Malagrida

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Malagrida

Malagrida, Gabriel, best verleumdeter Jesuit, war am 7. September 1689 im Dorfe Menaggio, im Gebiet von Mailand, geboren. Schon in früher Jugend trat er in die Gesellschaft Jesu (1711) und bewarb sich nach glänzend vollendeten Studien um die Verwendung in den Missionen. Durch seine dringenden Bitten bewogen, sendeten ihn seine Oberen nach der an der Mündung des Amazonenstromes gelegenen Insel Maranhao, wo er wahrhaft apostolisch wirkte. Ohne Geld, ohne Vorräte, nur sein Brevier unter dem Arme und seinen Stab in der Hand, wanderte er unermüdlich durch das heiße Land, überall den Wilden bis in die geheimsten Schlupfwinkel folgend, um sie dem wahren Glauben zu gewinnen. Auf den allein vertrauend, dessen Namen er verkündete, trotzte er allen Gefahren, die ihm von Menschen und Tieren drohten. Seine Nahrung bestand in rohen Wurzeln und Waldfrüchten. Durch solche Mühen und Entbehrungen gelang es ihm, eine große Anzahl der Wilden zu bekehren und zur Gründung von Dörfern zu bewegen. Hierauf begann er Missionsreisen in Brasilien, welche mit außerordentlichem Erfolg gekrönt waren, und rief daselbst zur Befestigung seines Werkes manche Wohltätigkeits-Anstalt ins Leben. Nachdem er so 29 Jahre eifrig in den Missionen gewirkt, wurde er von seinen Oberen in dringenden Geschäften nach Lissabon geschickt (1749).

Hier ward er von König Johann V. mit den größten Ehren aufgenommen, ja dieser machte unter seiner Leitung die geistlichen Übungen, um sich auf einen christlichen Tod vorzubereiten. Der fromme Missionar stand ihm auch im Tode bei. Im Jahre 1751 kehrte er wieder in seine Mission zurück, aber die greise Königin Maria von Österreich, untröstlich über seine Abreise, ruhte nicht, bis er von den Oberen zurück berufen wurde; denn auch sie wollte seines Beistandes in ihrer letzten Stunde sich erfreuen. Unbeschreiblich war die Trauer, die dieser Befehl unter den Indianern hervorrief, denn Malagrida, in einer Vorahnung des Sturmes, der sich wider ihn erheben sollte, gab nur zu deutlich zu verstehen, daß er für immer von ihnen scheide. Wieder wurde er am portugiesischen Hofe auf das Glänzendste empfangen (1754); selbst der junge König Joseph I. wollte sich seiner Leitung ganz hingeben, besonders nachdem Malagrida mit seinen Ordensbrüdern bei Gelegenheit des schrecklichen Erdbebens, das Lissabon im Jahre 1755 in einen Trümmerhaufen verwandelt hatte, die glänzendsten Beweise heroischen Eifers und selbstloser Liebe gegeben und als Prediger der Buße zahlreiche Bekehrungen unter allen Ständen bewirkt hatte.

Das war dem ehrgeizigen, leider allmächtigen Pombal zu viel. Um den mächtigen Einfluß zu brechen, den der Jesuitenorden, namentlich durch Malagrida, bei Hofe besaß, beschloß er den Untergang des Ordens. Es ist hier nicht der Ort, all` die Intrigen aufzuzählen, deren sich dieser Emporkömmling bediente. Schlag auf Schlag erfolgte gegen den erprobten, allgemein geachteten und geliebten einflußreichen Seelenführer. Zuerst wurde er nach Setubal unter nichtigen Vorwänden verbannt (1756.1757); den anderenJesuiten, die als Beichtväter und Seelsorger am Hofe bisher beschäftigt waren, wurde für immer der Zutritt zum Hofe verboten. Das Land ward mit einer wahren Flut von Schmähschriften gegen den Orden überschwemmt, und die Bischöfe wurden auf echt byzantinische Weise gedrängt, den Jesuiten das Beichthören und Predigen zu untersagen.

Leider bot ein unvorhergesehenes Ereignis dem Minister erwünschten Anlaß zu noch grausameren Maßregeln. König Joseph I. hatte einen Kammerherrn von niederer Herkunft, Pedro Teixeira, den er mit Gunstbezeigungen überhäufte. Dadurch übermütig gemacht, wagte derselbe bei einer Gelegenheit, den Hofmarschall Mascarenhas, Herzog von Aveyro, zu beleidigen. Dieser beschloß, in seinem Zorn, sich an den Emporkömmling zu rächen, und da er wußte, daß derselbe fast jede Nacht durch eine einsame Straße fahre, lauerte er auf ihn mit zweien seiner Diener. Als Teixeira`s Wagen vorbei fuhr, befahl er jenen, gegen die Rückwand desselben zu schießen. Unglücklicherweise war Teixeira nicht, wie der Herzog glaubte, allein, sondern der König selbst, der mit ihm einen nächtlichen Ausflug machte, war darin und wurde durch die Schüsse leicht verwundet. Dieser Vorfall wurde nun von dem listigen Staatsminister zu einer weit verzweigten Verschwörung wider den König aufgebauscht, und er beschloß, an dem Adel, der ihn als einen Emporkömmling mit Verachtung behandelte, blutige Rache zu nehmen, und die Jesuiten, namentlich Malagrida, damit in Verbindung zu bringen und dadurch zu verderben. Mit dem Aufgebot aller List und Ränke wurde der Prozeß eingeleitet, die Richter eingeschüchtert, und so konnte Pombal den 12. Januar 1759, Ankläger und Richter zugleich, als Präsident des Gerichtshofes über mehrere Herren vom Adel das Todesurteil aussprechen; Malagrida aber wurde als Haupt der Verschwörung und andere Jesuiten als Teilnehmer derselben des Hochverrates schuldig erklärt.

Am folgenden Tage schon starben die unschuldigen Adeligen in Gegenwart des Unmenschen auf dem Blutgerüst. Die Jesuiten wurden ihrer Güter beraubt; viele wurden in unterirdische Kerker geworfen, wo über die Hälfte vor Elend umkam, die anderen aber volle 18 Jahre, bis zu seinem Sturz, schmachteten; die übrigen wurden zu Hunderten in die Verbannung geschickt. Malagrida war sogleich nach Lissabon zurück berufen, verhaftet und in einem schauerlichen Kerker geworfen worden. Doch das genügte dem Hasse Pombals nicht. Sein Tod war beschlossen, aber die Verurteilung stieß auf Hindernisse, weil er als Priester und Ordensmann ohne Zustimmung des geistlichen Gerichtes nicht zum Tode verurteilt werden konnte, und diese Zustimmung war nicht zu erlangen, so lange Don Joseph, Bruder des Königs, Großinquisitor Portugals blieb. Deshalb wurde dieser entfernt, die Richter wurden durch Drohungen mürbe gemacht, die schamlosesten Verleumdungen erdichtet, dem armen Gefangenen Schriften voll irriger und törichter Behauptungen unterschoben. Die feigen Richter hatten nicht den Mut, dem auf so schändliche Weise dem Tod geweihten Missionar Auge in Auge gegenüber zu treten und, wenn auch nur zum Scheine, ein Verhör mit ihm anzustellen. Selbst der allmächtige Minister zitterte vor seiner Begegnung, und so wurde dieser vom Volk als Heiliger verehrte Mann als Ketzer zum Tode durch Erdrosselung verurteilt. Nachdem er zuerst öffentlich durch den Generalvikar des Erzbischofs degradiert worden, wurde das Todesurteil mit auffallendem Gepränge in Gegenwart des Königs und der ganzen Beamtenwelt unter dem Schutz von 5000 Soldaten, da man die Entrüstung des Volkes fürchtete, am 20. September 1761 vollzogen und die Leiche verbrannt.

Als Klemens XIII. von der Hinrichtung Malagrida`s Kunde bekam, brach er tief gerührt in die Worte aus: „Jetzt hat die Kirche einen Märtyrer mehr!“ (Vgl. Holzwarth, Malagrida und Pombal oder ein Opfer des Jesuitenhasses, Regensb. 1872, wo S. VI die hauptsächlichsten Quellen angegeben sind; Mury, Histoire de Gabriel Malagrida, Par. 1864; Duhr, Pombal, Freib. 1891; reiche Literatur bei de Backer, Bibliothèque des Écrivains de la Compagnie de Jésus II, 1026-1029) –
Quelle: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 8, 1893, Sp. 542 – Sp. 544

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