Gräuel der Verwüstung in Jerusalem

Eine Mauer von Jerusalem

Gräuel der Verwüstung in Jerusalem 70 n. Chr.

Jerusalem! Es werden Zeichen geschehen!

Der Heiland hatte vorausgesagt: „Es werden Zeichen geschehen!“ An Ostern wurde bei den Juden auch nachts der Gottesdienst gehalten. Da geschah es, bevor der jüdische Krieg anfing, daß nachts um 9 Uhr, als das Volk im Tempel versammelt war, auf einmal eine große sonderbare Helle, so stark wie die Tageshelle, am Altar und im Tempel eine halbe Stunde lang strahlte. Das Tor zum Vorhof des Tempels war von Erz und so schwer, daß zwanzig Männer gebraucht werden mussten, die es jeden Abend mit Mühe verschlossen; dasselbe wurde dann mit Eisen beschlagenen Balken verwahrt. Dieses Tor ging mitten in der Nacht von selbst auf im Angesicht der Tempelwache, und nur mit Anstrengung konnte man es wieder verschließen. In der Nacht vor dem Pfingstfest hörten die Priester im Tempel ein Rauschen und Getöse, und dann viele Stimmen rufen: „Lasset uns von dannen ziehen!“ Am Himmel aber sah man einmal vor Sonnenuntergang Erscheinungen, wie große Kriegsscharen miteinander streiten, und einen brennenden Tempel.

Aufruhr der Juden gegen die Römer

Bald darauf fingen die Juden einen Aufruf und Krieg gegen die Römer an. Hauptsächlich waren sie durch Betrüger, welche sich für Propheten oder den Messias selbst ausgaben, sowie auch von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten dazu aufgehetzt worden. Nachdem die Römer das ganze jüdische Land erobert erobert, viele Ortschaften verheert und unzählige Juden nieder gemacht hatten, zogen sie vor die Hauptstadt Jerusalem. Viele tausend Juden aus allen Gegenden hatten sich dahin geflüchtet. Jerusalem war damals eine große Stadt und Festung. Man brauchte drei Stunden, wenn man um sie herum gehen wollte; sie war mit sehr starken, 15 Meter hohen Mauern umgeben.

Falsche Messiasse und Aufrührer

Ein Mann Namens Johannes hatte sich in der Stadt zum Herrn aufgeworfen; die schlechtesten, habgierigsten Menschen hielten sich zu ihm. Von diesen wurden die Einwohner in Jerusalem schrecklich gequält. Wer Vermögen oder Ansehen hatte, wurde unter dem Vorwand, sie hielten es mit den Römern, ums Leben gebracht. Auf diese Weise wurden allmählich 12000 Menschen in Jerusalem ermordet, bevor die Belagerung anfing. In der Not rief das Volk einen gewissen Simon, der mit einem jüdischen Heer in der Nähe sich aufhielt, zu Hilfe. Allein dadurch wurde die Not nur noch größer. Johannes besetzte mit seinen Anhängern den Tempel, der fast eine halbe Stunde im Umkreis hatte und mit tiefen Gräben und Mauern um geben war. Da geschah dann, was Jesus vorher sagte: Der Gräuel der Verwüstung an heiliger Stätte; es wurden nämlich viele Menschen mitten im Tempel ermordet, und zwar zuerst ein rechtschaffener Mann, Namens Zacharias, dessen Namen sogar der Heiland voraus gesagt hatte, und daß er am Altar ermordet würde. Simon besetzte die Königsburg Sion mit seinen Leuten.

Diese beiden, Johannes und Simon, führten nun Tag und Nacht Krieg, weil jeder den andern vertreiben wollte; dabei wurde von ihren Leuten ein Teil der Stadt angezündet, und zwar verbrannten meistens die Häuser, wo die Vorräte und Lebensmittel aufbewahrt waren für mehrere Jahre. Manchmal lagen in den Straßen ganze Hügel von toten Menschen. Wer aus dem Volk zu dem Simon hielt, der wurde von er Partei des Johannes geplündert und ermordet; und so umgekehrt. Endlich kam das römische Kriegsheer vor die Stadt. Die Einwohner von Jerusalem hätten sich gern übergeben, aber die fremden Aufrührer gaben es nicht zu. Die römischen Soldaten waren nicht imstande, die Stadt zu erstürmen. Nun ließ ihr Feldherr um die ganze Stadt eine Mauer und einen Graben errichten, so daß kein Jude entfliehen konnte, und daß auch niemand Lebensmittel in die Stadt bringen konnte.

Hungersnot in Jerusalem

Viele Einwohner verkauften nun ihr Hab und Gut, und damit die Räuber nichts bei ihnen fänden, verschluckten sie das Gold und gingen zu den Römern. Als aber dieses die Soldaten merkten, schnitten sie den gefangenen Juden die Bäuche auf, um das Gold zu finden – das geschah in einer Nacht einmal 2000. Nun wurde aber der Hunger immer größer in der Stadt, weil die ungeheure Menge Menschen von außen nichts mehr erlangen konnte. Die Aufrührer drangen mit Gewalt in die Häuser, durchsuchten alles, um Nahrungsmittel zu bekommen; fanden sie keine, so quälten sie die Leute im Haus auf das grausamste, in der Meinung, sie hätten die Nahrung versteckt. Mancher reiche Mann gab sein ganzes Vermögen hin um einen Scheffel Weizen, der dann umgemahlen verzehrt wurde. Kinder rissen den Eltern, die Mütter ihren Kindern die Speise aus dem Mund. Was die elendesten Tiere nicht fressen, wurde gierig von den Menschen verschlungen: Schuhe, altes Leder, selbst verdorbenes Heu, Kuhmist. Mit aufgesperrtem Mund liefen die Soldaten wie unsinnig oft in einer Stunde zwei-, dreimal in das nämliche Haus, um alles, selbst die toten Leiber, durchzuwühlen, ob sie keine Nahrung fänden. Einer vornehmen Frau war auch alles geraubt worden. Diese nahm ihr Kind, einen Säugling, im höchsten Hunger, tötete es und hat es dann am Feuer gebraten. Die eine Hälfte verzehrte sie, die andere Hälfte bewahrte sie auf. Durch den Geruch angezogen, kamen die Aufrührer und forderten von der Frau ihre Speise – da gab sie ihnen ihr halb gebratenes Kind. Aber selber diese wilden Menschen ergriff Schauder und Entsetzen.

Wer aus Hunger zur Stadt hinaus ging und von den Römern gefangen wurde, der wurde gekreuzigt. Die Römer hatten bald nicht mehr Holz genug, um für die vielen Juden Kreuze zu machen. In der Stadt selbst aber verhungerten die Menschen scharenweise: sie stürzten gerade auf den Straßen tot auf den Boden, viele brachten sich selbst aus Hungersnot um das Leben. Die Häuser und Gassen lagen voll verhungerter Weiber, Kinder und Greise. Es war unmöglich, die große Menge mehr zu begraben. Und es Geruches los zu werden, warfen die Juden die toten Körper über die Stadtmauer hinab: dieses geschah mit mehr als 500000. Da die Lebendigen aber selbst zu kraftlos wurden, weil die Armen dieses tun mussten: so wurden die Toten in große Häuser geschleppt, und wenn diese voll gefüllt waren, zugeschlossen. Und doch lagen die Straßen so voll Leichen, daß man darauf treten musste, wenn man gehen wollte.

Die Römer erstürmen Jerusalem und den Tempel

Endlich, nachdem die Römer oft vergeblich gestürmt hatten, wurde die Mauer durchbrochen. Vorher hatte der römische Feldherr allen Soldaten befohlen, den Tempel zu erhalten, weil er ein wunderbares Gebäude war. Er war von weißem Marmor gebaut, und selbst von außen zum Teil vergoldet: von weitem sah er aus wie ein Berg von Schnee; wenn die Sonne aufging, schimmerte er wie feurig, und sein Glanz blendete die Augen wie die Sonne selbst. Aber der Heiland hatte gesagt: „Es wird kein Stein auf dem andern bleiben“; und so war es auch von Gott beschlossen. Die Juden wehrten sich noch voll Verzweiflung im Tempel. Da faßte ein gemeiner Soldat, der nicht mehr an den Befehl des Titus dachte, ein brennendes Stück Holz und warf es durch ein Tempeltor, und der Tempel fing an zu brennen. Da erhoben die Juden ein unermessliches Jammergeschrei; sie wehrten sich nicht mehr gegen die Römer; der herrliche Tempel war ihnen lieber als das Leben: sie suchten nur zu löschen. Auch Titus befahl seinen Römern, zu löschen. Allein sie hörten in der Wut nicht mehr auf ihn, sondern metzelten am Altar, wo sonst jährlich mehrere tausend Stück Vieh geopfert wurden, das wehrlose Volk nieder. Und so verbrannte der große, prächtige Tempel, während das Blut der Juden stromweise vergossen wurde, am nämlichen Tag und im nämlichen Monat, da der erste Tempel von den Babyloniern war verbrannt worden. Die Flamme war so groß und gewaltig, daß es aussah, als brenne der Hügel, worauf der Tempel stand, von der Wurzel aus. In eine Halle hatten sich 6000 Weiber und Kinder geflüchtet; auch diese wurde von den Soldaten angezündet, und alle Leute darin lebendig verbrannt. Die ärgsten Empörer hatten sich zurück auf die Königsburg gezogen und wehrten sich von dort aus. Aber in kurzer Zeit wurden sie dort auch überwältigt – die ganze Stadt wurde nun vollends angezündet, und wen die Soldaten trafen, ermordet.

Jerusalem wird geschleift, die Juden werden versklavt

Als die Belagerung anfing, war das Osterfest; darum war das jüdische Volk aus allen Gegenden des Landes in Jerusalem zusammen gekommen – diese Menschenmenge wurde aber von er Belagerung überfallen und konnte nicht mehr in ihre Heimat zurück kehren. Daher kommt es, daß in Jerusalem während der Belagerung 1100000 Juden zu Grunde gingen. Unter den Gefangenen starben noch 11000 vor Hunger, weil ihnen die Wächter aus Hass nichts zu essen gaben; viele wollten auch nich essen, sondern lieber sterben, als das Elend überleben. Die übrigen wurden als Sklaven teil verschenkt, teils versteigert. Einige Tausend mussten später noch an einem Festtag miteinander und mit wilden Tieren kämpfen und einander selbst morden zum Vergnügen der Heiden. Die Stadt wurde nun geschleift und jede Mauer vollends zusammen gerissen, so daß alles dem Boden gleich gemacht wurde und man kaum den Platz mehr kannte, wo Jerusalem gestanden war. Es wurde zwar später wieder eine Stadt dort gebaut, aber sie ist klein und unbedeutend und gehört nicht den Juden.

Als aber der römische Kaiser Julian zweihundert Jahre später den Juden Erlaubnis gab, den Tempel wieder zu bauen, zogen die Juden mit großer Freude hinaus und wollten den Schutt aufgraben; sie hatten sich in übermäßiger Freude silberne Schaufeln dazu machen lassen. –
Da fuhren Feuerflammen aus dem Boden, und sie mussten alles liegen lassen, und der Tempel wurde nie mehr gebaut. (siehe den Beitrag: Der gescheiterte Wiederaufbau des Tempels)

Der nämliche, welcher das Ende Jerusalems voraus gesagt hat (siehe den Beitrag: Christi Weissagung bekräftigt seine Gottheit), hat aber auch das letzte Gericht und auch die ewige Verdammung des Sünders voraus gesagt. Und wie genau die Weissagung über Jerusalem erfüllt ist worden, so genau erfüllt sich auch die Weissagung über dein Schicksal nach dem Tod und beim Gericht, wenn du nicht zeitig umkehrst. Die Juden haben nicht geglaubt, was Jesus prophezeit hat; deswegen haben sie sich beim Ausbruch des Krieges nach Jerusalem geflüchtet, in der Meinung: dort seien sie sicher, und sind so jämmerlich zu Grunde gegangen. Die Christen haben daran geglaubt, und wo sie die Zeichen gesehen haben, so haben sie sich aus Jerusalem und Judäa geflüchtet in eine andere Landschaft und sind gerettet worden. Gleichmäßig geht es mit der Hölle: wer die Drohung Christi glaubt, wird sich retten; wer sie nicht glaubt, wird hinein rennen. –
aus: Alban Stolz, Gesammelte Werke Das Vaterunser und der englische Gruß, Teil 3, 1898, S. 53 – S. 59

Bildquellen

Category: Altertum, Stolz
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