Das moderne Heidentum der Humanität

Was das moderne Heidentum der Humanität ist

Im gewöhnlichen Leben verwechselt man häufig das Heidentum mit einer ganz bestimmten Erscheinung desselben, dem Polytheismus. Es ist allerdings richtig, daß der Mensch, welcher den Kult des wahren Gottes verloren hat, sei es durch eigene oder fremde Schuld, sehr leicht der Vielgötterei verfällt, und die Geschichte bestätigt es uns als Tatsache. Darum fühlen sich die Männer der Humanität durch den Vorwurf modernen Heidentums tief verletzt, da sie in der Tat nicht minder, als der beste Christ, es von Herzen verabscheuen, ihre Knie vor mehreren Gottheiten zu beugen. Und dennoch muss man unseren modernen Humanismus als Heidentum brandmarken.

Was ist Heidentum?

Was ist Heidentum? Versagung der Anbetung des wahren Gottes und Hingabe des Herzens an Etwas, was weder Gott ist, noch es sein kann. Wir finden ganz dieselbe Begriffsbestimmung beim hl. Apoſtel Paulus im Römerbrief (1, 21 ff.), wo von den Heiden gesagt wird: „Obgleich sie Gott erkannten, so haben sie ihn doch nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt, sondern wurden eitel in ihren Gedanken, ihr unverständiges Herz sank in Finsternis; während sie sich für Weise ausgaben, wurden sie Toren und vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit dem Gleichnis und Bild des vergänglichen Menschen.“

Also haben wir im Heidentum ein negatives und ein positives Moment zu unterscheiden.

Weigerung, den höchsten Gott als Schöpfer und Gesetzgeber anzuerkennen

Das negative besteht in der Weigerung, den höchsten Gott als Schöpfer aller Dinge, als obersten Herrn und Gesetzgeber und als letztes Ziel des Menschen anzuerkennen, d. h. anzubeten. Diese Weigerung ist ein Abfall vom wahren Gott und ein volles Majestäts-Verbrechen gegen ihn. Allerdings ist sie beim geborenen Heiden zunächst nur materiell, bloß der Sache nach vorhanden, nicht förmlich gewollt, sondern anerzogen und darum weniger schuldhaft, wenn auch nicht frei von Schuld; denn durch sein eigenes Denken kann der Mensch auf das Dasein eines einzigen höchsten Gottes kommen. Aber das Heidentum als welt-geschichtliche Tatsache charakterisiert sich als Abfall vom wahren Gott. (1) Unsere Geschichtsbaumeister mögen sich anstrengen, wie sie wollen, sie werden die biblische Tatsache nicht umstoßen, daß der erste Kultus monotheistisch war, und daß das Heidentum, wenn es auch in Betreff der Menschenopfer in gebildeteren Zeiten menschlicher wurde, doch in moralischer Beziehung und in Zerfransung seiner Götterwelt immer tiefer sank. Somit ist die Annahme eines Kultus, welcher sich vom niedrigsten Fetischismus allmählich durch menschliche Denktätigkeit gehoben habe, ein eitles Hirngespinst, ohnehin in der üblen Absicht ausgesponnen, der Erzählung der hl. Schrift entgegen zu treten.

(1) Mit Rücksicht auf Ursprung und Wesen definiert ein Mitarbeiter der Histor.-pol. Blätter (1871a, S. 579) das Heidentum kurz und richtig als „Abfall von Gott zur Anbetung erlogener Gottheiten.“ — Den Menschen, welche zum Götzendienst entartet waren, macht das Buch der Weisheit (13, 1 f.) einen Vorwurf daraus, daß sie den wahren Gott nicht durch Denken fanden: „Eitel sind alle Menschen, in welchen keine Kenntnis Gottes wohnt, und welche aus den sichtbaren Gütern Jenen nicht erfassen (erschließen) konnten, welcher wirklich ist, und durch aufmerksame Betrachtung der Werke den Schöpfer derselben nicht erkannten, sondern das Feuer oder den Wind u.s.w. für Götter hielten.“

Hingabe des Herzens in frevelhafter Übertragung der göttlichen Majestät an Geschöpfe

Das positive Moment des Heidentums sodann besteht in der Hingabe (devotio) seines Herzens an Etwas, was weder Gott ist, noch es sein kann, oder, wenn man lieber will, in der frevelhaften Übertragung der göttlichen Majestät auf ein Geschöpf. Darum gilt in der hl. Schrift (Kol. 3, 5) der Geiz (2) als Götzendienst im weiteren oder uneigentlichen Sinne; darum spricht sie (Phil. 3, 19) von „Menschen, deren Gott der Bauch ist.“ Es ist nun ganz gleichgültig, ob die Göttlichkeit frevelhaft auf ein einziges oder auf mehrere Geschöpfe übertragen wird. Der Neger, welcher den nächsten besten Baumstamm zum Abgott macht und diesen allein verehrt, ist ebenso Heide, wie der alte Römer, welcher vor seiner Wolke von Göttern nicht mehr wußte, wo aus und an.

(2) Nach Estius ist … an dieser Stelle = Unzucht, besonders ehebrecherische. Für unseren Zweck kommt es auf dasselbe hinaus.

Diese wesentlichen Momente des Heidentums finden sich scharf ausgeprägt in dem modernen Humanitäts-Kultus.

Der soziale Abfall vom wahren Gott und von Christus

Vor Allem entsetzen wir uns über den sozialen Abfall von dem wahren Gott und von Christus. Die heutige Gesellschaft will als solche nicht mehr christlich, sondern ohne Gott sein. Aus früheren Jahrhunderten haben wir einen allerdings nicht fehlerfreien, aber immerhin christlichen Staat herüber gerettet, eine christliche Gesellschaftsordnung unter uns gesehen. Nun aber wird ein Zug um den andern von der Partei der Humanität getan, um die ganze äußere Erscheinung des Christentums aus dem Gesellschaftsleben auszumerzen und das Kreuz in die Nacht der Katakomben zurück zu drängen. Und wo die christliche Kirche unter dem gleisnerischen Vorwand der „freien Kirche im freien Staate“ nicht vogelfrei erklärt wird, da umschlingt man sie mit Sklavenketten, daß sie nicht mehr frei atmen und ihre Mission zur Erlösung des menschlichen Geschlechtes nicht mehr erfüllen kann.

Die Eigenschaft des humanistischen Abfalls: unmenschliche Härte und Hass

Es wütet auf allen Seiten der Kampf auf Leben und Tod gegen Gott und seinen Gesalbten: Das Christentum soll bis zur letzten Idee ausgerottet werden. Dieses ganze Vorgehen ist in sich selbst Revolution, wenn es sich zehnmal mit der Maske der Legalität verhüllt; die Völker Europa’s haben das heiligste natürliche und positive Recht, sich ein 1793 zu verbitten und die soziale Apostasie als Landesverrat zu brandmarken. Aber gerade darum, weil der humanistische Abfall ein bewußter und gewollter ist , tritt er mit jener unmenschlichen Härte und jenem tiefen Hass auf: zwei Eigenschaften, welche der Humanität den infernalen Stempel aufdrücken.

Die Menschheit – Götze der Kulturvölker und Kulturstaaten

An die Stelle des wahren Gottes wird der Mensch oder die Menschheit gesetzt, der Götze der sogenannten Kulturvölker und Kulturstaaten. Diesem geschöpflichen Abgott werden die göttlichen Attribute gegeben:

1. Er ist gut in sich: alles Menschliche als solches ist gut und tadellos, Jedermann berechtigt, ja verpflichtet, das Rein-Menschliche recht naturalistisch in sich auszuprägen; so wird die Menschheit zufolge des unendlichen Fortschritts immer mehr zur Vollkommenheit gelangen; sie ist der „werdende Gott“.

2. Der Mensch ist unabhängig, absolut, der Höchste. Kein Sittengebot, kein Glaubenssatz kann ihm von Außen auferlegt werden, denn es gibt keine Autorität über ihn; er ist nur sich selbst verantwortlich, und wo er aus Gesellschafts-Rücksichten dem Staatsgesetz gehorcht, gehorcht er im Grunde nur sich selbst, denn durch seine Abgeordneten ist in absoluter Weise das Gesetz zu Stande gekommen.

3. Der Mensch genügt sich selbst, einen Schöpfer kennt er nicht, einen Erlöser will er nicht, und einen fremden Heiligmacher verbittet er sich. Die Unebenheiten im menschlichen Los hofft er durch immer weiteren Fortschritt so auszugleichen, daß die Erde der Himmel ist.

4. Der Mensch ist sein eigenes Ziel und Ende; darum Kultur sein höchstes Streben, Menschlichkeit seine einzige Tugend, Patriotismus der oberste Grad der Heiligkeit.

Das neue Heidentum hat kein Bewusstsein von Geistigkeit, Unendlichkeit und Heiligkeit Gottes

So finden wir im neuen Heidentum dieselben Grundfehler, welche das alte an sich trug: es hat kein Bewusstsein von der Geistigkeit, Unendlichkeit, Freiheit und Heiligkeit Gottes; es mangelt ihm die Gewissheit von der ewigen Bestimmung des Menschen und jede sichere Grundlage der Sittlichkeit; wie endlich die alten Götter ohne liebende Sorge für die Menschen, die Menschen ohne Liebe zu den Göttern waren, daher der Kultus rein äußerlich verlief aus Furcht vor dem Zorn der Hohen oder aus Konvenienz und Formalismus mitgemacht wurde, so ist auch der Kultus der Humanität unendlich liebeleer, tot und kalt; denn eigentlich betet der Mensch nur sich selbst an und schwillt vom hässlichsten Egoismus, welchen er mit den Wörtern „Philanthropie, Menschengesittung, Menschenliebe“ nicht verschönern kann, und aus welchen der schreckliche soziale Zustand unserer Tage, der Klassenkampf, als giftige Frucht gesproßt ist. Der arme Indianer, welcher anbetend vor einem Felsblock niedersinkt, anerkennt doch wenigstens eine höhere Macht und die menschliche Abhängigkeit, ist darum der Wahrheit unendlich näher, als der gebildete Wilde, welchem im Chaos der Verneinung nur sein eigenes Ich geblieben ist.

Im öffentlichen Leben aber zeigt das moderne humanistische Heidentum nur Gräuel des Rückschritts zum Abgrund: „Die prinzipielle Lostrennung des Staates und der Gesellschaft von Gott und der göttlichen Ordnung, die Verabsolutierung des Staatswillens, d. h. des Menschenwillens als einziges und höchstes Gesetz, die Unterwerfung der von der Kirche getrennten Schule und Familie, der Einzelpersonen, sowie der Kirche selbst unter den Absolutismus dieser gottlosen Staatsallmacht. (1)

(1) S. Hirtenbr. des hochw. Bischofs W. E. von Ketteler zur Verkündigung des Syllabus (1865). –
aus: Georg Michael Pachtler SJ, Der Götze der Humanität, 1875, S. 35 – S.  40

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