Der liberale Humanismus in Frankreich

IV. Der liberale Humanismus in Frankreich

Der Schwindel des sich selbst genügenden Menschentums, der in England ausgeheckt worden war, drang über den Kanal nach Frankreich, und wurde hier nicht bloß mit reißender Schnelligkeit verbreitet, sondern auch gemäß dem praktischen Talent des französischen Volks in’s öffentliche und Privatleben eingeführt. Er hat von Frankreich aus das gesellschaftliche Leben aller europäischen Völker angesteckt und bildet als Liberalismus die eigentliche Krankheit unserer Tage.

Die Menschentums – Lehre durchlief auch dortzuland die bekannten drei Stufen als Deismus, Sensualismus und plattester Materialismus, und gipfelt auf allen dreien in den humanistischen Hauptsätzen: der Mensch genügt sich selbst, der Mensch regiert sich selbst, der Mensch beseligt sich selbst.

Natürlich musste das Haupthindernis der menschlichen Alleinherrlichkeit, die katholische Religion, zuvörderst bekämpft werden. Weil jedoch in Frankreich nicht, wie in England, Pressefreiheit bestand, so wählte man die Form von Reisebeschreibungen zur Bespottung des positiven Christentums.

So schrieb Vairesse seine Geschichte der Severamben, Simon Tyssot de Patot die Reise und die Abenteuer des Jakob Massé, Fontenelle eine Schilderung der Insel Borneo. Montesquieu ließ in seinen persischen Briefen einen nach Frankreich gekommenen Perser sich über die kirchlichen Zustände des Landes lustig machen; und Graf Heinrich von Bouillon-Villers (+ 1722) schrieb ein Leben Muhammeds in der Absicht, um den Islam über das Christentum zu stellen. —

In der Geschichte hatte schon früher der von Frankreich nach Holland übergesiedelte reformierte Predigerssohn Peter Bayle (1647 bis 1706) das Möglichste geleistet, seinen Spott und Hohn auch an der Bibel ausgelassen, und behauptet, die menschliche Gesellschaft könne sehr wohl auch ohne Christentum auskommen, d. h. die menschliche Natur genüge sich vollkommen und bedürfe keinen Gott und Erlöser!

Die bisherigen Leistungen waren vereinzelte Versuche, die Menschheit auf sich selbst zu stellen und das Christentum als weniger vorzüglich oder ganz überflüssig wegzuwerfen.
Aber gegen Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erhob sich jene Rotte von Hassern Gottes, welche mit dem Spruch:

„Vernichtet den Ehrlosen!“’ (écrasez l’infame, d. h. den christlichen Glauben, oder noch wahrscheinlicher Christus selbst) dem Menschen die höchste Gewalt zusprachen und Gott als einen Usurpator oder Feind des Menschen hassten. An ihrer Spitze stand Voltaire, oder, wie er eigentlich hieß, Maria Franz Arouet (1694 bis 1778), von welchem sein Lobredner, der wütende Freimaurer und Revolutionsmann Condorcet sagte, daß derselbe geschworen hatte, „sein Leben zum Sturz des Christentums und jeder positiven Religion anzuwenden.“ Auf dem Locke’schen Empirismus fußend, nimmt er zwar ein höchstes Wesen an, betont aber noch stärker als Locke die Möglichkeit, daß auch die Materie, d. h. insbesondere der menschliche Leib, denken könne, vermag sich daher nicht zu überzeugen vom Dasein einer Seele, welche wie ein kleiner Gott inmitten des Gehirnes throne. Im Gewand eines schönen und fließenden Stils schießt er die giftigen Pfeile eines bestehenden Spottes auf das Christentum, kämpft also mit einer Waffe, welche bei der damaligen Verflachung der Geister nicht bloß in Frankreich, sondern auch in Deutschland verheerend wirken musste.

Seine hauptsächlichsten Genossen waren d’Alembert (1717 bis 83), welcher die positive Religion lieber heimlich untergraben wollte, Diderot, (1713—84), ein offener Gottesleugner, Damilaville, welchen Voltaire selbst einen „Hasser Gottes“ nannte. Das Hauptwerk dieser Partei, die Enzyklopädie, verkündete die neue atheistische Humanität; selbst in den Zitaten aus den Werken Anderer wurden die Namen „Gott“, „Vorsehung“ u.s.w. ausgemerzt und durch „Natur“ ersetzt. Der Schaden war um so größer, weil einzelne Artikel des Werkes über weltliche Gegenstände wirklich ausgezeichnetes Lob verdienten.

(1) Bayle’’s Hauptwerk ist das Dictionnaire historique et critique, Rotterd. 1697, in zwei Folianten; die zweite Ausg. 1702 in vier Folianten. Seine Werke deutsch über die Geschichte 2c. 67

Jean Jacques Rousseau

In praktisch philosophischer Beziehung war der Bannerträger des französischen Deismus der sittlich so anrüchige J. J. Rousseau (1712—78). Sein Hass gegen jede positive Religion und seine Begeisterung für das unabhängige Menschentum waren im Grunde eben so feurig, wie bei den Vorgenannten. Eine Offenbarung ist ihm ein Unding; gäbe es eine solche, so müsste Gott sie mit derartigen Kennzeichen ausgestattet haben, daß sie von Jedermann alsbald als solche erkannt würde. Wo sind aber diese augenfälligen Beweise ? Man beruft sich auf Wunder. Aber wer hat sie gesehen ? Menschen. Wer berichtet sie? Menschen. Also immer nur menschliche Zeugnisse. Unmöglich aber kann man sich auf solche verlassen, besonders da man ein Wunder eigentlich gar nicht zu erkennen vermag: denn was dem Ungebildeten als Wunder erscheint, ist dem Gebildeten eine höchst einfache und natürliche Sache; und immerhin müsste man vorher alle Naturgesetze kennen, um schließlich sagen zu können, daß etwas über dieselben hinaus gehe. — So lauten die Einwürfe des oberflächlichen Schriftstellers. Als ob die Erweckung des Lazarus nicht sogleich von Jedem als Wunder erkannt und eingestanden werden müsste! Weg also, meint Rousseau, mit jeder sogenannten Offenbarung, welche nur den Verstand verwirrt und verdunkelt, und den Menschen, von dem sie Unterwerfung verlangt, tyrannisiert! Nach seinem „Emil“ und dem „Glaubensbekenntnis eines savoyischen Vikars“ kommt der Mensch aus sich selbst zum Schluss, daß es eine über der Materie stehende Intelligenz gebe, welche der Materie die Bewegung mitteile, d. h. daß ein Gott existiere.

Was dieses Wesen seiner Natur nach sei, wisse man nicht, wohl aber, daß es existiere, und daß die Welt von ihm abhänge. Sodann komme ich, sagt Rousseau, aus meiner Vernunft und meinem freien Willen auf das Dasein und die Unsterblichkeit der Seele. Endlich fühle ich in mir ein Prinzip der Gerechtigkeit, das Gewissen, welches für die Seele dasselbe ist, was der Instinkt für den Körper. Folgen wir ihm, so gelangen wir zur Glückseligkeit, nämlich zur Zufriedenheit mit uns selbst. Das (persönliche) Gewissen lehrt uns auch, daß man Gott ehren und ihm danken soll. Das ist der Kultus, welchen die Natur vorschreibt. Diese wenigen aus dem eigenen Inneren abgelesenen Sätze bilden nach Rousseau den ganzen Inhalt der humanistischen Naturreligion.

Wir machen hier wieder die alte Entdeckung: Der einzelne Mensch erfindet allerhöchst selbst aus sich und durch sie die Religion, genießt also in solchen Dingen die vollkommene Unabhängigkeit. —

Ebenso souverän muss folgerichtig die Menschheit in ihrem Staat, dem sogenannten Gesellschaſts-Vertrag (contrat social) Rousseau’s, dastehen. Sie anerkennt neben sich keinen Gebieter, weder einen göttlichen, noch einen menschlichen, sondern höchstens einen Staatsdiener, König oder Präsidenten, welchen sie jederzeit zur Verantwortung ziehen, entlassen und strafen kann. Das Gesetz ist das öffentliche Gewissen, also immer gut; Recht und Sittlichkeit werden einzig durch die Staatsgesetze geregelt. Im Grunde läuft Rousseau’s Staatslehre, auf welche wir später zurückkommen werden, auf die sozialdemokratische Republik hinaus.

Unvermeidlich musste solche Afterphilosophie noch tiefer in den Schlamm der Materie versinken; denn wenn der Mensch dem Zuge nach den himmlischen Höhen nicht mehr folgt, so bleibt er nicht etwa in der Menschheits-Region stehen, sondern sinkt unter sich selbst herab. So ging es auch in Frankreich. Bald beschränkte man die ganze menschliche Wissenschaft und Weisheit auf die Eindrücke, welche wir durch unsere fünf Sinne empfangen (Sensualismus). Der Hauptträger dieser Richtung wurde Stephan Bonnot de Condillac (1715—80), ein Geistlicher aus Grenoble, welcher allerdings auf der anderen Seite die christliche Offenbarung anerkannte, demnach streng genommen nicht als Apostel der Humanität betrachtet werden darf, aber dennoch der Menschenseele alle Freitätigkeit im Denken und alle höheren Ideen aberkannte, und sie nur noch als tatlose Maschine zur Hinnahme der Sinneseindrücke gelten ließ. So war die Vertierung des menschlichen Wissens und Wollens, der Materialismus, vorbereitet.

Denis Diderot

Zu den vorzüglichsten Materialisten zählt der oben genannte Denis Diderot, welcher mit d’Alembert die Enzyklopädie herausgab. Noch in seinem Werk „Principes de la philosophie morale“ 1745 hatte er sich zur Offenbarung bekannt, aber schon das Jahr darauf in den „Pensées philosophiques“ dieselbe abgeworfen und sich dem Deismus überantwortet, indem er die berüchtigte „Naturreligion“ als einzig berechtigt hinstellte und den Offenbarungsglauben mit Vorwürfen überhäufte. In den Sumpf des Materialismus versank er vollends in seinen „Pensées sur l’interprétation de la nature“ 1754, worin er lehrt: „In den Atomen liegen Empfindungen gebunden; die Empfindungen werden bewusst in den tierischen Organismen; aus den bewussten Empfindungen erwächst das Denken.“

Die Folgen für die Humanitätsmoral blieben nicht aus. Als entschiedener Gottesleugner und Materialist erhob sich der Arzt Julian Offroy de la Mettrie, mit Voltaire und d’Alembert ein Freund und Schützling Friedrichs II. von Preußen. Er sagt: Das gröbste Vorurteil unter den Menschen ist der Glaube an einen Gott. Es gibt keinen Gott, die Materie ist unerschaffen, das Wort Seele ist ein Ausdruck ohne Begriff und der Mensch eine bloße Maschine. Wie sich alle Bewegungen einer Maschine aus der inneren Einrichtung derselben erklären lassen, so auch erklären sich alle menschlichen Tätigkeiten allein aus unserer leiblichen Maschinerie. Die Gedanken entstehen durch Bewegungen der Gehirnmaterie; aus der Menge und Mischung der Säfte im Körper erklären sich die menschlichen Charaktere. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht nur in der größeren Menge und besseren Beschaffenheit des menschlichen Gehirns.

Dem Gesagten entspricht auch die Sittenlehre dieses Humanitätsapostels. Das höchste Gut des Menschen ist die Lust, besonders wenn sie sich zur Wollust steigert. Alle Wesen lieben das Vergnügen um seiner selbst willen und ohne weiteres Nachdenken darüber; der Mensch allein als vernünftiges Wesen erhebt sich vermöge seines Erkenntnis-Vermögens zur bewussten Lust, der Wollust, welche das schönste und glänzendste Vorrecht unserer Vernunft ist (!). Demgemäß ist es letztes Endziel des Menschen, seinen Neigungen zu folgen und den Himmel mit Pferd und Maultier zu teilen. Man muss das Leben genießen, solange man es hat; denn der Tod ist Vernichtung, und ein jenseitiges Leben gibt es nicht.

Helvetius

Diese materialistische Sittenlehre wurde weiter ausgebildet durch Helvetius (1715—71), der auf dem Sensualismus Condillacs weiter baute und dadurch großen Eindruck machte, daß er auszusprechen wagte, was der verdorbene Teil der damaligen feinen Gesellschaft längst gedacht hatte.

Er sah in der Menschenseele nur mehr das sinnliche Vermögen für Empfindungen; Geist ist ihm, zum Unterschied von der Seele, nur die höchste Veredlung der Sinneseindrücke, also eine Wirkung der Seele. Die rein sinnliche Empfindung ist sowohl Grundlage des Denkens, als auch des Handelns, daher das sinnliche Vergnügen, die höchste Bestimmung des Menschen. Die Selbstliebe mit ihrem Verlangen nach Macht, Ruhm und Reichtum, den Mitteln zum Vergnügen, ist die berechtigte Triebfeder aller menschlichen Handlungen. Alle Leidenschaften sind als menschliche gut und notwendig, dürfen daher ja nicht bekämpft und unterdrückt werden; sie sind sogar für das Wohl des Einzelnen und der Gesamtheit notwendig.

Vor Allem gilt dies von der sinnlichen Liebe, welcher zu lieb die Ehe als ständiges Band abgeschafft werden müsse. Religion und Moral sind Eins und dasselbe; deshalb darf die Religion keine Selbstverleugnung fordern und nicht von irdischen Dingen abziehen, sondern muss dazu anfeuern. Die schädlichste Religion ist der Papismus, gegen welchen Helvetius eine Flut des schwärzesten Grolles spie. Wahrlich eine Ehre für unsere hl. Kirche! — Weiter konnte sich der atheistische Humanismus nicht mehr entwickeln. Das Zentrum der Welt ist der Mensch, der Absolute, Unabhängige, Unverantwortliche; seine Leidenschaften, sogar die hässlichsten, sind gut, weil menschlich; der Mensch dient nur sich selbst, kennt keinen Herrn außer sich selbst, sucht keinen Himmel, außer in seinen Lüsten und ihrer Befriedigung. Und trotz allem und allem waren „Menschenwürde, Menschenrechte, Menschenliebe, Persönlichkeit, Fortschritt, Humanität, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Kultur Schlagwörter einer Zeit, welche von allen diesen Dingen am wenigsten hatte und die Erde zu einem Sodoma und Gomorrha machte. So tief sinkt der Mensch, wenn er seinen Adelsbrief, den Glauben an den persönlichen Gott, und die Liebe zu ihm, zerrissen hat.

(2) Helvetius war, wie die meisten bisher Genannten, Freimaurer. S. „Der stille Krieg der Freimaurerei u.s.w.“, S. 202 ff. und sonst.

Alles, was bisher die Gott entfremdete und in den Schmutz versunkene Humanität zusammen gespeichert hatte, wurde vereinigt in einem der infamsten Bücher, „dem Systeme der Natur (système de la nature)“, welches 1770 unter dem Namen des damals schon verstorbenen Akademikers Mirabaud erschien, aber höchst wahrscheinlich vom verkommenen Lagrange, dem Hauslehrer Holbachs, verfasst war. Stöckl (Gesch. der Philos. S. 662) faßt seinen Inhalt kurz so zusammen: „Nichts existiert, als die Materie; alles, was ist, ist nur Materie. Die Materie hat nie angefangen und wird nie aufhören; sie ist ewig, notwendig, unendlich. Alle Wirksamkeit der weltlichen Dinge ist eine notwendige. Eine freie Tätigkeit kann es nicht geben, ebenso wenig eine Zweckmäßigkeit. Das ganze Universum ist in die Bande einer eisernen Notwendigkeit geschlagen. Es ist die höchste Torheit, von einem Gott zu sprechen, der über der Materie und ihrer Bewegung stände.

Nur der Schrecken vor den Revolutionen in der Natur und das Bedürfnis der Hilfe gegen deren schädliche Einwirkungen einerseits, sowie die Unkenntnis der natürlichen Ursachen andererseits, hat die Menschen zur Vorstellung von Göttern geführt… Das Wort „Gott“ muss aus der Sprache verbannt werden. Der Mensch ist ein rein physisches Wesen. Man unterscheidet zwar zwischen dem physischen und moralischen Menschen, aber dieser Unterschied ist ein bloß beziehungsweiser. Der physische Mensch ist der Mensch, insofern er durch uns bekannte physische Ursachen tätig ist; der moralische Mensch dagegen ist derselbe Mensch, insofern seine Tätigkeit durch solche physische Ursachen bedingt ist, die unsere Vorurteile uns zu erkennen hindern. Eine vom Körper verschiedene Seele gibt es nicht. Die Seele ist nichts Anderes, als der Körper, insofern er ausschließlich nach seinen sensitiven Fähigkeiten und Funktionen betrachtet wird. Und da diese insgesamt ihren Zentralsitz im Gehirn haben, so ist die Seele in concreto nichts Anderes, als das Gehirn. Nur durch Abstraktion ist also die Seele vom Leib trennbar, und wer einen realen Unterschied der ersteren vom letzteren annimmt, der unterscheidet im Grunde nur das Gehirn vom übrigen Körper. Die Metaphysiker sind nur dadurch auf den Begriff einer Seele gekommen, daß sie die sensitive Lebenskraft vom Körper im Denken trennten und sie dann zu einem einfachen Wesen sublimierten. Daher kann auch von einer Unsterblichkeit der Seele nicht die Rede sein.“ —

Auf solche Weise ist dem Menschen sein Gott, seine Geistigkeit, Freiheit, Unsterblichkeit, seine Tugend genommen, nur noch eine Handvoll Erdenstaub übrig gelassen. Er steht allerdings als das Feinste an der Spitze der Materie, gleichsam als absoluter König; aber unverantwortlich ist er nur, weil er nicht frei, und ein König, obgleich er willenloser Sklave der unentweihbaren physischen Notwendigkeit ist. Hieraus können wir auf die Moral dieses materialistischen Humanismus schließen. Nach dem „System der Natur“ ist das ganze Streben des Menschen auf die Selbsterhaltung, das selbstische Interesse gerichtet. Zufolge dieser Selbstliebe ist das uns Nützliche gut, das uns Schädliche böse; und da wir ohne freie Selbstbestimmung handeln, so suchen wir das Gute und fliehen wir das Böse mit Notwendigkeit; nur wenn verschiedene Beweggründe auftreten, und auf unser Gehirn wirken , suspendieren wir unsere Handlung, um uns zu besinnen; und weil wir nicht immer die physischen Ursachen unseres Tuns kennen, geraten wir auf den Aberglauben von menschlicher Freiheit.

Somit besteht unsere Verpflichtung nur in der Wahrscheinlichkeit oder Gewissheit, durch die augenblickliche Handlung einen Nutzen zu erreichen, und unsere Tugend in der Kunst, uns selbst glücklich zu machen durch Beglückung Anderer. Von Selbstüberwindung kann natürlich keine Rede sein, weil die menschlichen Leidenschaften alle gut sind, und das Glück Anderer fördern wir nur, weil wir wiederum der Anderen für unser eigenes Glück bedürfen. Die Strafgesetzgebung des Staates hat nur den Zweck, dem Gehirn für gewisse Handlungen so schädliche Folgen vorzustellen, daß wir vor der Tat fliehen, oder auch, dem Menschen alle Möglichkeit für fernere Streiche zu nehmen. — An diesem trost- und liebelosen Chaos kam die atheistische Humanität an, seitdem sie dem Allgütigen den Gehorsam aufgekündet hatte.

In ähnlichen Gedanken, wenngleich mit nicht so brutaler Offenheit, bewegte sich leider der berühmte Naturforscher Buffon, welcher Gott als eine sich selbst gebärende Natur darstellt, der Astronom Lalande, welcher die Himmelsgesetze ohne obersten Gesetzgeber verkündet, mit Volney und Dupuis die Existenz biblischer Personen leugnet und die Geschichte der Offenbarung in ein astronomisches Märchen verwandelt. Kurz, alles Höhere, mochte es der Offenbarung oder dem natürlichen Denken des Menschen entstammen, war weggeräumt: der Mensch mit seinen egoistischen und tierischen Leidenschaften thronte als einziger unverantwortlicher Herr und Gott auf der Erde. Kaum waren daher die Wildwasser der großen Revolution über Kirche und Thron hingegangen, so führte der Konvent durch Dekret vom 7. Nov. 1793 den Kultus der Humanität, „der menschlichen Vernunft“, ein, deren Priesterinnen die Buhldirnen wurden, wie am großen Nationalfest der Vernunft am 20. Brumaire (10. Nov.) 1793 zu Paris eine Verworfene, unter dem Geläut der Glocken und umgeben von Philosophen und Gesetzgebern, mit dem Kruzifix unter ihren Füßen auf einem Triumphwagen nach der Notre-Dame-Kirche geführt wurde. Daselbst erhob man sie auf den Altar und zündete zu ihrer Ehre Weihrauch an unter Absingung von Lobliedern. In den Provinzialstädten wurde der nämliche satanische Maskenzug veranstaltet.

Als der Mensch in (Gottes) Ehre war, war er verstandlos; den unvernünftigen Tieren war er gleich und ist ihnen ähnlich geworden (Ps. 48, 13). –
aus: Georg Michael Pachtler SJ, Der Götze der Humanität, 1875, S. 65 – S.75

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