Verfall der Religiosität bei den Juden

Verfall der Religiosität und Sittlichkeit bei den Juden

Die letzten Makkabäer

Johannes Hyrkanus war der letzte Fürst der Juden, der im Sinne des Gesetzes Gottes regierte, 135 bis 106 v. Chr., und darum am Schluss des ersten Buches der Makkabäer (1. Makk. 16, 23f) noch wegen seiner Heldentaten gerühmt wird. Mit seinem ältesten und Nachfolger Judas Aristobulus I., 106 v. Chr., begann ein tiefer Verfall des makkabäischen Hauses und infolge dessen auch des religiös-sittlichen Zustandes der Juden überhaupt. Aristobulus zeigte sich sogleich als ein Ungeheuer, indem er seine Mutter und seine Brüder mit Ausnahme des nach seiner Ansicht ihm dienlichen Antigonus in den Kerker werfen und die Mutter verhungern, bald nachher aber den Antigonus ermorden ließ. (1) Aus Ehrgeiz nahm er den Königstitel an. Er starb bald in Verzweiflung, und nun befreite seine Witwe die Brüder und ließ aus diesen den Alexander Jannäus, 105 bis 78, zum König ausrufen. Er erwies sich zwar als tapferer Kriegsmann, aber ebenso auch als grausamer Wüterich. Er ließ einen seiner zwei Brüder töten und bei einem Aufstand 6000 Juden niedermetzeln. 50000 fielen in dem Bürgerkrieg, der sich hieraus entsponnen; und als er aus diesem siegreich hervor ging, ließ er, während er bei einem Gelage mit seinen Weibern zusah, 800 Aufständische kreuzigen und deren Weiber und Kinder vor ihren Augen töten. Nachs einem Tod führte seine wohlmeinende, aber zu schwache Witwe Alexandra eine Zeitlang, 78 bis 69, die Regierung.

Das Zepter wird von Juda genommen

Kaum aber war sie gestorben, so erhob sich um den Thron ein schwerer Kampf zwischen ihren zwei Söhnen Hyrkan II. und Aristobul II. Um denselben zu beendigen, riefen die Brüder die Römer als Schiedsrichter an, die sich bereits in dem benachbarten Syrien festgesetzt hatten. Nichts konnte diesen willkommener sein. Als der römische Feldherr Pompejus Miene machte, dem älteren Hyrkan recht zu geben, griff Aristobul gegen ihn zu den Waffen. Der Ausgang war, daß Pompejus Jerusalem und den Tempel erstürmte, Aristobul und dessen zwei Söhne gefangen nahm und zu Rom im Triumph aufführte, 63 v. Chr. Hyrkan II. ward als zinsbarer Fürst eingesetzt und ganz von den Römern abhängig. Diese begannen das Land auszusaugen, und ihr Feldherr Crassus beraubte 54 v. Chr. sogar den Tempel seiner Schätze. Aristobul und sein Sohn Alexander, die aus Rom entrannen, benutzten wiederholt den Hass gegen die fremden Unterdrücker; aber das Ende war, daß der Vater vergiftet und der Sohn enthauptet wurde. Die Römer hatten bereits Hyrkan II. den Antipater, einen idumäischen Häuptling, der sich um ihren Feldherrn Cäsar in Ägypten bedeutende Verdienste erworben hatte, als „Prokurator“ oder Beirat zur Seite gesetzt; in Wirklichkeit aber war Antipater Regent, 46 v. Chr. Er wurde zwar von einem Nebenbuhler vergiftet, und der jüngere Sohn Aristobuls II., Antigonus, schwang sich mit Hilfe der Parther an Hyrkans Statt auf den Thron.

Aber der Sohn des Antipater, Herodes, wußte es in Rom durch Schmeicheleien dahin zu bringen, daß er zum König der Juden ernannt ward, im Herbst 38 v. Chr.; er eroberte sodann mit Hilfe der Römer Judäa, erstürmte Jerusalem nach sechsmonatiger Belagerung am Versöhnungsfest (21. Sept.) 35 v. Chr., ließ den Antigonus enthaupten und rottete, um seine Herrschaft zu sichern, innerhalb neun Jahren das ganze Geschlecht der Makkabäer aus; auch der greise Hyrkan II., der seit seinem Sturz als Privatmann in Jerusalem lebte, ja selbst Mariamme, die Enkelin Hyrkans, die Herodes früher aus Staatsklugheit zur Gemahlin genommen hatte und sehr liebte, wurde getötet. Schon gleich nach seinem siegreichen Einzug in Jerusalem hatte ihn der für ihn gewonnen Teil des Hohen Rates als König feierlich anerkannt. Sein blutiges Verfahren gegen die unglücklichen Reste der Königsfamilie, verbunden mit dem Schutz der allgewaltigen Römer, entfernte vollends jede Gefahr eines Nebenbuhlers. Damit war der letzte Rest und Schein von nationaler Selbständigkeit beseitigt, das Zepter tatsächlich von Juda genommen, das Königtum der Juden auf eine ausländische Familie übergegangen, zugleich aber auch die Zeit gekommen, daß der verheißene Erlöser gesandt werden sollte.

Verführung der Juden zu heidnischer Gottlosigkeit und Lasterhaftigkeit

Das heillose Regiment der letzten Makkabäer war ganz dazu angetan, das Verderbnis noch wesentlich zu steigern, das unter den Juden in den letzten Jahrhunderten durch die Herrschaft fremder, heidnischer Könige, insbesondere der Seleukiden, eingedrungen war, die es planmäßig darauf anlegten, die Juden zu aller heidnischen Gottlosigkeit und Lasterhaftigkeit zu verführen. Sie bekannten zwar noch den einen wahren Gott, aber vielfach nur mit den Lippen, während ihr Wandel zuletzt so schlecht wurde, daß selbst der jüdische Geschichtschreiber Josephus Jerusalem mit Sodoma verglich und Sodoma noch für besser hielt. (2)

Von Grund aus wurde die Ehrfurcht vor der Religion dadurch untergraben, daß das Amt des Hohenpriesters unter den Seleukiden ohne alle Rücksicht auf die göttliche Anordnung, die es an Aarons Geschlecht geknüpft, den Schlechten eine käufliche Sache geworden war und von diesen zur Ausbeutung des Volkes und andern selbstsüchtigen und gemeinen Zwecken missbraucht wurde. Daß von Simon an die Würde des Hohenpriesters unzertrennlich mit der des Fürsten vereinigt war, führte gleichfalls zu immer größerer Verweltlichung und Missachtung des hohenpriesterlichen Amtes. Unter den späteren römischen Landpflegern oder Statthaltern wurde die hohe Stelle ohnehin nur mit deren Günstlingen besetzt, so daß mit dem Wechsel der Statthalter eine beständige Ein- und Absetzung der Hohenpriester vor sich ging.

Ähnlich war das Synedrium oder der Hohe Rat bestellt, der unter dem Vorsitz des Hohenpriesters aus 71 Mitgliedern bestand und aus den Häuptern der Priesterklassen und den abgetretenen Hohenpriestern, aus dem Stand der Rechts- und Schriftgelehrten, sowie aus den Ältesten, d. i. Stammes- und Familienhäuptern, zusammen gesetzt war. Da die Aufnahme in diese Ratsversammlung mehr oder weniger von dem Hohenpriester und nach der Makkabäerzeit von dessen fremden Gönnern abhing, so spielten darin statt der lauteren Sache Gottes weltliche Interessen und Leidenschaften die Hauptrolle.

Anmerkungen:

(1) Da heidnische Schriftsteller ein günstiges Urteil über Aristobul fällen, ist der Verdacht, die schändlichen Grausamkeiten gegen Verwandte seien ihm von Gegnern angedichtet, einigermaßen begründet. Die Heilige Schrift hat darüber keine Nachrichten.
(2) Jüd. Krieg 5, 13, 6.

Die Parteien der Pharisäer, Sadduzäer und Essener

Die guten Keime, die sich noch unter dem Volk vorfanden, wurden ferner durch die Parteien der Pharisäer und der Sadduzäer in ihrer Entwicklung gehemmt, ja erstickt; denn beide übten, obgleich unter sich die größten Feinde, doch miteinander über das Volk eine unbedingte Herrschaft aus.

Die Pharisäer

Die Pharisäer (1), die erst unter den makkabäischen Fürsten als fest gestaltete Partei auftraten (2), waren wohl die geistigen Nachkommen jener Juden, die aus der babylonischen Gefangenschaft mit besonderem Eifer für das Gesetz und mit dem tiefen Ernst eines frommen, abgetöteten Lebens zurück gekehrt waren. Ihr anfänglich lobenswertes Festhalten and den Bestimmungen des Gesetzes und an den von den Vätern empfangenen Überlieferungen über dessen Auslegung artete jedoch nach und nach in leeren Buchstabendienst und in Einführung einer Unmasse von äußerlichen Gebräuchen aus und verwandelte den ursprünglichen sittlichen Ernst in Scheinheiligkeit, unter welcher Hochmut, Lieblosigkeit und viele andere Laster sich versteckten. Sie genossen wegen ihres anfangs wirklich sehr großen Verdienste und des guten Scheines, den sie auch in der Folgezeit beibehielten, beim Volk das größte Ansehen.

Von den Sadduzäern unterschieden sie sich in der Lehre hauptsächlich dadurch, daß sie die Unsterblichkeit der Seele, die Auferstehung der Leiber und das Dasein höherer geistiger Wesen, der Engel, festhielten. Aus ihnen gingen die Schriftgelehrten und die Lehrer des Gesetzes hervor. Auch die Gerichtshöfe des ganzen Landes wurden größtenteils mit Pharisäern besetzt; namentlich aber im Hohen Rat führten sie gewöhnlich die entscheidende Stimme.

Die Sadduzäer

Die Sadduzäer (3) waren in gewisser Hinsicht das gerade Gegenteil der Pharisäer, indem sie sich über den Buchstaben des Gesetzes und die Überlieferungen ganz hinweg setzten, die Geistigkeit und Unsterblichkeit der Seele leugneten und infolge dessen auch das ganze Ziel des menschlichen Daseins in irdischen Genuss setzten. Ihren Ursprung muss man wohl in jenen Juden suchen, die allzu sehr sich dem griechischen Einfluss hingaben, heidnischen Anschauungen und dem entsprechender Lebensweise huldigten. Obwohl an Zahl den Pharisäern weit nachstehend, hatten doch auch sie beim Volk einen großen Einfluss, weil insbesondere die Reichen und Vornehmen („Gebildeten“) zu ihnen hielten.

Die Essener

Außer diesen beiden Parteien bestand auch noch die der Essener oder Essäer (4). Sie führten ein religiös gemeinsames Leben, und zwar so, daß ein Teil vorzugsweise durch das tätige Leben, der andere vorzugsweise durch das beschauliche Leben einen höheren Grad von Tugend pflegen wollte. Sie wohnten in entlegenen Gegenden, namentlich an dem Westufer des Toten Meeres, in einer Art klösterlichen Zusammenlebens, hatten Gütergemeinschaft und waren mit Ausnahme einer Klasse ehelos. Sie sandten alljährlich Opfergaben zum Tempel, gingen aber der blutigen Opfer wegen nicht dahin, da sie Gott bloß geistig verehren wollten. Trotz mancher Abirrungen in Aberglauben und Schwärmerei blieben sie doch im ganzen achtenswert, ohne jedoch großen Einfluss auf das Volk, dem sie fern standen, zu üben. Ihr Ursprung wird teils in den sog. „Prophetenschulen“, d. h. den Gemeinschaften der Propheten-Jünger, teils in der Einwirkung fremder (heidnischer) Ideen gesucht.

Anmerkungen:

(1) D. i. (durch höhere Religionskenntnis und Frömmigkeit von der gemeinen Masse) Abgesonderten.
(2) Zum erstenmal, aber bereits als fest geschlossene Partei, werden sie erwähnt unter dem Hohenpriester Jonathas, 144 v. Chr.. Vgl. Josephus, Jüd. Altertümer 13, 5, 9. Caspari, Die Pharisäer bis an die Schwelle des NT, in BZSF V 7.
(3) Der Name hat jedenfalls nichts mit zadik oder zedek = gerecht, Gerechtigkeit zu tun; wohl aber scheint er mit dem Namen des unter David erwähnten Hohenpriesters Sadok zusammen zu hängen (griech. Sadduk) und die priesterliche Aristokratie zu bezeichnen, die in der griechischen Zeit bei Vereinigung des Hohenpriestertums mit der Fürstenwürde zu politischem Ansehen gelangte. Nach Hölscher (Der Sadduäismus, Leipzig 1907) kann von einer eigentlichen Geschichte des Sadduzäismus nicht die Rede sein. „Der objektive Tatbestand, der diesem Schimpfnamen zu Grunde liegt, ist die im Judentum der griechischen und römischen Zeit mehrfach zu Tage tretende Neigung, den Einflüssen der ausländischen Kultur nachzugeben und jüdische Sitte und Religion ihr zuliebe zu verleugnen. In römischer Zeit haben die Pharisäer diese Neigung zum ‚Hellenismus‘ mit dem Namen ‚Sadduzäismus‘ bezeichnet.“
(4) Die Ableitung des Namens ist ganz unsicher (vielleicht hängt er mit chasid oder chase = fromm zusammen); Philo stellt die Essener mit den Therapeuten zusammen, was wohl zu der Deutung „Heilkundige“ geführt hat, während die Bezeichnung therapeutai für gewisse jüdische Aszeten um die Zeit Christi ursprünglich soviel als Verehrer, Diener Gottes, bedeutet haben mag. Die erste Erwähnung der Essener geschieht um 166 v. Chr. Vgl. Josephus a.a.O.; Kath. 1893, II 97ff. Nach Klein (Verhandlungen des XIII. internationalen Orientalisten-Kongressses 1904, 255) und Dalman (Grammtik des Jüd.-Paläst.-Aramäisch., Leipzig 1905, 419) ist der Name Essäer von chascha oder chaschaj = verschwiegen, abzuleiten. Es gab nach der Mischna (Schaqalim V 6) im Heiligtum eine „Halle der Chaschajin“ = Schweigsamen, und Jospehus (Jüd. Krieg 2, 8, 5) sagt von den Essäern: „Weder Geschrei noch Unordnung entweiht das Haus, sondern sie lassen das Gespräch nach der Ordnung von dem einen zum andern gehen, und den draußen Stehenden erscheint das Schweigen derer, die drinnen sind, wie ein schauerliches Geheimnis.“ –
aus: Schuster/Holzammer, Handbuch der Biblischen Geschichte, Bd. I, Altes Testament, 1910, S. 1050 – S. 1053

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