Blutopfer der gefallenen Menschheit

Zahlreiche Totenschädel von Menschenopfern in Mexiko

Generalbeichte der gefallenen Menschheit

Teil 1: Die Blutopfer der gefallenen Menschheit

Wer sich auf den Kopf stellt, sieht die ganze Welt verkehrt. An dieses Wort werden wir im Laufe unserer Untersuchungen zum öftesten erinnert. Es heißt sich und die Dinge auf den Kopf stellen, will man die christliche Lehre vom Erdverderben leugnen. Kein Wunder, daß man dann die schlimmsten Regungen des menschlichen Herzens für echte und berechtigte Natur auszugeben und die verwildertsten Ausartungen unseres Geschlechtes als dessen ursprünglichste Musterbilder darzustellen genötigt ist. Wer die Natur nicht als verdorben bekennt, muss zuletzt das Unnatürliche als natürlich anerkennen. Daher die Vergötterung der tierischen Triebe, die Verherrlichung der Sünde als Heldentat, das Liebäugeln mit dem Tode. Wir werden mit diesen und ähnlichen Verirrungen noch genug zu schaffen haben.

Für diesmal beschäftigt uns eine Behauptung, die so sehr allem menschlichen Gefühl widerspricht, daß man sich fragt, wie es möglich ist, auf sie zu verfallen. In dem Bestreben, nichts zuzugeben, was irgend an die Lehre des Christentums streifen könnte, haben sich manche so weit verrannt, daß sie nicht bloß den Tod überhaupt, sondern selbst den gewaltsamen Tod, nicht bloß das Erlöschen des Lebens, sondern selbst das Vergießen des Blutes für etwas ganz Natürliches erklärten. Und nicht bloß ein so ausgesprochener Feind des Christentums wie Bastian versteigt sich zu dem Satz: die Furcht, einen Mord zu begehen, sei eine künstliche Schwächung der natürlichen Tatkraft; sondern auch der feinsinnige Hermann Lotze lässt sich in derselben Voreingenommenheit zu den seltsamen Worten verleiten: zwar sei Blutdurst gerade kein Grundzug der menschlichen Natur, und der Fanatismus der ostindischen Thugs und der Assassinen könne immerhin einem Verfall der Humanität zugeschrieben werden, aber daraus folge nicht, daß die Scheu vor Blut der Natur des Menschen in dem Maß eingepflanzt sei, wie manche optimistische – er wollte sagen, die christliche – Ansicht meine.

Warum geht die Menschheit verschwenderisch mit Blut um?

Das heißt doch der Menschheit einen Faustschlag ins Gesicht geben! Der unbändige Stier zittert, wenn er Blut ahnt, und der menschlichen Natur spricht man ab, was selbst vernunftlose Rohheit nicht verleugnet! Ein Byron lässt seinen Kain, den Menschen, der zuerst das Blut eines Menschen vergoss, voll Entsetzen ausrufen, da er seine Hand gerötet sieht: Blut! ha, das ist Blut! Die Römer, die auf Menschenblut weniger achteten als Lucullus auf eine Sesterzie, konnten sich den Charakter des Caligula nur daraus erklären, daß seine Amme ihn als Kind schon Blut lecken gelehrt habe. Männer, die keinen Augenblick anstehen, ihr Blut für das Vaterland zu vergießen, sind nicht imstande, vergossenes Blut zu sehen. Und wir sollten von dem Glauben abstehen, daß nur völlige Verwilderung, nur das Herabsinken bis zum Raubtier die Scheu vor Blut in uns ersticken könne? Wenn Ungeheuer wie Catilina und seine Genossen sich verschwören, um die Weltordnung zu zerstören, dann trinken sie sich erst Mut im Blut zu. Das allerdings finden wir passend, denn diese tun es zum Zeichen, daß sie die Menschlichkeit, die sie allüberall vernichten wollen, in sich bereits erstickt haben. Aber gerade dieses Beispiel zeigt uns, daß man die Natur ausziehen muss, um die angeborene Scheu vor Blut abzulegen.

Und nun, was sollen wir sagen, wenn wir sehen, daß eben diese Menschheit, die gegen Blut eine so unbesiegbare Abneigung hat, mit Menschenblut so verschwenderisch umgeht? Wir reden da nicht von dem Wahnsinn des Hasses, der wegen eines Stückchen Land Bruder gegen Bruder in den Krieg treibt und sich nicht eher kühlt, als bis er im Blut von Tausenden sein vorgegebenes Recht gefunden hat, nicht von der Raserei des Tyrannen, der nur darüber Bedauern empfindet, daß das ganze Volk nicht ein Haupt habe, damit ein einziger Streich das Blut von Millionen vergießen könne. (Sueton., Caligula 30) Nein, wir reden von dem Höchsten, was der Mensch kennt, von der Verehrung eines göttlichen Wesens, dem er sein Dasein dankt, von dem er alles Gute und alles Heil erhofft.

Blutopfer waren eine der allgemeinsten religiösen Sitten

Wie ist es möglich, daß die Menschheit auf den Gedanken verfiel, dem Heiligsten keinen größeren Gefallen erweisen zu können, als durch das Grauenvollste, durch die Vergießung von Menschenblut?

Wir sagen, die Menschheit. Freilich bedeutet diesmal der Name Menschheit nicht die Humanität, die unversehrte Menschlichkeit, sondern den Humanismus, die gefallene, unerlöste Menschheit, diese aber in ihrem ganzen Umfang.

Dies vorausgesetzt, müssen und können wir sagen, daß wir es hier mit einer religiösen Übung zu tun haben, die allgemeiner Gebrauch des ganzen gefallenen Geschlechtes geworden ist.

Die Blutopfer, die Menschenopfer sind eine der allgemeinsten religiösen Sitten. Darum ist schon von vornherein klar, daß die Einführung der Menschenopfer nicht auf den rohen, blutdürstigen Charakter derer zurückzuführen ist, bei denen sie sich finden. Nicht alle Völker, die wir hier zu nennen haben, sind wild und grausam; gar manche davon werden ob ihres wilden Wesens gerühmt. Aber in diesem Stück stimmen sie durchaus überein, so groß sonst ihre Verschiedenheiten sind, Neger und Indianer, die Amerikaner un Yucatan und Nicaragua, die Chibchas in Neugranada, die Polynesier, die wilden Khond, die schwermütigen Malaien, die Menschenfreesser der Fidschi-Inseln und die viel freundlicheren Bewohner von Tahiti, der größten aus den Gesellschaftsinseln.

Gebildete und ungebildete Völker kannten Menschenopfer

Auch das wäre irrig zu glauben, daß nur sehr ungebildete Völker sich an dem Frevel der Menschenopfer beteiligt hätten. Sicherlich gehören die Punier und die Phönizier zu den begabtesten und gebildetsten Völkern des Altertums. In welch furchtbarer Form und Ausdehnung aber bei ihnen dieser Gräuel geübt wurde, ist bekannt: ihr Name ist für immer gebrandmarkt durch jene entsetzlichen Kinderopfer, die dem glühenden Moloch, dem Melkarth Baal, gebracht wurden. Und nicht bloß die Numidier, die Skythen, die Taurier, die Araber, die Galater, die Kelten und die Hispanier beteiligten sich an den Menschenopfern, selbst die Erfinder fast aller Künste und Wissenschaften, die Ägypter, ließen sich die gleiche Untat zu Schulden kommen. Wie Herodot sie davon freisprechen kann, ist schwer zu begreifen. Die Tatsache, daß auch sie Menschen schlachteten, steht unleugbar fest; hat doch Seleucus darüber eine eigene Schrift verfasst.

Kurz, alle Erklärungsgründe, die man dem Charakter der Menschen und Völker nehmen will, erweisen sich als nicht stichhaltig, und man würde den Volksstämmen, bei denen sich diese Sitte findet, durchaus unrecht tun, wollte man sie deshalb für unmenschlicher und der Bildung unzugänglicher halten denn andere heidnische Völker. Rühmt man doch die Aschantis als einen der hervorragendsten Stämme Afrikas. Zeichnen sich doch die Kelten durch viele vortreffliche Eigenschaften, zumal durch Heiterkeit und Liebenswürdigkeit, aus. Werden doch die alten Slawen trotz ihrer grausamen Menschenopfer als Leute von sanfter und friedliebender Gemütsart geschildert.

Menschenopfer bei den Inkas, Kelten und Hindus

In Wahrheit, wir haben kein Recht, irgend einem einzelnen Volk ob dieses Verbrechens besondere Vorwürfe zu machen. Mitunter verdienen eben die hervorragendsten und begabtesten Nationen den zweifelhaften Ruhm, hierin die tiefst gesunkenen übertroffen zu haben. In dem Inkareich, dessen Bildung und feine Sitte so hoch gepriesen wird, trieb man mit Menschenopfern zwar nicht den Unfug wie in manchen anderen Ländern, aber hohe Festtage wären doch nicht feierlich begangen gewesen, hätten solche gefehlt. Unsern guten deutschen Altvorderen sagt Cäsar nach, daß sie mit Opfern an ihre Gottheiten ebenso karg gewesen seien als freigebig mit Trankopfern für ihre ewig trockene Kehle. Das mag wahr sein, wenn es sich darum handelte, dem Odin oder dem Thor ein Tier aus der Hürde hinweg zu opfern. Es liegen aber Zeugnisse zur Genüge dafür vor, daß sie mit dem Blut ihrer Mitmenschen bei den Opfern nichts weniger als geizig umgingen. Und gerade die edelsten germanischen Stämme, wie die Isländer und Sachsen, brachten ihre Menschenopfer unter einem Zeremoniell von Schauder erregender Grausamkeit dar. Auch die Perser übten ihren Kult durch Menschenopfer aus…

Indes auch die Hindus hatten trotz ihres träumerischen, weichen Charakters, und zwar in der besten Zeit, ihre Menschenopfer. Jenes Volk aber, bei dem sie fast die Glaubwürdigkeit überschritten, das der Azteken, war ohne Frage wie eines der gebildetsten, so auch der mildesten, welche die Geschichte kennt. Und doch zählte man bei ihnen jährlich im Durchschnitt 20000 Menschenopfer, ja an einem einzigen Festtag 5000 bis 20000. Im Jahr 1510 hat Montezuma deren 12210 gebracht. Danach ist es so unannehmbar nicht, daß ein Offizier des Cortez 136000 Menschenschädel gezählt habe, die als Andenken an diese Opfer vor den Tempeln aufgeschichtet waren. (siehe den Beitrag: Menschenopfer und Götzendienst in Mexiko)

Blutopfer bei den Hellenen

Und so haben wir uns denn nicht zu verwundern, wenn wir in dieser Aufzählung unmittelbar neben dem gefürchteten Kannibalen auch den gefeierten Hellenen begegnen. Nicht bloß ihre Vorfahren, die rohen Pelasger, nicht bloß die Bewohner von Rhodos, Zypern, Kreta, Chios, nein, auch die eigentlichen Griechen gehören hierher. Und nicht bloß dem Kronos oder Saturn, auch dem Zeus, dem Dionysos, dem Apollo und der Artemis mussten Menschen ihr Blut und Leben schenken. Zur Leichenfeier des Patroklus opferte Achilles außer einer Menge von Tieren zwölf edle trojanische Jünglinge. Jedesmal, wenn die Griechen in den Kampf zogen, erflehten sie Sieg durch Bruderblut. Und es war das eine Sitte, die nicht bloß bei einzelnen Stämmen, sondern allgemein herrschte und nicht nur in den ältesten, sondern auch in verhältnismäßig jüngeren Zeiten. In Athen wurden regelmäßig von Staats wegen Menschenopfer gebracht. Noch Themistokles, dem die Menschheit mit Recht einen Rang unter ihren Unsterblichen geschenkt hat, glaubte für seinen ruhmvollen Sieg den Göttern keinen besseren Dank bringen zu können als durch Menschenopfer.

Blutopfer bei den Römern

Und wie die Griechen, so die Römer. Zur Zeit, da sie die Weltherrschaft besaßen, begingen die Römer noch immer zu Ehren des lateinischen Jupiter und der Bellona dieselben Opfer, die ihre Ahnen im Dienst des Saturn und der Diana gefeiert hatten. Der erhabene Cäsar schrak vor diesem Gräuel nicht zurück noch auch der Sohn seines großen Gegners. Und Augustus, der Friedensfürst, fand nichts Entsetzliches in dem Gedanken, auf einmal dreihundert gefangene Ritter am Altar des vergötterten Cäsar als Opfer schlachten zu lassen. Hatten sich doch die reichen Römer seit Jahrhunderten daran gewöhnt, beim Tode der Ihrigen zur Sühne für die Verstorbenen in aller Form Menschenopfer zu bringen. Nur ließen sie diese für gewöhnlich nicht durch ihre Götzenpriester kurzer Hand am Altar ums Leben bringen, sondern um ihrem Hang zur Grausamkeit Ausdruck zu geben und um zugleich eine ihrer Härte würdige Augenweide zu genießen, zwangen sie die armen Todesopfer, sich an irgend einem Festtag öffentlich zur Ergötzung des Volkes selber gegenseitig abzuschlachten. Auf diese Weise entstanden die Fechterspiele. Diese grässliche Sitte, die sehr alt sein muss, da wir ihr auch in Mexiko und bei den rätselhaften Tudas in Ostindien, in abgeschwächter Form auch bei den Australiern, den Polynesiern und Malaien begegnen, haben die Römer wohl zunächst von den Etruskern überkommen. Bei diesen wurden die Menschenopfer, die übrigens daneben noch immer fortbestehen blieben, sehr häufig in Fechteropfer oder in Opfermetzeleien umgewandelt.

Gladiatorenkämpfe als Blutopfer

Die Römer müssten nicht Römer gewesen sein, wenn sie nicht mit aller Begeisterung diese grausame Sitte angenommen hätten. Sie wurde alsbald das größte Vergnügen des harten, blutdürstigen Volkes. Dem Ämilius Lepidus opferten seine Söhne auf solche Weise 44 Männer. T. Flaminius feierte das Andenken seines Vaters durch 74 Opfer. Beide Male dauerte die blutige Sühne drei volle Tage. Dem M. Valerius Lävinus zu Ehren fielen 50, dem P. Licinius Crassus 120 Fechter. Aus diesen Fechteropfern entwickelten sich die beliebtesten der römischen Spiele, die schule der Entmenschlichung, die Gladiatorenkämpfe, die unersättlicher als das gierige Meer Hunderte, Tausende von Menschenleben verschlangen. Um aber nicht in Vergessenheit kommen zu lassen, daß diese grausamen Vergnügungen ihrem Ursprung nach nichts anderes seien als Menschenopfer, mussten die Priester Jupiters dabei anwesend sein. War dann einer der Fechter unter dem donnernden Beifall der ganzen Kaiserstadt den Streichen seines Gegners erlegen, so trat der Priester in die Arena, fing das strömende Blut des Gefallenen in die Opferschale auf und goss es dem Bild des Gottes ins Gesicht. –
aus: Albert Maria Weiß, Apologie des Christentums, Zweiter Band: Humanität und Humanismus, 1908, S. 256 – S. 266

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  • 500px-Tzompantli_(Templo_Mayor)_-_Ciudad_de_México: wikibrief
Category: Altertum
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