Gewissensfreiheit und Gewissenlosigkeit

Über Gewissensfreiheit und Gewissenlosigkeit

Wenn du irgendwo stolperst und vorwärts stürzest, so ist das erste und geschwindeste Geschäft, daß du die Hände schnell vorstreckst. Du tust dies nicht aus langsamer Besinnung, sondern es ist dir so in die Arme gefahren im nämlichen Augenblick, da die Füße in Unordnung gekommen sind. Selbst das Kind, wenn es noch nicht zwei Jahre alt ist, macht es so, ohne daß ihm jemand Unterricht gegeben hat. Es ist nämlich in dem lebendigen Leib eine Art Aufsicht, ein geisterhafter Vormund, welcher dem Kind und dem Alten inne werden macht, und treibt, was er geschwind tun soll, um sich vor größerem Schaden zu wahren. Ebenso ist auch dem vornehmeren Teil des Menschen, der Seele, ein Vormund gesetzt, ein Innewerden und ein Anregen, was zu tun sei, damit die Seele nicht in Schaden komme. Und dieses Innewerden heißt man das Gewissen. Nur ist eben zwischen Leib und Seele ein starker Unterschied: am jungen Leib wächst alles von selber, Arme, Füße, Rückgrat, und auch der Kopf wird von selber so dick, als notwendig ist. Aber mit der Seele ist es wie mit einer ausländischen heiklen Pflanze: sie braucht ihre besondere Abwartung, wenn sie nicht zu Grunde gehen soll.

Verstand, Kenntnisse, anständiges Betragen usw. gedeihen ohne Beihilfe von Lehrern und Erziehern ebenso wenig, als ein Kind von selber sprechen lernt, wenn es wild im Wald aufwachsen würde. So ist es auch mit dem Gewissen. Der Keim dazu ist zwar in jeder Menschenseele; aber wenn er nicht klein und kümmerlich bleiben soll, so muss er geweckt und gepflegt werden, damit im Menschen ein gesundes, kräftiges Gewissen gedeiht. Daran ist aber sehr viel gelegen; denn das Gewissen soll der Fuhrmann sein über all deine Kräfte, über dein Tun und Lassen, über deinen ganzen Wandel, damit alles auf dem rechten Weg bleibt, und wenn die Seele aussteigen muss und der Leib wie eine ausgeleerte Kiste auf dem Lagerhaus des Kirchhofs beiseite gelegt wird, jene an einem guten Platz kommt. Ist nun der Fuhrmann eingeschlafen oder betrunken oder vom Brett gefallen, so wird es mit dem Fuhrwerk ganz schlecht gehen und stehen.

Das findet man nun auch so mit dem Gewissen: das Gewissen kann nämlich auch einschlafen; wenn der Mensch das Wort Gottes nicht mehr hört und liest, da macht ihm das Gewissen bald keine Unruhe mehr und mahnt ihn nicht mehr, es läßt den Menschen laufen nach seinen Gelüsten. Oder es kann betrunken werden, wenn der Mensch schlechte Zeitungen und Bücher liest und liederliche Kameradschaft hat; der Mensch bekommt dadurch ganz schlechte Ansichten, z. B. daß es nach dem Tod aus sei und der am gescheitesten sei, welcher alles treibt, was ihm gelüstet. Wohin das aber den Menschen oft führt, wenn er das Gewissen gleichsam abgeworfen hat, das sieht man in den Zuchthäusern und auch in den Spitälern großer Städte, und ganz besonders bei den Selbstmördern – und wird man am schrecklichsten sehen auf der linken Seite beim letzten Gericht.

Solche Leute nun, welche vom Gewissen nicht mehr geplagt werden, heißt man gewissenlos; und gewissenlose Menschen sind so gefährlich wie bösartige Narren. Denn es ist niemand vor ihnen sicher, daß man nicht von ihnen verleumdet, betrogen oder sonst in Schaden gebracht wird. Nun aber wird jedenfalls im katholischen Land zwischen Gewissenlosigkeit und Gewissensfreiheit kein großer Unterschied sein; und in der Tat sind die, welche für Gewissensfreiheit schreiben oder schreien, oft verdorbene, gewissenlose Menschen. Allein sie verstehen doch etwas anderes unter Gewissensfreiheit. Sie sagen so: „Es soll jedem frei stehen, zu denken und zu glauben, was er will, das ist Gewissensfreiheit. Hingegen die katholische Kirche begehrt: man solle sein eigenes Urteil in religiösen Dingen den Glaubenssätzen der Kirche unterwerfen, d. h. sich nicht nach dem richten, was einem das Richtige scheint, sondern nach dem, was die Kirche lehrt. – „Das ist Geisteszwang und Geistesknechtschaft.“ So sagen die, welche mit dem Gewissen schwindeln und fackeln wie mit einer brennenden Kerze, so daß sie zuletzt ganz auslöscht. (siehe den Beitrag: Gewissen und Kantische Autonomie) –

Ich aber sage so: Gerade deswegen, weil der Mensch von selber die höhere Wahrheit von Gott und unserer Bestimmung nicht vollständig findet, ist Christus gekommen, das Licht der Welt mit seiner Offenbarung, und hat eine Kirche eingesetzt, welche den Auftrag hat, seine Wahrheit zu allen Zeiten unverfälscht zu lehren; daher wird auch die Kirche in der Heiligen Schrift eine Grundsäule und Grundveste der Wahrheit genannt; deswegen sind die Lehren der Kirche fest wie die Sterne am Himmel. Wer aber nur seinen Einfällen in religiösen Dingen folgt, der gleicht einem Menschen, der Irrlichtern nachspringt. Es ist ein heilloser Wahnsinn, womit viele Tausende ihren eigenen Geist blenden und ihr Gewissen betäuben: nämlich die Meinung, Gott und Gottes Gesetze und Gottes Gericht, das richte sich nach den Einbildungen eines Privatmenschen. So gewiß die Sonne doch am Himmel steht, wenn auch der Blinde tausendmal leugnet, daß es eine Sonne gibt; und so gewiß das Wasser zu Schnee und Eis werden kann, wenn auch der Mohr im heißen Afrika drin solches für unmöglich hält, weil er es noch nie gesehen hat: ebenso gewiß ist alles wahr, was das Christentum lehrt, wenn auch Millionen Menschen dagegen schreien: es sei Dummheit und Unsinn, daran zu glauben. siehe den Beitrag: Das gute Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen)

Mit dem Leben läßt sich aber nicht spielen; ist der rechte Weg verfehlt, so kann man ihn nicht noch einmal machen; ist die Seele ausgeflogen, so kann man sie nicht noch einmal zurück rufen und den faulenden Leichnam zu einem frischen unschuldigen Knaben machen. Und der Mensch wird nicht nur gerichtet nach seinen Werken, sondern auch nach seinem Glauben, insoweit es ihm möglich war, den richtigen zu erlangen oder zu haben. Derjenige, welcher kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten, sagt ausdrücklich: „Wer nicht glaubt, wird verdammt werden.“

Darum ist Gewissensfreiheit ein schönes Wort, aber eine grundschlechte Sache: mit der Gewissensfreiheit ist dem Menschen ein solches Mordgeschenk gemacht, wie wenn man einem leckerhaften Buben volle Freiheit gibt, in einer Apotheke zu nehmen, was ihm beleibt; jede Schublade und Büchse und Flache steht ihm offen ohne Aufsicht und ohne Warnung. Der Bub ginge vielleicht am ersten tag schon zu Grunde, da er leicht an irgend ein Glas, z. B. Blausäure, geraten würde, die so unschuldig und hell aussieht und nach Kirchenkernen schmeckt. Die Erfahrung zeigt nun auch, daß Leute, die von der Gewissensfreiheit Gebrauch machen, hauptsächlich ihre religiösen Ansichten nach zwei Dingen richten:

1. danach, was ihnen am angenehmsten wäre, z. B. solche Leute wollen kein Gericht und keine ewige Verdammnis gelten lassen; und Gott selbst verstümmeln sie gleichsam, indem sie nur Gottes Barmherzigkeit gelten lassen, aber seine Heiligkeit und seine furchtbare Gerechtigkeit wegschneiden, d. h. nichts davon wissen mögen;

2. richten sie ihre Ansichten nach den Büchern und Zeitungen, die sie lesen. Die meisten Menschen, wenn sie auch erwachsen und in ihrem Geschäft gescheit sind, haben wenig eigene Gedanken; was sie für eigene Gedanken ansehen, sind bloß die Fetzen und das Spülicht, was ihnen von ihrer Leserei noch im Kopf geblieben ist.

Menschen, welche aus dem Schwätzen ein Geschäft machen, wie z. B. der Ronge, oder die, welche Versammlungen in Offenburg oder Mannheim besuchen, um ihre Zungen turnen zu lassen, oder Zeitungsschreiber oder wortsüchtige Professoren bringen eben bei jeder Gelegenheit ihre verkehrten, dem christlichen Glauben feindseligen Äußerungen vor. Alle dann, welche das ganze Jahr keine Predigt hören, dafür aber alle Tage Zeitung lesen und das Bierhaus besuchen, alle diese glauben dann steif und fest an dieses gedruckte und gesprochene Geschwätz und reden auch so und meinen: es seine ihre eigenen Gedanken, was sie reden – während sie als wahre Schulbuben ihrer Zeitung nachschwätzen, was ihnen diese vorgeschwätzt hat. Da aber die Zeitungen, welche den Bierhaussitzern am besten gefallen, meistens von religiös verdorbenen Menschen geschrieben werden: so nehmen dann die Leser auch ihre schlechten Grundsätze an und werden gewissenlos und sterben in ihren Sünden. –
aus: Alban Stolz, ABC für große Leute, 1913, S. 34 – S. 39

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