Die Berechnung der 70 Jahrwochen

Die Weissagungen des Propheten Daniel (Dn 7-12)

Berechnung der 70 Jahrwochen

Diese Weissagung von den 70 Jahrwochen bei Daniel wird von den katholischen Erklärern des hebräischen und lateinischen Textes (von verschwindenden Ausnahmen abgesehen) der Hauptsache nach einmütig zu den großartigsten messianischen Prophetien des AT gezählt. Es liegt weder Grund noch Berechtigung vor, von dieser Erklärung abzugehen. Der Umstand, daß in der ältesten griechischen Übersetzung die Weissagung bis zur Unkenntlichkeit entstellt ist, gab im christlichen Altertum Veranlassung, daß diese Übersetzung durch die des Theodotion ersetzt wurde, der auch der hl. Hieronymus folgte. Aber auch die ursprüngliche Form der ältesten griechischen Übersetzung bietet unzweifelhaft eine messianische Weissagung und geht auf einen hebräischen Text zurück, der dem jetzigen wesentlich gleich war. Vor der Kritik erscheint der hebräische und lateinische Text, trotz der Dunkelheiten, und damit auch die messianische Erklärung gesichert.

Nur bezüglich der Zeitrechnung bestehen Meinungsverschiedenheiten und Schwierigkeiten, die ihren Grund in dem Schwanken der Gelehrten bei Feststellung einiger chronologischen Tatsachen haben. So herrschen Zweifel über das 7. und 20. Jahr des Artaxerxes, dessen Mitregentschaft u. dgl. Man betrachtet jetzt als dessen erstes Jahr 465/64 v. Chr. Ferner herrscht über Feststellung unserer christlichen Zeitrechnung Zweifel, ob sie wie gewöhnlich mit dem Jahr 754 nach Erbauung Roms, oder 743, 747, 749, 752, d. h. 10, 7, 5 oder 2 v. Chr. zu beginnen habe. Nach der am besten begründeten Annahme sind die 70 Jahreswochen zu beginnen mit dem 7. Jahr des Artaxerxes I., 458 v. Chr. Rechnen wir dazu die 7 und 62 Wochen + ½ = 487 Jahre, so ergibt sich das Jahr 30 n. Chr., in welches nach neueren Berechnungen der Tod Christi fällt (1). Übrigens darf nicht übersehen werden, daß die Zeitangabe der Propheten bei aller Genauigkeit doch nicht streng mathematisch, sondern in bestimmte runde Zahlen (Wochen) gefasst ist, so daß sie ihrem Zweck genügt, wenn auch die Berechnung auf Jahr und Tag nicht mit voller Sicherheit gelingt.

Mit dem Opfer Christi am Kreuz hatte der Alte Bund seine Erfüllung; der Vorhang des Tempels zerriss (Mt 27, 51; Mk. 15, 38), um dessen Abschaffung anzudeuten; die alttestamentlichen Opfer waren fortan ohne Bedeutung (vgl. Mt. 26, 28; Hebr. 8, 13; 9, 12). Christus aber ward getötet, weil sein eigenes Volk ihn verleugnete, als es schrie: „Wir haben keinen König als den Kaiser“ (Joh. 19, 15), und die furchtbare Blutschuld des Gottesmordes auf sich lud durch den Ruf „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder.“ (Mt. 27, 25) Damals hörten die Juden auf, das Volk Gottes zu sein. Noch ein Menschenalter (vgl. Mt. 23, 36; 24, 34; Lk. 23, 28) erhielt es Gnadenfrist zu seiner Bekehrung; dann aber trat, wie sie es freventlich gewollt, die Strafe des Gottesmordes ein; das Blut kam über sie und ihre Kinder. Stadt und Tempel wurden von Titus zerstört, 70 n. Chr., und die Verwüstung des Tempels wie die Verwerfung und Verstockung Israels dauert bis auf den heutigen Tag (2) und wird dauern bis zum Ende der Zeiten, wo Gott in ganz besonders gnadenvoller Weise seines Volkes sich erbarmen, und ganz Israel selig werden wird (3).

III. Im dritten Regierungsjahr des Königs Cyrus (Kap. 10) betrübte sich Daniel sehr darüber, daß bisher nur ein geringer Teil des Volkes aus der Gefangenschaft zurück gekehrt war und mit vielen Hindernissen, namentlich beim Tempelbau durch die Nachstellungen von Seiten der Samariter, zu kämpfen hatte. Er stellte drei Wochen hindurch eine Bußübung an und bat Gott um tröstenden Aufschluss über die Zukunft seines Volkes. Danach erschien ihm „ein Engel in Leinwand gekleidet, mit einem Gürtel von feinem Gold um seine Lenden“, offenbarte ihm, daß er im Verein mit „Michael, dem vornehmsten Fürsten der Engel und Schutzgeist des jüdischen Volkes“ (4), das Gemüt des Königs zu allgemeiner Entlassung der Juden zu stimmen gesucht habe, und enthüllte ihm dann die Geschicke seines Volkes unter den heidnischen Herrschern der nächsten Jahrhunderte bis Christus (5).

IV. Endlich zeigte Gott dem Daniel noch die Schicksale des Reiches Gottes auf Erden „in der letzten Zeit“, und zwar in der Weise, daß die Weissagung die letzte siegreiche Entscheidung im Kampf mit dem Antichrist mit einbezieht: „Michael, der große Fürst, der für die Söhne deines Volkes steht, wird sich erheben; denn es wird eine Zeit kommen, dergleichen noch keine gewesen ist. In derselben Zeit wird dein Volk errettet werden (6), alle, die in das Buch (des Lebens) geschrieben gefunden werden. Und die Menge derer, die im Stande der Erde schlafen, wird aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern aber zur ewigen Schmach. Die Frommen werden leuchten wie der Glanz des Himmels, und die, welche viele in der Gerechtigkeit unterwiesen haben, wie Sterne, auf immer und ewig“ (12, 1-7) (7).

Anmerkungen:

(1) Vgl. Hontheim a.a.O., 124 ff.
(2) Selbst die Bemühungen des abtrünnigen Kaisers Julian, 361 bis 363 n. Chr., durch Wiederaufbau des Tempels diese Weissagung wie die des Herrn selbst (vgl. Mt. 24, 2 u. 15; Lk. 19, 44) zu Schanden zu machen, wurden von Gott vereitelt. Vgl. StL XVII 52f.

(3) Näheres über die ganze Weissagung s. bei Rohling, Der Prophet Daniel 254 bis 302; Reinke, Die messianischen Weissagungen IV 206 bis 399; Knabenbauer, Comm. In Dan. 222 bis 269; Fraidl, Die Exegese der 70 Wochen Daniels in der alten und mittleren Zeit, Graz 1883, … – Vergeblich erwarten immer noch die Juden die erste Ankunft Christi, die längst erfolgt ist. Weil aber Daniel so genau die Zeit derselben anzeigt, verbietet der Talmud unter schweren Flüchen die Berechnung dieser Zeit, z. B. Sanhedr. Fol. 97b: „Bersten sollen die Gebeine denen, welche die Zeittermine berechnen.“ „Verflucht seien diejenigen, welche die Zeiten des Messias berechnen.“ Vgl. Haneberg, Geschichte der biblischen Offenbarung 396 Anm. 1; Lemann, Die Messiasfrage, Mainz 1870, 28.

(4) Der Schutzgeist des persischen Reiches hatte dem Engel (Gabriel) 21 Tage „widerstanden“. Weiterhin (10, 20) ist auch vom Schutzgeist der Griechen die Rede. Der hl. Hieronymus meint, der Schutzgeist des persischen Reiches mache vor Gott gegen die erbetene Entlassung der Juden aus der Gefangenschaft die Größe und Schwere der Sünden des jüdischen Volkes geltend. Gegen diesen Ankläger treten aber Griechenlands Schutzengel, welche den Übergang der Weltherrschaft von den Persern zu den Mazedoniern auf Grund seiner Anklagen wider Persien fordern, und Michael, der Schutzengel Israels, zu Gunsten des jüdischen Volkes ein. Die Erklärung dieser Stelle ist schwierig, weil die Gedanken in symbolisch-visionäre Form gekleidet sind wie in der neutestamentlichen Apokalypse; vgl. daselbst 12, 7ff.

(5) Insbesondere die Bedrängnisse der Juden durch die syrischen Herrscher, namentlich Antiochus IV. Epiphanes.
(6) Dein Volk, d. h. das Volk Gottes, die Kirche, die Gemeinschaft der Auserwählten Christi überhaupt. (Mt. 24, 22 u. 24 u. 31)
(7) Nach der übereinstimmenden Erklärung der katholischen Ausleger ist in diesen Worten die Lehre von der Auferstehung (mindestens in demselben Sinne wie Ez. 37, 1ff) sowie die von der ewigen Vergeltung (Herrlichkeit oder Schmach) klar und unzweideutig enthalten. –
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der Biblischen Geschichte, Bd. I, Altes Testament, 1910, S. 997 – S. 999

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