Verirrungen auf dem Gebiet der Mystik

Die Verirrungen auf dem Gebiet der Mystik

Die Geschichte der Philosophie ausgenommen, weist kaum irgend ein anderes Gebiet so viele und so entgegen gesetzte Irrtümer auf wie das der Mystik. Eine erschöpfende Darstellung und Würdigung dieser Verirrungen verlangte ein sehr umfangreiches Werk. Für unsere Zwecke handelt es sich indes nur um die bedeutendsten Fehlgriffe, damit wir im folgenden genau wissen, welche Irrtümer wir zu vermeiden haben und auf welche Fragen wir das meiste Gewicht legen müssen.

Nebenbei leistet uns dieser Überblick freilich auch noch andere Dienste. Die landläufige Phrase, womit sich der sog. Rationalismus selber auf den Mund schlägt, die Phrase, die der träge Schlendrian, der schlaue Utilitarismus und merkwürdiger Weise auch die modernen Prediger des allein seligmachenden sozialen Wirkens aus seinem Inventar übernommen haben, die traurige Maxime, an der Theorie liege so viel nicht, auf die Praxis allein komme es an, sie wird hier aller Welt in ihrer Unwahrheit und Gefährlichkeit vor Augen geführt. Was wir in den früheren Bänden so oft glaubten hervorheben zu müssen, der Grundsatz, daß eine Irrlehre oder eine Wahrheit allgemeiner Art um so mehr ihren praktischen Einfluss geltend mache, je weiter sie in ihren Konsequenzen und äußersten Ausläufern verfolgt werde, er drängt sich uns hier hundertmal in der greifbarsten Gestalt und in den warnendsten Beispielen auf.

Diese Warnungsbeispiele sind oft so schrecklicher unnatürlicher Art, daß wir in einem Werk, das für einen großen Leserkreis bestimmt ist, davon nicht sprechen können. Jedoch schon das Wenige, was wir anführen, ist ein sprechendes Zeugnis dafür, daß gerade die höchsten Anstrengungen des Geistes einer strengen Zucht und Überwachung nicht entbehren können, und daß sie sich nur auf einem festen Boden, sagen wir es genauer, daß sie sich nur auf dem Boden des Glaubens, der kirchlichen Zucht und des praktischen kirchlichen Lebensgedeihlich entwickeln können.

Wer das in Abrede stellt aus Furcht, die Einmischung der kirchlichen Autorität könnte den Geist auslöschen oder ihm doch den Aufschwung erschweren, der macht sich zum Mitschuldigen an den gerügten Ausschreitungen und verteidigt unter dem Namen Geistesfreiheit Zügellosigkeiten, die der Menschennatur selber an ihre Ehre greifen.

Denn in der Tat, wenn man den Menschen von seiner unliebenswürdigsten Seite kennen lernen will, so hat man leicht über reichlich Gelegenheit dazu auf dem Gebiet, von dem wir sprechen. Vom unbändigsten Hochmut bis zur schmählichsten Wegwerfung an die niedrigsten Ausschweifungen finden wir da alle Leidenschaften vertreten. Kein Irrtum über Gott und Mensch und Welt und über die Aufgabe des Lebens, der hier nicht zum Vorschein käme. Man begreift, wie eine lebhafte Phantasie, die das alles an sich vorüber ziehen läßt, auf die Bilder vom Blocksberg und vom Hexensabbat kommen musste, und wie sich die Vorstellung von einem geheimen Teufelskult so hartnäckig in den Geistern festsetzen konnte. Nicht wenige Erscheinungen, denen wir hier begegnen, sind wirklich so häßlicher Art, daß einer den Glauben an ein Hereingreifen des Bösen weniger anstößig finden muss als die Annahme, der Mensch habe sich allein, ohne dessen Mithilfe, auf so grauenhafte Abwege verlieren können.

Dieser Gedanke tritt einem schon gleich entgegen, wenn man sich die Verirrungen auf dem Gebiet der Ansichten über Gott vor Augen hält.

Unzweifelhaft erscheint gerade dem, der mit Ernst über das Dasein nachdenkt, die Macht des Bösen so gewaltig, so übermenschlich, fast möchte man sagen, so göttlich, daß es eines sehr klaren Lichtes bedarf, um darüber nicht irre zu gehen.
Der gefallene Mensch wußte sich denn auch diesen Gegensatz von gut und bös nicht anders zurecht zu legen als so, daß er das Böse wie das Gute vergötterte, wobei es die innere Wahlverwandtschaft wie auch die abergläubische Furcht ganz natürlich mit sich brachte, daß der angeblichen bösen Gottheit und ihren dienstbaren Mächten mehr Aufmerksamkeit und oft auch mehr Dienst erwiesen wurde als der Lichtgottheit. Von einem Ende der Erde zum andern herrscht fast überall in alten Zeiten der Dualismus, nicht bloß in den eigentlich dualistischen Mythologien und Religionssystemen, wie in Babylon, Persien und Ägypten, oder in den scheußlichen gnostischen Sekten, sondern auch in den übrigen Religionen, in Griechenland und Rom nicht minder wie im germanischen Norden. Das Dämonische und Spukhafte, die Legionen verdächtiger Mittelwesen, mit denen die krankhafte kabbalistische und gnostische Phantasie die Zwischenräume zwischen und und ihnen ausfüllte, die zauberischen Mittel, um sich der unheimlichen jenseitigen Mächte entweder zu erwehren oder sie zu bezwingen und dienstbar zu machen, ja die buchstäblich dämonischen Übungen, die zu ihrer Beschwichtigung oder Gewinnung dienen sollten, die unmenschliche Torheit, die Menschen mörderische Bosheit, die sich dabei oft kund gibt, das alles ist so allgemein verbreitet, tritt oft so seuchenartig auf und hat sich so tief in die Geister eingefressen, daß man am Menschen irre werden möchte.

Es ist eine wahre Erleichterung für den Menschenfreund, denken zu dürfen, daß seine Mitbrüder hier auf Erden denn doch nicht die ganze Schuld daran allein tragen. Mag auch vielfach mit dem Wort Satanismus arger Missbrauch getrieben worden sein, deshalb muss man die Augen nicht vor unleugbaren Tatsachen schließen. (1) Darum verdienen in unsern Augen selbst die, welche im Glauben an die Einmischung Satans unzweifelhaft zu weit gehen, nicht die bitteren Vorwürfe, die man so gern auf sie schleudert, sondern eher Entschuldigung, weil sie gewiß häufig nur aus barmherziger Liebe zur Menschheit dem Teufel zu viel Anteil an den menschlichen Taten zuschreiben, um nicht den Menschen selber zum Teufel machen zu müssen. (2)

Auf diesem Weg hat also die Mystik ihre höchste Aufgabe, die Ausgleichung der großen Gegensätze von diesseits und jenseits, von gut und bös, vom Natürlichen und Übernatürlichen, vom Göttlichen und Menschlichen, gründlich verfehlt.
Um diesem Ziel näher zu kommen, hat sich der menschliche Geist, wie das ja immer seine Art ist, auf die entgegen gesetzte Seite mit solch blinder Entschlossenheit geworfen, daß er von der richtigen Mitte ebenso weit abwich wie das eben geschilderte Extrem. Während der Dualismus den Ausgleich zwischen den großen Widersprüchen, denen sich der denkende Geist gegenüber findet, dadurch bewerkstelligen wollte, daß er sich mit jedem möglichst gut zu stellen, ja eins zu machen strebte, suchte diese neue Richtung eine vollkommenere Überwindung der Gegensätze, ja die denkbar vollkommenste Einheit alles sinnlichen und Übersinnlichen dadurch herzustellen, daß sie alles in ein unterschiedsloses Ganzes vermengte oder, um modern zu sprechen, in einem höheren Dritten aufhob. So entstanden die verschiedenen Denkrichtungen, die man unter dem Namen Pantheismus zusammen faßt.

Auf die verschiedenen Arten des Pantheismus näher einzugehen und dabei zu zeigen, wie nahe sich auch hier die größten Gegensätze, der Dualismus und der Pantheismus, oft berühren, hat für uns keinen Zweck. Ob man mit dem Emanatismus die Welt als einen Ausfluss aus dem Wesen Gottes betrachtet oder Gott als die Immanenz, als den eigentlichen Inhalt der Welt auffaßt, ob man unter der Gottheit schlechterdings nichts anderes versteht als die Gesamtheit der bestehenden Dinge wie es der Identitäts-Pantheismus tut, oder ob man die Welt nur als einen Teil Gottes auffaßt, sei es daß man mit dem Pantheismus der Transzendenz einen über sie hinaus gehenden und noch nicht zum Seienden verdichteten göttlichen Urnebel annimmt, sei es daß man mit dem hylozoistischen Pantheismus Gott als die Weltseele von der Welt selber unterscheidet, ob man realistisch Gott als die Summe alles Greifbaren und Sinnfälligen erklärt oder idealistisch das Sinnliche derartig vergöttlicht, daß man es lediglich als Schein und Sinnestäuschung erklärt, das alles ergibt für den Gesichtspunkt, unter dem wir hier den Pantheismus betrachten, keinen bedeutenden Unterschied.

Was hierbei für die Mystik den Ausschlag gibt, das ist das, was allen pantheistischen Verirrungen gemeinsam ist, einerseits die heillose Vermischung des Sinnlichen und des Geistigen, des Geschichtlichen und des Ewigen, der Weltvorgänge und des Sittlichen, anderseits die Verdrängung des Menschen aus seiner richtigen Stellung durch die Leugnung der Willensfreiheit.

Infolge der erstgenannten Verirrung wird nämlich der Gegensatz zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, zwischen Idee und Wirklichkeit als gleichbedeutend mit dem Gegensatz von gut und bös aufgefaßt. Welch schwere Folgen da aber für das sittliche Leben haben muss, liegt auf offener Hand. Entweder wird dadurch die Materie, das Sinnliche, der Körper mit seinen Bedürfnissen, ja das Dasein selbst als Sünde und böse aufgefaßt, wie es in so vielen mystischen Irrlehren geschieht, angefangen vom Buddhismus und von Philo bis herab zu Schleiermacher und Schelling, oder es wird umgekehrt das Böse als rein natürlich und notwendig, folglich als sittlich gleichgültig dargestellt, und damit allem Laxismus und Antimonismus Tür und Tor geöffnet und für die entsetzlichsten Gräuel eine philosophische, ja eine dogmatische Rechtfertigung gefunden. In der Tat haben auch die Gnostiker, die Brüder des freien Geistes und die Anhänger von Molinos zusamt den zahllosen libertinistischen und muckerischen Sekten geringeren Namens kein Bedenken getragen, sich auf diesem Weg zu rechtfertigen. Und es ist auch schwer, dagegen etwas einzuwenden, wenn die Begriffe von gut und bös nichts weiter sind als in der Natur des Seienden gelegene, oder wie sich Jakob Böhme ausdrückt, kosmische Gegensätze.

Damit ist aber auch bereits der weitere Irrtum angebahnt, von dem wir soeben sprachen, die Verdrängung des Menschen aus seinem Recht und seiner Pflicht, aus seiner Macht und seiner Verantwortung. Entweder, wenn er es gerne mit dem Bösen hält, folgert er daraus, er könne ja nicht anders als ihm folgen. Oder er hält es, wenn der Stolz seinem Trieb für das Bessere zu Hilfe kommt, für seine Aufgabe, den Unterschied zwischen Geist und Materie, zwischen sich und Gott ebenso zu überwinden wie den zwischen gut und bös, und redet sich zuletzt ein, daß er ganz wohl das Sinnenleben übersteigen, das Irdische abstreifen und in Gott übergehen, ja aufgehen könne. Beides haben auch zahlreiche pseudomystische Sekten wirklich gelehrt.

Obwohl also der Mensch durch den Pantheismus scheinbar zu einer ganz unerfaßlichen Höhe hinauf gehoben wird, so wird er doch eben dadurch von seiner richtigen Stelle gerückt und damit auch der ihm zustehenden Macht beraubt.

Nach der einzig zulässigen Anschauung bleibt der wesentliche Gegensatz zwischen Gott und dem Menschen, zwischen sinnlich und geistig, zwischen natürlich und übernatürlich für immer bestehen und kann niemals aufgehoben werden. Der Gegensatz von gut und bös hat damit nichts zu schaffen. Dieser liegt nicht im Wesen des Geschöpflichen, sondern er ist durch die Freiheit und des Geschöpfes, richtiger gesagt, durch den Missbrauch der Freiheit hervor gerufen worden. Er kann also auch nur durch die Freiheit des Menschen, d. h. nur durch den richtigen Gebrauch der Freiheit wieder beseitigt werden. Der natürliche und wesentliche Unterschied zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen wird aber dadurch nicht aufgehoben, er ist vielmehr so groß, daß auch die höchste Vervollkommnung des Geschöpflichen den Abgrund nicht ausfüllen wird. Nie und nimmer kann das Endliche solche Fortschritte machen, daß es des Unendlichen habhaft würde oder daß es vollends ins Unendliche überginge.

Nur durch die freiwillige Herablassung Gottes auf der einen und durch die freiwillige sittliche Tätigkeit des Menschen auf der andern Seite läßt sich eine Brücke über diese Kluft bilden, die gleichwohl auf ewig fortdauert.

Diese Lehre mag immerhin geeignet sein, den menschlichen Stolz etwas zu demütigen, indem sie den vermessenen Ikariden aus den himmlischen Höhen auf die Erde zurück verweist. Dafür stellt sie ihn auf festen sicheren Boden und macht ihn zum freien, selbständigen Herrn nicht nur seiner selbst, sondern auch der Welt um ihn, ja zum Mittelpunkt des Gottesreiches selbst, das Gott zwar begonnen, das er jedoch der Tätigkeit des Menschen zum Ausbau überlassen hat.

(1) Dt. 32, 17; Ps. 95, 5; 1. Kor. 10, 20; Cypr., Idol. 7; August., Civ Dei 8, 14ff; Euseb., Praep. 4, 15ff.
(2) Vgl. II, 13. Vortrag, 518ff; 555ff. –
aus: Albert M. Weiß, Apologetik, Bd. 1, 1905, S. 53 – S. 60

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