Die philosophische Humanität eines Voltaire

Philosophische Humanität eines Voltaire

Einige Beispiele werden es klar machen.

So, wenn es sich um Christen handelt, brauche ich nicht zu bemerken, daß selbst Nero und alle ihre anderen Verfolger unter den Toleranz-Fanatikern Verteidiger finden. Man kennt hinreichend die hierauf bezüglichen Stellen in Gibbon, welche mit gutem Recht Herrn Villemain empört haben. Ich will hier nur an die Weise erinnern, wie Voltaire diese Hinrichtungen und Marterungen entschuldigt: „die Juden, sagt er, beschuldigen unter Nero die Christen wegen des Brandes von Rom und einige Unglückliche wurden der öffentlichen Rache überliefert.“ (1) In solcher Weise reinigt Voltaire den grausamen Nero von dem Mord der ersten Christen, läßt über ihnen wenigstens den Verdacht schweben, daß sie den Tod verdienten, macht jedenfalls aus diesem ein notwendiges, der öffentlichen Rache gebrachtes Opfer, und zertritt endlich noch mit einer äußerst feinen Bosheit die Juden und in diesen, wie man weiß, die Christen, indem er jenen die gehässige Anklage der Christen aufbürdet. Niemals ist in so wenigen Worten mehr Lüge, mehr Inhumanität und mehr Hass zusammen gehäuft worden. –

Was die entsetzliche Verfolgung des Cäsar Galerius unter Diokletian betrifft, so sagt er: „es ist einleuchtend, daß, wenn die Geistlichen von Nikomedien nicht mit dem Ausläufer des Cäsar Galerius Händel angefangen hätten, und wenn nicht ein frecher Enthusiast (ein Christ) das Edikt Diokletians zerrissen hätte (wohl zu bemerken, das Edikt der Verfolgung selbst!), niemals dieser, bis dahin so gute Kaiser, der Gemahl einer Christin, die Verfolgung erlaubt haben würde, welche in den beiden letzten Jahren seiner Regierung ausbrach“ (Essai sur les mœurs). – So tragen die Märtyrer zuletzt die Schuld ihrer Verfolgung. Wenn sie zwei Jahre lang hekatombenweise die Scheiterhaufen mit ihrem Blute gerötet haben, so haben sie es wohl verdient: warum war unter ihnen ein Trotziger, der das Edikt zerriß, wodurch sie zum Tode verurteilt wurden? Das musste wohl den guten Kaiser Diokletian zu dieser Ausrottung bewegen! – Und diese Märtyrer waren Märtyrer der Freiheit und der Duldsamkeit! Und als der Hohepriester der Freiheit und der Duldsamkeit gilt Voltaire!!

Man weiß, wie sehr die unglücklichen Juden von Voltaire verfolgt worden sind, einzig aus Haß gegen das Christentum, von dessen Gründung sie die lebendigen Denkmale sind. (Sonderbare Bestimmung dieses Volkes, mehr noch von den Feinden des Christentums zu leiden, als von dem Christentum selbst, und niemals eine bleibendere Zufluchtsstätte gegen den allgemeinen Haß gefunden zu haben, als die, welche ihnen der Katholizismus in Rom gewährte bei dem heiligen Stuhl des Stellvertreters desjenigen, den sie gekreuzigt haben!) Sehen wir, wie der große Apostel der Duldsamkeit sie gegen die Juden ausübt. Ein Wort unter tausenden. Indem er gegen sie die gehässigsten und abgeschmacktesten Beschuldigungen erneuert oder vielmehr schmiedet, sagt er: „sie haben unter Trajan in Cyrenaica und auf der Insel Cyprus mehr als zweihunderttausend Menschen ermordet; sie sind bestraft worden, aber nicht wie sie es verdienten, weil sie noch vorhanden sind.“ Hat jemals der Fanatismus der rohesten Zeiten ein solches Wort eingeflößt? Die Juden waren diesem Philosophen eine ganz besondere Verlegenheit.

Aber, wird man sagen, das sind geschichtliche Beurteilungen, und Voltaire würde niemals irgend einer Verfolgung zu seiner eigenen Zeit Beifall gezollt haben. Wir werden hören: „Man sagt, der ehrwürdige Vater Malagrida sei gerädert worden; Gott sei gelobt!“ (Brief an die Gräfin von Lützelburg) – „Man schreibt mir, daß endlich in Lissabon drei Jesuiten verbrannt worden sind. Das sind sehr tröstliche Nachrichten.“ (Brief an Herrn Vernes)

Wenn ein spanischer Inquisitor im Dienst der Politik Philipp II. jemals Zeilen von so kalter Grausamkeit geschrieben hätte, wie würde nicht Voltaire dieses Beispiel gegen den Fanatismus benutzt haben? Und doch muß man bemerken, daß die politische Inquisition einen gesellschaftlichen Zustand verteidigte, daß der Fanatismus sich an dem Herde einer religiösen Überzeugung entzündete, und daß man ihn, die Sitten der Zeit erwogen, wenn nicht rechtfertigen, doch wenigstens begreifen und entschuldigen kann. Was aber verteidigte Voltaire? Welche Überzeugung beseelte ihn? Haß und Zerstörung, das sind seine Götter, und für sie zollte er in dem Jahrhundert der Aufklärung und Duldsamkeit den wildesten Opfern seinen Beifall.

Wir wenden uns zu einem anderen widerlichen Blick auf die Rückseite jener schönen philosophischen Humanität. Wir gefallen uns keineswegs in dem Amte, welches wir hier ausüben; aber es ist ein notwendiges, ein ärztliches. Wir lassen

Zwei Charakterzüge blicken von Anfang bis zum Ende des bänderreichen Voltaireschen Briefwechsels überall hervor: eine unbarmherzige Verachtung des Volkes, die Benutzung seiner Unwissenheit und seiner Knechtung, und dann eine bis zur zynischen Abgötterei gesteigerte servile Schmeichelei gegen die Großen, ihre Laster und ihre Verbrechen.

Wir könnten die Belegstellen ins Unendliche vermehren; aber das würde uns zu weit führen; wir wollen lieber auf das gute Buch des Herrn Bungener verweisen. Man wird die unerhörtesten Dinge sehen an nichtswürdiger und gehässiger Verleugnung der Philosophie durch die Philosophen. Jene Teilung Polens z.B., jenes große politische Attentat, welches so viele andere nach sich gezogen zum Verderben dieser unglücklichen Nation, deren blutige Trümmer noch jetzt unseren Boden bedecken, wer hat sie zuerst angeraten? Wer hat zu ihr angetrieben? Voltaire. Im Jahre 1770 verwundert er sich über die Nichteinmischung des Königs von Preußen in die Wirren dieses Landes. Der König antwortet, er werde alt und sei klug geworden. Voltaire läßt nicht ab. Warum eine so schöne Gelegenheit verlieren? Er werde sich indessen zufrieden geben, sagt er, „wenn der König in diesem Charivari sein Preußen abrunde.“ – Und die Gerechtigkeit? Und die Philosophie? – „In der Philosophie, antwortet Voltaire, ist die runde Figur die vollkommenste.“

Sogar Frankreich wird durch Voltaire geopfert in seinen schändlichen Glückwünschen bei der Niederlage von Roßbach, ebenso wie Genf durch Rousseau in dem Bürgerkrieg, den sein Emile entzündet, und den er durch seine Lettres sur la Montagne anfacht. Die vaterlands-Liebe verstummt in diesen Herzen, die von edlen und pathetischen Gefühlen überfließen, wenn es sich um die Vernichtung ihrer Feinde handelt.

Es gibt nichts – bis zu einer Zerstörungsmaschine, einer Art Sichelwagen Voltairescher Erfindung, vermöge deren er mit sechshundert Mann zehntausend zu verderben verspricht, eine neue Küche, ein kleiner Spaß, auf den er sich etwas zu Gute tut, – womit er nicht bis zur Lächerlichkeit den Marschall Richelieu, den König von Preußen und die Kaiserin Katharina geplagt hätte, damit sie die Probe machten und zu diesem zweck sogar einen Anlaß zum Kriege suchten. „Das stimmt zwar schlecht zu meinen Grundsätzen von Toleranz, sagt er, aber die Menschen sind voll von Widersprüchen; und überdies haben Ew. Majestät mir den Kopf verdreht.“

Will man endlich eine noch stärkere Probe von philosophischer Gaukelei in Sachen Humanität und Toleranz? Da haben wir eine deklamatorische Ode gegen die Könige und gegen die Eroberer, diese Unterdrücker des Menschengeschlechtes, die kein anderes Gesetz kennen, als die Macht, kein anderes Recht als die Gewalt; das Gefühl des humanen Dichters bricht in folgende Worte aus:

Gekittet ist mit Blut – dem Blute deiner Knechte –
Dein schnöder Räuberruhm, ein Hohn dem Völkerrechte!

Und dieser Dichter, wer ist er? Es ist der „schnöde Räuber“ selbst, es ist Friedrich. Dieses Mal stachen die Worte so lustig gegen die Handlungen ab,, daß Voltaire sich einiges Lachens nicht erwehren konnte: „Ich würde gerne glauben, so schrieb er dem Könige, daß die Ode über den Krieg von irgend einem armen Untertan wäre (übrigens einem guten Dichter), der müde geworden ist, den Zehnten zu zahlen, während durch die Händel der Könige seine Äcker verheert werden. Keineswegs; sie ist von dem Könige, der den Streit angefangen hat, sie ist von dem, der eine Provinz und fünf Schlachten gewonnen hat. Sire, sie machen schöne Verse, aber Ew. Majestät treiben Spott mit der Welt.“

Damit die Feinheit Voltaires auch dem des Französischen unkundigen Leser nicht entgehe, müssen wir bemerken, daß wir die Verse um des guten Geschmackes willen frei übersetzt haben. Treuer nach Inhalt und Form würden sie also lauten:

Du kittest mit Blut, in deinen Augen knechtisch,
Deinen garst`gen Ruhm, Eroberer niederträchtig!

Friedrich war nicht der Einzige. Alle Philosophen machten es ebenso, und der ganze Philosophismus trieb seinen Spott mit der Welt, indem er den Abgrund grub, der sie verschlingen sollte.

aus: August Nicolas, Über das Verhältnis des Protestantismus und sämmtlicher Häresien zu dem Socialismus, 1853, S. 144-150

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