Dualismus

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Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Dualismus

Dualismus ist im Allgemeinen die Lehre von der Zweiheit der Prinzipien. Wo immer in irgend einer Beziehung ein doppeltes Prinzip angenommen wird, da spricht man von Dualismus. Wir haben hauptsächlich drei Formen des Dualismus zu unterscheiden: den theologischen, den kosmologischen und den anthropologischen.

1. Der theologische Dualismus nimmt zur Erklärung des Welträtsels zwei Urprinzipien, zwei Weltursachen an. In milderer Form finden wir denselben vertreten in der Annahme eines ewigen Weltstoffes neben dem persönlichen Gott. Einen ewigen Weltstoff nahmen alle alten Naturphilosophen Griechenlands an, aber erst die späteren trennten von ihm die bewegende Kraft und stellten diese als gleich ewiges Prinzip dem Weltstoff gegenüber. Anaxagoras bestimmt dasselbe schon als zweckmäßig handelnde Intelligenz… Erst bei Plato erhält dieser Dualismus seine bestimmt ausgeprägte Form in der Annahme eines ewigen, formlosen, aber jeder Form fähigen Weltstoffes und eines ewigen persönlichen Weltbildners, welcher nach ewigen Ideen den Stoff gestalte. Der Stoff war nach ihm die Ursache, daß der Weltbildner die Ideen nicht rein und beharrlich, sondern nur entstellt und vorüber gehend, sowie in einer Vielheit von Exemplaren zersplittert in der Erscheinungswelt darstellen konnte; der Stoff war demnach aller Unvollkommenheiten und Übel in der Welt. Auch Aristoteles statuiert einen qualitätslosen Urstoff als passives und einen ersten unbewegten Beweger als aktives Urprinzip und spricht es zuerst bestimmt aus, was Frühere nur unsicher andeuteten, daß nicht allein die beiden Urprinzipien, sondern auch das durch sie bewirkte Weltgebäude ewig seien. Dieser Dualismus erhielt sich bei den älteren und auch noch teilweise bei den arabischen Peripatetikern (Averros). – In strengerer Form stellt der Dualismus an die Spitze der Welt zwei persönliche Urprinzipien, einen guten und einen bösen Gott. Man kam auf diesen Dualismus schon in den ältesten Zeiten, um den Ursprung des Bösen in der Welt zu erklären. Die Ursache muß nämlich der Wirkung ähnlich sein: folglich setzen entgegen gesetzte Wirkungen entgegen gesetzte Ursachen voraus, und somit muß, so scheint es, das Böse in der Welt auf ein böses, wie das Gute auf ein gutes Urprinzip zurück geführt werden. Fast in allen heidnischen Religionen herrscht die Vorstellung von guten und bösen Gottheiten. Eine ausgeprägt dualistische Gestalt hat sie im Parsismus gefunden, in der Annahme eines Gottes des Lichtes (Ormuzd) und eines Gottes der Finsternis (Ahriman), welche beständig im Kampf miteinander sind. Übrigens war dieser Dualismus nicht ursprüngliche Lehre Zoroasters. Ursprünglich galt Ormuzd als alleiniger Gott und Weltbeherrscher; erst später tritt Ahriman aus der Finsternis hervor, aber bleibt auch dann noch in Inferiorität dem Ormuzd gegenüber. Demselben Dualismus begegnen wir später in der christlichen Zeit in den meisten gnostischen System und besonders im Manichäismus. Auch hier werden ein gutes und ein böses Prinzip, der Gott des Lichtes und der Finsternis, im beständigen Kampf mit einander, sich gegenüber gestellt. – Der theologische Dualismus ist vernunftwidrig in seiner milden wie in seiner strengeren Form. Das Wesen, welches als der letzte Grund alles Seins gedacht wird, muß durch sich selbst existieren, daher absolutes Wesen und als solches absolute Einheit und Einzigkeit sein. Gesetzt, es existierte ein ewiger Weltstoff, so müßte derselbe durch sich selbst existieren, also das Sein durch seine Wesenheit, mithin nach seiner ganzen Fülle besitzen, d. h. unendlich vollkommen sein. Aber ein unendlich vollkommener Stoff könnte nicht gestalt- und qualitätslos, überhaupt kein Stoff, sondern nur der unendliche Gott sein, und neben diesem könnte kein zweiter unendlicher Gott existieren. Noch absurder ist der strenge Dualismus, die Annahme eines bösen Gottes. Denn das Böse ist Privation, ist mangel einer Vollkommenheit. Ein unendlich böses Wesen würde gar keine Vollkommenheit, gar keine Realität haben, würde nichts sein. Ferner, ein ewiges böses Wesen müßte durch sich selbst existieren, daher unendlich vollkommen und somit als böses Wesen unendlich vollkommen und unvollkommen zugleich sein. Aber nicht allein in sich, sondern auch zur Erklärung des Ursprungs des Bösen ist der Dualismus unhaltbar. Denn das gute Prinzip, ebenso allmächtig wie das böse, muß alles Böse und das böse Prinzip alles Gute unmöglich machen, und zu einer Welt, worin Gutes und Böses vermischt existiert, könnte es gar nicht kommen. Oder man müßte annehmen, daß beide Prinzipien, trotz ihrer absolut feindseligen Stellung gegen einander, sich verständigt hätten, gegenseitig das Zustandekommen des Guten und des Bösen zulassen zu wollen. Widerstreitet es aber dem Wesen des guten Gottes nicht, Böses geschehen zu lassen, dann ist die Annahme eines bösen Prinzips ganz überflüssig; dann genügt es, daß Gott das Entstehen des Bösen durch endliche Wesen zugelassen hat.

2. Der kosmologische Dualismus setzt einen Wesensunterschied zwischen Gott und Welt. Gott, die Weltursache, ist unbedingt, notwendig, unendlich, unveränderlich; die Welt, das Werk Gottes, ist bedingt, zufällig, endlich, veränderlich. Beide müssen also wesentlich durchaus verschieden sein. Jedes philosophische System, welches diese Wesens-Verschiedenheit nich vollständig anerkennt, ist ein irriges. Den Gegensatz zu diesem Dualismus bildet der Monismus unter den beiden Formen des Materialismus und des Pantheismus. Ist der Monismus dem theologischen Dualismus gegenüber im Recht, wenn er die Einheit des göttlichen Wesens betont, so entfernt er sich ebenso sehr von der Wahrheit, wenn er dem kosmologischen Dualismus gegenüber die Einheit von Gott und Welt behauptet. Nach dem Materialismus ist Grund und Wesen der Welt einzig und allein die von Ewigkeit existierende Materie mit ihren Kräften. Grundgedanke alles und jedes Pantheismus ist die Einheit der Welt und des Weltgrundes. Je folgerichtiger dieser Gedanke durchgeführt ist, desto konsequenter, je mehr noch ein Unterschied zwischen beiden trotz der Wesens-Gleichheit gemacht wird, desto inkonsequenter der Pantheismus. Nun gibt es allerdings pantheistische Systeme, welche eine dualistische Gestalt annehmen, die Überweltlichkeit des persönlichen Gottes betonen und die Welt als Gottes Werk darstellen. Es sind jene nachhegel`schen Persönlichkeits-Pantehisten, welche den Pantheismus überwunden und den richtigen spekulativen Theismus gefunden zu haben glaubten (Schelling in der letzten Periode seiner Philosophie, Ch. Hermann Weiße, R. Rothe, J. H. Fichte u.a.). Im Anschluß an den Theosophen Jacob Böhme statuieren sie in Gott eine Selbstentwicklung zur Persönlichkeit und eine Verwirklichung de Welt zur Vollendung dieser Persönlichkeit, oder ein Hervorgehen lassen der Welt aus der Natur oder dem Ideenreich in Gott. So sehr in diesen Systemen der Unterschied zwischen dem unendlichen Gott und der endlichen Welt hervor gehoben wird, so wenig haben sie Anspruch auf den wahren Dualismus. Denn die Welt gehört bei ihnen notwendig zu Gott; wie die Welt nicht ohne Gott, so ist auch Gott nicht ohne die Welt. Die letztere ist also keine freie Schöpfung aus Nichts und somit der Pantheismus nicht überwunden. Erst dort, wo der Begriff der Schöpfung aus Nichts vollständig zur Geltung kommt, haben wir den wahren Theismus, den richtigen Dualismus. Nur dann, wenn die Welt aus Nichts, durch einen freien Willensakt Gottes geschaffen ist, kann sie als endliche, zufällige, veränderliche Wirkung einer unendlichen, notwendigen, unveränderlichen Ursache begriffen werden. Jeder Versuch, über diesen Dualismus hinaus zu kommen, ist eine Verirrung des Geistes. Wenn aber der kosmologische Dualismus den unendlichen Gott von der endlichenWelt scharf unterschiedet, so doch nicht im Sinne des Deismus, als ob Gott der Welt bloß transzendent wäre, sich nach der Schöpfung von seinem Werk ganz getrennt hätte. Gott ist der Welt eben sowohl immanent als transzendent; transzendent als der unbedingte unendliche Schöpfer, immanent als der beständige Erhalter der Welt und Mitwirker mit allen ihren Tätigkeiten.

3. Der anthropologische Dualismus anerkennt im Menschen zwei substantiell verschiedene Prinzipien, welche Körper und Geist im Gegensatz, Leib und Seele in Beziehung zu einander genannt werden. Auch zu diesem Dualismus bildet den Gegensatz der Monismus, der materialistische wie der pantheistische. Der Materialismus läßt, wie das Weltall, so auch den Menschen allein aus Stoff und Stoffkräften bestehen; die sogen. Seelischen Tätigkeiten gelten ihm nur als Gehirnfunktionen. Dem konsequenten Pantheismus (Spinoza, Hegel) sind Leib und Seele nur zwei verschiedene Seiten eines und desselben Seins. Der Leib ist die Veräußerlichung der Seele, die Seele die Verinnerlichung des Leibes. Diesem Monismus gegenüber behauptet der anthropologische Dualismus mit Recht die Wesens-Verschiedenheit von Leib und Seele, und zwar folgert er diese aus der Beschaffenheit der menschlichen Tätigkeiten. Denn der Beschaffenheit des Wirkens entspricht die des Seins. Nun gibt es im Menschen eine Menge immanenter Tätigkeiten, die geistigen Akte des Denkens, Wollens, des Selbstbewußtseins usw., welche nur von einem einfachen, selbständigen Prinzip verursacht sein können. Folglich besteht der Mensch nicht allein aus einer körperlichen, sondern auch aus einer geistigen Substanz. Je nachdem aber das Verhältnis beider Substanzen zu einander bestimmt wird, unterscheiden wir einen einseitigen, schroffen und einen milderen Dualismus. Der einseitige Dualismus betrachtet Leib und Seele als zwei vollständige, komplette Substanzen, welche nur äußerlich, unwesentlich mit einander zusammen hängen. Um nun die Übereinstimmung zwischen den leiblichen und den seelischen Tätigkeiten zu erklären, nehmen die Einen an, daß Gott dem Menschen fortwährend Assistenz leiste, und bei der Gelegenheit (occasio), wo er im Leib eine Tätigkeit setze, auch die entsprechende in der Seele bewirke und umgekehrt (Occasionalismus des Cartesius und seiner Schule: Geulinx, Malebranche). Die Anderen führen die Harmonie zwischen Leib und Seele, die nach ihrer Ansicht gar nicht auf einander wirken, auf göttliche Vorherbestimmung zurück (Leibniz` prästabilierte Harmonie). Wieder Andere nehmen eine eigentliche Wechselwirkung zwischen Leib und Seele als zweier selbständig bestehenden Substanzen an (Newton, Storchmann u.a.). Günther statuiert einen Seelen-Dualismus, indem er im Menschen zwei Seelen annimmt: eine Leibseele als das Naturprinzip auf der höchsten Stufe der Verinnerung, und eine Geistseele, beide zu einer formalen Einheit verbunden. –
Der einseitige Dualismus ist in allen seinen Formen unhaltbar, weil er die Einheit des Menschen aufhebt. Das Selbstbewußtsein bezeugt es, daß der Mensch ein einheitliches Wesen, daß das Ich als Subjekt aller leiblichen wie geistigen Tätigkeiten die einheitliche menschliche Person ist. Diese Einheit ist mit dem einseitigen Dualismus unvereinbar. Daher hat nur der mildere Dualismus Recht, welcher die Zweiheit im Menschen geltend macht, ohne die Einheit aufzuheben. Nach ihm besteht der Mensch aus zwei zwar wesentlich verschiedenen, aber an sich unvollendeten, inkompletten Substanzen, welche erst in ihrer Verbindung in substantielles Ganze (completum substantiale), die einheitliche, menschliche Person bilden. Leib und Seele sind im Menschen zu Einer Natur verbunden. Dafür spricht nicht allein das Selbstbewußtsein, wonach alle leiblichen und seelischen Tätigkeiten von einem und demselben Prinzip, dem Ich ausgehen, sondern auch die Tatsache, daß im Menschen eine Menge von Zuständen vorkommen (Empfindungen, willkürliche Bewegungen, Schlaf, Ohnmacht, Geisteskrankheit u. dgl.), welche weder der Seele noch dem Leib für sich eignen, sondern nur von Seele und Leib als einem Prinzip ausgehen können. Die Seele ist es, welche im Menschen alle vegetativen, alle sinnlichen und alle vernünftigen Tätigkeiten hervor bringt, sie ist daher Wesensform des Leibes, d. h. das den Leib gestaltende und erhaltende, durch ihn empfindende, in ihm denkende Prinzip. Daher ist die Wechselwirkung zwischen Leib und Seele so zu fassen, daß die Seele in letzter Instanz das allein wirkende Prinzip im Menschen ist, indem sie den Leib erst gestaltet und lebendig erhält und auf diese Weise ihn befähigt, leibliche Eindrücke ihr zu übermitteln.

Quelle: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 3, 1884, S. 2092-2096

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