Das nachchristliche Judentum

Dem nachchristlichen Judentum bleibt nur Gebet und Lesung

Das nachchristliche Judentum ist geworden, was es notwendig werden musste, nachdem Israel seinen Beruf verkannt hatte, eine Vorstufe zu Christus zu sein. Daher ist sein gegenwärtiger Charakter der Widerspruch mit sich selbst, der nur darum die völlige Auflösung nicht wirkt, weil es nicht bloß eine religiöse Gemeinschaft bildet, sondern eine nationale, welche die reale Grundlage für jene bietet.

Alle theokratischen Institutionen sind untergegangen, auf denen sein religiös-sittliches Leben ruhte. Die Stimme der Propheten ist längst verstummt; es hat keinen Tempel mehr, keinen Altar, weder Priestertum noch Opfer. So bleibt vom gesamten Kultus nur noch Gebet und Lesung. Selbst das Gesetz, welches zugleich die Sehnsucht nach dem Messias wecken sollte, hat seine Bedeutung verloren und ist nach seinen wesentlichen Bestandteilen als Judizial- und Zeremonial-Gesetz für längst entschwundene Lebensverhältnisse bestimmt und somit unerfüllbar. Die logisch-juristischen Deutungen spitzfindiger Rabbinen können den inneren Widerspruch nicht lösen und führen zu geistloser Kasuistik und roher Äußerlichkeit.

Durch die Messiashoffnung steht das Judentum höher als der Islam; aber diese ist zugleich der Grund seines inneren Verfalls, weil sie nicht mehr in Erfüllung gehen kann und zu unzähligen Täuschungen Anlass bietet. Der Gott des Neuen Testamentes ist auch jener, des Alten; im Alten ist das Neue aber verborgen, und erst das Christentum hebt diesen verborgenen Kern heraus, befreit ihn von den Schranken des Partikularismus, reinigt und vertieft die sittliche Idee (Verbot der Polygamie und Ehescheidung, Aufhebung jeden Unterschiedes zwischen Israelit und Fremdling Deuteron. 23, 21))

Das Judentum, das es vordem war, stagnierend unter dem Joch seiner in geistlosen, spitzfindigen, unfruchtbaren Disputationen über die Kasuistik des Talmud ausschließlich sich bewegenden Rabbinen, seines aus Zeremonien und peinlichen Gebräuchen bestehenden Gottesdienstes, ist für immer dahin, es ist in Europa nicht mehr möglich. Wie der moderne jüdische Gottesdienst dem christlichen Kultus nachgebildet ist, so ist das Beste, was das heutige Judentum hat, von dem so verabscheuten Christentum entlehnt. Dem denkenden Juden bleibt nur die eine Möglichkeit, da er zum Talmudismus nicht zurück kann, entweder zum Christentum sich hinzuwenden, um von ihm seine eigene Religion in ihrer Erfüllung und in ihrer ganzen Reinheit wieder zu empfangen, oder im Dienste eines vagen Rationalismus auch die letzten Reste seines Glaubens und des religiösen Lebens überhaupt dahin zu geben.

Die Erhaltung und Entwicklung der Offenbarung Gottes war die Aufgabe Israels; das Christentum hat sie aufgenommen und vollendet. Seitdem ist das Judentum wie erstarrt nach innen, so unfruchtbar nach außen.

Allerdings hatte das Judentum nicht die Aufgabe, positiv das Heidentum zu bekämpfen und seine Lehre an dessen Statt auszubreiten. Dennoch hatte es eine gewisse Ausdehnung auch auf diese gewonnen durch die „Proselyten der Gerechtigkeit“ und „des Tores“ (Joseph. Antiquit. XIV. 7; Act. 13, 50; 16, 14. 17, 4; 18, 7). Jene waren Heiden, welche sich vollständig in die jüdische Gemeinschaft aufnehmen ließen, der Beschneidung unterwarfen und dadurch außer Verband mit ihren heidnischen Angehörigen traten (Tacit. Hist. V. 5); diese hießen so, weil sie nur bis an das Tor des Tempelvorhofes kommen durften und nach Entsagung des Götzendienstes zur Beobachtung der sieben Noahidischen Gebete verpflichtet waren. –
aus: Franz Hettinger, Lehrbuch der Fundamentaltheologie oder Apologetik, 1888, S. 441 – S. 443

siehe auch den Beitrag: Das Judentum vor der Ankunft Christi

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