Die Spitze der deistischen Freidenkerei

III. Die Spitze der deistischen Freidenkerei in England

Der von Baco eingeführte Empirismus hatte die Bande zwischen Gott und der höheren, übersinnlichen Welt gelockert. Herbert von Cherbury und Locke nebst ihren zahlreichen Anhängern hatten wohl noch einen Gott in nebelgrauen Fernen angenommen, aber nur darum, weil der Mensch in seinem eigenen Wesen eine Ahnung vom Dasein eines höchsten Wesens habe; sie hüteten sich aber wohl, die menschliche Unabhängigkeit hierdurch in die Brüche geraten zu lassen.

Die vollkommene Freidenkerei bildete sich am Ende des siebzehnten und im Laufe der achtzehnten Jahrhunderts aus und endete mit der Entfernung Gottes aus der Welt, auf welcher nur der souveräne Mensch und die absolute Humanität als allgebietende Macht übrig blieb.

John Toland ( 1670 bis 1722)

Locke hatte, allerdings auf Unkosten der Konsequenz, noch zwischen Vernunft- und übervernünftigen Wahrheiten unterschieden, und zu den ersteren jene gerechnet, die wir durch Untersuchung und Denken aus der äußeren und inneren Erfahrung auffinden, als übervernünftige Wahrheiten jene aufgestellt, welche wir auf diesem Wege nicht entdecken, also einfachhin glauben müssen. Da aber dieser religiöse Glaube dem ganzen System nur als Arabeske angeklebt, nicht naturgemäß entwachsen war, so wagte John Toland († 1722) (1) den entscheidenden Schritt in seinem Werke „das Christentum ohne Geheimnis“, worin er nachzuweisen suchte, daß die christliche Religion ein Geheimnis weder enthalte, noch enthalten könne, worin er also die Religion humanisierte, d. h. ganz in den Gesichtskreis des rein menschlichen Fassens und Denkens herabdrückte, und jede übervernünftige Wahrheit leugnete.

Unsere eigene Vernunft sei die einzige Quelle aller Gewissheit und Überzeugung, daher auch die Offenbarung nicht wegen der göttlichen Autorität, sondern infolge unserer persönlichen Erkenntnis anzunehmen. Wir glauben der hl. Schrift nur, weil und wenn ihre Sätze von unserer Vernunft als unverwerflich und klar erkannt werden. Somit ist die menschliche Erkenntnis zur einzigen Richterin über den Glauben erhoben, und Gott bloß noch toleriert, soweit es dem menschlichen Einzelwesen beliebt.

(1) John Toland war Freimaurer. S. Allgem. Handbuch der Freimaurerei, Leipzig, Broch. 1867, u. d. W.

Anthony Collins (1676 bis 1729)

Noch entschiedener trat Anthony Collins († 1729) in seiner Abhandlung „Über das Freidenken“ auf, worin er die Freidenkerei als ein Recht und als eine Pflicht hinstellt, den Sinn der hl. Schrift und der göttlichen Offenbarung nach unserer rein menschlichen Vernunft zu erklären und zurecht zu legen. Denn wer bürge dafür, daß die Lehre der Priester wahr sei? Christus selbst habe durch die Aufforderung, in der Schrift zu forschen, das Freidenken als Gesetz erklärt, auch die Apostel seien Freidenker gewesen. Man begnügte sich jedoch nicht mehr damit, die Offenbarung nach dem Gutfinden seines eigenen Verstandes zu erklären, sondern man riss die beiden Grundsäulen der positiven Offenbarung, die Weissagungen und Wunder, um. Bereits Collins erklärte die messianischen Weissagungen des Alten Testaments als einfache Allegorien, nicht als Hinweisungen auf den kommenden Erlöser oder als Beweise für die Wahrheit des Christentums.

Thomas Woolston (1668 bis 1733)

Ebenso verfuhr Thomas Woolston († 1731) in dem Buch „Der Schiedsrichter zwischen einem Ungläubigen und einem Apostaten“’ mit den Wundern, welche gar keine wirkliche Begebenheiten, sondern einfache Gleichnisse und Parabeln gewesen seien, um anzudeuten, was einst in der christlichen Gemeinde geschehen werde. Zu diesem Zweck veröffentlichte er eine Reihe von Abhandlungen „über die Wunder des Heilands“ und will bei jedem einzelnen beweisen, daß es keine eigentliche Begebenheit war, noch sein konnte, sondern ein Gleichnis in erzählender Form. War so Christi wunderbare Geburt, Auferstehung und Himmelfahrt, waren alle von ihm und den Aposteln gewirkten Wunder nebst den Prophezeiungen des Alten Bundes weg geräumt, so waren folgerichtig alle Beweise für den übermenschlichen Charakter des Christentums gleichzeitig gefallen, eine göttliche Offenbarung nicht mehr möglich, die ganze Religion vermenschlicht. Woolston sprach es offen aus, die Lehre Jesu und seiner Jünger sei nichts anderes gewesen, als das Gesetz und die Religion der Natur, mit anderen Worten, rein menschlich.

Matthäus Tindal (1657 bis 1733)

Dieser Gedanke wurde systematisch durchgeführt von Matth. Tindal (1657—1733), dem offensten Bekenner des englischen Deismus, in seiner Schrift „Das Christentum so alt wie die Schöpfung, oder das Evangelium eine neue Offenbarung des Naturgesetzes“, 1730. Nach seiner Meinung ist Religion und Sittengesetz eigentlich nur eins, mit anderen Worten: Der religiöse Glaube ist zu einer fadenscheinigen ehrlichen Manns-Moral verflüchtigt. Glaube und Moral unterscheiden sich ihm zufolge nur beziehungsweise; denn daß wir die äußere Vernünftigkeit der Dinge (reason of things) erkennen und darnach unser Handeln einrichten, sei Moral; daß wir dagegen diese Vernünftigkeit an und für sich betrachten, sofern sie Wille Gottes sei, dies mache die Religion (den Glauben) aus.

Diese sogenannte Naturreligion sei die einzig wahre, nichts könne von ihr hinweg genommen, nichts dazu getan werden; und jede sich positiv nennende Religion sei nur insoweit wahr, als sie mit jener Naturreligion übereinstimme; darum sei das echte Christentum so alt wie die Schöpfung; was außerdem als Christentum gelehrt werde, sei Aberglaube. In ehrlichem Deutsch: das rein Menschliche ist die wahre Religion; was darüber hinausgeht, Irrtum und Betrug. Das Glück besteht nach Tindal in Gesundheit des Leibes und dem Vergnügen der Sinne; das Streben nach diesem Genuss ist ihm der einzige Himmel und Gottesdienst; denn Gott, welcher sich selbst genüge, brauche nicht unseren Dienst, wie uns der Aberglaube vormale.

Thomas Chubb (1677 bis 1747)

Den letzten Schritt zur Spitze oder, wenn man lieber will, zum Abgrund machte der Talghändler und Lichterzieher Thomas Chubb (1677—1747), welcher den heillosen Humanitäts-Unglauben popularisierte und frischweg sogar die göttliche Vorsehung leugnete. In seiner Hauptschrift „Das wahre Evangelium Christi“ führt er aus, das Christentum sei nur das Naturgesetz, welches der Herr wieder herstellen wollte; eine übernatürliche Offenbarung sei zwar möglich, aber unnütz, weil doch niemand mit Sicherheit wissen könne, ob Gott geoffenbart habe; überhaupt werde weder die Welt, noch insbesondere der Mensch von Gott geleitet und beherrscht. Nachdem vielmehr Gott einmal die Welt erschaffen, gehen alle Dinge ihren Gang ohne ihn; er kümmere sich weder um Glück noch um Unglück, weder um Tugend noch um Laster der Menschen. Auch gebe es keinen göttlichen Beistand zur Ausübung des Guten und keine Gebetserhörung, deshalb sei das Gebet unnütz und überhaupt kein Bestandteil der natürlichen Religion. Ebenso wenig wisse man etwas von Unsterblichkeit der Seele und einem künftigen Gericht; was darüber in den Evangelien vorkomme, sei bloß aus Klugheit, zur Einschärfung der Gebote hinein gesetzt worden.

Viscount Bolingbroke (1672 bis 1761)

Trug Chubb den seichten Freidenker-Humanismus in die Kreise der Handwerker, so versah der Viscount Bolingbroke (1672—1761) dieses düstere Apostolat für die vornehme Gesellschaft. Allgemeine Zweifelssucht bemächtigte sich der Geister, der Mensch fühlte sich als solcher nur, wenn er alle Schranken durchbrach und am Ende an seinem kleinen Ich hängen blieb. Der Geschichtsschreiber David Hume († 1776) leugnete in solcher Zweifelssucht die Wahrheit des Christentums, erklärte die Vielgötterei für die älteste Religionsform, den Deismus für die einzig vernünftige Ansicht von höheren Dingen.

Mathematik und Religion, Humanität und Moral, Wissen und Glaube galten von da an als eines und dasselbe; das Überweltliche, Übernatürliche, das Adelnde sollte aus der Menschheit heraus gerissen, und sie ganz auf sich selbst gestellt werden. –
aus: Georg Michael Pachtler SJ, Der Götze der Humanität, 1875, S. 60 – S.64

siehe auch den Beitrag: Die Irrlehre des Deismus und der Deisten

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