Kinder Gottes und Töchter der Welt

Vermehrung und Verschlimmerung der Menschen

Die Nachkommen Kains und Seths

(Gen. 4, 17 bis 6,7))

Das Weib des Kain (1) gebar ihm einen Sohn, und er baute eine Stadt (2) und nannte sie nach dem Namen seines Sohnes Henoch, d.i. Einweihung. Dieser Sohn und diese Stadt erschienen ihm sonach als Beginn einer Neugestaltung seines Lebens und Wirkens. Das waren sie allerdings, aber nicht in gutem Sinn. Denn Kain suchte offenbar, nachdem er von Gott sich losgesagt hatte, sich mit den Seinigen so gut als möglich auf der Erde einzurichten, von der Welt und ihren Gütern Besitz zu nehmen und sie nach Lust zu genießen. Seine Nachkommen gingen dieselben Wege. Statt auf Gott und seinen heiligen Willen, richteten sie ihr Sinnen und Trachten auf die Erde, ihre Güter und Wollüste und nach allem dem, was ihnen das irdische Leben bequem und angenehm machen konnte. Deshalb werden sie „Kinder der Menschen“ (3), oder „Kinder der Welt“ genannt. Sie waren eifrig auf Erbauung von Städten und Erfindung von ergötzlichen oder gewinnreichen Künsten und Gewerben bedacht. Kains nächste Nachfolger sind Henoch, Irad, Maviael, Methusael und Lamech. Letzterer brach zuerst die ursprüngliche Einheit der Ehe und nahm zwei Weiber, Ada und Sella; er wurde auch gleich seinem Ahn ein Mörder. (4) Von seinen Kindern werden vier genannt: Jabel, der Vater der Zeltbewohner und Hirten (Sklaven), Jubal, der Vater der Zither- und Harfenspieler, beide Söhne der Ada; ferner Kinder der Sella: Tubalkain, ein Hämmerer und Schmied in allen schneidigen Werkzeugen von Eisen und Erz, und seine Schwester Noema. (5)

Kulturfortschritt und Religion

Man hat es auffallend gefunden, daß die Erfindung von Künsten (Kulturfortschritt) den Kindern der Welt zugeschrieben wird, als ob damit diese Dinge selbst gebrandmarkt werden sollten. Das ist nicht der Fall. Eher könnte man sagen, schon hier zeige sich, daß die Kinder der Welt in ihrer Art klüger sind als die des Lichtes. Wohl aber zeigt sich bereits am Anfang der Geschichte, daß der religiöse Fortschritt nicht immer mit dem Kulturfortschritt gleichen Schritt hält, und daß Gott entfremdeter Sinn die Fortschritte des Geistes und der Technik leicht zur Befriedigung der Leidenschaft (Sinnlichkeit, Ehrgeiz, Rachsucht) missbraucht. – Kulturgeschichtlich bemerkenswert ist der Umstand, daß nach der Heiligen Schrift die Menschen stufenweise fortschreiten: sie sorgen für Kleidung, Nahrung, treiben Ackerbau, Viehzucht, vervollkommnen allmählich Werkzeuge und Künste zur Bequemlichkeit und Erheiterung des Lebens, bauen feste Wohnsitze usw. Aber nicht aus tier-ähnlichem Zustand heraus und nach darwinistischer Schablone arbeiteten sie sich empor, sondern aus einfachen, primitiven und patriarchalischen Verhältnissen, und obwohl durch die Sünde geschwächt, ringen sie sich vorwärts und aufwärts durch die Intelligenz und Willenskraft, die sie über alle andern Geschöpfe erhebt. Ist auch die übernatürliche Weisheit durch die Sünde verloren gegangen, so doch nicht Vernünftigkeit und Freiheit der Natur und auch nicht der Schatz der Erfahrungen, welche die Stammeltern während des paradiesischen Zustandes sammelten. So erklärt sich die Entwicklung der Menschheit und die Tatsache, daß die frühesten historischen Kenntnisse uns die Menschheit auf einer verhältnismäßig hohen Stufe der Kultur zeigen. Ohnehin sind die ersten Erfindungen und Fortschritte auch die größten und wichtigsten.

Die Patriarchen der Urzeit

Für der ermordeten Abel schenkte Gott den unglücklichen Stammeltern als Träger der Verheißung einen andern Sohn, den sie darum Seth, d.i. Ersatz, nannten. (6) Durch ihn geht die Reihe der Patriarchen, d.i. der Erz- und Altväter, bis auf das auserwählte Volk Gottes und den aus diesem entsprossenen Erlöser herab, was auch der heilige Evangelist Lukas in der Stammtafel Jesu hervor hebt. (7)
Wie Seth, so zeichnete sich auch dessen Sohn Enos durch Frömmigkeit und Gottesfurcht aus. Dieser fing an, „den Namen des Herrn anzurufen“, d. h. jene, die Gott in Treue dienten, nach dem Namen Gottes zu nennen, woraus sich die Bezeichnung der „Kinder Gottes“ im Unterschied von den „Kindern der Welt“ erklärt. (8) Unter allen Nachkommens Adams aber ragt in der Linie Seths der sechste, Henoch (9), hervor. Er „wandelte mit Gott“, d. h. „er gefiel Gott“ in ganz besonderer Weise (10) und ward deshalb von Gott seines vertrauten Umganges gewürdigt und beauftragt, den Gottlosen das Strafgericht der Sündflut und unter diesem Vorbild zugleich das einstige allgemeine Gericht zu verkünden: „Siehe, es kommt der Herr mit seinen Tausenden von Heiligen, Gericht zu halten über alle und zur Strafe zu ziehen alle Gottlosen.“ (11) Noch mehr: „Gott nahm ihn hinweg, damit er den Tod nicht schaue“ (12), woher auch die im Vergleich mit den übrigen Patriarchen der Urzeit kurze Dauer seiner (nur 365) Lebensjahre. Auch die übrigen Nachkommen Seths dienten, wie wir annehmen dürfen, Gott in heiliger Furcht und Liebe.

Die ersten Mischehen

Als aber die Menschen sich vermehrten und die „Söhne Gottes“ sahen, daß die „Töchter der Menschen“ schön seien, „nahmen sie sich aus ihnen Weiber nach Gefallen.“ (13) So ward die Gott- und Sittenlosigkeit nach und nach allgemein. Darum „sprach Gott: Nicht soll mein Geist ewiglich bei dem Menschen bleiben, denn er ist Fleisch; und ihre Tage sollen (noch) 120 Jahre sein“ (V. 3). Solange wollte also die göttliche Barmherzigkeit ihnen noch Zeit zur Bekehrung lassen, obgleich die Entartung nicht bloß allgemein, sondern auch fruchtbar groß (14), ja bereits fast unheilbar geworden war. Denn besonders aus jenen Mischehen ging ein Geschlecht hervor, das sich durch riesenmäßige Größe und Stärke, aber auch durch rohen Übermut und Sinnenlust auszeichnete. „Dies sind die mächtigen, von der Urzeit her berühmten (berüchtigten) Männer.“ (15)

Anmerkungen:

(1) Das Weib des Kains war seine Schwester, wie dies im Anfang nicht anders sein konnte wegen des göttlichen Ratschlusses, daß alle Menschen von einem abstammen sollen (Apg. 17, 26). Als und soweit diese höhere Rücksicht wegfiel, traten jene Beschränkungen hinsichtlich der Eheschließung ein, welche das physische und sittliche Wohl der Menschen erfordern. Ob Kain vor dem Brudermord schon verheiratet gewesen sei und Kinder gehabt habe, die er dann mit sich in die Verbannung nahm, deutet die Heilige Schrift höchstens an (4, 17); doch ist es an sich nicht unwahrscheinlich, wenn der Brudermord gegen das Jahr 130 nach Erschaffung Adams fällt.
(2) Im Hebräischen heißt es: „und er ward bauend eine Stadt“ (feste Niederlassung). Wann Kain seine Stadt zu bauen begonnen, sagt die Heilige Schrift nicht. Da es wahrscheinlich ist, daß Kain ein ähnlich hohes Alter erreichte wie die Nachkommen Seths (vgl. 4, 18-22 mit 5, 6-32), so konnte dies möglicherweise nach mehreren hundert Jahren geschehen, als Nachkommen Kains genug lebten, um nicht bloß eine, sondern sehr viele Städte bauen zu können.
(3) Kap. 6.
(4) Wenigstens scheint er in seinem trotzigen Lied (4, 23f) diese Gesinnung auszusprechen. Die Überlieferung hat nämlich von ihm folgenden, schon wegen seiner poetischen Form merkwürdigen Spruch – gewöhnlich das Lamechlied genannt – aufbewahrt:
Ada und Sella, höret meine Rede,
ihr Weiber Lamechs, höret meinen Spruch!
Einen Mann erschlug (erschlage) ich für meine Wunde,
einen Jüngling für meine Strieme.
Siebenfältig ward Kain gerächt,
aber Lamech siebenundsiebzigmal!
Mag man diesen Spruch als Drohung oder als Bekenntnis eines Totschlags auffassen, jedenfalls spricht aus ihm trotziger Übermut, wilde Rachsucht und prahlerische Großsprecherei. – Dieser Lamech ist nicht zu verwechseln mit dem etwa später lebenden gleichnamigen Nachkommen Seths, von dem sogleich die Rede ist.
(5) Warum letztere genannt wird, ist aus dem heiligen Text nicht ersichtlich; vielleicht war sie es, mit der die erste „gemischte Ehe“ (durch einen Sethiten) geschlossen wurde, durch die das Verderben seinen Anfang nahm.
(6) 4, 25.
(7) Lk. 3, 38.
(8) Gn. 4, 26. Im Hebräischen: „Damals fing man an, mit dem Namen Gottes zu rufen“ (nennen), nämlich jene, welche Gott treu blieben, im Gegensatz zu den gottlosen Nachkommen Kains, die es sich auf der Welt möglichst bequem machten und sich von Gott, dem allein wahren, ewigen Gute abwendeten. Damit ist Gn. 6, 2 vorbereitet. Die Menschheit schied sich also schon in den ersten Nachkommen der Stammeltern in „Kinder Gottes“ und „Kinder der Menschen“ oder „Kinder der Welt“. Dieser Gegensatz erneuerte sich sogleich wieder nach der Sündflut durch Cham und durchzieht fortan die ganze Weltgeschichte bis zum Weltgericht. Der hl. Augustin bezeichnet diesen Gegensatz sehr schön als Stadt der Menschen, deren erster Repräsentant Kain, und Stadt Gottes, deren erster Repräsentant Abel und nach dessen Tod Seth war (De civ. Dei 1. 14, 28; 15 , 1; 18, 51 fin.; vgl. Sir. 33, 10-18). – Man wollte auch die Worte so deuten, daß erst Enos angefangen habe, Gott durch öffentlichen Gottesdienst feierlich zu verehren; allein dies ist nicht wahrscheinlich, da schon die Einsetzung des Sabbats solches bezweckte und schwerlich die Stammeltern so lange damit zögerten.
(9) Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Sohn Kains.
(10) Vgl. Gn. 6, 9; Sir. 44, 16; Hebr. 11, 5.
(11) Jud. 14f.
(12) Vgl. Hebr. 11, 5. Nur einem Diener Gottes, dem Propheten Elias, widerfuhr noch diese außergewöhnliche Gnade, mit Leib und Seele in das Paradies, d. h. in einen geheimnisvollen, uns nicht näher bekannten Ort und Zustand, doch nicht zur seligen Anschauung Gottes, entrückt zu werden (4. Kg. 2; vgl. 2. Chr. 21, 12). Diese wunderbare Begnadigung der zwei Haupt-Bußprediger der ganzen Menschheit und des israelitischen Volkes geschah aber nach den heiligen Vätern, damit dieselben in den schweren Tagen des Antichrists auf die Erde zurückkehren und die bedrängten Menschen für die Sache Gottes gewinnen oder in der Treue erhalten. Die heiligen Väter stützen sich hierbei auf die Aussprüche der Heiligen Schrift: „Henoch ward insParadies versetzt, damit er (einst) die Völker zur Buße ermahne“ (Sir. 44, 16; vgl. 49, 16). „Siehe, ich werde euch den Propheten Elias senden, ehe denn der Tag des Herrn kommt, der große und furchtbare“ (Mal. 4, 5). „Elias wird zuvor kommen und alles wieder herstellen“ (Mk. 9, 11; Mt. 17, 11; vgl. 11, 14; Offb. 11, 3; vgl. S. Greg. M. In lectt. 3. Noct. Fer. 2, infra Oct. Ascens.). Vgl. KL V 1769f; Eberhard, Kanzelvorträge II 94.
(13) Gn. 6, 2; d. h. die „Kinder Gottes“ wählten ihre Lebensgefährtinnen aus den Familien der „Kinder der Welt“ und sahen dabei nur auf Schönheit, Sinnenreiz, Reichtum u. dgl., nicht auf Religion, Sittlichkeit, Tugend und Frömmigkeit. – Daß die „Söhne Gottes“ Engel gewesen seien, die mit Menschentöchtern Verbindungen hätten, ist eine in den jüdischen Apokryphen (Buch Henoch und Buch der Jubiläen) enthaltene Annahme, der sich auch manche Kirchenschriftsteller und Väter der ersten Jahrhunderte anschlossen, die jedoch von den großen Lehrern der Kirche im 4. Jahrhundert als unsinnig und abgeschmackt zurück gewiesen wurde (Aug., Chrys., Cyrill. Alex., Theodoret, Thom. Aq., S. th. 1, q. 51, a. 3)… Mit Recht bezeichnet Strack (…) diese Deutung als „sachlich unmöglich“, weil nach der Heiligen Schrift die Engel durchaus als geistige Wesen aufzufassen sind und der Zusammenhang der Erzählung so entschieden als nur möglich auf Menschenkinder hinweist, von denen die Verschuldung ausgeht und auf die auch allein die Strafe fällt. Vgl. Scholz, Die Ehen der Söhne Gottes, Regensburg 1865; Reinke, Beiträge V; RB 1895, 340.
(14) Riesig mussten sich ja die Leidenschaften bei dem langen Leben der Menschen dieser zeit entfalten.
(15) Das hebräische Wort nephilim heißt eigentlich nicht Riesen, sondern bezeichnet zunächst gewalttätige Menschen, worauf auch V: 11 hindeutet, wo gesagt ist, die Erde sei erfüllt worden mit Ungerechtigkeit (im Hebräischen chamas, Gewalttäigkeit). Der Prophet Baruch bezeichnet sie als Riesen, hohen Wuchses, kundig des Krieges (Bar. 3, 26). Nirgends redet die Heilige Schrift, wie man ihr fälschlich unterstellt hat, von einer fabelhaften Größe, auch nicht bie König Og von Basan und bei Goliath (Dt. 3, 11; 1. Kg. 17, 4); und selbst an der einzigen Stelle, die man so auslegen könnte, sagt nicht die Heilige Schrift, sondern sagen die Kundschafter unter ihren vielen andern lügenhaften Übertreibungen, womit sie, wie ausdrücklich bemerkt ist, „das Land verschrien“: „Dort (in Kanaan) sahen wir auch einige Ungeheuer der Söhne Enkas vom Riesengeschlecht, gegen die wir uns wie Heuschrecken ausnahmen“ (Nm. 13, 32-34; vgl. Sir. 49, 19).
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der Biblischen Geschichte, Bd. I, Altes Testament, 1910, S. 197 – S. 201

Category: Genesis, Schuster
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