Entstehung der blutigen Opfer

Zeichnung eines Tieropfers durch einen Hohenpriester

Generalbeichte der gefallenen Menschheit

Teil 3: Entstehung der blutigen Opfer

Es gibt nichts vollständig Böses, keinen absoluten Irrtum. Was nur böse, was nur falsch wäre, könnte nicht bestehen. Bloß dadurch vermag es sich zu halten, daß es das Gute und Wahre nachäfft und sich an einem schwachen Rest davon aufrecht hält. So ist es auch hier.

Das Opfer ist in der innersten Natur des Menschen begründet wie die Religion. Ohne Religion kann die Menschheit so wenig bestehen als die Religion ohne Opfer.

Aber daß der furchtbare Brauch des blutigen Opfers nicht die ursprüngliche und eigentliche Gestalt des Opfers ist, das versteht sich von selber. Gott mit Blut verehren, die Tat der heiligsten Erhebung zum Allbarmherzigen im Blut begehen, das ist unnatürlich, das ist ein Zeichen krankhafter Ausartung.

Wenn nun dennoch die Menschen auf der ganzen Erde nicht bloß das Blut von Tieren, sondern ihr eigenes Herzblut von den Altären zum Himmel im Erbarmen rufen lassen, bedarf es dann noch eines Zeugnisses dafür, daß es ein verzweifeltes Bedürfnis, eine allgemein gefühlte Notwendigkeit war, was hier zum Ausdruck kam? Sollen wir dann der Menschheit noch lange beweisen, daß sie selber niemals leugnete, der Zustand, in dem sie nunmehr lebt, sei ein unnatürlicher geworden, ja daß sie sich damit das eigene Todesurteil gesprochen hat?

Die Menschenopfer aber sind vollends nichts anderes als die Unterschrift, welche die Menschheit mit ihrem Blut unter das Urteil schrieb: An dem Tag, an welchem du issest, wirst du des Todes sterben. (Gn. 2, 17)

Die Erzählung von Kain und Abel

Es hat einen tiefen Sinn und beruht auf wahrer Überlieferung, wenn die Alten berichten, ursprünglich hätten die Menschen nur unblutige Opfer gebracht; erst als sie fühlten, daß sie dadurch Gott nicht versöhnen könnten, hätten sie zu Blut gegriffen. Genau dasselbe berichten die heiligen Bücher in der Erzählung vom Opfer Abels und Kains. Im blutigen Opfer liegt das Bekenntnis, daß der sündige Mensch, der es darbringt, eigentlich selbst sein Blut an Gott verwirkt und den Tod verdient hat. Aber nun dieses Geständnis über seine Lippen zu bringen, müsste er sich gründlich verleugnen, und das vermochte der gefallene Mensch nicht. So setzte er denn auch nach dem Fall, als ob er noch immer mit Gott im besten Frieden lebte und sich nicht vielmehr in einen Krieg auf Leben und Tod mit ihm eingelassen hätte, das friedliche Opfer fort, das er nur im Zustand der Unschuld bringen durfte. Und sah dann der Herr dieses Opfer des ungebeugten Trotzes nicht an und ließ die Menschheit die Folgen, wir sagen nicht, seines Zornes, sondern ihrer abgeleugneten und ungesühnten Empörungen fühlen, dann erkannte sie zwar knirschend, was sie nicht mehr verhehlen konnte, aber wiederum ahmte sie Kain, ihr Urbild, nach und suchte das eigene Todesurteil im Blut fremder Menschen, im Bruderblut auszulöschen.

Wer sich Gott dünkt, glaubt Herr über Leben und Tod zu sein

Ein neuer Frevel zu dem ersten! So gebiert die böse Tat, solange sie nicht zurückgenommen ist, mit jedem Tag neue Verbrechen. Den Zorn Gottes hatten die Menschen, nur durch die Not gezwungen, eingestehen gelernt. Aber die Ursache, die ihn hervorgerufen hatte, den Geist der Unbotmäßigkeit und Selbstherrlichkeit ließen sie fortbestehen, und dieser böse Same trieb nun eine neue giftige Frucht, das Menschenopfer. Daß sie selber das Leben verwirkt hatten, das konnten sie nicht in Abrede stellen; daß sie aber kein Recht hatten, ihr eigenes oder ein fremdes Leben zu opfern, das anzuerkennen fiel ihnen abermals zu schwer. Zwar stand ihnen das Wort Gottes entgegen: Du sollst nicht töten, du bist nicht der Herr des Lebens, des deinen so wenig als des fremden. Das wollte aber der Mensch, der alles daran gesetzt hatte, um sich Gott gleich zu machen, nicht zugestehen; denn dazu hätte er an die völlige Umkehr seiner Wege gehen müssen, und davon war er weit entfernt. Wer sich wie Gott dünkt, glaubt sich auch als Herr über Leben und Tod benehmen zu dürfen.

Selbstmord, die Ausübung des angemaßten allerhöchsten Verfügungsrechtes über sich selber, und Missachtung fremden Blutes und Lebens sind darum im Wesen des Heidentums, überhaupt der vollständigen Auflehnung gegen Gott begründet. Deshalb sagten wir, daß ein Abstehen vom Menschenopfer so viel bedeute, als ob das Heidentum sich selber preisgegeben hätte.

Gleichwohl liegt dieser grauenvollen Untat eine überaus ernste und durchaus unbestreitbare Wahrheit zu Grunde.

Ohne Blutvergießen keine Verzeihung der Sünde

Durch die Sünde hat der Mensch das Leben verwirkt. Nur wenn ein anderes Leben dafür angenommen wird, kann er das seine behalten. Nun liegt das Leben im Blut. Im Blut wurzelt deshalb sowohl Strafe als Sühne. Ohne Blutvergießen keine Verzeihung der Sünde. (Hebr. 9, 22)

Aber der Mensch ist nicht Herr des Lebens und kann sich überdies durch menschliches Blut und Leben, das ja selbst dem Fluch verfallen ist, nicht von eigenem Fluch erlösen.

Darum gab ihm Gott aus Vorsicht das Verbot, Menschenblut zu vergießen (Gn. 9, 5 u. 6), und zugleich aus Erbarmen die Vollmacht, das Blut der Tiere zur Sühnung statt des seinen darzubringen. Schon Abel brachte das älteste Opfer, das die Geschichte kennt, im Blut der Tiere dar. Und Gott sah mit Wohlgefallen auf ihn und auf sein Opfer (Gn. 4, 4), nicht weil er der Gabe Wert beimaß (Ps. 49, 13), sondern weil ihm das Bekenntnis der Schuld und der Gehorsam gegen seine Anordnung gefielen. (Ps. 39, 7; Hebr. 10, 5; 1. Kg. 15, 22; Prd. 4, 17; Sir. 35, 2)

Die Erinnerung daran ist der Welt nie abhanden gekommen. Allenthalben finden wir das Tieropfer. Selbst im Heidentum drängt es stets wieder die Menschenopfer zurück, ein tröstliches Zeichen dafür, daß Unwahrheit und Unnatur nie völlig siegen können. Zuletzt bricht sich das ursprüngliche Bewusstsein von den religiösen Wahrheiten und die Erinnerung an das in besseren Tagen Gehörte und Geglaubte doch wieder Bahn.

Der große Gedanke der Stellvertretung

So erklärt sich die Frage: Wie konnte die Menschheit zum Glauben kommen, daß im Blut von Tieren für sie Hilfe sei? Wie konnte sie auch nur auf den Gedanken verfallen, ein Tier statt ihrer bluten zu lassen?

Es gibt nur eine Möglichkeit der Erklärung für diesen düsteren religiösen Gebrauch. Wer diese Erklärung leugnet, wird in Ewigkeit nicht zu begreifen imstande sein, wie ein Mensch, und wie gar die gesamte Menschheit daran denken konnte, die Tiere für ihre Sünden büßen zu lassen. Das ist der große Gedanke der Stellvertretung.

Immer und überall, wo man Tiere zum Opfer bringt, finden wir die Anschauung ausgesprochen, daß sie die Stelle des Menschen vertreten, der eigentlich das Opfer sein sollte. Darum legte bei den Juden der Sünder, der ein Opfer brachte, dem Tier vor dem Altar die Hände auf das Haupt und bekannte dabei seine Sünde. (Ex. 29, 10; Lv. 1, 4 u. 32; 4, 4; 5,5; 16, 21; Nm. 5, 6 u. 7) So übertrug er seine eigene Sünde auf das Opfertier und legte sie ihm auf das Haupt. Deutlicher kann man wohl die Stellvertretung nicht zum Ausdruck bringen. Von nun an war das Tier sein zweites sündiges Ich; zitternd vor dem Tode stand es statt seiner im Angesicht des Altares, der als Gottes Sinnbild galt. Es muss eine Herz durchschneidende Empfindung gewesen sein, wenn der sündige Opfernde selbst dem Tier die Kehle durchschnitt, das Tier aber stand an seiner Stelle. (Anm.: Erst später übernahmen die Leviten das Schlachten) So vollzog er die Opfertat im Symbol an sich selber.

Auch bei den Ägyptern finden wir die gleiche Vorstellung eingebürgert. Schon das ist bezeichnend, daß sie den Fluch über den Kopf des Tieres sprachen, den sie vom Rumpf trennten. Noch deutlicher spricht ein anderer Opferbrauch. Sie brannten nämlich dem heiligen Kalb ein Siegel ein, dieses aber zeigte einen Menschen, der kniend mit rückwärts gebundenen Händen den Todesstreich empfangen soll. Ähnlich wird von in China, Japan, Borneo, Peru berichtet. Daß auch bei den Griechen die gleiche Anschauung herrschte, zeigt die Erzählung vom Opfer der Iphigenie, an deren Stelle, die Hirschkuh getötet wurde. Allerdings ist in spätere Zeiten der Gedanke, daß die Tiere beim Opfer den Menschen ersetzen sollen, sehr verblasst. Allein das ist gewiss, daß er ehemals vorhanden war, und daß gerade er zur Einsetzung der Tieropfer führte.

Das Tieropfer ist undenkbar ohne göttliche Anordnung

Trotzdem würde diese Idee für sich allein nicht ausreichen, um die Hingabe von Tieren statt des Sünders zu erklären. Es begreift sich leicht, daß ein solches Opfer nicht bloß keinen Wert, sondern nicht einmal Sinn haben kann, es sei denn, daß es auf ausdrückliche göttliche Anordnung zurückgeführt werde. Von selber konnte der Mensch auf diesen Brauch nicht verfallen, noch weniger von ihm sein Heil abhängig denken, wenn nicht Gott es also befahl. Die Götter, sagt Plato, müssen die heiligen Gebräuche und die Opfer festgesetzt haben…

Unmöglich ist es ja, daß das Blut von Tieren als solches die Seele des Menschen von ihrer Verschuldung rein mache. (Hebr. 10, 5) Was hat das Tier mit meiner Schuld, was habe ich mit dem schuldlosen Tier gemein? Ich gebe von dem, was ich besitze oder was ich gekauft habe, etwas hin, um Gott durch ein Opfer zu beschwichtigen. Das ist aber auch alles, was ich vermag. Ich anerkenne damit meine Schuld vor Gott, aber getilgt wird sie auf solchem Wege nicht. Ich bekenne nur vorläufig und einstweilen, daß ich eigentlich mein Blut und Leben verwirkt haben aber ich bringe keinen vollgültigen Ersatz dafür. Ich tue, was ich kann, so wenig es auch ist, und spreche dadurch aus, daß Gott allein mir von meiner Sünde helfen, daß, wenn er denn einmal durch Blut beschwichtigt werden will, er selbst den sühnenden Priester machen und selbst das Opfer bringen muss, daß er allein sich mit mir versöhnt machen kann. Weiteres als den Ausdruck meines guten Willens also kann ich nicht bieten. Eine Beruhigung darüber, daß ich hiermit wirklich etwas zur Sühne meiner Schuld getan habe, kann ich nur unter der Voraussetzung haben, daß entweder Gott diesen Ersatz selber angeordnet habe oder doch in Gnaden hinnahm, und daß er ersetze, was mir nicht möglich ist, kurz, daß er im Lande des Lichtes selber den Priester mache, und daß wir all das, was wir hier unten im Opfer vollbringen, nur in seinem Namen tun.

Vierfache Idee des Tieropfers

Es liegt also in dem Dunkelsten und Schauerlichsten, was die alten Religionen alle samt und sonders festhalten, im Blutopfer, ein vierfaches Bekenntnis ausgesprochen.

Erstens: Die Menschheit hat eine Schuld auf sich geladen, die sie nur mit ihrem eigenen Blut und Leben sühnen kann.

Zweitens: Wenn sie Vergebung finden, wenn sie leben soll, so muss fremdes, unschuldiges Blut fließen zur Stellvertretung für das ihre.

Drittens: Bis dieses vollgültige Opfer vollzogen ist, muss die Menschheit stets bekennen, daß sie ihr Leben verwirkt hat und daß sie es nur im unschuldigen Blut wieder einlösen kann.

Viertens: Dieses Opfer, das ihre Schuld dereinst vollkommen sühnen soll, kann niemand bringen als Gott. Gott selbst muss sein eigener Priester, Gott selbst das Opfer werden, Gott selbst muss im Blut die Schuld der Menschen tilgen. Nur so kann Gott versöhnt, nur so der Mensch gerettet werden.

Prometheus wird so lange büßen, bis ein Gott freiwillig sein Leiden übernimmt und ein Unsterblicher für ihn stirbt. Das ist die Idee der Opfer im Blut.

Diese Überzeugung sehen wir besonders deutlich bei jenen Völkern vertreten, bei den die Menschenopfer im größten Maß zur Anwendung kamen, bei den Mexikanern und ihren Stamm- und Religions-Verwandten, den Chibchas in Neu-Granada. Der Unglückliche, der zum Opfer bestimmt war, vertrat nach ihrer Anschauung geradezu die Stelle der Gottheit. Ein ganzes Jahr lang trug er ihre Kleidung, ihren Schmuck. Es wurde ihm buchstäblich die Verehrung erwiesen, die man sonst den Göttern zollte. Man warf sich vor ihm zu Boden und machte vor ihm alle Zeichen der Anbetung und des Gottesdienstes. Auch in den Akten vom Martyrium der Heiligen Felizitas und Perpetua lesen wir, daß man die Männer als Priester des Saturn, die Frauen als Priesterinnen der Ceres gekleidet zum Tode führen wollte. (Act. SS. Felicit. et Perpetuae n. 18 ) Das alles war ein Ausfluss des Gedankens, daß nur Gott im Blut die Welt vom Fluch erlösen kann, den sie auf sich geladen hatte.

Allerdings ist das alles den Völkern schwerlich klar geblieben, aber sie konnten es auch nie völlig aus ihrem Geist tilgen. Unmöglich wäre es sonst zu begreifen, wie sie mit solcher Zähigkeit an diesen Opfern festhielten, die ihnen so schwere Entsagungen kosteten. –
aus: Albert Maria Weiß, Apologie des Christentums, Zweiter Band: Humanität und Humanismus, 1908, S. 273 – S. 281

Bildquellen

  • High_Priest_Offering_Sacrifice_of_a_Goat: wikimedia
Category: Altertum
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