Beseligung und Verdammung der Heiden

Die Frage der Beseligung und Verdammung der Heiden

Alle jene, die viertausend Jahre hindurch vor Christus lebten, alle die vielen, die in diesem Augenblick noch im Heidentum leben, zu denen die Kunde von Christus noch nicht gedrungen ist – sind diese nicht rettungslos der Lüge und Sünde preisgegeben? Haben nicht alle diese gegründete Ursache, die göttliche Weltregierung anzuklagen, daß sie nicht gleiches Maß den Völkern zumesse? Wenn der Umstand, daß einer einige tausend Jahre früher oder später, im Heidentum oder Christentum geboren ist, Grund wird seiner Seligkeit oder Verdammung, ist dann Gott noch gerecht? Das Christentum macht selig, das Heidentum macht unselig – also hängt Seligsein oder Verdammtsein ab von dem Ort und der Zeit der Geburt? Himmel und Hölle wären nur noch eine Sache der Geographie, wären bedingt durch chronologische Gründe. Wo bleibt die Gerechtigkeit Gottes? Mit einem Wort: Welches ist das Schicksal der nicht im Christentum Geborenen? Das ist die zweite Frage, die uns noch zu beantworten bleibt.

Wir sagen: Gott muss jedem Menschen überall und zu allen Zeiten ausreichende Mittel geboten haben, zur Wahrheit zu gelangen. Und wir werden nachweisen: Gott hat diese Mittel überall und zu allen Zeiten dem Menschen geboten.

Wir könnten, ohne näher in die Sache einzugehen, auf dem einfachsten Wege diese Frage beantworten. Man sagt, das Christentum kann nicht Wahrheit sein, weil nicht alle diese Wahrheit besitzen. Aber ich frage, besitzt denn der Indianer, der Bewohner der Südsee jene Wahrheiten und Grundsätze der Mathematik, Philosophie, der Moral, der Politik, an denen in der zivilisierten Welt niemand zweifelt? Sollten deswegen diese Wahrheiten aufhören wahr zu sein, weil der Wilde sie nicht kennt? Das hat noch kein Vernünftiger behauptet.

Doch gehen wir unmittelbar zur Lösung der Frage über. Gott muss jedem Menschen die ausreichenden Mittel geboten haben, um zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen. Denn es ist seine ewige Liebe, die den Menschen schuf, der Zweck daher dieser schöpferischen Liebe kann wieder nur Liebe sein, die Beseligung des Menschen durch die göttliche Liebe. Denn, sagt die Schrift, du hassest nichts von dem, was du geschaffen hast. (Weish. 11, 25) So gewiß darum der Mensch ausgegangen ist von Gott, so gewiß wird er darum auch wieder zurück kehren zu Gott, um in ihm seine Bestimmung und Seligkeit zu erreichen. Und wenn er seine Bestimmung nicht erreicht und nicht selig wird, ist es dann Gott, der ihn unselig gemacht hat? Nein, denn Gott, spricht der Apostel, will, daß alle Menschen selig werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. (1. Tim. 2, 4) Dasjenige, was dem Menschen zum Heile notwendig ist, läßt Gott ihm nicht mangeln, wenn er danach verlangt; es ist vielmehr der Verlust des Heiles immer des Menschen eigene Schuld. (S. Thom., In 3. Sentent. Dist. 25, q. 2, a. 1 2) Wie wird also der Mensch unselig? Weil er will, weil er sich freiwillig trennt von dem, der ihn selig zu machen sucht, weil er in wahnsinniger Verblendung die Quelle der Seligkeit verschmäht. Nicht Gottes Liebe, aber des Menschen Schuld, der von Gott sich lossagt, hat die Hölle gegraben. Und die Hölle hörte auf, Hölle zu sein, wäre nicht jener Wurm, der ewig lebt und ewig nagt, den jeder Verdammte in seiner Brust trägt, der Wurm der Schuld und Reue.

Das also steht fest: Wo Verdammung ist, da ist Schuld (1); wo aber Schuld ist, da ist Freiheit, das vermögen das Gegenteil zu tun von dem, was geschehen ist. Wenn also Gott den Menschen verdammt wegen seines Unglaubens, seiner Sünde, so muss Unglaube und Sünde freiwillig gewesen sein, es musste ihm die Möglichkeit gegeben sein, Gott zu erkennen und vor der Sünde sich zu bewahren. Das ist die Lehre der katholischen Kirche, feierlich ausgesprochen den Meinungen der sog. Reformatoren gegenüber, welche behauptet hatten, die im Heidentum Lebenden seien zu nichts Gutem mehr fähig und ihre schönsten, edelsten Taten nur Laster. Wir sehen auch hier wieder, wie echt liberal die katholische Kirche ist, die zu jeder Zeit die Rechte der Vernunft und Humanität wahrte gegen jene empörende, wahrhaft barbarische Behauptung, die alle Nichtchristen verdammt, bloß weil sie Nichtchristen sind. (2)

Also muss Gott für jeden Menschen zu jeder Zeit und überall die Mittel geboten haben, ihn zu erkennen und der Verdammnis zu entfliehen. Noch mehr; die Quelle des Heils, das Christentum, war vom Anfang der Welt, das Christentum ist so alt als die Welt selbst.

(1) „Entweder“, sagen sie, „wollte Gott nicht allen seine Wohltat spenden, oder er konnte nicht: in jedem Falle wäre es tadelnswert. Wenn aber die Berufung an alle ergeht ohne Ansehung der Stellung oder des Alters, ohne Unterschied der Völker, wie wollen sie Gott noch anklagen, daß das Wort Gottes nicht von allen aufgenommen wird? Gott, welcher der Herr des Universums ist, gestattete aus übergroßer Würdigung der menschlichen Natur, daß auch sie in Freiheit Herrin ihrer Handlungen sei. Daher muss man jene, welche nicht zum Glauben gekommen sind, viel eher anklagen, nicht aber den, der sie zur Annahme berufen“ (Greg. Nyss., Oratio catech. c. 30) Vgl. Prop. Baii damn. 68; Vgl. Encycl. ad episc. Italiae d. 10. Aug. 1864 (IV 94 A. 1)
(2) Melanchthon, Loci theol. 22; vgl. Quenstedt, Loci theol. I 264. Dagegen Conc. Trid. (sess. VI, can. 7)

Konzil von Trient:

Kanon 7. Wenn Jemand sagt: daß alle Werke, welche vor der Rechtfertigung geschehen, auf welche Weise immer sie geschehen sein mögen, wirklich Sünden seien oder den Haß Gottes verdienen: oder daß Jemand desto schwerer sündige, je eifriger er sich bemüht, sich für die Gnade empfänglich zu machen: der sei ausgeschlossen.

aus: Franz Hettinger, Apologie des Christentums, Fünfter Band, 1908, S. 556-560

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