A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T Ü V W Z

Synedrium

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Synedrium

Synedrium bezeichnet zunächst eine Sitzung einer Versammlung, die über öffentliche Angelegenheiten berät, ist daher seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. Auch Name für bestimmte politische Körperschaften und ihre Versammlungen in der späteren Gräzität namentlich Gerichtshof bzw. Gerichtssitzung. In dieser Bedeutung wurde es übernommen vom Neuen Testament und von Josephus wie als Lehnwort von der rabbinischen Literatur sowohl zur Bezeichnung der der aus 23 Mitgliedern bestehenden Lokalgerichte (vgl. auch Mt. 10,17; Mk. 13,9) und verwaltende Körperschaften der jüdischen Gemeinden in aller Welt als auch des Hohen oder Großen Rates in Jerusalem.
Die Mischna führt das Synhedrin auf Moses zurück (Nm. 11,16); doch fallen seine wirklichen Anfänge erst in die Zeit der Neuorganisation unter Esdras und Nehemias nach dem Exil, als neben dem persischen Statthalter für den Rest der Selbstverwaltung, der den Juden blieb, „Älteste“ eingesetzt wurden (Esr. 5,5 u.9; 6,7 u. 14; 10,8), die (vgl. Neh. 5,17; 11,1) beständig in Jerusalem wohnten. Daraus hat sich der aristokratische Senat entwickelt, erstmals in einem Erlaß Antiochus`III. (bei Josephus, Antiqu. XII 3,3) erwähnt und für die Zeit der Makkabäer-Fürsten Judas (1. Makk. 7,33; 2. Makk. 1,10; 4,44; 11,27), Jonathan (1. Makk. 12,6) und Simon (1.Makk. 13,36; 14,20 u. 28) bezeugt. Unter den Hasmonäern gewann der sadduzäische Priesteradel darin maßgebenden Einfluß und wahrte ihn auch gegenüber der seit Alexander Jannäus und Salome Alexandra beständig wachsenden Macht der pharisäischen Schriftgelehrten. Eine beträchtliche, durch Cäsar 47 vor Christus wieder beseitigte Macht-Beschränkung erfuhr das Synedrium infolge der Teilung des jüdischen Staates durch Gabinius (57-55; Josephus, Antiqu. XIV 5,4). Unter der autokratischen Herrschaft Herodes` des Großen, der sich aber 47/46 noch vor ihm verantworten mußte (ebd. XIV 3-5), trat das Synedrium ganz zurück. Seitdem Judäa 6 nach Christus eine prokuratorische römische Provinz geworden, bildete es dessen höchste einheimische Behörde für die religiösen Angelegenheiten wie für die Verwaltung und Rechtsprechung mit eigener Polizeigewalt (vgl. Mk. 14,43; Apg. 4,3 u. 17f), soweit diese nicht den niederen Lokalgerichten unterstand oder die Römer sie sich selbst vorbehielten. Auch das Recht, Vergehen abzuurteilen, auf denen nach jüdischen Recht Todesstrafe lag, stand ihm zu. Doch bedurften Todesurteile der Bestätigung des römischen Prokurators (Joh. 18,31; Mk. 15,1; Josephus, Bell. Jud. II 8,1). Bei der ohne diese erfolgten Steinigung des hl. Stephanus liegt entweder wie bei der des Herrenbruders Jakobus (Josephus, Antiqu. XX 9,1) Kompetenzüberschreitung oder tumultuarische Volksjustiz vor. Räumlich hat sich der Machtbereich des Synedriums, seitdem Judäa römische Provinz war, nicht über dieses Gebiet hinaus erstreckt. Doch wurden seine Anordnungen auch von den auswärtigenGemeinden als verbindlich anerkannt (vgl. Apg. 9,2; 22,5; 26,12). Die Kompetenz zur Aburteilung Jesu ergab sich aus Jesu Aufenthalt in Jerusalem zu jenem Zeitpunkt. Nach dem Neuen Testament, der für die römische Zeit ergiebigsten Quelle, zerfielen die Mitglieder des Synedriums in 3 Klassen (vgl. z.B: Mk. 8,31; 11.27; Mt. 27,41): a) die regelmäßig an 1. Stelle (Mk. 14,55; Apg. 22,30 u.ö.), manchmal (Mk. 14,10; 15,3 u. 10 u.ö.) allein genannten und den maßgebenden Einfluß besitzenden „Hohenpriester“ (Apg. 4,5 u. 8; Josephus, Bell. Jud. II 17,1), worunter weder die abgesetzten Hohenpriester und ihre Verwandten, noch die Vorsteher der 24 Priesterklassen, sondern die Oberpriester des Tempels in Jerusalem zu verstehen sind; b) die fast ausschließlich der pharisäischen Partei angehörigen Schriftgelehrten als die eigentlichen Gesetzeskundigen; c) die Ältesten, die weder Priester noch Schriftgelehrte waren, wohl Angehörige angesehener Adeslfamilien, politisch den Sadduzäern nahestehend. Die Aufnahme in das Synedrium erfolgte vermutlich durch Kooptation (vgl. Mischna, Sanh. IV 4); die Mitgliedschaft war bei dem aristokratischen Charakter des Synedriums wahrscheinlich lebenslänglich. Nach der in diesem Punkt wohl glaubwürdigen Mischna (Sanh. 1 6; Schebuoth II 2) bestand das Synedrium nach dem Vorbild des von Moses eingesetzten Ältestenrates (Nm. 11,16) aus 70 Mitgliedern und dem jeweiligen Hohenpriester, der den Vorsitz führte und das Synedrium berief.
Daß sich das Synedrium beim Prozeß Jesu im Palast des Hohenpriesters versammelte (Mk. 14,53ff), war eine Ausnahme zufolge der ungewöhnlichen Situation. Jesus (Mk. 14,63f) und Stephanus (Apg. 6,13ff) wurden vom Synedrium als Gotteslästerer, Petrus und Johannes als Volksverführer (Apg. 5,17-40), Paulus (Apg. 23) und Jakobus (Josephus, Antiqu. XX 9,1) wegen Gesetzesübertretung abgeurteilt. Der Streit, ob der Prozeß Jesu vor dem Synedrium legal war, wird dadurch hinfällig, daß nachweisbar wenigstens ein Teil der Angaben der Mischna (Sanhedrin und Makkoth) ungeschichtlich und nach dem Bild des späteren Synedriums der Schriftgelehrten geschaffen ist. –
Im jüdischen Krieg wurde das Synedriums bald von den Zeloten beiseite gedrängt (Josephus, Bell. Jud. IV 3,1ff). Mit dem Fall Jerusalems (70 n. Chr.) hörte es zu bestehen auf (Mischna, Sota IX 11), damit auch der Sadduäismus. Wohl bildete sich unter Leitung des Jochanan ben Zakkai in Jamnia ein neues „Großes Synedrium“, ausschließlich aus Gesetzeslehrern. Aber es besaß keine politische Vollmachten mehr, sondern nur eine moralische Autorität, die bei den religiös Gesinnten allerdings sehr hoch war. Das pharisäische Schriftgelehrtentum übernahm damit endgültig die religiöse Führung des Judentums. Dieses Synedrium wechselte mehrmals den Sitz; zulatzt war es in Sepphoris und (seit ca. 225) in Tiberias. Erst in der späteren Kaiserzeit erhielten seine Patriarchen umfassende Vollmachten. 415 wurde der letzte, Gamaliel (VI?), durch Kaiser Theodosius II abgesetzt, womit die geistige Führung Israels vollständig an die babylonischen Juden überging.

aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. IX, 1937, S. 940-943

Tags: Judentum
Buch mit Kruzifix
Rabbi
Buch mit Kruzifix
Gamaliel

Weitere Lexikon-Einträge

Buch mit Kruzifix

Regalienrecht

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Regalienrecht Regalienrecht bezeichnet dem Wortlaut nach das Recht auf die Regalien, d. h. auf gewisse, dem König (bzw. Staatsoberhaupt) zustehende oder vorbehaltene Rechte. Der Begriff der Regalien ist indes auch bei den modernen Staatsrechts-Lehrern…
Buch mit Kruzifix

Cossa

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Cossa Johann XXIII. 17.5.1410 bis 929.5.1415 Gegenpapst gegen Benedikt XIII. und Gregor XII.; Balthasar Cossa aus Neapel, kam nach bewegtem Vorleben (Soldat und Seemann) unter Bonifaz IX. an die Kurie, steig hier, ehrgeizig und…
Buch mit Kruzifix

Akazius

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Akazius Akazius (Agathius, Achatius), hl., Märtyrer der diokletianischen Verfolgung in Konstantinopel. Nach der Märtyrerlegende, die in lateinisch (ActaSS MAII II (1738) 293/98), griech. (ebd. 762/66; Migne PG 115,217/40) und syr. (Bedjan VI 68/82) Bearbeitung…
Buch mit Kruzifix

Spiritualen

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Spiritualen Spiritualen hießen jene Franziskaner, die im 1. Jahrhundert des Ordens das Beispiel des hl. Stifters und seiner Gefährten befolgten, besonders die Armut in der ersten Strenge hielten, ohne mit der Entwicklung des Ordens…
Buch mit Kruzifix

Kainiten

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Kainiten Kainiten, 1) Nachkommen Kains. – 2) Gnostische Sekte. Zweig der Ophiten, für die 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts bezeugt von Irenäus, auch von Epiphanius erwähnt. In Konsequenz ihrer gnostischen Ansicht vom bösen Gott…

Weitere Lexikon-Beiträge

Buch mit Kruzifix

Halacha

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Halacha Halacha, Plural Halachoth („Gang“, übertragen = was gang und gäbe ist, brauch, Norm), bezeichnet in der jüdischen Schulsprache das im Leben zur Geltung gekommene Gewohnheitsrecht, die normierte Satzung, die religionsgesetzliche Vorschrift, die festzustellen Aufgabe und Befugnis der anerkannten Gesetzeslehrer war. Die Halachoth wurden in den Schulen anfangs nur…
Buch mit Kruzifix

Sabbatweg

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Sabbatweg Sabbatweg. Der Befehl Ex. 16,29, der für den Aufenthalt Israels in der Wüste galt, wurde später als Verbot auch für die Folgezeit aufgefaßt, und man setzte die Strecke, über die man am Sabbat nicht hinaus gehen darf, auf 2000 Ellen fest, wobei man sich auf Nm. 35,5 stützte.…
Buch mit Kruzifix

Israel

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Israel Israeliten, das vom Patriarchen Jakob mit dem Beinamen Israel abstammende semitischen Volk, welches etwa seit 1230 v. Chr. Palästina bewohnte. Die Selbstbezeichnung bildet offenbar gegenüber dem Namen Hebräer, der nur im Mund von Ausländern oder zur Unterscheidung von diesen gebraucht wird, den Ehrentitel als Nachkommen des großen gemeinsamen…
Buch mit Kruzifix

Sara

Altes Testament
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Sara Sara, im Alten Testament 1. die Gemahlin des Patriarchen Abraham, war zugleich dessen Halbschwester, vom nämlichen Vater und einer andern Mutter geboren (Gen. 20,12). Die Annahme der Juden, sie sei identisch mit Jescha, der Tochter Arans (Gen. 11,29), wird zwar von manchen christlichen Exegeten geteilt, ist aber mit…
Buch mit Kruzifix

Proselyten

Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Proselyten Proselyten (= die Hinzugekommenen, in der Vulgata proselyti, advenae). Im Alten Testament sind Gerim die Nicht-Israeliten, die sich für längere Zeit unter den Israeliten niedergelassen hatten, also vor allem die Landeseingeborenen; sie genossen den Schutz des Gastrechts, und das Gesetz nahm sich ihrer an (Ex. 20,10; 22,20; 23,9). Ließen…
Buch mit Kruzifix

Nisan

Altes Testament
Lexikon für Theologie und Kirche Stichwort: Nisan Nisan, jüdischer Monat. Monat im Sinne des israelitischen Mondmonats (=29-30 Tage) ist die Zeit von einem Neumond zum anderen, aber nicht astronomisch, sondern vom 1. Wieder-Sichtbarwerden der Mondsichel verstanden. Daher bezeichnet das Wort für Neumond sowohl den 1. Monatstag wie den Monat überhaupt und hat die altsemitische Benennung…