Freie Wahl zwischen Wahrheit und Irrtum

Der Mensch kann zwischen Wahrheit und Irrtum wählen

Warum hat der Mensch die reine Quelle der Wahrheit getrübt?

… welche ihm in der ursprünglichen Offenbarung floß? Die Schrift hat hierauf die Antwort gegeben. „Toren“, spricht sie (Weish. Kap. 13), „sind alle Menschen, bei denen keine Kenntnis Gottes ist, und die aus dem Guten, das sichtbar erscheint, den nicht zu erkennen vermochten, der da ist, und die, ob sie gleich die Werke betrachteten, nicht erkannten, wer der Meister ist, sondern entweder das Feuer, oder den Wind, oder die leicht bewegliche Luft, oder den Kreis der Gestirne, oder das mächtige Wasser, oder Sonne und Mond für Götter hielten, welche die Welt regieren. Wenn sie dann, von der Schönheit dieser Dinge hingerissen, sie für Götter hielten, so hätten sie erkennen sollen, wieviel schöner der Meister derselben ist; denn der Urheber der Schönheit hat sie erschaffen…“

Und der Apostel (Röm. 1, 21-26) schreibt von den Heiden: „Da sie Gott erkannten, gaben sie ihm nicht die Ehre, noch dankten sie ihm, sondern sie wurden töricht in ihren Gedanken, und es ward verfinstert ihr unverständiges Herz. Und indem sie sagten, sie seine Weise, sind sie Toren geworden. Und sie verwechselten (vgl. Ps. 105,20) die Herrlichkeit des ewigen Gottes mit dem Gleichnisbild eines sterblichen Menschen und Geflügels und vierfüßiger und kriechender Tiere. Darum übergab sie Gott den Begierden ihres Herzens in Unreinigkeit, so daß sie ihre eigenen Leiber mit Schmach bedeckten, weil sie verwandelten die Wahrheit Gottes in Lüge, die Kreatur anbeteten und ihr dienten statt dem Schöpfer. Und darum übergab sie Gott allen schmählichen Lüsten.“

Die heidnischen Religionen sind eine Entstellung der ursprünglichen Offenbarung, und diese Entstellung, diese Herabwürdigung Gottes ist des Menschen eigene Schuld. Der Mensch kann die ursprüngliche Religion entstellen, er kann der Wahrheit Irrtümer beimischen, denn er ist frei. Er ist frei in der Wahl zwischen Wahrheit und Irrtum, wie er frei ist in der Wahl zwischen gut und bös. Der Irrtum, wenn er seinen Leidenschaften schmeichelt, dünkt ihm wahrer als die Wahrheit, die seinem Stolz, seiner Sinnlichkeit entgegen tritt. Das Wort: „Was der Mensch wünscht, glaubt er“, hat einen tiefen Sinn. Darum ist er auch frei in der Wahl zwischen wahrer Religion und falscher Religion; denn die Religion ist nicht bloß Wissenschaft, die Religion ist Tugend. Der Glaube an die Wahrheit fordert Heroismus, eine große Seele, die nicht marktet und feilscht, die vor keiner ihrer Forderungen zurück bebt. Gott zwingt den Menschen nicht zur Tugend, ebenso wenig zwingt er ihn zur Religion. Solange es lasterhafte Menschen gibt, so lange wird es auch irreligiöse geben; denn der letzte Grund ist immer derselbe, es ist die menschlichen Freiheit.

aus: Franz Hettinger, Apologie des Christentums, Fünfter Band, 1908, S. 478-480

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