Die Vergötterung der Menschheit

Die Häresie des Pantheismus und Positivismus

Vergötterung der Menschheit

Das andere Resultat, das ich als die Folge der späteren Wirkungen des häretischen Geistes anführte, ist die Vergötterung der Menschheit. Dies haben wir in zwei deutlichen Gestalten vor uns, nämlich in der pantheistischen und in der positiven Philosophie, der letzten Verirrung Comte`s.

Es wäre hier unmöglich, einen vollkommenen Nachweis über diese zwei Schlussentwicklungen des Unglaubens zu geben; dazu würde eine Abhandlung erforderlich sein. Es wird ausreichen, wenn ich in einer gemeinsatzlichen Weise den Umriß dieser zwei Formen der antichristlichen Gottlosigkeit zeichne.

Ich entlehne die Schilderung des deutschen Pantheismus von zwei seiner neuesten Erklärer, in welchen er so zu sagen seinen Höhepunkt erreicht. Es heißt daselbst: „Vor der Zeit, als die Schöpfung begann, können wir uns vorstellen, daß ein unendlicher Gedanke (denn hier ist alles dies Eins), den ganzen Raum des Universums erfüllte. Dieses also, als das aus sich selbst existierende Eine, muß die einzige absolute Realität sein; alles Übrige kann nur eine Entwicklung des einen ursprünglichen und ewigen Wesens sein. Dieses Urwesen ist nicht eine unendliche Substanz, da es die zwei Eigenschaften der Ausdehnung und des Gedankens hat, sondern ein unendlicher, wirksamer, hervorbringender, sich selbst entwickelnder Geist, – die lebendige Weltseele….“ Indem das absolute Wesen auf diese Art Alles ist, geht aller Unterschied zwischen Gott und dem Universum wahrhaft verloren, und der Pantheismus wird vollständig, „da das Absolute sich aus seiner niedersten Form zu der höchsten entwickelt, gemäß dem notwendigen Gesetze oder Rhythmus seines Wesens. Die ganze Welt, die materielle und geistige, wird eine ungeheure Kette der Notwendigkeit, an die sich keine Idee einer freien Schöpfung anknüpfen läßt.“ „Die Gottheit ist ein immer fortgehender aber niemals sich vollendeter Prozeß, ja das göttliche Bewusstsein ist absolut Eins mit dem fortschreitenden Bewusstsein der Menschheit. Die Hoffnung der Unsterblichkeit geht zu Grunde; denn der Tod ist nur die Rückkehr des Individuums zu dem Unendlichen, und der Mensch wird vernichtet, obschon die Gottheit ewig leben wird.“ Ferner: „Die Gottheit ist der ewige Prozeß der Selbstentwicklung, wie er sich in dem Menschen realisiert; das göttliche und menschliche Bewusstsein fällt notwendig zusammen…“ „Die Seele ist ein vollkommener Spiegel des Universums, und wir haben nur mit ernster Aufmerksamkeit in denselben hinein zu blicken, um alle Wahrheit zu entdecken, die der Menschheit zugänglich ist. Was wir daher von Gott erkennen, kann nur das sein, was uns ursprünglich in unserm eigenen Geiste von ihm geoffenbart ist.“ Ich habe diese Auszüge gegeben, um die ganz richtige Auflösung des subjektiven Systems der Privatansicht in den reinen rationalistischen Pantheismus zu zeigen.

Mit einigen Worten über den Positivismus Comte`s will ich schließen. Damit ich diese Form von Geistesverirrung nicht zu verdrehen und zu entstellen scheine, will ich sie mit den eigenen Worten des Verfassers anführen.

„Im Namen der Vergangenheit und der Zukunft treten die Diener auf, um die allgemeine Leitung dieser Welt als ihr Recht anzusprechen. Ihr Zweck ist, endlich eine wirkliche Vorsehung in allen Gebieten, in dem moralischen, intellektuellen und materiellen einzusetzen. Demgemäß schließen sie ein- für allemal von dem politischen Supremate alle die verschiedenen Diener Gottes, – die Katholiken, Protestanten oder Deisten, aus, da sie sowohl hinter ihnen stehen, als auch eine Ursache der Störung sind.“ (Katechismus der positiven Religion, Vorrede)

Aber insofern es keine Religion geben kann ohne Kultus, und keinen Kultus ohne Gott, und insofern es keinen Gott gibt, mußte Comte eine Gottheit finden oder schaffen. Da es aber keinen Gott gibt, so kann es kein höheres Wesen geben als den Menschen, und keinen höheren Gegenstand des Kultus als die Menschheit. Die imaginären Wesen, welche die Religion vorläufig zu ihren Zwecken einführte, waren im Stande, dem Menschen lebhafte Gefühle einzuflößen, – Gefühle, welche sogar höchst mächtig waren unter dem am wenigsten ausgebildetsten unter den erdichteten Systemen: Die unermeßliche wissenschaftliche Vorbereitung, die als Einleitung zu dem Positivismus erforderlich war, schien denselben lange Zeit einer so wertvollen Fähigkeit zu berauben… „Ein solches höchstes Wesen ist mehr in dem Bereiche unserer Gefühle sowohl als unserer Begriffe; denn es ist identisch seiner Natur nach mit seinen Dienern, während es zugleich über ihnen steht.“

„Ihr müsst die Menschheit definieren als das Ganze der menschlichen Wesen, der vergangenen, gegenwärtigen und künftigen. Das Wort: „das Ganze“ deutet klar darauf hin, daß ihr nicht alle Menschen darin aufnehmen dürft, sondern nur solche, die wirklich einer Assimilation fähig sind, kraft einer wirklichen Mitwirkung von ihrer Seite in Förderung des gemeinen Besten. Alle sind notwendig geborene Kinder der Menschheit, aber nicht alle werden ihre Diener. Viele bleiben in dem parasitischen Zustande, der während ihrer Erziehung entschuldbar, aber tadelnswürdig ist, wenn jene Erziehung vollendet ist. Zeiten der Anarchie bringen in Schwärmen solche Geschöpfe hervor, ja sie können darin sogar zur Blüte gedeihen, obwohl sie in Wahrheit leider nur Lasten für das wahre große Wesen sind. (Katechismus der positiven Religion S. 63 u.74)

Man wird bemerken, daß sowohl der Pantheismus als der Positivismus gleichmäßig in die Vergötterung des Menschen auslaufen; sie sind ein grenzenloser Egoismus und eine Apotheose des menschlichen Hochmutes. –
aus: Kardinal H. E. Manning, Der Antichrist oder Die gegenwärtige Krise des Heiligen Stuhles, 1861, S. 22 – S. 30

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