Abrahams äußerste Prüfung Opferung Isaaks

Abraham will auf Geheiß Gottes seinen Sohn Isaak opfern, aber ein Engel hält ihn zurück

Abrahams äußerste Prüfung ist die Opferung Isaaks

Noch waren die Prüfungen Abrahams nicht zu Ende. Er sollte nun den höchsten Beweis liefern, daß er Gott über alles liebe und unwandelbar an seine Verheißungen glaube. Isaak mochte im blühendsten Jünglingsalter sein (1), da rief Gott einstens dem Abraham in der Nacht: „Abraham, Abraham!“ Dieser antwortete: „Hier bin ich!“ Und Gott sprach zu ihm: „Nimm deinen einzigen Sohn, den du lieb hast hast, den Isaak, , und gehe in das Land der Erscheinung (des Herrn) (2) und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem der Berge, den ich ihr dir zeigen werde!“ Jedes Wort dieses Befehls war ein Pfeil, der das Herz Abrahams auf das schmerzlichste traf. Zugleich musste der Befehl ihm ganz unbegreiflich vorkommen; er stand ja im Widerspruch mit dem so nachdrücklichen Verbot, Menschenblut zu vergießen. Wie konnte zudem der allgütige Gott von ihm fordern, sein einziges, innigst geliebtes Kind zu opfern? Was sollte endlich aus der Verheißung werden, daß aus Isaak eine zahllose Nachkommenschaft und der ersehnte Erlöser selbst entsprießen werde? Allein Abraham war ein „Mann des Glaubens“, weshalb der Apostel sagt: „Im Glauben hat Abraham, da er geprüft ward, den Isaak dargebracht und den Eingeborenen geopfert, er, zu dem gesagt worden war: In Isaak soll deine Nachkommenschaft genannt werden. Er dachte, daß Gott mächtig sei, auch von den Toten zu erwecken.“ (3) So war er überzeugt, daß das scheinbar unbegreifliche Geheimnis in der Hand des Allmächtigen seine Lösung finden werde, wäre es auch durch ein unerhörtes Wunder.

Ohne Schwanken und ohne Widerrede stand er noch in der Nacht auf, spaltete das Holz zum Brandopfer, lud es seinem Esel auf und nahm zwei Knechte und seinen Sohn Isaak mit sich. Als er am dritten Tage (4) den Ort von ferne sah (5), sprach er zu seinen Knechten: „Wartet hier mit dem Esel; ich und der Knabe wollen dorthin eilen und zu euch zurückkehren, wenn wir auf dem Berg angebetet haben.“ Er glaubte also fest, daß er mit dem entweder vom Tod erretteten oder wieder auferweckten Sohn zurückkehren werde. Darauf nahm er das Opferholz und legte es einem Sohn Isaak auf die Schulter. Er selbst aber nahm das Becken mit Feuer und das Messer ins eine Hände. So gingen sie miteinander den Berg hinauf.

Unterwegs sagte Isaak: „Mein Vater!“ Abraham erwiderte: „Was willst du, mein Sohn?“ „Siehe“, sprach Isaak, „hier ist wohl Feuer und Holz; wo ist aber das Schlachtopfer?“ Abraham antwortete, wenn auch mit blutendem Herzen, doch Gott ergeben: „Gott wird sich ein Schlachtopfer ausersehen, mein Sohn!“ So gingen sie weiter und kamen an den Ort, den Gott bezeichnet hatte. Da errichtete Abraham einen Altar, legte das Holz darauf, band seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Dann streckte er seine Hand mit dem Messer aus, um seinen Sohn zu schlachten.

Nun, da Abraham die Prüfung bis zum äußersten bestanden hatte, enthüllte ihm Gott seinen anscheinend unbegreiflichen Befehl in freudig überraschender Weise als bloße Prüfung, nach welcher die höchste Glaubenstreue auch die höchste Belohnung empfangen sollte. Plötzlich rief ihm ein Engel vom Himmel zu: „Abraham, Abraham, halte ein und tue demKnaben nichts zuleide! Denn nun erkenne ich, daß du Gott fürchtest und auch deines einzigen Sohnes nicht geschont hast um meinetwillen.“ (6) Vielleicht durch ein Geräusch aufmerksam gemacht, erhob Abraham seine Augen und sah hinter sich einen Widder (7), der mit den Hörnern in einer Hecke hing. „Er nahm den Widder“, als von Gott selbst ihm dargeboten, „und brachte ihn zum Brandopfer dar an seines Sohnes Statt. Und er nannte den Namen dieses Ortes: Der Herr sieht. (8) Daher sagt man heute: Auf dem Berg wird der Herr sehen.“ (9)

Der Engel des Herrn aber rief zum zweiten Mal vom Himmel: „Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der Herr: Weil du dies getan und deines eingeborenen Sohnes nicht geschont hast, so will ich dich segnen und deine Nachkommen vermehren wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Meer, und in einem deiner Nachkommen werden alle Völker der Erde gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.“ (10) Das hatte Gott zwar schon früher dem Abraham verheißen; jetzt aber bestätigt er seine Verheißung auf das feierlichste; denn „bei einem Größeren als bei sich selbst“, sagt der hl. Paulus (11), „konnte Gott nicht schwören“. Hoch erfreut kehrte Abraham mit seinem Sohn zu seinen Knechten zurück, und sie zogen wieder nach Bersabee.

Anmerkungen:

(1) Das ergibt sich aus der Erzählung selbst. Josephus nimmt das 25., andere alte hebräische Ausleger das 30. – 37. Jahr an.
(2) Hebr. Morijah, Erscheinung des Herrn, oder Ort, wo der Herr erscheint. Der Name erhielt durch die ihr hier erzählte Begebenheit diese Bedeutung. Die ursprüngliche Bezeichnung scheint mit Amurru oder Mar-tu = Amoriterland zusammen zu hängen und darauf hinzuweisen, daß der Berg schon in der Amoriterzeit religiöse Bedeutung gehabt hat. Daß er mit dem späteren Tempelberg identisch ist sei, wird in der Heiligen Schrift nur durch die Übereinstimmung des Namens 2. Chr. 3, 1 angedeutet; bestimmt sagt es die bezügliche alte Überlieferung.
(3) Hebr. 11, 17ff.
(4) Von Bersabee bis Jerusalem sind es über 20 Stunden. Hieraus ist auch ersichtlich, daß Isaak, der diesen Weg zu Fuß machte und nachher das Holz für das Opfer trug, nicht mehr im zarten Knabenalter war.
(5) Er ward ihm von Gott gezeigt, wie es ihm verheißen war.
(6) Der Engel vertritt Gottes Stelle, oder Gott selbst ist es, der redet.
(7) In diesem Widder erblicken die heiligen Väter ein Vorbild Christi, der an unserer Statt am Kreuz hing und geopfert ward (Aug., De civ. Dei 1. 16, c. 32, 1.).
(8) Abraham hat dabei die schmerzliche Antwort im Sinne, die er dem Isaak auf dessen Frage nach dem Schlachtopfer gegeben: „Gott wird sich ersehen (hebräisch: wird sehen) ein Schlachtopfer.“ Wie freudig kann er jetzt daran erinnern und den Berg zu einem steten Denkmal der Liebe Gottes machen! Aus dem hebräischen Ausdruck ist der Name Morijah gebildet, der zugleich auch das Gesehen werden, d. h. Erscheinen des Herrn, einschließt. Durch Abrahams Opfer war der Berg geheiligt, um 1000 Jahre später den Tempel zu tragen. (2. Kg. 2, 16; 3. Kg. 6, 1ff; 2 Chr. 3, 1; Josephus, Jüd. Altert. 1, 13, 2). Der südwestlich davon gelegene Teil des Berges hieß nachmals Sion, auf dem die Burg Davids erbaut ward; der nordwestlich gelegene Teil ist der Kalvarienberg. Dort hat Gott sich ein Opfer ausersehen statt des Eingeborenen des Abraham; dort hat er seines eigenen Eingeborenen nicht geschont, sondern ihn zum Opfer hingegeben für die sündhafte Menschheit, und ist beide Male erschienen in seiner unendlichen göttlichen Liebe und Güte.
(9) Im Hebräischen „gesehen werden“, d. i. erschienen.
(10) Gn. 22, 16-18
(11) Hebr. 6, 13 –
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der Biblischen Geschichte, Bd. I, Altes Testament, 1910, S. 312 – S. 314

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