Der englische Deismus als erste Frucht

Der englische Deismus als erste Frucht der philosophischen Umwälzung (1)

Heinrich VIII. von England hatte durch seinen staatskirchlichen Despotismus die sogenannte Reformation nach seinen eigenen Plänen durchgeführt und cäsaropapistisch die höchste geistliche und weltliche Macht in der Hand des Königs vereinigt. So reifte jene berüchtigte Frucht, welche nie ausbleibt, wo die Religion zum bloßen Herrscherwerkzeug missbraucht, und dem menschlichen Gemüt statt des Goldes der göttlichen Wahrheit die falsche Münze des Polizeichristentums aufgenötigt wird. Mit furchtbarer Härte wurden die Anhänger des alten Glaubens und jeder Andersgläubige, welcher nicht zur Hofkirche schwor, verfolgt. Dieser Hochdruck rief die entsprechende Reaktion von unten hervor. Es erhoben sich die Presbyterianer, welche eine demokratische Kirchenverfassung verlangten und die Kirchengewalt nicht dem Herrscher, sondern der Synode zusprachen; die Independenten gingen noch weiter, indem sie jede einheitliche Organisation der englischen Kirche verwarfen und jeder Einzelgemeinde volle Selbständigkeit in religiösen Dingen gaben. Am weitesten gingen endlich die Levellers, welche in konsequenter Durchführung der freien Forschung jeden Einzelnen zum unumschränkten Herrn in Glaubenssachen machten.

Jede Partei suchte durch fanatische Mittel die Gewalt an sich zu reißen; in endlosen, religiösen und politischen Wirren wurde das Land zerfleischt, bis selbst das Haupt König Karls I. auf dem Schafott fiel. Die natürliche Folge der Zänkereien war bei vielen ein Ekel an aller und jeder Religion. So konnte der Deismus entstehen.

(1) Stöckl, Gesch. der Philos., S. 627 ff. — Lechler, Gesch. des engl. Deismus, Stuttgart 1841. — Die biographischen und literarischen Notizen entlehnten wir größtenteils aus dem erstgenannten Werk, was hier ein- für allemal bemerkt sei. (Siehe auch den Beitrag: Die Irrlehre des Deismus und der Deisten)

Franz Baco (1561 bis 1626)

Während nämlich viele Herzen in feindliche Stellung zum Christentum überhaupt kamen, trat ein Reformator auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Methode auf, welcher, ohne es selbst zu wollen, die Geister vom Höheren abzog und das Wissen in die Breite, statt in die Tiefe führte. Franz Baco von Verulam (geb. 1561, gest. 1626) wollte die Wissenschaft vom Grund aus neu gestalten, indem er das Reich der äußeren Natur und der Erfahrung zum Mittelpunkt alles menschlichen Wissens und zum Herzen der Philosophie machte. Der Mensch muss, so lehrte er, die Natur, wie sie ist, zu erkennen suchen, daher von seinem Eigenen nichts hinzutun, nicht nach Ursache und Zweck der Dinge fragen, nicht vom Einzelnen auf das Allgemeine, vom Endlichen auf das Unendliche, vom Tiefen auf das Hohe schließen wollen; wie denn überhaupt der logische Schluss nichts gelte, sondern nur die ausgebreitete Erfahrung in den einzelnen Zweigen der Naturwissenschaften.

Hiermit war der spätere flache Empirismus, die deistische und materialistische Philosophie angebahnt, und der Unglaube des empiristischen Rationalismus vorbereitet von einem gläubigen Protestanten, welcher selbst den schönen Ausspruch getan hatte: „Wenig Wissen führt von Gott weg, viel Wissen führt zu ihm zurück.“ Baco’s Einfluss auf die Geisterwelt war ungewöhnlich und dauert im Schulwesen bis heute fort, indem man das allgemeine und ausgebreitete Wissen auf Unkosten der Gründlichkeit fördert, die Realien vor den alten Sprachen und der Philosophie bevorzugt, die Jugend verflacht und enzyklopädische Vielwisserei für Gelehrsamkeit hält.

Eduard Herbert von Cherbury (1581 bis 1648)

Auf diese Emanzipation des Menschen von den Denkgesetzen und der christlichen Philosophie folgte alsbald eine weitere: die von der Offenbarung durch den Deismus, als dessen Stifter man den Lord Eduard Herbert von Cherbury (1581 bis 1648) ansehen kann. Was Baco im Bereiche des Wissens überhaupt getan, das tat Herbert in dem Bereich des positiven Glaubens.

1. Die geoffenbarte Wahrheit gilt ihm nichts; er schlägt den Weg der Erfahrung ein, sucht die bei allen Menschen gemeinsamen Ansichten über Religion zusammen und stellt diese als Naturreligion und als einzig wahre Gotteserkenntnis hin, welch’ letztere er in die fünf Grundsätze zusammenfaßt: 1. Dasein eines höchsten Wesens,

2. Pflicht der Gottesverehrung,

3. Tugend und Frömmigkeit sind die zwei Hauptteile des Kultus,

4. Verpflichtung zur Reue und Unterlassung der Sünden,

5. Vergeltung teils diesseits, teils jenseits.

Was außer diesen fünf Stücken noch in den verschiedenen Religionen, den heidnischen, oder der christlichen vorkomme, sei menschliche Zutat und insbesondere im Christentum von den Kirchenvätern erfunden und beigefügt worden. Eine übernatürliche Offenbarung sei allerdings nicht unmöglich, müsse aber, um glaubwürdig zu sein, dem Menschen unmittelbar gegeben werden; denn was man von Anderen als Offenbarung überkomme, sei vielmehr Geschichte und Überlieferung, hänge ganz von der Wahrhaftigkeit des Erzählers ab, könne daher im besten Fall wahrscheinlich heißen.

Wir sehen also: gleich beim ersten Vertreter des Deismus ist die Religion ganz und gar in den Bereich des Menschen herabgezogen, gleichsam eine naturgeschichtliche Erscheinung der gesamten Menschheit geworden. Die Offenbarung mit ihren Dogmen und Sittenlehren, die kirchliche Autorität und Hierarchie sind beseitigt; und wenn auch das Dasein eines Gottes und eine Belohnung in der Ewigkeit noch zugelassen werden, so haben sie doch nur Wahrheit als naturgeschichtliche Sätze der allgemein-menschlichen Erfahrung; wir haben somit die berüchtigte natürliche, d. h. rein menschliche Religion, in welcher nicht mehr Gott der Mittelpunkt der physischen und moralischen Welt und der höchste Gebieter ist, sondern die menschliche Natur.

Thomas Hobbes (1588 bis 1679)

Ist die Menschheit aber einmal letzte Quelle und oberste Autorität in der Religion, so sinkt diese letztere immer tiefer, weil der eine den anderen zu überbieten sucht, und das Niedrige im Menschen sich immer frecher die Herrschaft anmaßt. Mit und nach Herbert trat Thomas Hobbes auf (1588 bis 1679) mit einer sogenannten Philosophie, deren Ideal der gemeinste Eigennutz ist, und welche den Beweis liefert, welche heillose Früchte auf dem Baum des Baco`schen Empirismus zeitigten. Nach Hobbes kann sich die Philosophie nur mit dem Körperlichen befassen, mit dem Werden und Vergehen der sinnlich wahrnehmbaren Dinge, mit ihren Erscheinungen und nächsten Ursachen, aber auch dies nur — des Nutzens willen. Er anerkennt bloß natürliche, d. h. durch die fünf Sinne wahrnehmbare (philosophia naturalis), und bürgerliche Körper, d. h. Staaten (philosophia civilis). Was nicht Körper ist, das ist auch keine Substanz, demnach ist die Seele ein körperliches Ding; beide Begriffe decken sich; auch der Mensch ist bloßer Körper, und der Körper selbst denkt; denn was wir Geist nennen, ist nur ein natürlicher Körper, allerdings von solcher Feinheit, daß er nicht von den Sinnen wahrgenommen wird, wie denn unsere ganze Erkenntnis nichts ist, als sinnliche Wahrnehmung.

Ebenso ist unser Wille nicht innerlich frei, sondern wird von den Dingen entweder angezogen oder zurückgestoßen; und je größer das Gut ist, mit desto entschiedenerer Notwendigkeit muss ihm unser Wille zufliegen; eine freie Wahl ist ein Unding. Was man daher menschliche Freiheit nennt, ist nur die Fähigkeit des Menschen, das, was er will, auch zu tun und auszuführen; eine Freiheit, welche dem Tier wie dem Menschen zukommt. Das höchste Gut des Menschen aber ist seine Selbsterhaltung. Daher gebe es keine allgemeine Regel für Gut und Böse; was unserer Selbstsucht entspricht, sei gut, das andere böse.

Einen Gott nimmt Hobbes noch an, derselbe wird aber zum bloßen obersten Triebrad der Weltmaschine, welchem Alles mit eiserner Notwendigkeit gehorchen muss; denn wäre der Mensch frei, so widerspräche das einer göttlichen Allmacht, Allwissenheit und der göttlichen Freiheit im Handeln. Im Staatsleben stellt Hobbes wieder denselben Grundsatz des Egoismus auf: Der Mensch hat ein Recht auf Alles, wofür seine Macht groß genug ist = Gewalt geht vor Recht. Diese rücksichtslose Verfolgung des eigenen Nutzens bildet den Krieg aller gegen alle, d. h. den „Naturzustand des Menschen“. Um aus dieser unaufhörlichen und allgemeinen Fehde herauszukommen, haben die Menschen einen Vertrag eingegangen und so den Staat gegründet, d. h. den Vertrag zur Unterwerfung der Einzelnen unter das unumschränkte Staatsoberhaupt, welches durch den Schrecken der Strafe, welche größer ist als der aus der Übertretung erfließende Nutzen, den Einzelnen zum Gehorsame zwingt. So haben wir die Volkssouveränität in Verbindung mit dem Absolutismus der Krone. Kirche und Staat sind ihm ganz dieselben Gesellschaften, über welche das Staatsoberhaupt mit gleich unbeschränkter Macht gebietet; denn die bürgerliche Gesellschaft heiße, sofern die Untertanen Menschen sind, Staat, sofern sie Christen sind, Kirche.

Durch Hobbes war die antitheistische Humanität einen starken Schritt weiter in die Tiefe gegangen; der Mechanismus des sinnlichen Menschen kennt keine Sittlichkeit mehr, sondern nur noch seine gemeinen Triebe, und unter ihnen vorherrschend den Eigennutz. Der Staat ruht nicht mehr auf einem höheren, göttlichen Ursprung und Gesetz, sondern auf dem Bedürfnis des souveränen Kollektiv-Menschen, dem sogenannten Volkswillen, welcher des Kriegszustandes aller gegen alle müde geworden ist und lieber unter dem unverantwortlichen und allgebietenden Staatstyrannen seufzt; Kirche und Religion sind durchaus humanisiert, von der Laune und dem Bedürfnis des Staats abhängig bis zur leisesten Lebensregung, so daß man dem Herrscher gehorchen müsse, selbst wenn er die Verleugnung Christi verlange.

John Locke (1632 bis 1704)

Mit Locke (1632—1704) feierte die humanistische Revolution der Philosophie ihren eigentlichen Triumph. Da er nur die sinnliche Erfahrung als Quelle der menschlichen Wissenschaft anerkennt, und alle „angeblichen“ Ideen leugnet, so hätte er folgerichtig die ganze übersinnliche Erkenntnis leugnen müssen, wenn er sie auch in Wirklichkeit nur stark einschränkte.

Obgleich er das Dasein Gottes und die Geistigkeit der Menschenseele noch annahm, allerdings mit der Beschränkung, daß Letzteres nicht bewiesen werden könne, so spricht er doch der Vernunft des Menschen das Recht zu, den richtigen Sinn der angeblich göttlichen Offenbarung erst zu untersuchen; eine vernünftige Prüfung, ohne welche kein Glaubenssatz dürfe angenommen werden. Als Moralprinzip stellt er die Glückseligkeit auf. So ist der Mensch in allen Stücken souverän, im Glauben wie im Handeln. Die sogenannte ethische Autonomie (empiristische Ethik), d. h. die volle Unabhängigkeit des Menschen von den höheren religiösen Sittengeboten, war angebahnt, die Moral nur mehr eine Schicklichkeits-Theorie. In wenigen Schritten war die Spitze der deistischen Humanität erreicht.

Die Spitze der deistischen Freidenkerei in England

Der von Baco eingeführte Empirismus hatte die Bande zwischen Gott und der höheren, übersinnlichen Welt gelockert. Herbert von Cherbury und Locke nebst ihren zahlreichen Anhängern hatten wohl noch einen Gott in nebelgrauen Fernen angenommen, aber nur darum, weil der Mensch in seinem eigenen Wesen eine Ahnung vom Dasein eines höchsten Wesens habe; sie hüteten sich aber wohl, die menschliche Unabhängigkeit hierdurch in die Brüche geraten zu lassen.

Die vollkommene Freidenkerei bildete sich am Ende des siebzehnten und im Laufe der achtzehnten Jahrhunderts aus und endete mit der Entfernung Gottes aus der Welt, auf welcher nur der souveräne Mensch und die absolute Humanität als allgebietende Macht übrig blieb.

John Toland ( 1670 bis 1722)

Locke hatte, allerdings auf Unkosten der Konsequenz, noch zwischen Vernunft- und übervernünftigen Wahrheiten unterschieden, und zu den ersteren jene gerechnet, die wir durch Untersuchung und Denken aus der äußeren und inneren Erfahrung auffinden, als übervernünftige Wahrheiten jene aufgestellt, welche wir auf diesem Wege nicht entdecken, also einfachhin glauben müssen. Da aber dieser religiöse Glaube dem ganzen System nur als Arabeske angeklebt, nicht naturgemäß entwachsen war, so wagte John Toland († 1722) (1) den entscheidenden Schritt in seinem Werke „das Christentum ohne Geheimnis“, worin er nachzuweisen suchte, daß die christliche Religion ein Geheimnis weder enthalte, noch enthalten könne, worin er also die Religion humanisierte, d. h. ganz in den Gesichtskreis des rein menschlichen Fassens und Denkens herabdrückte, und jede übervernünftige Wahrheit leugnete.

Unsere eigene Vernunft sei die einzige Quelle aller Gewissheit und Überzeugung, daher auch die Offenbarung nicht wegen der göttlichen Autorität, sondern infolge unserer persönlichen Erkenntnis anzunehmen. Wir glauben der hl. Schrift nur, weil und wenn ihre Sätze von unserer Vernunft als unverwerflich und klar erkannt werden. Somit ist die menschliche Erkenntnis zur einzigen Richterin über den Glauben erhoben, und Gott bloß noch toleriert, soweit es dem menschlichen Einzelwesen beliebt.

(1) John Toland war Freimaurer. S. Allgem. Handbuch der Freimaurerei, Leipzig, Broch. 1867, u. d. W.

Anthony Collins (1676 bis 1729)

Noch entschiedener trat Anthony Collins († 1729) in seiner Abhandlung „Über das Freidenken“ auf, worin er die Freidenkerei als ein Recht und als eine Pflicht hinstellt, den Sinn der hl. Schrift und der göttlichen Offenbarung nach unserer rein menschlichen Vernunft zu erklären und zurecht zu legen. Denn wer bürge dafür, daß die Lehre der Priester wahr sei? Christus selbst habe durch die Aufforderung, in der Schrift zu forschen, das Freidenken als Gesetz erklärt, auch die Apostel seien Freidenker gewesen. Man begnügte sich jedoch nicht mehr damit, die Offenbarung nach dem Gutfinden seines eigenen Verstandes zu erklären, sondern man riss die beiden Grundsäulen der positiven Offenbarung, die Weissagungen und Wunder, um. Bereits Collins erklärte die messianischen Weissagungen des Alten Testaments als einfache Allegorien, nicht als Hinweisungen auf den kommenden Erlöser oder als Beweise für die Wahrheit des Christentums.

Thomas Woolston (1668 bis 1733)

Ebenso verfuhr Thomas Woolston († 1731) in dem Buch „Der Schiedsrichter zwischen einem Ungläubigen und einem Apostaten“’ mit den Wundern, welche gar keine wirkliche Begebenheiten, sondern einfache Gleichnisse und Parabeln gewesen seien, um anzudeuten, was einst in der christlichen Gemeinde geschehen werde. Zu diesem Zweck veröffentlichte er eine Reihe von Abhandlungen „über die Wunder des Heilands“ und will bei jedem einzelnen beweisen, daß es keine eigentliche Begebenheit war, noch sein konnte, sondern ein Gleichnis in erzählender Form. War so Christi wunderbare Geburt, Auferstehung und Himmelfahrt, waren alle von ihm und den Aposteln gewirkten Wunder nebst den Prophezeiungen des Alten Bundes weg geräumt, so waren folgerichtig alle Beweise für den übermenschlichen Charakter des Christentums gleichzeitig gefallen, eine göttliche Offenbarung nicht mehr möglich, die ganze Religion vermenschlicht. Woolston sprach es offen aus, die Lehre Jesu und seiner Jünger sei nichts anderes gewesen, als das Gesetz und die Religion der Natur, mit anderen Worten, rein menschlich.

Matthäus Tindal (1657 bis 1733)

Dieser Gedanke wurde systematisch durchgeführt von Matth. Tindal (1657—1733), dem offensten Bekenner des englischen Deismus, in seiner Schrift „Das Christentum so alt wie die Schöpfung, oder das Evangelium eine neue Offenbarung des Naturgesetzes“, 1730. Nach seiner Meinung ist Religion und Sittengesetz eigentlich nur eins, mit anderen Worten: Der religiöse Glaube ist zu einer fadenscheinigen ehrlichen Manns-Moral verflüchtigt. Glaube und Moral unterscheiden sich ihm zufolge nur beziehungsweise; denn daß wir die äußere Vernünftigkeit der Dinge (reason of things) erkennen und darnach unser Handeln einrichten, sei Moral; daß wir dagegen diese Vernünftigkeit an und für sich betrachten, sofern sie Wille Gottes sei, dies mache die Religion (den Glauben) aus.

Diese sogenannte Naturreligion sei die einzig wahre, nichts könne von ihr hinweg genommen, nichts dazu getan werden; und jede sich positiv nennende Religion sei nur insoweit wahr, als sie mit jener Naturreligion übereinstimme; darum sei das echte Christentum so alt wie die Schöpfung; was außerdem als Christentum gelehrt werde, sei Aberglaube. In ehrlichem Deutsch: das rein Menschliche ist die wahre Religion; was darüber hinausgeht, Irrtum und Betrug. Das Glück besteht nach Tindal in Gesundheit des Leibes und dem Vergnügen der Sinne; das Streben nach diesem Genuss ist ihm der einzige Himmel und Gottesdienst; denn Gott, welcher sich selbst genüge, brauche nicht unseren Dienst, wie uns der Aberglaube vormale.

Thomas Chubb (1677 bis 1747)

Den letzten Schritt zur Spitze oder, wenn man lieber will, zum Abgrund machte der Talghändler und Lichterzieher Thomas Chubb (1677—1747), welcher den heillosen Humanitäts-Unglauben popularisierte und frischweg sogar die göttliche Vorsehung leugnete. In seiner Hauptschrift „Das wahre Evangelium Christi“ führt er aus, das Christentum sei nur das Naturgesetz, welches der Herr wieder herstellen wollte; eine übernatürliche Offenbarung sei zwar möglich, aber unnütz, weil doch niemand mit Sicherheit wissen könne, ob Gott geoffenbart habe; überhaupt werde weder die Welt, noch insbesondere der Mensch von Gott geleitet und beherrscht. Nachdem vielmehr Gott einmal die Welt erschaffen, gehen alle Dinge ihren Gang ohne ihn; er kümmere sich weder um Glück noch um Unglück, weder um Tugend noch um Laster der Menschen. Auch gebe es keinen göttlichen Beistand zur Ausübung des Guten und keine Gebetserhörung, deshalb sei das Gebet unnütz und überhaupt kein Bestandteil der natürlichen Religion. Ebenso wenig wisse man etwas von Unsterblichkeit der Seele und einem künftigen Gericht; was darüber in den Evangelien vorkomme, sei bloß aus Klugheit, zur Einschärfung der Gebote hinein gesetzt worden.

Viscount Bolingbroke (1672 bis 1761)

Trug Chubb den seichten Freidenker-Humanismus in die Kreise der Handwerker, so versah der Viscount Bolingbroke (1672—1761) dieses düstere Apostolat für die vornehme Gesellschaft. Allgemeine Zweifelssucht bemächtigte sich der Geister, der Mensch fühlte sich als solcher nur, wenn er alle Schranken durchbrach und am Ende an seinem kleinen Ich hängen blieb. Der Geschichtsschreiber David Hume († 1776) leugnete in solcher Zweifelssucht die Wahrheit des Christentums, erklärte die Vielgötterei für die älteste Religionsform, den Deismus für die einzig vernünftige Ansicht von höheren Dingen.

Mathematik und Religion, Humanität und Moral, Wissen und Glaube galten von da an als eines und dasselbe; das Überweltliche, Übernatürliche, das Adelnde sollte aus der Menschheit heraus gerissen, und sie ganz auf sich selbst gestellt werden. –
aus: Georg Michael Pachtler SJ, Der Götze der Humanität, 1875, S. 54 – S. 64

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