stellten diese Leistungen so hoch wie Picus von Mirandola, der die Scholastiker sagen ließ: „Wir werden ewig leben, nicht in den Schulen der Silbenstecher, sondern in den Kreisen der Weisen, wo man nicht über die Mutter der Andromache oder über die Söhne der Niobe diskutiert, sondern über die tieferen Gründe der göttlichen und der menschlichen Dinge.“

Förderung der volkstümlichen Bildung

Aber nicht allein die kirchliche Wissenschaft, sondern auch die volkstümliche Bildung sollte nach den Grundsätzen der älteren Humanisten durch die klassischen Studien gehoben und gefördert werden. Bezeichnend in dieser Beziehung ist, daß die Fraterherren, welche durch ihre Schulen und ihre Lehrbücher für die Ausbreitung dieser Studien am erfolgreichsten wirkten, sich gleichzeitig eifrig um die Landessprache und die deutsche Poesie bemühten, durch Aufzeichnung der vorhandenen, durch Schöpfung neuer Lieder und Sprüche didaktischen und frommen Inhalts. Agricola, der eigentliche Gründer des älteren Humanismus, dichtete deutsch Lieder und drang darauf, daß die lateinischen Geschichtsschreiber ins Deutsche übersetzt und erklärt würden, damit das Volk sie kennen lerne und damit man sich in der Muttersprache übe und diese Sprache vervollkommne. Der Humanist Sebastian Brant war zugleich der Begründer einer neuen Epoche in der deutschen Literatur und in seinen humanistischen Studien dem Volk so wenig entfremdet, daß er es „bei aller Gelehrtheit nicht unter sich hielt“, für dasselbe ein Gebetbuch zu übersetzen.

Die humanistische Bildung der älteren Schule förderte auch die Entwicklung der volkstümlichen Geschichtsschreibung und der deutschen Prosa überhaupt. Wimpfeling führt mit voller Zustimmung einen Ausspruch Geilers von Kaisersberg an, daß „jeder, und wenn er alle Sprachen verstände“, doch diejenige Sprache vor allen schätzen müsse, welche er, „bei den Eltern gesprochen und in welcher ihm in der Jugend christliche Lehre zuerst beigebracht worden“; er selbst fand es „abscheulich“, daß Gelehrte „sich in ihrem Dünkel so weit verstiegen, zu behaupten, die Muttersprache sei nur gut für alte Weiber, Schiffer und Fuhrknechte“; keine Sprache, glaubte der Mönch Felix Fabri in seiner Begeisterung, sei „so edel, so herrlich und so human wie die deutsche“.

Reformatorische Bemühungen

Kirchlicher und volkstümlicher Geist war die bewegende Kraft aller gelehrten und literarischen Bestrebungen der älteren Humanisten und zugleich die bewegende Kraft ihrer reformatorischen Bemühungen.

Insgesamt erkannten und bekämpften sie die schweren, tiefen Schäden auf kirchlichem Gebiet: die Verleihung mehrerer Pfründen an eine und dieselbe Person; die Übertragung der höheren Würden nur an die Hoch- und Höchstgeborenen; die Gier nach Vermehrung kirchlichen Besitzes; die Ausnutzung des deutschen Volkes durch die unangemessenen Geldanforderungen des römischen Hofes. Sie bekämpften den ärgerlichen Lebenswandel eines großen Teiles des Welt- und des Ordensklerus; die Üppigkeit und Schwelgerei an den Höfen so mancher geistlichen Fürsten; jede gewinnsüchtige Ausnutzung des Heiligen; jede bloß äußerliche Frömmigkeit und handwerks-mäßige Verrichtung kirchlicher Übungen, wo immer sie sich vorfanden.

Die älteren Humanisten besaßen einen wahrhaft reformatorischen Beruf; denn der Glaube an die Wahrheit und Heiligkeit des Christentums und der Kirche war ihr innerstes Eigentum, und ihr ernster, ehrwürdiger Wandel, ihre treue Befolgung der kirchlichen Vorschriften entsprach ihren Überzeugungen. Bei ihnen blieb bei der Bekämpfung der Mißbräuche und Auswüchse das Wesen der Sache unberührt. In ihren kirchlich-politischen Anschauungen standen sie noch fest auf dem Boden des Mittelalters und vertraten insgesamt dessen große Ideen über Papsttum und Kaisertum. Die Besiegung der Türken und die Wiederherstellung der Weltherrschaft des Christentums erschien ihnen als das preiswürdigste Ziel, und ihre ganze Liebe galt trotz aller damaligen Schwäche des Kaisertums dem römischen Kaiser deutscher Nation, dem alle Völker der Erde huldigen sollten, dessen erhabenstes Kaiseramt die Schirmvogtei der Kirche sei. –
aus: Johannes Janssen, Zustände des deutschen Volkes, Bd. 2, Die Revolutionspartei und ihre Erfolge bis zum Wormser Reichstage von 1521, besorgt von Ludwig von Pastor 1915, S. 1 – S. 7

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