Blutopfer tragen religiösen Charakter

Zahlreiche Totenschädel von Menschenopfern in Mexiko

Generalbeichte der gefallenen Menschheit

Teil 2: Entstehung des Heidentums und Einführung der Menschenopfer – Blutopfer tragen religiösen Charakter

Damit ist aber auch die wahre Bedeutung der Menschenopfer ausgesprochen. Nicht aus der Unbildung noch aus dem rohen Charakter der Völker sind sie zu erklären, nicht aus Menschenfresserei sind sie hervorgegangen – sie haben umgekehrt oft dazu geführt -, nicht als feierliche Hinrichtung großer Verbrecher sind sie zu betrachten, sondern sie tragen einen durchaus religiösen Charakter an sich, wie Plinius ganz richtig sagt. Darauf deutet auch der griechische Ausdruck hin: die Altäre mit Blut versehen.

Mit dem Heidentum begannen die Blutopfer

Allerdings liegt darin eine furchtbare Ausartung der Religion. Aber sie ist nicht ärger als deren Verkehrung in das Heidentum. Beides, die Entstehung des Heidentums und die Einführung der Menschenopfer, ist tatsächlich zugleich vor sich gegangen. Nach der einstimmigen Erzählung des Altertums ist das eine wie das andere mit dem Sturz der alten, besseren Religion und dem Auftreten des Glaubens an Moloch, Kronos oder Saturn erfolgt.

Wo immer wir darum das Heidentum betrachten, ob in seiner übertriebenen Verfeinerung durch die Griechen oder in seinen entsetzlichsten Verunstaltungen bei den alten Britanniern oder den Karaiben, immer finden wir es im engsten Verband mit den grausamen Menschenopfern. Und solange es seine Kraft bewahrte, erwies sich jeder Versuch, diese abzuschaffen, als durchaus unvermögend.

Wohl hatte der Senat hundert Jahre vor Christus die Gräuel der Menschenopfer verboten. Aber was sollte das, wenn die, welche das Gesetz gaben, es selbst zuerst übertraten? Solange nicht ein anderer Geist, der Geist der Menschlichkeit, in die Welt einkehrte, konnte diese Unmenschlichkeit nicht aus ihr verschwinden. Dieser Geist aber wurde erst ein Jahrhundert später zu Bethlehem geboren. Und noch bedurfte es weiterer hundert Jahre, bis er auf die Welt so weit Einfluss gewann, daß endlich Hadrian wenigstens den offen geübten und eingestandenen Menschenopfern Einhalt zu tun vermochte. Denn im geheimen wurden sie trotz der schon von Tiberius angedrohten Todesstrafe noch zu Tertullians Zeit fortgesetzt, so tief war dies Verleugnung aller Natur mit der alten Religion verwachsen.

Das Heidentum ist unzertrennlich mit Menschenopfern verbunden

Für den Entgang wusste sich die Welt aber dadurch schadlos zu halten, daß nun erst die Gladiatorenkämpfe eine Ausdehnung über alles Maß erlangten. Während Cäsar sich noch mit 640 Fechtern begnügt hatte, opferte der sonst so milde und gerechte Trajan der Schaulust des Volkes deren auf einmal 10000. Es dauerte nicht weniger als 123 Tage, bis sie sich alle abgeschlachtet hatten. Wenn die Tage zu kurz wurden, so ließ man die Opfer bei festlicher Beleuchtung die Nacht hindurch sich niedermetzeln. Gleich Tieren mästete man sie zu ungewöhnlicher Stärke, damit sie kräftige Hiebe zu führen und zu ertragen und den Zuschauern die Wonne des Blutschauspiels zu verlängern imstande wären. Denn das Volk wurde des grässlichen Ergötzens nicht satt. Nirgend war man sicher, solche Mengen Volkes aus allen Ständen, Geschlechtern und Altersklassen versammelt zu finden als eben hier. Es kam vor, daß der Pöbel den Leichnam eines Verstorbenen vom Paradebett weg raubte und seinen Angehörigen nur gegen Erlegung der Bürgschaft für Abhaltung eines solchen Blutopfers auslieferte.

Sogar nach Judäa verschleppte Herodes Agrippa, als er die übrigen heidnischen Religions-Gebräuche dort einführen wollte, diese schreckliche Sitte, in der richtigen Überzeugung, daß beides unzertrennlich zusammen gehöre. So oft in den folgenden Jahrhunderten die verlöschende Flamme des Heidentums von neuem aufflackerte, unter Heliogabal, unter Valerina, unter Aurelian, unter Maxentius, regte sich auch dessen alter menschenmörderischer Zug wieder. Als Julian der Abtrünnige den letzten Versuch machte, ihm die verlorene Herrschaft über die Welt zurückzuerobern, trat das Menschenopfer sofort wieder in seiner hässlichen Form hervor.

Von seinen frühesten und besten Lebenstagen bis in seine Todeszuckungen hinein – die Geschichte der Märtyrer liefert das beste Zeugnis dafür – ist also das Heidentum mit den Menschenopfern unzertrennlich verbunden. Denn diese liegen, wie wir alsbald sehen werden, in seinem innersten Wesen begründet.

Man halte uns nicht entgegen, daß aber doch in den letzten Jahrhunderten vor Christus in manchen Ländern die Menschenopfer beseitigt wurden. Wir wissen das. Wir geben sogar zu, daß es bei vielen, wenn auch nicht gerade immer den gebildetsten Völkern des Altertums geschah. Wir glauben aber, daß die Erklärung dafür auf offener Hand liegt.

Je weiter wir in die ältesten Zeiten hinaufsteigen, desto mehr Überreste ernster Religiosität treffen wir an. Der Unterschied zwischen den Zuständen, die Homer, und jenen, welche Aristophanes schildert, zwischen der Zeit des Numa und der des Augustus, zwischen den Tagen, da der Rigveda entstand, und jenen, in denen König Tschandragupta das Abendland mit seinem Namen erfüllte, ist augenscheinlich. Je länger je mehr sinken Opfersinn und Religiosität unter den Völkern. Zuerst haben die Griechen hundert Stiere auf einmal dem Gott geweiht und sich nichts davon vorbehalten, sondern die ganze Gabe auf dem Altar verbrannt. Später opferten sie ihren Göttern nur noch die Knochen, Haut und Fett, das übrige behalten sie für sich zurück und verzehren es selber beim Festgelage…

Religiöser Fortschritt im Heidentum?

Man schweige also mit den Redensarten von religiösem Fortschritt im Heidentum! Nicht Bildung, nicht Gesittung, nicht gesteigerte Religiosität oder Humanität, nein, Verfall der altheidnischen, in ihrem Wesen menschenmörderischen Religion ist der Grund, warum nach und nach die blutigen Opfer beseitigt werden. Das wäre nun freilich ganz lobenswert, wenn nur die menschenmörderische Gesinnung auch damit verschwunden wäre. Leider ist dem nicht so. Das religiöse Gefühl schwand, die Unmenschlichkeit, die sich mit ihm zu einem so gräulichen Gemisch verbunden hatte, blieb. In Iran brachten ehemals die Atharvan große blutige Opfer. Nun genügen ihnen Blumen, Früchte, Wein, Milch; statt des Opferfleisches geben sie Reis und Gebäck dazu. Aber niemand möge glauben, daß Sänftigung der Sinnesart und Abscheu vor Blutvergießen die Ursache war, warum ihre blutigen Opfer aufhörten. Alles eher als das. In alten Zeiten, wo sie Blut von Menschen und Tieren opferten, waren die Perser zwar gewalttätig und in ihren Strafen streng und grausam, aber sie verhängten diese doch nur nach dem Gebot der Gerechtigkeit und bloß im äußersten Fall. Dafür wurden sie in späteren Zeiten geradezu unmenschlich. Die Akten der Märtyrer reden nirgend von so unerhörten Qualen: Schinden, Zersägen, Zerquetschen, Zerstückeln, wie gerade hier. Wenn sie trotzdem, gegen menschliches Blut und Leiden täglich gefühlloser, mit Blut am Altar so sparsam werden, so bekunden sie nicht Veredelung der Gesinnung, sondern nur Sinken des religiösen Eifers. Solange das Heidentum aber seine alte Religiosität besaß, hat es diese durch Übung abscheulicher Gräuel und empörender Unmenschlichkeit bewiesen. –
aus: Albert Maria Weiß, Apologie des Christentums, Zweiter Band: Humanität und Humanismus, 1908, S. 266 – S. 272

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