Israel und der verheißene Messias

Leben Jesu im Schoße der Verheißungen

Israel und der verheißene Messias Jesus Christus

Joh 1, 11. Er kam in sein Eigentum.

Matth. 1, 1. Buch der Abstammung Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams; …

Der Erlöser war Adam verheißen und zwar aus dem eigenen Geschlecht. Dieser Erlöser war aber eine bestimmte Person, und deshalb musste es auch eine bestimmte Familie und, weil die Nachkommen Adams nach dem Turmbau von Babel sich in Stämme und Völker abgesondert hatten, auch ein bestimmtes Volk sein, aus denen er stammte. Dieses Volk war nun das israelitische, welches zum näheren Stammvater Abraham hatte, in Ägypten zu einem zahlreichen Volk erstarkte, durch Moses befreit und durch eine theokratische Verfassung gefestigt, das Gelobte Land eroberte, später unter Saul sich zu einer Monarchie gestaltete, unter David und Salomon den höchsten Gipfel der Macht erreichte, dann, in zwei Reiche gespalten und nach Ninive und Babylon abgeführt, unter der Perser-Monarchie in die alten Landsitze zurück gekehrt, unter eigenen Fürsten die Selbstständigkeit gegen die griechischen Nachbar-Monarchien wieder erobert hatte, und endlich zur Zeit Christi dem römischen Weltreich einverleibt worden war. Dieses Volk hatte seine höchste Aufgabe darin, der Welt den Messias vorzubereiten, zu schenken und alle Völker des Erbsegens teilhaftig zu machen, wie der hl. Paulus sagt; „Ihnen sind die Aussprüche Gottes anvertraut (Röm. 3, 2), ihnen gehört die Annahme an Kindes Statt, die Herrlichkeit, der Bund, die Gesetzgebung, der Gottesdienst, die Verheißungen, ihnen die Väter, aus welchen Christus ist, dem Fleische nach, welcher ist Gott, über allem hoch gelobt in Ewigkeit.“ (Röm. 9, 4. 5). –

Auf dreifache Weise bereitete das Volk Israel den Heiland vor.

1. Israel bewahrt den Glauben an den künftigen Messias in der Welt und predigt ihn

Dieser Glaube an den Messias lag im ganzen Wesen dieses Volkes; er war gleichsam seine Seele und fand in demselben einen vierfachen Ausdruck.

Erstens in den Prophezeiungen und Verheißungen. Nachdem Gott Abraham erst allgemein und dunkel die Verheißung des Messias gegeben,, daß nämlich in seiner Nachkommenschaft alle Völker der Erde gesegnet sein sollten (Gen. 12, 3), was nur durch Christus möglich war, und diese Verheißung Isaak (ebd. 26, 4) und Jakob (ebd. 28, 14) wiederholt hatte, bestimmte der diese Verheißung bei Jakob näher dahin, daß der Stamm Juda (ebd. 49, 10, und die Familie David (2. Kön. 7, 16; 23, 5; PS. 88, 29; Os. 3, 5; Amos 9, 11. 12) der Träger derselben sein sollte. Der Messias gehört zum Wesen der Prophezeiungen, und in großen Zügen ist sein ganzes Bild in denselben entworfen. Er ist Gottes- (Ps. 2, 7) und Menschensohn, Davids Sohn und Herr (Ps. 109, 1. 3), Jer. 23, 5); er ist Erlöser aus Sünden durch sein Leiden (Ps. 39; Ps. 68); er wird aus einer Jungfrau geboren (Is. 7, 14) und zwar in Bethlehem (Mich. 5, 2); seine Ankunft fällt in die Zeit des zweiten Tempels (Agg. 2, 8), ungefähr siebenzig Jahrwochen nach Daniels Vorhersagung (Dan. 9); er wird angekündigt durch einen Heilsboten (Is. 40, 3; Mal. 3, 1); er wirkt zuerst in Galiläa (ebd. 9, 1), geräuschlos (ebd. 42, 1-4; 61, 1-3); er stiftet ein ewiges Reich über alle Völker (Dan. 2, 44; IS. 49); er zieht triumphierend in Jerusalem ein (Zach. 9, 9); von seinem Volk wird er verkannt, verachtet, verfolgt und getötet (Ps. 21; PS. 117, 22; Zach. 12, 10; Is. 52); er steht vom Tode wieder auf (Ps. 15, 10) und kommt zum Gericht (Mal. 3, 3; Joel 2, 3). So war der Messias mit der Offenbarung wesentlich verflochten. Nebst der Einheit Gottes war ein Hauptteil des alttestamentlichen Glaubensinhaltes.

Zweitens wollen manche Gottesgelehrte in der theokratischen Verfassung des israelitischen Volkes eine Offenbarung des Sohnes Gottes sehen, insofern die Leitung und Regierung des Volkes vorzüglich vermittelt wurde durch den „Engel des Bundes“ (Mal. 3, 1). Dieser Engel gibt Abraham die Verheißung (Gen. 22, 16-18), ringt mit Jakob (ebd. 32, 24f), beruft Moses (Ex. 3), führt das Volk in der Wolkensäule (ebd. 14, 19; 33, 2. 14. 15; Is. 63, 9). Die Führung Adams, Noes, Abrahams, Jakobs, Josephs und des ganzen Volkes wird im Buche der Weisheit beschrieben als das Walten der Weisheit des Wortes Gottes (Weish. Kap. 10. 11. 16. 17. 18. 19). Dieser Engel des Bundes wird von den heiligen Vätern (S. Hilar., De Trinit. 1. 4, c. 22-34) Engel genannt dem Amt nach, aber der Natur nach Gott. Wie dem immer sei, jedenfalls bildete die Verfassung mit ihrem priesterlichen, prophetischen und königlichen Charakter den Messias vor.

Drittens war der Glaube an den Messias ausgesprochen in dem Gottesdienst des Alten Bundes, in seinen Opfern und Festen und Gnadenmitteln. Die Opfer und Gnadenmitteln, wie Beschneidung und gesetzliche Reinigungen, hatten bloß Wirkung im Glauben an den kommenden Messias und bildeten sein Opfer und seine Sakramente vor (Hebr. 10, 1-14; Kol. 2, 17-19). Die Feste, namentlich die Hauptfeste, wie das Osterfest (1. Kor. 5, 7), das Laubhüttenfest, waren messianische Feste und gestalteten sich in dem feierlichen Hallel zu einem ausdrücklichen Bekenntnis des Glaubens und der Hoffnung bezüglich des Messias. Durch den Gottesdienst wurde dieser Glaube stets fest gehalten und stets neu belebt.

Viertens war auch die Geschichte des Volkes aufs innigste mit dem Messias verknüpft und verkündete ihn durch unzählige Vorbilder, die teils in geschichtlichen Vorgängen, teils in dem Charakter und in den Erlebnissen der großen Männer und Heiligen des Alten Bundes auftraten und kräftig auf den künftigen Messias hinweisen. Solche Vorbilder waren die Befreiung aus Ägypten, der Zug durch das Rote Meer, die Wolkensäule, der Fels mit dem Wasserquell, das Manna, die eherne Schlange (Joh. 3, 14), das Opfer Melchisedechs, Isaaks; dann Moses, Samson, David, Salomon, Jeremias, Elias, (1. Kor. 10, 1-6). So predigte alles im Alten Bund von Christus.

2. Israel verdient der Welt den Messias

Es ist hier ein Doppeltes zu erwägen, nämlich was die Väter des alten Bundes bezüglich der Menschwerdung verdienten und wie sie es verdienten.

Die Menschwerdung selbst konnten sie in keiner Weise verdienen, weil sie reine Gnade, ja die größte Gnade und die Ursache aller Gnaden für alle Menschen ist. Wohl aber konnten die Väter einigermaßen, nicht im strengen Sinne des Wortes, einiges verdienen bezüglich der Ausführung der Menschwerdung: die Beschleunigung derselben, Umstände der Zeit, des Ortes, der Familie; ebenso konnten sie die Wirkung seines Lebens und Leidens verdienen für ihr Volk und für uns.

Aber wie verdienten sie dieses? Erstens durch ihr inbrünstiges Verlangen, ihr eifriges Gebet und ihr fortwährendes Flehen. Durch den ganzen Alten Bund zog sich diese Sehnsucht und machte sich in glühenden Gebeten kund. So freute sich Abraham, den Tag des Messias zu sehen (Joh. 8, 56); so flehte Jakob nach dem Messias (Gen. 49, 18), so David (Ps. 84, 8; Is. 45, 8; 64, 1), Daniel (Kap. 9), die Gläubigen zur Makkabäerzeit (1. Makk. 14, 41; 2. Makk. 2, 18), so in den Tagen des Messias Simeon (Luk. 2, 25). –

Zweitens verdienten die Altväter die Ankunft des Messias auf besondere Weise durch ihre Tugenden, wie sie der hl. Paulus so herrlich aufführt (Hebr. 11). –

Drittens endlich durch ihre Leiden, die sie erdulden mussten wegen Christus (Hebr. 11, 26). Eben wegen dieses Glaubens und dieser Hoffnung wurde das Volk stets gehaßt und verfolgt von der Hölle. Die Kirche des Alten Bundes war gleichsam das Weib, das Christus, den Gottmenschen, in seinem Schoß trug, und dem der Drache nachstellte und das er zu verschlingen drohte (Offb. 12, 1-4). Das war die Art und Weise, wie die Altväter in einem gewissen weiteren Sinne (moralisch) die Menschwerdung vorbereiteten und verdienten, und mit Recht, denn es fanden sich alle Bedingungen zum Verdienen zusammen: zuerst die Gnadenstand, der einige Ebenbürtigkeit mit dem Geheimnis der Menschwerdung herstellt und der selbst eine Zierde des menschgewordenen Wortes sein sollte; ferner die große Heiligkeit; dann das glühende Gebet und Verlangen; die Anregung des Heiligen Geistes dazu und endlich der Wille Gottes, der diese Verdienste zu diesem Zweck hinordnen wollte.

3. Israel bereitet den Messias dem Fleische nach vor

Es ist dieses nach dem hl. Paulus (Röm. 1, 3; 9, 4. 5) das vorzüglichste Vorrecht des Volkes Israel, daß der Heiland, der Gottes- und Menschensohn sein sollte, dem Fleische nach diesem Volke zugehörte. Christus ist der Nachkomme Abrahams und Davids. Die hll. Matthäus und Lukas geben uns den Stammbaum Christi bis auf Adam (Matth. 1, 1-17; Luk. 3, 23-33) (*)

Die Wichtigkeit des Stammbaumes besteht nun erstens darin, daß er uns Gewißheit bietet, Christus sei wahrer Mensch und habe die menschliche Natur angenommen aus Adam durch die Familie David, wie es prophezeit und verheißen war. –

Zweitens leuchten aus diesem Stammbaum besonders herrliche die Eigenschaften Gottes hervor. Zuerst die Allmacht, welche dieses Volk und diesen Stamm, aus dem der Erlöser hervor gehen sollte, stets erhalten und durch so viele Jahrtausende durch die verschiedensten Schicksale und Vorkommnisse, durch Verfolgungen, Befeindungen, Kriege, durch mehrmalige Gefangenschaft und Fortführung stets siegreich gerettet und geführt hat. Sodann die Weisheit, die in diesem Stammbaum uns einen unwiderlegbaren Beweis der wahren Menschheit des göttlichen Heilandes gibt und in der Wahl der Träger des Erbsegens manchmal in den Lauf der Natur eingreift und eine besondere Gnade, Huld und Bevorzugung walten läßt (Gen. 25, 25; 27, 27f; 38, 39).

Ferner offenbart sich im Stammbaum Jesu die Treue Gottes, indem er trotz der Unwürdigkeit und Glaubenslosigkeit und Verworfenheit mancher Vorfahren und des ganzen Volkes diesem sowie insbesondere der Familie David die oft wiederholte Verheißung gehalten hat (Ps. 131, 11; 3. Kön. 11, 12. 32; Ez. 7, 22; Agg. 2, 25). Endlich ist der Stammbaum ein rührender Beweis der Güte, Herablassung und Barmherzigkeit, da Gott sich selbst so innig mit unserem Geschlecht verbindet und mit ihm verwächst. „Siehe“, spricht Moses (Deut. 10, 14. 15), „Himmel und Erde sind des Herrn… und doch verbrüderte sich der Herr mit deinen Vätern und liebte sie.“ „Gleichwie anschließt der Gürtel an die Lenden des Mannes, so hatte ich fest angeschlossen an mich das Haus Juda und das Haus Israel, so daß sie sein sollten mir zu Volk und zum Namen und zum Lobe.“ (Jer. 13, 11). Deshalb nannte Gott das Volk Israel seinen Sohn, seinen Erstgeborenen (Ex. 4, 22). Sünder, ja selbst Heiden finden sich im Stammbaum des Herrn. Das hinderte aber seine Güte nicht, sich durch sie in unser Geschlecht einzuleben. –

Drittens ist der Stammbaum auch für den Heiland insofern von Bedeutung, als sich in demselben die ganze Herrlichkeit seiner Aufgabe und Bedeutung, der Glanz seiner Würden und Ämter, das König-, Priester- und Prophetenamt, das Amt als Erlöser und als Haupt des erwählten Volkes, ja, namentlich beim hl. Lukas, als Haupt der ganzen Menschheit entfaltet und widerspiegelt.

Das war die große Bedeutung des Volkes Israel für die ganze Welt. Israel sollte ihr den Heiland vermitteln, moralisch und physisch. Israel war durch sein Gesetz der Erzieher der Welt zu Christus (Gal. 3, 24). Das Ziel seines Gesetzes und seines Daseins (Röm. 10, 4), seine Hoffnung (Apg. 28, 20), sein Glaube, seine Geschichte, seine Größe und Herrlichkeit war Christus. Christus trug mehr dieses sein Volk, als Israel ihn trug. Leider wurde es später wegen seines Unglaubens ausgebrochen aus dem herrlichen Ölbaum, und wurden statt seiner die Heiden eingepflanzt.

(*) Die Verschiedenheit der Namen rührt erstens daher, daß Matthäus die Nachkommen Davids durch Salomon, Lukas durch Nathan aufführt; zweitens von der Pflichtehe, wenn der Bruder die Witwe des kinderlos verstorbenen Bruders ehelichen musste. So heißt der leibliche Vater des hl. Joseph Jakob, der gesetzliche Heli. (siehe den Beitrag: Buch der Abstammung Christi)

aus: Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes, Bd. 1, 1912, S. 46-52

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