Zerstörung Jerusalems durch Titus

Die Zerstörung Jerusalems: rechts rückwärts ist der Einzug des Titus, rechts vorne symbolisch der Auszug des Christentums dargestellt, in der Mitte vorne gibt sich der Hohe Priester mit seinem Schwert den Tod

Das Ende des apostolischen Zeitalters

Die Zerstörung Jerusalems durch Titus (70 n. Chr.)

Die verzweifelte Lage der Juden

Den wahren Messias verworfen, falschen Propheten geglaubt

Die Juden hatten die Tage ihrer Heimsuchung nicht erkannt und durch Verwerfung ihres wahren Messias aufgehört, das Volk Gottes zu sein. (siehe den Beitrag: Am Kreuz starb der Alte Bund) Darum kam alles über sie, was ihnen die Propheten und zuletzt und bis ins einzelnste Jesus selbst zur Strafe dafür geweissagt. (siehe Beitrag: Weissagung über die Zerstörung Jerusalems) Sie hatten feierlich den Kaiser als ihren alleinigen König proklamiert, dagegen das Blut ihres wahren Königs auf sich und ihre Kinder herab gerufen. Von da an bietet die Geschichte des jüdischen Volkes nichts als eine ununterbrochene Kette steigender Unterdrückung von Seiten der römischen Machthaber und steigender Einseitigkeit und Engherzigkeit in religiösen, steigender Unbotmäßigkeit und Auflehnung in politischen Dingen auf Seiten des von Gott verlassenen Volkes. Dazu kam die Leichtgläubigkeit der Juden, die den wahren Messias trotz der Heiligkeit seines Lebens und seiner Lehre, trotz der größten Wunder und Zeichen nicht anerkannt hatten, nachher aber jedem Betrüger, jedem falschen Messias und falschen Propheten sich hingaben, wodurch sie stets nur in neues Elend gestürzt wurden, und dieses Übel wirkte unter ihnen bis zum letzten Tag, da der Tempel brannte. Bald wimmelte das Land von solchen Betrügern, die das Volk in die Wüste verlockten, ihm Zeichen der Befreiung und Wunder versprachen und es dann hilflos dem blutigen Einschreiten der Römer überlieferten. (1) Räuberbanden durchstreiften das Land und plünderten und brandschatzten unter dem Vorgeben, für das Gesetz zu eifern und die zu bestrafen, die zu den Römern hielten. Ganze Rotten von Meuchelmördern (Sikariern) (2), die jedem, der sie kaufte, zu Diensten waren und zahllose Menschen der Privatrache oder Privatleidenschaft zuliebe oder auch auf eigene Hand ermordeten, trieben ihr blutiges Handwerk am liebsten im Tempel bei den großen Festen, wo sie im Gedränge unbemerkt ihre Opfer niederstoßen konnten.

Maßlose Unterdrückung durch die Römer

Die römischen Landpfleger aber legten es zuletzt förmlich darauf an, das ihnen verhaßte und sie hassende Volk zur Verzweiflung zu treiben (3), und der letzte derselben, Gessius Florus, forderte es geradezu zum bewaffneten Widerstand heraus. (4) So kam endlich im Jahre 66 n. Chr. Der Jüdische Krieg zum Ausbruch, der nach vier Jahren der blutigsten Kämpfe und gräulichen Verwüstungen im ganzen Land schließlich mit der Zerstörung Jerusalems und der Zerstreuung des jüdischen Volkes endete, genau so, wie es der Heiland voraus gesagt hatte. (5) Gleich beim Beginn des Krieges verließen die Christen unter ihrem Bischof Simeon, eingedenk der Mahnung des Herrn (6), die unglückselige Stadt und siedelten sich in Pella, jenseits des Jordans, über 100 km von Jerusalem entfernt, an.

Offener Aufstand der Juden

Infolge der maßlosen Bedrückungen der Landpfleger kam es endlich unter Gessius Florus, dem letzten derselben, in Jerusalem zum offenen Aufstand, um die Mitte Mai 66. Die Burg Antonia bei dem Tempel wurde erstürmt und die römische Besatzung nieder gemacht; der Besatzung in der oberen Burg auf Sion wurde freier Abzug zugestanden, aber sobald sie die Waffen nieder gelegt, wurde sie mit unerhörter Treulosigkeit nieder gehauen. Nun eilte der Statthalter von Syrien, Cestius Gallus, mit einem Heer herbei, ließ sich aber zum Abzug bewegen und erlitt sodann von den nachdrängenden Juden in den Engpässen von Bethoron, über fünf Stunden (20 km) nordwestlich von Jerusalem, eine schreckliche Niederlage, wobei er 6000 Mann (7), alles Gepäck und selbst die Kriegsmaschinen verlor, Anfang November 66.

Anmerkungen zu: Die verzweifelte Lage der Juden

(1) So trat schon im Jahre 45 n. Chr. Theudas auf, versprach, die Wasser des Jordan zu teilen, und verlockte viele, die dann von den Römern getötet wurden. Unter dem Landpfleger Felix um 55 n. Chr. Verlockte ein Ägypter 30000 Menschen (die Zahl ist wohl übertrieben) auf den Ölberg, versprach, die Mauern der Stadt würden von selbst einstürzen, die Juden von der Herrschaft der Römer befreit werden etc. Die Römer überfielen sie, und mehrere Hunderte fanden den Tod, andere wurden gefangen. Ein anderer Betrüger verlockte bald nachher unter Festus eine große Menschenmenge in die Wüste, und wieder kamen viele um. Zur Zeit der Belagerung Jerusalems waren förmlich falsche Propheten von den Parteihäuptern aufgestellt, um die Menge zu täuschen und dadurch zum Kampf gegen die Römer zu ermutigen. Noch am letzten Tag fanden so 6000 Menschen ihren Tod in den Flammen des Tempels; ein falscher Prophet hatte ihnen gesagt, Gott befehle ihnen, in den Tempel zu gehen, dort würden sie Zeichen der Rettung empfangen. (Vgl. Josephus, Jüd. Altert. 20, 5, 1; 8, 6, 10f; Jüd. Krieg 2, 13, 4 f; 6, 5, 2f)
(2) Über das treiben der Räuber und der Meuchelmörder vgl. besonders Josephus, Jüd. Altert. 20, 6 1; 8, 5, 10; 9, 2, 3; Jüd. Krieg 2, 12, 5; 13, 2, 6. So wurde das Volk gestraft, das verlangt hatte, daß man ihm einen Räuber und Mörder frei gebe, den heiligen und Gerechten aber töte.
(3) Über ihre unglaublich schlechte Verwaltung vergleiche man Josephus, Jüd. Altert. 20, 7 2; 8, 5; 9, 5; Jüd. Krieg 2, 9, 2-4; 12, 1-6; 14, 1.
(4) Josephus, Jüd. Krieg 2, 14, 7. Seine Charakteristik vgl. ebd. 2, 14, 2f; Jüd. Altert. 20, 11, 1.
(5) Es sollte eine Trübsal sein, „dergleichen nicht gewesen ist von Anbeginn der Welt, noch fernerhin sein wird“: Der jüdische Priester Josephus, der den Oberbefehl über die Juden in Galiläa führte und nachher im Gefolge des Vespasian und Titus Augenzeuge des ganzen Verlaufes des Krieges war, hat diesen in seinen „sieben Büchern vom Jüdischen Krieg“ in allen seinen Einzelheiten geschildert und ist so, ohne es zu wissen und zu wollen, das Werkzeug geworden, die genaueste Erfüllung der Worte des Herrn nachzuweisen. Schon gleich in der Einleitung klagt er über das Geschick Jerusalems und sagt: „Keine Stadt ist je so hoch erhoben und so tief gestürzt worden… Alles Unglück aller Zeiten scheint mir im Vergleich mit dem, das die Juden traf, von diesem bei weitem übertroffen zu werden.“ Den jüdischen Krieg nennt er den größten nicht bloß der damaligen, sondern fast aller Kriege. (Josephus, Jüd. Altert. 1, 1, 4; 5, 10, 5; 13, 5f; 6, 1, 5) er sieht im Untergang Jerusalems die Weissagung Daniels (9, 27) erfüllt. (Jüd. Krieg 6, 2, 1; 5, 4)
(6) Mt. 24, 15; Eus., Hist. Eccl. 3, 5.
(7) Die Zahlenangaben des Josephus scheinen hier wie in der ganzen Darstellung des Jüdischen Krieges ziemlich übertrieben zu sein. Auch in der Schilderung mancher Einzelheiten scheint ihn seine Phantasie manchmal etwas zu sehr beeinflußt zu haben. Wenn übrigens die Schrecknisse des Krieges nur halb so furchtbar waren, als sie nach der Darstellung des Josephus erscheinen, so waren sie wahrlich noch groß genug.

Die Reaktion der Römer

Der Kaiser Nero erhielt die Nachricht hiervon, während er in Griechenland weilte, und entsendete alsbald seinen erprobtesten Feldherrn Vespasian zur Führung des Krieges nach Judäa. Fast drei Jahre brauchte dieser, bis er alle festen Plätze in seiner Gewalt hatte, so daß für Jerusalem alle Auswege versperrt waren. Eben im Begriff, Jerusalem selbst anzugreifen, ward er von seinen Truppen zum Kaiser ausgerufen, am 5. Juli 69, und übergab seinem Sohn Titus den Oberbefehl, während er selbst über Ägypten sich nach Rom begab.

Jüdischer Terror in Jerusalem

Mittlerweile hatten sich in Jerusalem mehrere Parteien gebildet, die der Bürger unter dem Hohenpriester Annas dem Jüngeren, Sohn des Annas, vor den einst Jesus geführt wurde, und die der Zeloten (8) unter Eleazar. Die Zeloten hatten auf den bloßen Verdacht der Freundschaft mit den Römern die angesehensten Bürger hingerichtet oder insgeheim ermordet und zuletzt willkürlich an die Stelle des bisherigen Hohenpriesters durch das Los einen rohen Steinmetzen, namens Phanasus oder Phanias, den Sohn eines gewissen Samuel, erhoben. (9) Darüber war es zwischen ihnen, die sich durch Idumäer verstärkt hatten, und den gemäßigteren von Annas geführten Bürger zu höchst blutigem Kampf gekommen; eine Menge von Leichen bedeckte die Straßen und selbst die Vorhöfe des Tempels; die unterlegene Bürgerpartei verlor ihre Häupter durch Hinrichtung und Mord. Nun unbedingte Herren über die Stadt, zerfielen die Zeloten in zwei Parteien. Ein ehrgeiziger Mann, Johannes von Gischala (10), der sich aus Galiläa nach Jerusalem geflüchtet, verstärkte bald seinen Anhang aus der Partei der Zeloten und bekämpfte den Eleazar, der den Tempel besetzt hielt. Gegen die Schandtaten der Zeloten rief das Volk den Simon, des Giora Sohn, aus Gerasa, der den Cestius geschlagen und sich ein starkes Heer gesammelt hatte, zu Hilfe. So waren nun drei Parteien in Jerusalem (11), die sich in blutigen Kämpfen zerfleischten, einen Teil der Stadt in Schutt und Trümmer legten und in blinder Wut einander gegenseitig die Vorräte zerstörten, die für Jahre hingereicht hätten, die Bevölkerung zu nähren.

Anmerkungen zu: Jüdischer Terror in Jerusalem

(8) D. h. der Eiferer für das Gesetz und die Freiheit der Juden, in Wahrheit aber Eiferer für jede Schlechtigkeit, bemerkt Josephus. (Jüd. Krieg 4, 3, 9)
(9) vgl. Josephus, Jüd. Altert. 20, 10, 1; Jüd. Krieg 4, 3, 8.
(10) Das heutige el-Dschisch (Gisch), 10 km nordwestlich von Safed; es war die letzte Festung, welche die Römer in Galiläa eroberten.
(11) Eleazar hielt mit den Seinigen den Tempel besetzt: Johannes von Gischala behauptete die Abhänge des Tempelberges und die untere Stadt; Simon des Giora Sohn, hatte die obere Stadt inne. Bald aber gelang es dem Johannes, den Eleazar zu überwältigen, wobei der Tempel mit Blut überschwemmt wurde, und von da an waren Johannes und Simon die Häupter des Aufstandes bis zur Zerstörung Jerusalems.

Die Belagerung Jerusalems durch Titus

Unter diesen Umständen, da nach dem Ausdruck des Josephus die Juden einem rasenden, wilden Tier glichen, das in Ermangelung anderer Nahrung wider sein eigenes Fleisch wütet, war es für Titus, der im Frühjahr 70 gegen Jerusalem heran rückte, ein leichtes, mit seinem Heer vor der Stadt sich festzusetzen. Kaum 200 m von Golgotha entfernt, schlug er sein Lager auf; ein zweites Lager errichtete er dem Turm Hippikus, bei dem heutigen Jaffator, gegenüber; ein drittes schlug die zehnte Legion auf dem Ölberg auf. Nach einem vergeblichen Versuch, den Juden friedliche Gesinnungen einzuflößen, befahl Titus, Erdwälle aufzuwerfen. Als diese vollendet waren und nun auf einmal an allen drei Orten die dritte oder äußerste Mauer mit krachendem Getöse von ungeheuren Mauerbrechern getroffen ward, da erhoben die Einwohner, die sich jetzt, zu spät, einigten, ein lautes Geschrei, und Schrecken ergriff selbst die Beherztesten. Trotz tapferer Gegenwehr der Juden fiel die Mauer am 15. Tage der Belagerung, und Titus begann sogleich den Angriff auf die zweite Mauer. Fünf Tage darauf brach er auch diese und warf sich mit den Tapfersten seines Heeres in die untere Stadt. Die Juden überfielen ihn jedoch von allen Seiten, aus den Gassen, deren genaue Kenntnis sie begünstigte, von den Dächern und von den Mauern. Drei Tage lang wehrten sie den Römern den Eingang; den heftigeren Angriffen des vierten Tages mussten sie weichen. Nun ließ Titus in 17 Tagen gegen die Burg Antonia vier Angriffsdämme errichten, verlor aber durch die Kühnheit und List der mit dem Mut der Verzweiflung kämpfenden Juden fast alle seine Kriegsmaschinen, die Johannes von Gischala anzündete.

Hungersnot in Jerusalem

Zum Unglück für die Juden aber ward die Stadt gerade in der Osterzeit angegriffen, so daß mit den vielen fremden Pilgern eine ungeheure Menge Menschen in Jerusalem zusammen gedrängt und nach des Josephus Ausdruck gleichsam das ganze jüdische Volk wie in einem Kerker eingeschlossen war. Infolge dessen stieg in Jerusalem die Hungersnot immer höher. Mit Lebensgefahr schlich man sich nachts auf die Felder, um einige Kräuter zu sammeln. Viele gerieten in die Hände der Römer, die vor den Augen der Juden, welche auf der Mauer dem schrecklichen Schauspiel zusahen, sie geißelten und kreuzigten, um jene zu schrecken und zur Übergabe zu bewegen. Oft kreuzigten sie 500 und mehr an einem Tage. Vor den Augen der Gekreuzigten lag Golgotha. Um den Juden jede Hoffnung des Entrinnens zu nehmen und sie desto sicherer durch Hunger zu bezwingen, schloß Titus die Stadt ringsum durch einen Wall so eng als möglich ein. (12) Jetzt wurde die Hungersnot furchtbar, und das Elend ward noch durch tödliche Seuchen vermehrt. Was sonst nur Ekel erregt, wurde begierig verschlungen: altes Leder, selbst verdorbenes Heu, Kuhmist etc. Männer entrissen den Weibern, Weiber den Männern, Kinder den Eltern und Mütter ihren zarten Kleinen den Bissen, ja eine Mutter soll sogar ihren eigenen Säugling geschlachtet haben. „Es ist unmöglich“, bemerkt Josephus, „alle Gräuel der Einwohner einzeln aufzuführen; nie hat eine Stadt so viel gelitten, und nie, von Anbeginn der Welt, war ein Geschlecht so furchtbar an Freveln.“ Ganze Häuser, ganze Geschlechter wurden von der Hungersnot hinweg gerafft. Die flachen Dächer waren bedeckt mit verschmachteten Weibern und Kindern, die Gassen mit erbleichenden Greisen. Jünglinge und Männer wankten wie Schatten umher und sanken allenthalben tot nieder. Manche schicken, um nicht unbeerdigt zu bleiben, zu den Gräbern, ehe ihre Stunde gekommen war. Kein Jammer erscholl, man vernahm keine Klage; langsam Sterbende sahen mit starrem Blick auf die schon Toten und beneideten sie um ihr Los. Nächtliche Stille herrschte rings umher über Sterbenden und Toten, außer wo sie gestört ward durch das Geräusch zelotischer Räuberbanden, die die Häuser aufbrachen und selbst die Leichen ihres Gewandes beraubten.

Anmerkungen zu: Hungersnot in Jerusalem

(12) Josephus, Jüd. Krieg 5, 12, 1f. Die ganze Ringmauer der Stadt maß 33 Stadien, d. i. etwas über 6 km, dieser Wall, 39 Stadien, d. i. 7 1/3 km, fast eine geographische Meile. Der Wall zog vom Lager des Titus im Nordwesten der Stadt nördlich vor der Neustadt vorüber zum Ölberg, über diesen bis zu den Propheten-Gräbern, dann gegen Westen südlich von Siloë vorbei um die Süd- und Westseite bis wieder zum Lager des Titus. An der Außenseite des Walles befanden sich 13 Kastelle, jedes von 10 Stadien, d. i. fast 2 km im Umfang, für die Wache haltenden Mannschaften. Die ganze Armee arbeitete daran mit solchem Eifer, daß das ungeheure Werk, das Monate zu erfordern schien, nach Josephus in drei Tagen vollendet wurde. „Die Feinde werden dich mit einem Wall ringsum einschließen“, hatte der Heiland voraus gesagt. (Lk. 19, 43)

Der Sturm auf Jerusalem

Titus fordert zur friedlichen Übergabe Jerusalems auf

Nach vielen vergeblichen Stürmen wurde endlich die Burg Antonia erstiegen, und Titus sann nun auf den Angriff wider Tempelberg und dessen äußere Mauer. Obwohl er die Juden bereits wiederholt mit milden Worten zur friedlichen Übergabe hatte auffordern lassen, so erneuerte er jetzt doch seinen Antrag noch einmal. „Ich rufe“, ließ er ihnen sagen, „die Götter meines Vaterlandes als Zeugen an, und wofern je ein Gott auf diese Stätte herab sah – denn ich glaube nicht, daß er es jetzt noch tut -, so rufe ich ihn und mein Heer und die Juden, die bei mir sind, zu Zeugen an, daß nicht ich euch nötige, den Tempel zu beflecken. Wofern ihr euch nur unterwerft, so wird kein Römer dem Heiligtum nahen. Den Tempel werde ich erhalten, auch wenn ihr nicht wollt!“ Allein die Zeloten sahen seine Großmut für Furcht an und wiesen seine Ermahnungen mit Hohn zurück.

Vergeblicher Sturm auf Jerusalem

Nun entbrannte der Kampf schrecklicher als je; die nördliche und westliche Seite der Mauer des Tempelplatzes wurde zerstört. Vergeblich aber ließ Titus sechs Tage lang ungeheure Mauerbrecher gegen die östliche Mauer des Vorhofes der Juden spielen: sie bewirkten nicht das mindeste zu deren Erschütterung. Auch ein Sturm, den er unternahm, wurde mit großem Verlust abgeschlagen. Da ließ er Feuer an die Tore legen, welches das Silber, mit dem sie belegt waren, schmolz, das Holz anzündet und bald in den Säulengängen um sich griff. Die Glut dauerte den Tag und die ganze Nacht hindurch. Am folgenden Tag befahl Titus, das Feuer zu löschen. Während aber seine Soldaten noch mit Löschen des Feuers beschäftigt waren, griffen die Juden sie aufs neue an, wurden jedoch zurück getrieben und bis an das Tempelhaus verfolgt.

Der jüdische Tempel geht in Flammen auf

Da ergriff ein römischer Soldat in dem allgemeinen Getümmel und Handgemenge einen lodernden Brand, ließ sich von einem seiner Genossen empor heben und warf den Brand durch ein Fenster der nördlichen Seite in einen Gang, der in Verbindung stand mit den Gemächern, die das Heiligtum umgaben. Vergeblich eilte Titus mit seinen Unterfeldherren herbei, rief und winkte mit der Hand, vom Kampf abzulassen und die Glut zu löschen. Die Legionen stürmten hinter ihm heran; Zorn, Haß und Habsucht machten sie taub gegen alle Befehle, und weil sie rings umher Gold schimmern sahen, glaubten sie, der Tempel berge ungeheure Schätze Goldes; ihr Ungestüm war nun nicht mehr zu hemmen. Sie stießen die Juden, die sich ihnen verzweifelnd in den Weg stellten, wütend nieder; aufgehäuft lagen um den Brandopfer-Altar die Toten, und das Blut floß in Strömen von den Tempelstufen herab. Titus trat in den brennenden Bau, ging in das Heiligste und Allerheiligste und überzeugte sich hier staunend von der Herrlichkeit des Tempels, dessen innere Pracht und Schönheit der äußeren Pracht und Hoheit vollkommen entsprach. Noch glaubte er, den inneren Bau retten zu können, und befahl zu löschen; aber niemand wollte hören. Unterdessen hatte ein Soldat unbemerkt auch im Innern Feuer angelegt, und plötzlich loderte auch hier die Flamme auf. Nun musste sich Titus zurückziehen, und der Tempel sank in Trümmer. (13) Da pflanzten die Römer ihre Adler an der heiligen Stätte auf und brachten ihren Göttern Opfer dar.

Flucht der Juden

Nun war die obere Stadt oder Berg Sion mit dem Palast des Herodes oder der alten Königsburg allein noch nicht genommen. Als aber schon nach 18-tägiger Arbeit die Wälle vollendet waren, die Mauerbrecher an einem Ort die westliche Mauer und einige Türme beschädigten, verloren plötzlich die Belagerten so sehr alle Besinnung, daß sie sich nicht einmal in die drei mit der Königsburg verbundenen sehr festen Türme Hippikus, Phasael und Marianne zurückzogen, gegen die Menschenhände und Maschinen nichts vermocht hätten, sondern sich ohne weiteren Kampf in die unterirdischen Gänge flüchteten, die teils mit dem Tempelberg und dessen Höhlen (14) in Verbindung standen, teils bei der Quelle Siloë einen Ausgang hatten; sie mussten sich aber nach wenigen Tagen aus Hunger ergeben; 2000 fand man nachher als Leichen.

Jerusalem in Schutt und Trümmer

Die Römer hatten mittlerweile ihre Adler auf den Türmen Sions aufgepflanzt und sich in die Straßen ergossen, alles nieder gemacht, was ihnen in die Hände fiel, und viele Häuser verbrannt, samt denen, die sich hinein geflüchtet hatten. Zwei Tage und zwei Nächte brannte die Stadt; am dritten war sie nur mehr ein Schutthaufen, unter dem zahllose Leichen begraben lagen.(15) Als Titus in die Stadt einzig, bewunderte er die Festigkeit ihrer Mauern, besonders der drei Türme Hippikus (16), Phasael und Marianne, und sagte: „Mit Gottes Hilfe haben wir Krieg geführt; Gott ist es, der die Juden aus diesen Festen gezogen hat. Denn was würden Menschenhände und menschliche Werkzeuge wider solche Türme vermocht haben?“ Über eine Million Menschen waren nach Josephus während der Belagerung umgekommen. Die Zahl der Gefangenen aus dem ganzen Krieg belief sich nach ihm auf 97000; sie wurden teils in die ägyptischen Bergwerke geschickt, teils in die Provinzen verteilt, um in den Amphitheatern als Gladiatoren gegeneinander oder mit wilden Tieren zu kämpfen und zu Grunde zu gehen. So kamen bei den Kampfspielen, die Titus bald nachher in Cäsarea Philippi (17) gab, an einem Tage 2500 Juden um, und bei denen in Berytus „eine ungeheure Menge“. Die meisten wurden als Sklaven in alle Welt verkauft. Zuletzt ließ Titus die Trümmer der Stadt und des Tempels schleifen und selbst den Pflug darüber führen. Nur die gedachten Türme und die westliche Mauer (18) ließ er stehen, damit sie Zeugnis ablegten von der Festigkeit der Stadt und von der Tapferkeit der Römer; die Mauer aber sollte zugleich zum Schutz des Lagers dienen, das er dort errichtete für die Truppen, die er in Jerusalem zurück ließ.

Anmerkungen zu: Der Sturm auf Jerusalem

(13) Es war derselbe Tag, an dem auch der Salomonische Tempel verbrannt war, der 9. Ab der Juden, der 15. August des Jahres 70 n. Chr. Etwa ein halbes Jahr vorher, am 19. Dezember 69, war in Rom auf dem Kapitol der Tempel des Jupiter, des obersten Gottes der Römer, von den Soldaten des Vitellius im Kampf gegen die Anhänger des Vespasian verbrannt worden. Die Heiligtümer des Judentums und Heidentums sanken in Trümmer, als das Reich Christi sich anschickte, die Welt zu erobern. – Der jüdische Tempel in Ägypten wurde im Jahre 71 n. Chr. auf Befehl des Vespasian zerstört.
(14) Eine solche Höhle entdeckte man um 1860 unter dem südöstlichen Teil des Tempelplatzes. Als man nämlich ein halb in den Boden versunkenes Kapitäl weg nahm, gewahrte man die Mündung eines unterirdischen Ganges, der zu einer Treppe von Felsenstufen und von dieser zu einem Wasserbehälter von 224 m Umfang und 13 m Tiefe führte. Felsenpfeiler tragen das Gewölbe dieser geheimnisvollen Tempelhöhle, jetzt Königszisterne genannt, die das Regenwasser von der Aksa-Moschee und verschiedenen Seiten des Tempelplatzes durch eine Öffnung in der Vorhalle dieser Moschee aufnimmt. Die Höhle hatte ehedem, wie man deutlich sieht, acht Zuglöscher, um das Wasser herauf zu ziehen; jetzt ist nur mehr ein einziges offen. Der Eingang ist nun durch eine Marmorplatte verschlossen.
(15) Am 2. September 70. (Josephus, Jüd. Krieg 6, 8, 5; 10)
(16) Neuere halten den Turm mit dem uralten Unterbau für den von Herodes erbauten Turm Phasael.
(17) Vgl. Josephus, Jüd. Krieg 7, 2, 1; 3. 1.
(18) Nebst den anliegenden Gebäuden, die als Wohnungen für die Soldaten dienen sollten. (Josephus a.a.O. 7, 1, 1) So blieb auch das Cönaculum verschont.

Auffallende Zeichen gingen dem Untergang Jerusalems voraus

Auffallende Zeichen gingen dem Untergang Jerusalems nach dem Zeugnis des Josephus (19) und des Tacitus (20) vorher als Vorbilder der noch viel größeren Zeichen, die nach den Worten des Heilandes dem Ende der Welt vorher gehen sollen. (21) Unter anderem stand ein Komet wie ein Schwert ein ganzes Jahr über der Stadt. – Als noch vor dem Ausbruch des Krieges das Volk am 8. April zum Osterfest in Jerusalem versammelt war, umgab morgens um 3 Uhr ein so glänzendes Licht den Tempel und den Altar, daß es heller Tag zu sein schien, ein halbe Stunde lang. – Das eherne östliche Tor des Tempels (22), das abends kaum von 20 Männern geschlossen werden konnte, sprang um Mitternacht von selbst auf. – Am 21. Mai sah man vor Sonnenuntergang in der Luft über der ganzen Gegend Heerscharen, die Städte und Türme berannten. (23) – Am Pfingstfest, als die Priester im Tempel des Nachts ihren gewöhnlichen Dienst besorgten, hörten sie erst ein Geräusch, dann Stimmen wie von einer dicht gedrängten Menge, die sprachen: „Lasset uns von dannen ziehen!“ – Aber das Schrecklichste von allem war, daß ein schlichter Landmann, Jesus, Sohn des Ananus, vier Jahre vor dem Krieg beim Laubhüttenfest im Tempel plötzlich anfing zu rufen: „Eine Stimme von Osten, eine Stimme von Westen, eine Stimme von den vier Winden, eine Stimme gegen Jerusalem und gegen den Tempel, eine Stimme gegen Bräutigame und Bräute, eine Stimme gegen das ganze Volk!“ So rief er durch alle Straßen; er wurde geschlagen, bis zur Bloßlegung der Knochen gegeißelt; aber er weinte und klagte nicht, sondern rief unablässig: „Wehe, wehe Jerusalem!“ So rief er sieben Jahre und fünf Monate, am lautesten bei den Festen, bis Jerusalem eingeschlossen wurde. Da rief er zum letzten Mal auf der mauer: „Wehe, wehe der Stadt, dem Tempel und dem Volk!“ und fügte bei: „Wehe auch mir!“ Da streckte ihn ein Stein aus einem römischen Wurfgeschoß tot zu Boden.

Anmerkungen zu: Auffallende Zeichen

(19) Jüd. Krieg 6, 5, 3.
(20) Hist. 5, 13.
(21) Diese Zeichen sollten vor aller Welt kundtun, daß dieser Untergang Jerusalems nicht zufällig, nicht wie ein gewöhnliches geschichtliches Ereignis anzusehen, sondern ein besonders göttliches Strafgericht sei, die Erfüllung der Weissagungen sowie des Rufes der Juden: „Sein Blut komme über uns etc.“
(22) Das sog Korinthische, große oder Ost-Tor
(23) Vgl. 2. Makk. 5, 2ff.

Titusbogen

Die daran befindlichen vortrefflichen Basreliefs aus Stein enthalten Szenen von der Besiegung der Juden und der Zerstörung Jerusalems; eine derselben stellt die Wegführung des siebenarmigen Leuchters dar. Nur 200 m von ihm entfernt, erhob sich nicht drei Jahrhunderte später der Triumphbogen Konstantins als Sieges-Denkmal des Christentums über das Heidentum, nur 50 m vom Kolosseum, diesem riesigsten Amphitheater, das Vespasian gebaut, und in dem drei Jahrhunderte hindurch wohl viele christliche Märtyrer geblutet. (24) Von ihm aus blickt man auf beide Denkmäler der Niederlage des Judentums und des Heidentums.

Anmerkungen zu: Titusbogen

(24) In der Mitte des verfallenen Baues erhob sich ein mächtiges Kreuz und ringsum an der inneren Wand, wo ehedem die Verhältnisse für die wilden Tiere sich befanden, waren die 14 Stationen des Kreuzweges errichtet. Welch ergreifender Andachtsort! – Aber selbst diese rührende Andachtsstätte wurde 1872 von der in Rom regierenden Revolution zerstört und die Zeichen der Andacht entfernt.

Jerusalem nach dem Jahre 70 n. Chr.

Bald siedelte sich auf der Stätte des zerstörten Jerusalem wieder einige Bevölkerung an; die Christen, die beim ersten Ausbruch des Krieges nach Pella geflüchtet waren, kehrten mit ihrem Bischof Simeon zurück, und ohne Zweifel ließen sich auch wieder Juden an der heiligen Stätte nieder. Als Kaiser Hadrian um 130 Palästina besuchte, begann er die Stadt wieder aufzubauen und siedelte eine Kolonie daselbst an, die meist aus ausgedienten römischen Soldaten bestand. Kurz danach brach unter dem falschen Messias Bar-Kochba der schrecklichste aller Judenaufstände (25) aus, den die Römer unter Strömen von Blut überwältigten, und in dem 50 Festungen und fast 1000 namhafte Orte zerstört wurden (26) und gegen 600000 Juden durch das Schwert, noch viel mehr durch Hunger, Krankheit und Feuer umkamen; unzählige wurden um Spottpreise verkauft. Judäa ward zur Wüste. Die übrig gebliebenen Juden und Judenchristen ward unter Todesstrafe verboten, Jerusalem zu betreten; die Heidenchristen dagegen durften ungestört dort wohnen. (27) Dies geschah 135 n. Chr. Später durften die Juden gegen eine bedeutende Abgabe an einem bestimmten Tag des Jahres Jerusalem besuchen und dort trauern. Hadrian vollendete den Aufbau Jerusalems und nannte die Stadt Älia Capitolina nach seinem Familiennamen Älius und nach Jupiter Capitolinus, dem er an der Stelle des Tempels einen Götzentempel nebst Bildsäule errichtete.

Julian der Apostat

Seitdem Kaiser Konstantin Christ geworden, hob sich auch Jerusalem wieder, und die heiligen Orte bedeckten sich mit christlichen Kirchen. Der Versuch des Kaisers Julian des Abtrünnigen, im Jahre 363, den Jüdischen Tempel wieder herzustellen, wurde durch die offenbarsten Wunder vereitelt. (siehe den Beitrag: ) Aus Haß gegen die Christen wollte er die Stadt, die unter den christlichen Kaisern ihren alten Namen zurück erhalten, wieder ganz jüdisch machen und berief daher die im ganzen Reich zerstreuten Juden in ihr Vaterland zurück. Er befahl außerdem, daß der Tempel wieder aufgebaut werde, um Jesu Weissagung, die auf eine bleibende Zerstörung des Tempels gedeutet wurde, zu Schanden zu machen. Die Juden machten sich mit dem größten Eifer ans Werk. Wie aber die alten Kirchen-Geschichtsschreiber und im wesentlichen sogar der Heide Ammianus Marcellinus (28) und der Jude Rabbi Gedalja (29) bezeugen, zerstreuten heftige Windstöße die Baumaterialien; Blitze zerschmetterten die Werkzeuge und Maschinen; ein Erdbeben schleuderte die Steine, die noch in den alten Fundamenten geblieben waren, heraus und warf die nächst stehenden Gebäude zu Boden. Die Arbeit musste aufgegeben werden. Julian selbst kam bald darauf im Feldzug gegen die Perser, von einer feindlichen Lanze getroffen, ums Leben.

Die Christen verschmähten es nach wie vor Julian, an der Stätte des vom Fluch des Herrn getroffenen Judentempels ein Gotteshaus des Neuen Bundes zu errichten. Nur am jüdischen Teil des Tempelplatzes, an der Stelle, wo der Legende nach die heilige Jungfrau Gott aufgeopfert worden war, erbaute der Kaiser Justinian I. im Jahre 530 eine prachtvolle dreischiffige Basilika und gab ihr den Titel Mariä Opferung.

Anmerkungen zu: Jerusalem nach dem Jahre 70 n. Chr.

(25) Mehrere andere Aufstände waren schon vorher gegangen; so im Jahre 115 unter Kaiser Trajan in der Provinz Cyrenaika, wo die Juden 220000 (?), in Ägypten und Zypern, wo sie 240000 (?) Römer und Griechen ermordet haben sollen. Auch in Mesopotamien machten sie blutige Aufstände. (Vgl: Eus., Hist. Eccl. 4, 2ff; Dio Cassius 68, 32; 69, 12-14; Orosius 7) Noch einmal empörten sie sich unter Kaiser Alexander Severus, 222-235.
(26) Der letzte Ort, den die Römer eroberten und wo sie ein schreckliches Blutbad anrichteten, war die Bergfeste Bether, wahrscheinlich bei dem heutigen Dorf Bettir, etwa 2 Stunden (8 km) westlich von Bethlehem.
(27) Sie hatten sich geweigert, am Aufstand teilzunehmen, und waren deshalb von den Juden grausam verfolgt worden. Daher wurden sie von den Römern geschont. Doch wurden ihnen die heiligen Stätten durch Götzenbilder unzugänglich gemacht.
(28) Lib. 22, c. 1.
(29) Schalscheleth hakabbala 89, 2.-
aus: Schuster u. Holzammer, Handbuch zur Biblischen Geschichte, Zweiter Band, Das Neue Testament, 1910, S. 854 – S. 863

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